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Anziehung, Verlieben,Liebe -und was ist eigentlich Romantik?

 
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Fichte
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Sexualität: Asexuell
Anmeldungsdatum: 27.06.2012
Beiträge: 505
BeitragVerfasst am: Do Okt 24, 2019 18:15    Titel: Anziehung, Verlieben,Liebe -und was ist eigentlich Romantik? Antworten mit Zitat

Da es hier im Forum in letzter Zeit öfters um Aromantik ging, und mir dabei mal wieder bewusst geworden ist, dass mir einiges noch immer nicht klar ist, hab ich mir gedacht, ich kann ja mal versuchen, meine bisherigen Erkenntnisse (bzw. Vermutungen) und verbleibende Fragen aufzuschreiben. Es soll dabei aber nicht speziell um mich gehen, sondern um einen allgemeinen Versuch, zu klären, was es eigentlich mit Romantik bzw. Aromantik auf sich hat. Die Beispiele aus meinem eigenen Leben dienen ausschließlich als Einstieg in die Thematik "Anziehung, Verlieben, Liebe" und ich hoffe auf Beteiligung von romantischen, aromantischen und unentschlossenen Menschen (gerne auch mit eigenen Beispielen zur Veranschaulichung, damit die Diskussion nicht zu philosophisch wird, sondern lebensnah bleibt).

Anfangen will ich mit "Anziehung", weil es meiner Meinung (oder Vermutung?) nach nur zwei Gründe gibt, zwischenmenschliche Beziehungen einzugehen: Notwendigkeit oder Anziehung.
Als Beispiel zur Erläuterung nehme ich mal mich als Kleinkind im Kindergarten: Als ich in die Gruppe kam, fand ich niemanden besonders interessant, aber da manche Spiele nur zu mehreren funktionieren und ich obendrein ständig von den lästigen Erzieherinnen genötigt wurde, mich mit den anderen Kindern abzugeben, wählte ich aus den vorhandenen Kindern halt diejenigen, die ich zumindest nicht zu unsympathisch fand - also gewissermaßen das jeweils kleinste Übel und Beispiel für Anbahnung zwischenmenschlicher Beziehungen aus Notwendigkeit. Später kam dann aber mal eine Praktikantin in die Gruppe, die ich irgendwie besonders sympathisch fand. Da hatte ich dann einen inneren Antrieb, zu versuchen, speziell mit ihr in Kontakt zu kommen; und das war die einzige Zeit, die ich freiwillig in den Kindergarten ging - meiner Meinung nach ein Beispiel für Anziehung. Und derartige "Anziehung" hab ich danach immer wieder mal mit den verschiedensten Menschen erlebt.
Aber mir ist auch heute noch nicht klar, welche "Art" der Anziehung ich eigentlich empfinde.
Das einzige, was ich seit einigen Jahren weiß, ist, dass es keine sexuelle Anziehung ist (wenn man sexuelle Anziehung z. B. definiert als "diese Person löst sexuelle Erregung in mir aus" oder definiert als "innerer Drang, mit dieser Person Sex zu haben" oder ähnliche Definitionen) und auch keine Verliebtheit (dazu im nächsten Abschnitt mehr).
In meiner Jugend war ich in dieser Hinsicht (also "sexuell") aber noch verwirrt, weil um mich herum scheinbar alle plötzlich sexuelle Anziehung empfanden und ich mich fragte, ob die Anziehung, die ich empfand, eine Vorstufe sexueller Anziehung sein könnte und ich in meiner Entwicklung vielleicht einfach ein Spätzünder, oder aber ob ich einfach noch keinen "passenden" Menschen getroffen hatte. Hab dann etwa 10 Jahre gebraucht, bis mir endlich klar wurde, dass ich asexuell bin.

Noch länger verwirrt war ich beim Thema "Verliebtheit". Los ging meine Verwirrung damals im Kindergarten, da ich damals bereits von dem Konzept der Verliebtheit gehört hatte und mich dementsprechend im Hinblick auf die Praktikantin, die ich so interessant fand, fragte, ob das Verliebtheit sein könnte. Vergleichsmöglichkeiten hatte ich damals aber nicht. Die kamen erst in meiner Jugend und ließen mich vermuten, dass meine Gefühle keine Verliebtheit waren. Besonders irritiert war ich immer von Formulierungen wie "Liebe auf den ersten Blick", da ich nicht kapierte, wie man für jemanden, den man noch gar nicht tiefer kennt, ein so tiefes Gefühl wie Liebe haben kann. Meine eigenen Gefühle waren einfach ein erstes Interesse bzw. eine Neugier, den Menschen, von dem ich mich angezogen fühlte (manchmal Anziehung auf den ersten Blick und manchmal aber auch erst Anziehung nach Jahren des notwendigen Kontakts (einmal z. B. bei einer Lehrerin, die mich schon fast zwei Jahre unterrichtet hatte)), näher kennenzulernen, um herauszufinden, ob ich mich längerfristig mit ihm verstehen könnte. Aber dieses Interesse fühlte sich nie wie ein Drang an und dementsprechend machte es mir nie etwas aus, wenn sich kein privates Kennenlernen ergab. Obendrein hatte ich selbst dann, wenn sich ein tieferes Kennenlernen ergab, nie den Drang eine bestimmte Beziehungsform anzustreben. Im Englischen z. B. wird ja zwischen crush und squish unterschieden - crush definiert im Sinne von "hätte gerne eine romantische Beziehung mit dieser Person" und squish definiert im Sinne von "hätte gerne eine aromantische Beziehung oder Freundschaft mit dieser Person", aber ich kenne einen derartigen Wunsch gar nicht. Ich kann allenfalls sagen, ob ich noch ein weiteres Treffen mit der Person möchte oder nicht (wenn ich feststelle, dass ich mit der Person nicht klarkomme).
Aber wie im Hinblick auf Sex zweifelte ich auch im Hinblick auf Verliebtheit noch jahrelang, ob vielleicht Spätzünder oder "noch keinen passenden getroffen".
Erst vor wenigen Jahren und erst nach Erkenntnis meiner Asexualität kam ich im Austausch mit Asexuellen, die sich leider in mich verliebt hatten, zu der Erkenntnis, dass ich mich nicht verliebe und dass es mir obendrein auf die Nerven geht, wenn jemand, der in mich verliebt ist, nicht erkennt, dass er "fantasiert" (Stichwort "rosarote Brille"). Dagegen mit Verliebten, denen bewusst ist, dass ihre Gefühle überwiegend auf "Einbildung" basieren, kann ich auskommen, wenn man sich ansonsten gut versteht und wenn sie meine Grenzen respektieren.
Wenn man "aromantisch" definieren würde als "verliebe mich nicht" könnte ich mich also klar als aromantisch bezeichnen.

Aber bei der Definition von aromantisch als "will keine romantische Beziehung" bin ich überfragt, weil ich keine Ahnung hab, was eine "romantische Beziehung" eigentlich sein soll.
Was ich klar sagen kann, ist, dass ich kein Balzverhalten bzw. kein Umwerben mag. Entweder ich mag jemanden aufgrund seines Wesens oder ich mag jemanden nicht. Umwerbungsversuche ändern überhaupt nichts an meinen Gefühlen bzw. können evtl. sogar zu Abneigung führen, da ich Umwerbungsversuche als eine Form des Einschleimens sehe, und derartige Schmeicheleien überhaupt nicht ausstehen kann. Keine Ahnung, warum manche Menschen so sehr auf Gebalze anspringen und es auch selbst betreiben. (Soll aber keine Kritik sein. Wenn die Beteiligten Spaß daran haben, ist es ja in Ordnung. (Gilt übrigens für alles, was ich in diesem Beitrag geäußert habe: Ist nicht als Kritik und nicht als Angriff gemeint.))
Aber z. B. Heiraten im Sinne von Verantwortung für jemanden zu übernehmen und mein Leben mit jemandem zu teilen und das bis zum Lebensende (ohne Mord und ohne Totschlag versteht sich!) finde ich eine sehr schöne Vorstellung. Hab also weder Bindungsangst noch Bindungsunwillen.
Kinderwunsch ist bei mir übrigens keiner vorhanden. Also wenn man eine romantische Beziehung nur als Fortpflanzung definieren würde, würde ich klar sagen können, dass ich niemals eine romantische Beziehung will.

Liebe im Hinblick auf bestimmte Personen kann ich jedenfalls empfinden. Fühlt sich für mich aber gleich an, egal ob ein bestimmtes Haustier, oder ein Mensch aus der näheren Verwandtschaft, oder ein ehemals fremder Mensch. Unterscheiden kann ich nur die Menge der Liebe. Je mehr ich jemanden liebe, desto wichtiger ist er mir und desto mehr liegt mir sein Wohl am Herzen. Die Entstehung dieser Liebe kann ich aber leider nicht klar in Worte fassen. Was ich sagen kann, ist, dass Liebe zumindest bei mir am Anfang, wenn ich jemanden neu kennenlerne, noch nicht vorhanden ist (allenfalls vielleicht sowas wie Nächstenliebe, aber sowas meine ich nicht). Erst durch Interaktionen kann es passieren, dass nach und nach Liebe entsteht und wächst. Aber nicht einfach irgendwelche Interaktionen, sondern nur manche. Das sind dann Momente, in denen man sich mit dem anderen emotional besonders verbunden fühlt.

So, ich glaub, jetzt hab ich die Thematik halbwegs umrissen. Aber Durchblick hab ich noch nicht wirklich. Also mal sehen, was euch dazu einfällt. Und dran denken: Trotz unzähliger Ich-Sätze und Ich-Beispiele geht es hier nicht um mich, sondern ich hoffe auf eine möglichst breite Auseinandersetzung mit dem Thema, vor allem auch für diejenigen, die vielleicht sogar noch unentschlossener oder noch verwirrter sind als ich.

PS: Die zwei fehlenden Leerzeichen im Titel sind gezwungenermaßen Absicht, weil der Titel andernfalls leider die Zeichenbegrenzung gesprengt hätte.
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