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DasTenna




Alter: 37
Sexualität: Asexuell
Anmeldungsdatum: 24.10.2016
Beiträge: 1012
Wohnort: Saarland
BeitragVerfasst am: Do Aug 09, 2018 14:58    Titel: Antworten mit Zitat

Windsurfhippie hat folgendes geschrieben:
Und man muss nicht alles ausprobiert haben, um für sich legitim die Entscheidung zu treffen, nee, das ist nichts für mich.
Frag Papa mal, woher er denn weiß, dass Knutschen mit einer Kuh nicht sein Ding wäre, oder vielleicht regelmäßig lebende Heuschrecken zu essen, wie ein Storch. Wenn man das alles erst versucht haben muss, um es ganz sicher zu wissen, kommen da ja noch eine Menge Dinge dazu. Zum Beispiel Kokain, sauer gewordene Milch, ranzige Butter und XTC, vom Hochhausdach springen und sich Wattwürmer in die Nase rein stecken, um zu sehen, ob sie von allein da drin hängen bleiben. Ich bin mal gespannt, womit er dann beim Ausprobieren anfinge. Smile
Ich wage zu behaupten, dass - so logisch uns diese Argumentation auch erschiene - ein Teil der Leute darauf lediglich mit "Das ist was ganz Anderes! Das kannst du nicht vergleichen!" reagieren würden.
Was auch bedacht werden muss, ist der Umstand, dass Leute, die sich in der Mehrheit wähnen oder als der Norm entsprechend wahrnehmen, selten in die Verlegenheit kommen, die Legitimität ihrer Empfindungen in Frage zu stellen. Daher sehen sie sich auch nicht verpflichtet, dies auf einmal im Dialog mit einer Person zu tun, die offensichtlich in dem, was sie beschreibt, von dem abweicht, was sie als normal betrachten.
Ironie Denn schließlich sind sie doch "normal", warum also hinterfragen? Das Gegenüber hat doch offenbar einen an der Klatsche, darauf muss es doch hingewiesen werden! Ironie

Mobbing-Erfahrungen werden ja hin und wieder tatsächlich gerne ins Feld geführt von Leuten, die damit wohl vor sich selbst zu "begründen" versuchen, warum es Leute gibt, die ihrer Ansicht nach einen "Drang haben, anders sein zu wollen als andere, sich abzugrenzen, nicht der Norm zu entsprechen". Rolling Eyes Manchen scheinen die Mechanismen von Mobbing und Ausgrenzung nicht wirklich klar zu sein. Dass Leute, die der innerhalb der Gruppe geltenden Norm entsprechen, in der Regel nicht ausgegrenzt werden. Da wird das Pferd meiner Ansicht nach von hinten aufgezäumt.

Windsurfhippie hat folgendes geschrieben:
Verdrängen und so tun, als mache einem das so gar nix aus, ist ja nun kein empfehlenswerter Weg, auch wenn es zu Vater's Zeiten kein Verständnis dafür gegeben hat.
Nee, da wird nur verwundert der Kopf geschüttelt, wenn wieder jemand sich und/oder anderen das Leben genommen hat oder an Drogenkonsum zugrunde ging, weil Verdrängung und getaktetes Funktionieren eben auf Dauer NICHT gesundheitsförderlich sind.
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I am normal. It´s the rest of the world that´s weird. - Ich bin normal. Der Rest der Welt ist schräg drauf. (Impulse - Bartholomew Allen II)
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Rea




Alter: 48
Sexualität: Asexuell
Anmeldungsdatum: 21.08.2015
Beiträge: 921
BeitragVerfasst am: Sa Aug 11, 2018 23:12    Titel: Antworten mit Zitat

@DevilMayCares Beiträge zu den Outingsversuchen gegenüber ihrem Vater haben mich zum Nachdenken darüber gebracht, was mein Vater mir wohl sagen würde, wenn ich mich ihm gegenüber outen würde.
Diese Art der Nachdenkerei ist nicht sonderlich erquicklich und damit ich sie losbekomme lade ich sie hier im Forum ab.

Mein Vater ist mittlerweile 82 Jahre alt und ich habe seit etlichen Jahren keinen Kontakt mehr zu ihm. Er gehört zu einer Generation Männer, für die es selbstverständlich war, dass regelmäßiger Sex ein wichtiger Bestandteil einer Ehe ist und ein Ehepartner ein "Recht" darauf hat, dies einzufordern (also echt jetzt, ist ernst gemeint, "Recht" im Sinne von "steht mir rechtlich zu"/ "könnte ich sogar einklagen").

Mein Vater war Lehrer an einem Gymnasium, auf das ich leider selbst auch gegangen bin. Die Lehrer dieser Generation, zu dieser Zeit und das noch in einer Kleinstadt waren Respektspersonen und hatten durchaus Macht (tja, so ändern sich die Zeiten...).
Als Jugendliche hatte ich mal eine rebellische Phase, zog mich unmöglich an (Minirock, bauchfreie Batiktops...) und hab mit einem kriminellen Typen des Orts geflirtet. Mein Vater sagte daraufhin zu meiner Mutter: "Da lernt sie wenigstens richtig vögeln." Nun ja - gelernt hab ich's nicht - weder von dem kriminellen Kerl, noch von einem andern, hatte einfach nie das Interesse es zu lernen.

Tja - und wenn jetzt die alte Rea vor ihrem alten Herrn stünde und ihm, dem weisen Lehrer erzählen würde, was sie in ihrem Leben alles nicht gelernt hat und mit dem Vögeln so gar nichts anfangen könnte - dann?
Ich befürchte, mir käme eine ungute Mischung aus einem ganz schwer zu ertragenden Mitleid ("das arme Kind, nicht mal fähig dieses höchste aller Gefühle zu erleben"), einem Überlegenheitsgefühl von ihm (doch doch, er ist ganz gern überlegen. War er zumindest immer, würd mich wundern, wenn sich das im Alter geändert hätte) und einer Diagnosestellung "wusste ich doch, dass das Kind psychisch behindert ist.".

Jau - natürlich kann ich mir nicht anmaßen zu wissen, wie mein Vater reagieren würde. Ich werde aber auch nicht überprüfen, ob meine Befürchtungen stimmen. Mein Vater wird es wohl nicht erfahren und das ist völlig in Ordnung so.
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Dirk Walter
ADMod Team



Alter: 47
Sexualität: Asexuell
Anmeldungsdatum: 30.05.2005
Beiträge: 1994
BeitragVerfasst am: So Aug 12, 2018 7:29    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo liebe Andrea,

als alter Computer-Nerd, der ich nun mal bin, will ich darauf mit einem Zitat des großen Apple-Visionärs antworten:
Steve Jobs hat folgendes geschrieben:
Ihre Zeit ist begrenzt, also verschwenden Sie sie nicht damit, das Leben eines anderen zu leben. Lassen Sie sich nicht von Dogmen in die Falle locken. Lassen Sie nicht zu, dass die Meinungen anderer Ihre innere Stimme ersticken. Am wichtigsten ist es, dass Sie den Mut haben, Ihrem Herzen und Ihrer Intuition zu folgen. Alles andere ist nebensächlich.

Ganz ehrlich Andrea: Dein Vater hat sich seine Meinung gebildet und wird sie wohl auch nicht mehr ändern. Seine Meinung ist ihm offensichtlich wichtiger gewesen als die Gefühle seiner Frau und die seiner Tochter und du könntest an Argumenten anführen was du willst: es würde nichts ändern. Dein Vater liebt sich selbst mehr als die Wahrheit!

Weißt du Andrea, wer anderen Menschen gegenüber immer nur groß und stark erscheinen will und Respekt einfordert, der ist meistens ein Mensch der sich innerlich ganz winzig klein vorkommt. Irgendwo habe ich mal das Zitat gelesen: "Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann". Um es mal anders zu formulieren: Wer A gesagt hat, der muss nicht unbedingt auch B sagen. Manchmal erkennt man auch, dass A falsch war … und wer dann dennoch mit B weitermacht kann im Grunde nur als verbohrter Idiot bezeichnet werden.

Die Sache mit dem "richtig vögeln" ist ja auch schon wieder so eine Idiotie: Wirkliche Sexualität hat nichts mit richtig oder falsch zu tun und ist auch kein Wettkampf oder eine Frage der richtigen Technik - sondern hat etwas mit wirklichem Gefühl zu tun, mit Liebe, dem "Sehen" und Erkennen des anderen, mit Zärtlichkeit und wirklichem Austausch und "sich öffnen".

Liebe Andrea, es ist völlig egal was dein Vater sagen würde, weil du sehr viel gefühlsvoller bist als dein Vater, sehr viel klüger und sehr viel menschlicher und lebendiger. Lebe einfach dein eigenes Leben - genau so wie du es möchtest. Es ist nämlich DEIN Leben.

LG
Dirk
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Rea




Alter: 48
Sexualität: Asexuell
Anmeldungsdatum: 21.08.2015
Beiträge: 921
BeitragVerfasst am: So Aug 12, 2018 11:52    Titel: Antworten mit Zitat

Dirk Walter hat folgendes geschrieben:
(...),es ist völlig egal was dein Vater sagen würde, weil du sehr viel gefühlsvoller bist als dein Vater, sehr viel klüger und sehr viel menschlicher und lebendiger.

Ich glaube nicht, dass ich gefühlvoller, klüger, menschlicher oder lebendiger bin als mein Vater.
Was die Menschlichkeit angeht, ist er genau so menschlich wie ich - er ist wie er ist und auch seine Eigenschaften und Eigenheiten sind menschlich.
Gefühle hat er auch etliche, sicherlich andere als ich, aber er ist voll mit seinen eigenen Gefühlen und ich bin nicht voller.
Selbst wenn ich meinen blöd-Fetisch unterdrücke komme, ich zu der Erkenntnis, dass mein Vater nicht weniger klug ist als ich - abgesehen von seinem höheren Bildungsabschluss, einer höheren berufl. Qualifizierung, seinem politischen Engagement hat er mir auch an Lebenserfahrung einiges voraus - er saß zu Zeiten des kalten Krieges als politischer Häftling in der DDR im Gefängnis, hat also ein Trauma überlebt, er hat eine Familie gegründet, ein Haus gebaut - nein, ich fühle mich in keiner Weise klüger als mein Vater.
Lebendiger fühle ich mich auf keinen Fall - mein Vater hat sein Leben bisher sehr intensiv gelebt. Er hat ein gutes Verhältnis zu seinem Körper, fühlt sich wohl in ihm. Er ist sportlich, aktiv, hat etliche Interessen. Er hat meist in partnerschaftlichen Beziehungen gelebt, ist von seinen Partnerinnen geliebt worden (was ich noch nie erlebt habe). Auch meine Mutter hat ihn einige Jahre von Herzen geliebt - zwar ist die Liebe im Laufe der Ehe gestorben, aber vor ihrem Ende war sie da. Mein Vater ist als Partner geliebt worden. Er kann also auf ein reiches Leben zurückblicken.

So - das reicht jetzt aber was das Thema Vater anbelangt.
Er lebt sein Leben - ich lebe mein Leben - und wahrscheinlich werden wir uns in unseren Leben nicht mehr begegnen - und das ist in Ordnung so.
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DasTenna




Alter: 37
Sexualität: Asexuell
Anmeldungsdatum: 24.10.2016
Beiträge: 1012
Wohnort: Saarland
BeitragVerfasst am: So Aug 12, 2018 12:16    Titel: Antworten mit Zitat

Dein Vater ist also sooo viel klüger, erfahrener, geliebter, was weiß ich, als du - deiner Ansicht nach.
Sind das Anforderungen, die du an dich selbst stellst? Und wenn du sie nicht erfüllen kannst, bist du folglich nichts/weniger wert und hast kein Recht glücklich und zufrieden zu sein?

Rea72 hat folgendes geschrieben:
Mein Vater ist als Partner geliebt worden.
Wurde er auch als Mensch geliebt? Für eine Rolle geliebt zu werden, klingt nicht erfüllend und erstrebenswert.
Rea72 hat folgendes geschrieben:
Er kann also auf ein reiches Leben zurückblicken.
Ein Privatleben, wie es gesellschaftlich erwartet wurde.
Vieles von dem, was er sonst erlebte, war dem Umständen und der Zeit geschuldet, in der er lebte.

Es ist vollkommen in Ordnung, Leistungen anderer Menschen hervorzuheben. Aber wenn zwischen den Zeilen der Vergleich deines eigenen Lebens mit dem seinen bei gleichzeitiger Be- und Abwertung deines Lebens herauszulesen ist, finde ich das schon besorgniserregend.
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Dirk Walter
ADMod Team



Alter: 47
Sexualität: Asexuell
Anmeldungsdatum: 30.05.2005
Beiträge: 1994
BeitragVerfasst am: So Aug 12, 2018 12:45    Titel: Antworten mit Zitat

Rea72 hat folgendes geschrieben:
Er lebt sein Leben - ich lebe mein Leben - und wahrscheinlich werden wir uns in unseren Leben nicht mehr begegnen - und das ist in Ordnung so.
Ja, wenn es so wäre, wäre es in Ordnung – aber irgendwie ist ein Teil deines Vaters als „höchste moralische Instanz“ immer bei dir. Auch ohne physische Präsenz bleibt dein Vater die Messlatte für dein Leben – und genau hier läuft was schief. Die Messlatte für dein Leben solltest alleine DU sein. Was willst DU erreichen? Was ist DIR wichtig?

Ein hoher Bildungsabschluss mag toll sein, ebenso wie berufliche und private Erfolge … aber bei all dem Wissen deines Vaters kommt doch durch, dass er in manchen Dingen einfach blind war, sie vielleicht einfach auch gar nicht sehen wollte, weil sie für sein Leben keine Relevanz hatten, überhaupt nicht wichtig waren. In seinen Augen sind deine Entscheidungen vielleicht nicht zu verstehen oder mögen als „blöd“ erscheinen – aber der springende Punkt ist nun mal, dass es DEIN Leben ist.

Was willst DU in deinem Leben haben, um später, wenn du mal eine ganz alte Frau sein wirst sagen zu können, dass dein Leben reich und wertvoll war? Ich glaube Karriere und ein dicker Geldbeutel wird da bei dir eher keine Rolle spielen – du wirkst auf mich eher wie jemand, der warmherzig für andere Menschen da ist, ihnen zuhört. Du wirkst auf mich wie ein Mensch, der eher sanft und ruhig ist, und deine Erfolge mögen nicht so leicht aufzählbar zu sein wie in der Werbung („mein Haus, mein Auto, mein Boot“), aber in meinen Augen sind diese Erfolge mindestens genauso wertvoll. Ich glaube, dass unsere Gesellschaft oft falsche Werte vermittelt. Was bedeutet schon Geld und ein Vorzeigepartner? Letztlich ist ein Mensch dann erfolgreich, wenn er zwischen Aufstehen und Schlafengehen das tun kann, was ihm gefällt. Ich denke das ist es was du anstreben solltest, das ist DEINE Messlatte.

Der Vergleich mit anderen wird dich am Ende nur unglücklich machen Sad

LG
Dirk
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Rea




Alter: 48
Sexualität: Asexuell
Anmeldungsdatum: 21.08.2015
Beiträge: 921
BeitragVerfasst am: So Aug 12, 2018 13:30    Titel: Antworten mit Zitat

Au weia - mit meinem Vater hab ich ja ein Fass aufgemacht.
Bevor ich's wieder zu mach und wegstelle, lass ich von mir aus jeden nochmal kurz reingucken - dann noch kurz zum Inhalt was sagen - aber dann is auch wieder mal gut damit.

Dirk Walter hat folgendes geschrieben:
Der Vergleich mit anderen wird dich am Ende nur unglücklich machen

DasTenna hat folgendes geschrieben:
Aber wenn zwischen den Zeilen der Vergleich deines eigenen Lebens mit dem seinen bei gleichzeitiger Be- und Abwertung deines Lebens herauszulesen ist, finde ich das schon besorgniserregend.


Meine Vergleicherei war eine Reaktion auf Dirks folgende Aussage, in der er meinen Vater mit mir vergleicht.
Dirk Walter hat folgendes geschrieben:
(...) weil du sehr viel gefühlsvoller bist als dein Vater, sehr viel klüger und sehr viel menschlicher und lebendiger.

Ich wollte dann dazu Stellung nehmen und mitteilen, dass ich meinen Vater für nicht weniger menschlich und gefühlvoll halte und dass ich ihn für klüger und lebendiger halte (meine persönliche Einschätzung).

Im Grunde denke ich, dass ein so ich-bezogener Mensch, wie es mein Vater ist, auf keinen Fall Vater werden sollte - damit spreche ich mich gegen meine Existenz aus.
Der Ruf, der gute Ruf war meinen Vater sehr sehr wichtig, der ging über alles - das macht sehr unfrei und führt dazu, dass der Anhang dieses ach so angesehenen Mannes sich duckt und ja nicht negativ auffallen möchte (oder dann später randaliert wie mein Bruder, sich den Nazis anschließt und Leute verprügelt).

Der Erziehungsstil meines Vaters war nicht darauf angelegt, selbstbewusste, starke Kinder groß zu ziehen. Stärke, Selbstbewusstsein, Eigensinn - bloß nicht.

An meiner Neigung, mich selbst abzuwerten ärgert mich u.a., dass ich damit dem Idealbild meines Vaters sehr nahe komme - sich ducken, kleinmachen, devot sein - das ist ganz in seinem Sinne.

Aber ich hab auch Stärken, die mein Vater nicht hat: Ich hab Humor. Er ist humorlos, reagiert sehr gekränkt wenn ein Spaß auf seine Kosten geht, kann überhaupt nicht über sich lachen.

Nun möchte ich gern das Fass zumachen und wegstellen.

Das Leben bietet noch anderen Bullshit - deshalb die Bitte: bringt Eure Bullshit-Bingo-Themen ein!
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Tintenstreuner




Alter: 29
Sexualität: Asexuell
Anmeldungsdatum: 12.08.2018
Beiträge: 35
BeitragVerfasst am: Mo Aug 13, 2018 13:08    Titel: Antworten mit Zitat

"Hast du schonmal darüber nachgedacht, dass du auch einfach nur hetero sein könntest?"

Neeeiiin, niiieee! Das ist so ungefähr das Letzte, was mir in den Sinn käme. Ich meine, von der Möglichkeit hab ich noch nie überhaupt gehört, dass es sowas gibt, kriegt man ja nirgendwo beigebracht!

Ernsthaft, glauben die Leute da, dass ich ihnen theatralisch die Hand schüttle und dafür danke, dass sie meine Weltsicht erweitert haben? Heterosexualität ist doch das Allererste, mit dem man sich gedanklich beschäftigt, und auch das Einzige, wenn sich nicht herausstellt, dass es nicht passt (und oft sogar auch dann das Einzige, wenn man nichts Anderes kennt). Ich meine, man setzt sich doch nicht ohne Anlass hin und überlegt, was man denn so Schönes sein könnte. Abgesehen davon: In 99% aller Fälle ist die Person, die diese Frage stellt, nicht die erste.

Oder:

"Wie kannst du wissen, dass du Sex nicht willst, wenn du nie welchen hattest?"

Ähm - wie kann ich welchen haben, wenn ich ihn nicht will? Das ist doch nun wirklich der erste Punkt der sexuellen Aufklärung: Tu nie etwas, was du nicht willst bzw. wozu du noch nicht bereit bist.

Auch herrlich:

"Es ist doch egal, wie du dich fühlst, das ist doch privat!"

Naja. Das Problem ist ja, wenn man gar nichts sagt, wird ja nicht gar nichts angenommen. Sondern man wird automatisch für hetero und cis gehalten. Ich wünschte auch, es wäre wirklich egal, aber das ist es spätestens dann nicht mehr, wenn ich die mit der vermeintlichen Heterosexualität verknüpften Erwartungen nicht erfülle. Und auch das wird ja dann nicht einfach hingenommen, sondern mir zum Vorwurf gemacht. Also, mein wirkliches Ich und meine Existenz sind nicht privat, nein. Ich für meinen Teil habe die meisten negativen Erfahrungen gar nicht mit direkten Anfeindungen gemacht, sondern mit solch implizitem, ja, Bullshit.

Ich finde es aber am erschreckendsten, dass "Corrective Harrassment" (so will ich es analog zu Corrective Rape mal nennen) gegenüber Asexuellen völlig salonfähig ist. Ich definiere jedenfalls Dinge wie "Probier's doch einfach mal, auch wenn du es nicht willst, währenddessen wirst du anfangen, es zu mögen!" als solchen, weil das ja im Prinzip darauf hinausläuft, dass man sich selbst einer Art freiwilligem Corrective Rape unterziehen soll (auch, wenn Leute, die das sagen, das meist nicht so meinen und der Ansicht sind, sie täten Einem einen Gefallen, aber genau das ist da ja das dahintersteckende Prinzip). Gegenüber Homosexuellen ist das zumindest offiziell nicht mehr erlaubt, aber wenn es um Asexuelle geht, ist es teils gesellschaftlicher Konsens.

Zum Bingo würde ich außerdem auch noch jede Form von "ach egal, vergiss es, nicht so wichtig" auf ehrliche Verständnisfragen zählen. Ich meine: Wollen sie nun, dass ich Verständnis für sie entwickle, oder nicht? Ich persönlich finde sexuelles Verhalten tatsächlich von einer gewissen Warte aus spannend, gerade weil ich kein intuitives Verständnis dafür habe. Ich meine, ich sehe mir ja auch Naturdokus über exotische Tiere an... *pfeif*

Apropos Verständnis. Oft stellt sich auf solche Nachfragen bzw. in solchen Gesprächen ja heraus, dass Sexuelle ihr Verhalten eigentlich auch nicht rational erklären können (meist verständlicherweise). Nur, ähm - warum genau ist es denn dann aber so lächerlich, wenn ich das auch nicht kann?

Summa summarum: Was mich im Großen und Ganzen am meisten nervt, ist diese Unlogik, die sich durch den ganzen Themenkomplex Sex inklusive dieser blöden Fragen und Logiken zieht. Bzw. dass von mir dann erwartet wird, dieser Unlogik folgen zu können.
_________________
Mein Essay über Asexualität:
https://www.fanfiktion.de/s/566851fb0000be2b26451f56/1/Asexualitaet
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Rea




Alter: 48
Sexualität: Asexuell
Anmeldungsdatum: 21.08.2015
Beiträge: 921
BeitragVerfasst am: Mo Aug 13, 2018 18:48    Titel: Antworten mit Zitat

N' Abend @Tintenstreuner,
habe gerade Deinen Essay https://www.fanfiktion.de/s/566851fb0000be2b26451f56/1/Asexualitaet überflogen - Respekt
Den C.) Teil: Übliche Reaktionen auf die Aussage "Ich bin asexuell!" könntest Du geradewegs hier einfügen.
Das ist ja eine Ansammlung von Bullshit-Reaktionen und sogar sortiert in Kategorien und Unterpunkte - die wahrste Mülltrennung!

Später werde ich Deinen Essay genau durchlesen - ich freu mich drauf!
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Tintenstreuner




Alter: 29
Sexualität: Asexuell
Anmeldungsdatum: 12.08.2018
Beiträge: 35
BeitragVerfasst am: Di Aug 14, 2018 18:37    Titel: Antworten mit Zitat

Hey Rea,

jup, das war die Idee dahinter. Aber manche Dinge (z. B. "du bist so heiß, du kannst uns doch nicht alle abweisen") kenn ich zum Glück nur aus Erzählungen oder hier aus dem Forum.
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Mein Essay über Asexualität:
https://www.fanfiktion.de/s/566851fb0000be2b26451f56/1/Asexualitaet
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Rea




Alter: 48
Sexualität: Asexuell
Anmeldungsdatum: 21.08.2015
Beiträge: 921
BeitragVerfasst am: Di Aug 14, 2018 23:48    Titel: Antworten mit Zitat

Tintenstreuner hat folgendes geschrieben:
Aber manche Dinge (...) kenn ich zum Glück nur aus Erzählungen oder hier aus dem Forum.

Obwohl ich sehr Bullshit-erfahren bin und ich schon etliche Bullshit-Äußerungen persönlich entgegen nehmen musste, sind mir auch einige erspart geblieben.
So musste ich mir bisher noch nicht anhören, ob ich schlechte Erfahrungen mit Frauen gemacht hätte, ob es nicht doch daran liegen würde, dass ich keinen hochkriegen könne oder ob ich nicht mal ein Etablissement aufsuchen möchte, wo man(n) auf besondere Art und Weise verwöhnt werden kann.
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Windsurfhippie





Sexualität: keine Angabe
Anmeldungsdatum: 13.08.2005
Beiträge: 3235
Wohnort: NZ
BeitragVerfasst am: Mi Aug 15, 2018 7:13    Titel: Antworten mit Zitat

DasTenna hat folgendes geschrieben:


Es ist vollkommen in Ordnung, Leistungen anderer Menschen hervorzuheben. Aber wenn zwischen den Zeilen der Vergleich deines eigenen Lebens mit dem seinen bei gleichzeitiger Be- und Abwertung deines Lebens herauszulesen ist, finde ich das schon besorgniserregend.


Ich entdecke da hin und wieder Parallelen zu meiner Selbstsichtweise. Ich weiß zwar nicht, ob Rea das so ähnlich sieht, oder komplett anders herleiten mag, aber wenn man gelernt hat, sich selbst hauptsächlich über die Sicht anderer und durch deren Brille zu beurteilen, oder auch nach offiziell verwendeten Sichtweisen und Mehrheitsmeinung geht, folgt das eventuell einer bestimmten Sorte erkenntnisbildender Hermeneutik.

Zitat:
b) Bedeutet Anderssein automatisch Krankhaftigkeit?


Das habe ich mich und die Umwelt auch schon das halbe Leben lang gefragt. Anscheinend ist es so, dass viele Menschen gar nicht in der Lage sind, eine hoch differenzierte Mannigfaltigkeit natürlicher Strukturen, Ausprägungen und Zusammenhänge kopfmäßig zu fassen, oder zu begreifen. Viele können sich außerdem nicht vorstellen, dass Merkmale kombiniert auftreten können, und das in unterschiedlichster Ausprägung bzw. praktisch stufenlosen Übergängen vorkommt.
Die meisten Menschen scheinen ein stark vereinfachtes Wahrnehmungsbild von dem zu haben, was Natur ist, und in ihnen oder um sie herum existiert und vor sich geht.

Daher kommen vielleicht auch die ganzen dummen Fragen und komischen Mutmaßungen, was alles irgendwie verkehrt sein könnte, oder im Argen liegt, wenn sie zum ersten Mal von Asexualität erfahren.
Rolling Eyes
_________________
Wer später stirbt, erlebt den Tod derer, die früher sterben, und hat deshalb länger was zu lachen.
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Rea




Alter: 48
Sexualität: Asexuell
Anmeldungsdatum: 21.08.2015
Beiträge: 921
BeitragVerfasst am: Mi Aug 15, 2018 13:26    Titel: Antworten mit Zitat

Windsurfhippie hat folgendes geschrieben:
DasTenna hat folgendes geschrieben:

Es ist vollkommen in Ordnung, Leistungen anderer Menschen hervorzuheben. Aber wenn zwischen den Zeilen der Vergleich deines eigenen Lebens mit dem seinen bei gleichzeitiger Be- und Abwertung deines Lebens herauszulesen ist, finde ich das schon besorgniserregend.

Ich entdecke da hin und wieder Parallelen zu meiner Selbstsichtweise. Ich weiß zwar nicht, ob Rea das so ähnlich sieht, oder komplett anders herleiten mag, aber wenn man gelernt hat, sich selbst hauptsächlich über die Sicht anderer und durch deren Brille zu beurteilen,(...), folgt das eventuell einer bestimmten Sorte erkenntnisbildender Hermeneutik.

Hmmmmm - ob meine teilweise recht seltsamen und blö... Gedankengänge etwas mit Erkenntnisbildung und Hermeneutik zu tun haben kann ich nicht beurteilen.

Es ist ganz einfach so, dass ich schon seit meiner Kindheit die anderen mit mir vergleiche und dazu neige, dass ich dabei zu ähnlichen Schlussfolgerungen komme wie diese Menschen, für die ein halb gefülltes Glas Wasser eben halb leer ist: ich komme bei Vergleichen üblicherweise zu einem schlechten Ergebnis was mich betrifft.

Es ist ein gewohntes Denkmuster, verinnerlicht - so gewohnt und "normal", dass es mich sehr erstaunen würde, wenn ich mir mal als halb volles Glas vorkommen würde.

Eigentlich ist mein gewohntes Denkmuster eine Bullshit-Denkerei - bloß ist es gar nicht so einfach, dagegen anzukommen.
Wie beim Bullshit, der von anderen kommt (wie z.B. Vorurteile gegenüber Asexualität) ist auch der eigene Bullshit irgendwie resistent gegen die Vernunft.
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Tintenstreuner




Alter: 29
Sexualität: Asexuell
Anmeldungsdatum: 12.08.2018
Beiträge: 35
BeitragVerfasst am: Sa Okt 06, 2018 18:27    Titel: Antworten mit Zitat

Meine Mutter. Wir kamen darauf zu sprechen, dass ich ganz gut über meinen regelmäßigen Zyklus Bescheid weiß, also wann Eisprung ist etc. Darauf sie:

"Dafür, dass du sagst, dass du asexuell bist, interessierst du dich aber ganz schön für das Thema!"

WTF!? Das hat für mich nichts mit Sex zu tun, sondern mit körperlicher Gesundheit. Ich muss ja verfolgen können, ob der Rhythmus regelmäßig ist. An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass sie sich durchaus hingebungsvoll und leidenschaftlich über ihre Darmprobleme auslässt und auch sonst nicht gerade Hemmungen hat, wenn es um körperliche Befindlichkeiten geht. Große Ausnahme ist aber alles, was auch nur in irgendeiner Form Geschlechtsteile beinhaltet (obwohl die ja teils identisch mit Ausscheidungsorganen sind).

Aber sie glaubt auch, dass jemand, der nicht homosexuell ist, sich für Themen wie Diskriminierung und Ehe für alle nicht interessieren sollte (ja, sollte, nicht müsste).
_________________
Mein Essay über Asexualität:
https://www.fanfiktion.de/s/566851fb0000be2b26451f56/1/Asexualitaet
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Cosima





Sexualität: keine Angabe
Anmeldungsdatum: 28.09.2018
Beiträge: 8
BeitragVerfasst am: So Okt 07, 2018 14:05    Titel: Antworten mit Zitat

"Du kannst das nicht sein, weil..."
"Dann bin ich das auch"

"Hast du mal daran gedacht, wie es mir damit geht?"

"Wenn du so bist, wirst du ewig alleine bleiben"

Letzteres von einer Ex-Freundin als ich Schluss gemacht habe, sehr charmante Dame Confused Für mich persönlich der schlimmste Satz

Aber es gab auch positive Reaktionen, als ich mich geoutet hab Wink

"Ich finde das ist was schönes, ich hoffe du findest die Richtige"
(Und das von einer Frau die mehr von mir wollte)

Die erste Freundin, der ich das erzählt habe war sehr interessiert. Dann gestand sie mir, dass es ihr ähnlich geht, es aber nie benennen konnte und sie hat sich bei mir bedankt, weil sie sich endlich normal fühlt

"Du bist so und das ist was besonderes. Dann sind alle andere unnormal, du bist es jedenfalls nicht."
(Mein Vater, als ich ihn fragte was mit mir nicht stimmt)
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