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Kampf gegen die Pathologisierung
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luna & titus
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Sexualität: Asexuell
Anmeldungsdatum: 04.02.2014
Beiträge: 886
BeitragVerfasst am: Mi Dez 30, 2015 1:47    Titel: Kampf gegen die Pathologisierung Antworten mit Zitat

Hallo liebe Mitaromantiker Smile

aufgrund einiger negativer Erinnerungen wünsche ich mir, dass wir uns noch mehr gegen die Pathologisierung von Aromantik einsetzen.
Vor allem sollte das UNABHÄNGIG davon passieren, ob wir ansonsten in irgendeiner Form auffällig (z.B. autistisch, psychisch krank oder intelligenzgemindert) sind.
Denn es ist schon schlimm genug, wenn man z.B. traumatisiert wurde und WEIß, dass man UNABHÄNGIG davon aromantisch ist und dann jemand sagt, dass das ja nur wegen des Traumas so wäre. Das empfinde ich als diskriminierend.

Sowas kann das Selbstwertgefühl des Betroffenen schwächen.
Ich mache gerade so was in der Art durch. Ständig analysiere ich meine Kindheit und Jugend bis auf's Detail und komme immer wieder zu dem Schluss, dass die Aromantik damit nichts zu tun hat.
Es ist jedesmal quälend und verursacht teilweise auch Albträume.
Darin geht es z.B. darum, dass die hier schreibenden Aromantiker, also ihr Wink, in Wirklichkeit nicht aromantisch sind bzw. dass es Aromantik nicht gibt und nur als Ausrede um nicht auf die eigenen menschlichen Schwächen zu gucken, benutzt wird.

Ich weiß, dass hat alles mit meiner Vergangenheit zu tun, in der ich massivst manipuliert wurde.
Ich bin auch hart am kämpfen, wieder zu mir zu finden und habe schon viele Fortschritte gemacht.
Dennoch wurde ich grundsätzlich zerstört, was mein Identitätsgefühl angeht.
Ich weiß wer ich bin, durfte es aber nie zeigen bzw. meine Persönlichkeit wurde pathologisiert. Mir wurde der Leitsatz beigebracht, dass ich FALSCH UND UNERWÜNSCHT bin, wenn ich so bin wie ich bin.
Tragischerweise wurde das von Therapeuten noch verstärkt.


Ich wünsche mir so sehr, dass diese Sachen als normal angesehen werden.
So wir ihr das macht, also dass es euch relativ egal ist, was andere über euch denken, fällt mir noch schwer. Ich bin aber überzeugt, dass ich es schaffen werde.

Es hat alles mit meiner Familie und den Psychiatrie-Aufenthalten zu tun. Ob ihr's glaubt oder nicht, aber diese haben mir massiv geschadet.
Ich will jetzt zu mir zurückfinden und werde das auch schaffen.


Es gibt soviele Websites wo Aromantik als krankhaft dargestellt wird. Ich fühle mich davon noch oft persönlich angegriffen. Wie geht ihr damit um ?
Einfach solche Seiten meiden ?
Es scheinen sich auch kaum Menschen für die Themen Aromantik und Asexualität zu interessieren, die nicht davon betroffen sind.

Wir scheinen einerseits unwichtig zu sein, was ich zwar gut finde, weil ich es dumm finde, Menschen über ihre Orientierung zu definieren. Aber andererseits wird dieses Thema sofort von Psycho-Leuten (also Psychologen u.Ä.) als krankhaft oder zumindest bedenklich gesehen.
Ich kann und will das nicht mehr ertragen !


Macht es Sinn, Therapeuten gezielt darüber aufzuklären ?


Ich möchte einfach nur, dass wir uns nicht krank und minderwertig fühlen.
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Darth_Angel




Alter: 21
Sexualität: Asexuell
Anmeldungsdatum: 12.11.2014
Beiträge: 64
BeitragVerfasst am: Mi Dez 30, 2015 16:10    Titel: Antworten mit Zitat

Ich denke für viele Leute, auch Therapeuten, sind Romantik und Sexualität einfach so normal und selbstverständlich, dass es ihnen schwerfällt, das mit ihrem weltbild zu vereinbaren und es deshalb als "gibt's nicht" bzw. "sollte es nicht geben"(krankhaft) abschreiben. Gerade wenn ihnen das jemand erzählt, den sie noch nicht so gut kennen.

Meine Therapeutin hat das bei mir nie angezweifelt. Ich sehe da 2 mögliche gründe:
1. Sie ist ein sehr offener Mensch/hat mit so was schon Erfahrung.
2. Ich hab es nie ausdrücklich gesagt, gerade weil es als ich zu ihr gewechselt hab, mir noch nicht so bewusst war und esals selbstverständlich impliziert und bei damit zusammenhängenden themen als selbstverständlich vorausgesetzt habe.
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luna & titus
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Sexualität: Asexuell
Anmeldungsdatum: 04.02.2014
Beiträge: 886
BeitragVerfasst am: Mi Dez 30, 2015 21:40    Titel: Antworten mit Zitat

Darth_Angel hat folgendes geschrieben:
Meine Therapeutin hat das bei mir nie angezweifelt. Ich sehe da 2 mögliche gründe:
1. Sie ist ein sehr offener Mensch/hat mit so was schon Erfahrung.
2. Ich hab es nie ausdrücklich gesagt, gerade weil es als ich zu ihr gewechselt hab, mir noch nicht so bewusst war und esals selbstverständlich impliziert und bei damit zusammenhängenden themen als selbstverständlich vorausgesetzt habe.


Das war bei mir aber genau der Grund, warum sie es bei mir als krankhaft angesehen haben / ansehen.
So nach dem Motto: „Du hast eh so viele Probleme mit Mitmenschen und du bist eh so ein komischer Mensch, da wundert mich das nicht, dass du nicht in der Lage bist, eine Beziehung aufzubauen.“

Als ob mein Charakter damit zu tun hätte.
Bei einem Schwulen sagt man doch auch nicht „Dass XY schwul ist, wundert mich nicht, so wie er sich verhält.“
(Obwohl es bestimmt Menschen gibt, die so denken.)


Darf ich dich fragen, was das für Themen waren, die damit in Verbindung standen ?
Und nimmt deine Therapeutin dich wirklich ernst oder denkt sie nur, dass du dich vielleicht einfach nur später entwickelst, weil du ja erst 16 bist.

Bei mir wurde das Thema seitens der Therapeuten auch mit 16 thematisiert, aber so richtig ernst wurde es erst mit 18.
Da wurde es regelrecht zu meinem Therapieziel gemacht, dass ich einen Freund haben soll, obwohl ich das nicht wollte.
Die Begründung war folgendermaßen: „Du hast jetzt schon so viel geschafft, dann wirst du diesen Schritt auch noch schaffen. Auch wenn du keinen Freund haben willst, du solltest trotzdem einen haben, weil es einfach zu einer gesunden Entwicklung dazugehört !“

Ich hoffe, dass sich das mittlerweile geändert hat, bin jedenfalls hoffnungsvoll.
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Darth_Angel




Alter: 21
Sexualität: Asexuell
Anmeldungsdatum: 12.11.2014
Beiträge: 64
BeitragVerfasst am: Do Dez 31, 2015 9:35    Titel: Antworten mit Zitat

Das waren hauptsächlich Themen wie Interaktion mit anderen Menschen, die bei mir fast absolut minimal ist (eben auch weil ich nicht auf Partnersuche bin), wie wichtig es mir ist, was andere von mir denken und Geschlechtsidentität.

Ob sie denkt, dass sich das noch ändert oder nicht weiß ich nicht, das wird nie so explizit thematisiert, es ist mehr so ein "und weil ich keine Beziehung will ist mir das auch egal". Da sie es (glücklicherweise) nicht als krankhaft sieht, ist das ja auch irrelevant, da im Falle einer änderung dieses Zustands ja nur etwas nicht-krankhaftes durch etwas anderes nicht-krankhaftes ersätzt würde.
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luna & titus
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Sexualität: Asexuell
Anmeldungsdatum: 04.02.2014
Beiträge: 886
BeitragVerfasst am: Do Dez 31, 2015 11:46    Titel: Antworten mit Zitat

Da hast du ja echt Glück.
Ich wünsche dir, dass das so bleibt. Das es so gut läuft, liegt vielleicht auch an der heutigen Zeit.

Zu meiner Jugend hieß es noch: „Partnerschaft und Sex gehören zu einem normalen Leben dazu.“
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Siku
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Alter: 26
Sexualität: Asexuell
Anmeldungsdatum: 24.07.2014
Beiträge: 360
BeitragVerfasst am: Do Dez 31, 2015 14:55    Titel: Antworten mit Zitat

Der beste Weg, der Pathologisierung von Aromantik entgegenzuwirken, ist meiner Meinung nach immer noch, Informationen über diese Orientierung zu verbreiten. Ob im richtigen Leben, im Internet, beim Therapeuten, beim Arzt, bei der Familie, bei den Freunden oder bei flüchtigen Bekannten. Darüber reden, andere darüber aufzuklären kann Wunder wirken. Man muss nur selbstbewusst genug auftreten und sich nicht mit Aromantik-Bingo-würdigen Sprüchen abspeisen lassen.

Wenn alle haltlosen Vorurteile und pathologisierenden Scheinargumente aus der Welt geschafft sind, sollte allen, die sich nicht als Aromantiker begreifen, klar sein: Aromantiker sind keine gestörten Freaks und auch in keiner Form gefährliche Irre, die im Missionierungswahn andere von ihrer fixen Idee überzeugen wollen. Ich habe noch nie einen Aromantiker getroffen, der anderen ihre Romantik krankreden wollte...das ist immer nur umgekehrt der Fall.

Aromantiker sind einfach Menschen ohne die Fähigkeit, sich zu verlieben. Nicht mehr und nicht weniger. Das ist nicht gefühlskalt, nicht bindungsängstlich, nicht weiß-der-geier-was-noch-für-ein-dummes-vorurteil. Es ist einfach nur anders.
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luna & titus
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Sexualität: Asexuell
Anmeldungsdatum: 04.02.2014
Beiträge: 886
BeitragVerfasst am: Do Dez 31, 2015 16:26    Titel: Antworten mit Zitat

Siku hat folgendes geschrieben:
Der beste Weg, der Pathologisierung von Aromantik entgegenzuwirken, ist meiner Meinung nach immer noch, Informationen über diese Orientierung zu verbreiten. Ob im richtigen Leben, im Internet, beim Therapeuten, beim Arzt, bei der Familie, bei den Freunden oder bei flüchtigen Bekannten. Darüber reden, andere darüber aufzuklären kann Wunder wirken.


Also mich nimmt da keiner ernst.
Es wird gesagt, dass es definitv nicht normal ist.
Außerdem will das auch keiner hören.

Naja, wahrscheinlich lebt ihr in anderen Welten als ich.


Siku hat folgendes geschrieben:
Aromantiker sind einfach Menschen ohne die Fähigkeit, sich zu verlieben. Nicht mehr und nicht weniger. Das ist nicht gefühlskalt, nicht bindungsängstlich, nicht weiß-der-geier-was-noch-für-ein-dummes-vorurteil. Es ist einfach nur anders.


Ich kenne außer euch wirklich niemanden, der das normal findet.
Asexualität wird von vielen als normal gesehen, ich habe schon öfters gehört, dass man keinen Sex haben muss.
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Darth_Angel




Alter: 21
Sexualität: Asexuell
Anmeldungsdatum: 12.11.2014
Beiträge: 64
BeitragVerfasst am: Do Dez 31, 2015 16:32    Titel: Antworten mit Zitat

Ich denke "initiativer" Aktivismus (also auf die Leute zugehen und "awareness" fördern) würde hier das gleiche Problem haben, wie schon bei Asexualität, wenn nicht noch stärker: Es gibt nur wenige von uns, und was wir tun (oder eben nicht tun) wird nicht als anstößig oder moralisch verwerflich, sondern lediglich als "merkwürdig" angesehen (anders als das z.B. bei schwulen war).
Sprich: geringe Zahl, kein Skandal, interessiert die meisten nicht so brennend, wenn nicht grad jemand in ihrem Umfeld betroffen ist. Deshalb halte ich es für vielversprechender stattdessen Ressourcen für diejenigen zur Verfügung zu stellen, die (direkt oder indirekt) von der Thematik betroffen sind. Also so was wie eine Seite, an die man Eltern, Therapeuten etc. verweisen oder wo man sich selbst informieren kann.
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Siku
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Alter: 26
Sexualität: Asexuell
Anmeldungsdatum: 24.07.2014
Beiträge: 360
BeitragVerfasst am: Do Dez 31, 2015 16:55    Titel: Antworten mit Zitat

luna & titus hat folgendes geschrieben:
Also mich nimmt da keiner ernst.
Es wird gesagt, dass es definitv nicht normal ist.
Außerdem will das auch keiner hören.

Naja, wahrscheinlich lebt ihr in anderen Welten als ich.

Nein, wir leben in derselben Welt. Aber wenn jemand mich nach mehrmaligen sachlichen und informativen Erklärungen meiner romantischen Orientierung nicht ernstnimmt (beliebt: Pubertät! Der Richtige kommt auch bei dir noch! Geh damit zum Arzt! Das gibts gar nicht! Du willst nur Aufmerksamkeit!), ist der bei mir an der falschen Adresse. Die Meinungen solcher Personen sind mir, salopp ausgedrückt, scheißegal. Mich greift es in meiner Identität nicht an, wenn andere mich als falsch ansehen, denn ich selbst tue das nicht und habe immer noch die Hoheitsgewalt über meine Selbstbestimmung und meine Gefühlswelt. Da kann sich der selbsternannte Hobbypsychologe oder staatlich anerkannte Therapeut auf den Kopf stellen, deswegen wird seine vorurteilsbehaftete Denkweise nicht richtiger und meine Gefühle werden nicht falscher.

Klar will es niemand hören, dass es zur Disneyromantik eine ernsthafte Alternative gibt. Das würde ja bedeuten, dass die Menschen tatsächlich einmal über den eigenen Tellerrand schauen und Andersartigkeit akzeptieren müssten. Da ist die Pathologisierung doch sehr viel einfacher und geht auch deutlich schneller, als sich mit fremden Konzepten auseinanderzusetzen.

@Darth_Angel: Vergiss die sexuellen Aromantiker nicht. Viele haben die nicht auf dem Schirm, aber wie skandalbehaftet ist es denn bitte, Sex ohne romantische Beziehung haben zu wollen, dauerhaft, ein Leben lang? Was in diesen Breitengraden moralisch von diesen Menschen gehalten wird, muss ich ja wohl nicht sagen.
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luna & titus
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Sexualität: Asexuell
Anmeldungsdatum: 04.02.2014
Beiträge: 886
BeitragVerfasst am: Do Dez 31, 2015 17:57    Titel: Antworten mit Zitat

Siku hat folgendes geschrieben:
Klar will es niemand hören, dass es zur Disneyromantik eine ernsthafte Alternative gibt. Das würde ja bedeuten, dass die Menschen tatsächlich einmal über den eigenen Tellerrand schauen und Andersartigkeit akzeptieren müssten. Da ist die Pathologisierung doch sehr viel einfacher und geht auch deutlich schneller, als sich mit fremden Konzepten auseinanderzusetzen.


Dazu sind die meisten doch zu faul !
Und ich denke auch, dass ihnen eine richtige Auseinandersetzung mit uns offenbar nicht wert ist.
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Maz
ADMod Team



Alter: 43
Sexualität: keine Angabe
Anmeldungsdatum: 12.02.2005
Beiträge: 14296
BeitragVerfasst am: Do Dez 31, 2015 18:11    Titel: Antworten mit Zitat

Daß "Disneyromantik" nicht der gesellschaftlichen Realität entspricht ergibt sich ja schon unmittelbar aus der Quote von fast 50% Singles und einer nochmals höheren Scheidungsrate.
Die beste Methode nicht "pathologisiert" zu werden ist Themen mit denen man gar kein Problem hat nicht mit Ärzten/Therapeuten/etc. zu besprechen, die einem damit anschließend irgendwelche Probleme machen könnten. Das ist sonst in etwa so sinnvoll wie zum Zahnarzt zu gehen und dann über nicht vorhandene Zahnschmerzen zu diskutieren. Falls man das Thema allerdings selbst anspricht und dann auf andere Meinungen stößt sollte man damit auch umgehen lernen, denn das wird sich grundsätzlich sowieso niemals vermeiden lassen. Abgesehen davon: an irgendwas stört sich irgendjemand ganz bestimmt und wenn es nicht das Beziehungsverhalten ist dann ist es womöglich die Form der Nase.
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Windsurfhippie





Sexualität: keine Angabe
Anmeldungsdatum: 13.08.2005
Beiträge: 3234
Wohnort: NZ
BeitragVerfasst am: Do Dez 31, 2015 18:19    Titel: Antworten mit Zitat

Das Problem, das ich mit der Hermeneutik des leichtfertigen Pathologisierens habe, war auch in anderem Zusammenhang nicht aufzulösen. Ich habe mal für mein Buch ( ging um die Unterscheidung reaktiver Depression von den klinisch relevanten Formen als Antwort auf die Lebensumstände bzw. Coping-strategy, Weg des Umgangs) mit dem Modell oder der Zusammenstellung von Eigenschaften befasst, von denen die ganzen Abweichungen abweichen. Also es war nicht möglich, dass mir Jemand präzise beschreiben konnte, wie ein 'normaler' bzw. psychisch völlig gesunder Mensch / Persönlichkeit überhaupt beschaffen ist. Weder Fachversierte noch philosophisch Bewanderte können das. So kam ich zu dem Schluss, dass diese Vorstellung relativ willkürlich festlegbar ist, ein psychisch gesunder Mensch in jeder Gesellschaft anders sein muss, und es sowas wie 'Normale' nicht gibt. Bzw. bestimmen wohl prominente Strömungen in der Wissenschaftssichtweise darüber, was je nach Stand in der Krankheitsforschung immer gerade eine Zeitlang als gesund oder funktional korrekt angesehen wird.

Ich würde mir wünschen, dass der Begriff „alternativ richtig“ in die Betrachtungsweise von Persönlichkeiten mit aufgenommen würde, denn alles unter 'krankheitswertig' oder 'abweichend' (wovon eigentlich?)zu deklarieren, was nicht in diese vage Vorstellung von einem funktionierenden Menschen ohne Leidensdruck rein passt, ist es sich bestenfalls leicht gemacht. Es hilft nicht wirklich Jemandem, wer anders ist. Oft hilft es nur der diagnostischen Einordnung wirklich.

Es gibt natürlich Eigenheiten oder Auswirkungen, sogenannte 'Störungen' der naturgerechten Psyche, Funktionen, ablaufenden Prozesse, des Denkens, des Wesens. Es gibt aber meines Erachtens genug Reaktionen auf Störungen in der Gesellschaft, oder Antworten, Umgangsstrategien auf und mit problematischen Erwartungshaltungen und Lebensumstände.

Alle ungefälligen Verhaltenseigenheiten als krankheitsverdächtig oder krankheitswertig zu pathologisieren, ist ziemlich undifferenziert, aber in einer Welt, die Menschen in Kategorien begreift, und sie nicht als Individuen spezifisch zu ihrem Lebensumfeld betrachten will, ist das nahezu unvermeidlich. Das Sortierwesen selbst ist eine menschliche Eigenschaft des Verhaltens.

Sobald ein Mensch psychische Eigenheiten mit Störungswertigkeit aufweist, alle Ursachen anderer Eigenheiten auf diese Störung zurückzuführen, ist auch wieder recht undifferenziert hergedacht. Mich nervt das etwas, mehr noch finde ich es schade, wenn Leute ihr Denken, Nachforschen oder Interesse selbst auf diese unreife Art Folgerung begrenzen. Asexuellen, die irgendwann im Leben eine Missbrauchs- oder Gewalterfahrung hatten, wird üblicherweise angekreidet, der Missbrauch sei die Ursache für ihre Asexualität, und ihre Asexualität könne folglich keine sein. Dass auch Asexuelle Missbrauchsopfer werden können, interessiert die wenigsten Nachsinnierer. Interessanterweise geht man bei Schwulen in einigen konservativen Strömungen davon aus, dass bestimmte Entwicklungsdefizite und Prägungsfehler ihre Homosexualität bedingen. Bei Heterosexuellen komischerweise nicht. Auch werden Missbrauchsopfer, die sich sexuell ausfalten, nicht dieselben Ursachen für diese Entwicklung angekreidet, wie Asexuellen für ihre Eigenschaft.

Etwas diskriminierend finde ich diese Betrachtungsweise auch, aber mehr kleinlich als das, wie zu kurz hergefolgert. Wenig wissenschaftlich. Das Selbstwertgefühl, insofern man je eines behalten hat, beeinträchtigt eine solche Bewertung eben neben Tausenden anderer Faktoren noch zusätzlich.

Pathologisierung folgt immer bestimmten Annahmen über das Ideal von gesund/krank, richtig/falsch,/schlecht ect. Dass diese Wertung krude und zu einfach ist, scheint Niemand zu beanstanden.

Maz hat folgendes geschrieben:

Die beste Methode nicht "pathologisiert" zu werden ist Themen mit denen man gar kein Problem hat nicht mit Ärzten/Therapeuten/etc. zu besprechen, die einem damit anschließend irgendwelche Probleme machen könnten.


Sehr richtig. Was die Psychoberufler erst nie erfahren,kann einen nur gesünder belassen!

Wenn man als Mensch bereits durch die Pathologisierung der diagnostischen Systeme gegangen ist, hat man wenigstens einen Teil seiner Kredibilität eingebüßt, das kommt dazu. Alles, was man fortan erhebt, wird weniger Ernst genommen … es kommt ja nur von einer bzw. einem, wer störungsbehaftet ist. Je mehr verschiedene Etikette sich man da über das Leben hinweg einfängt, umso weniger Berechtigung scheint man zu behalten, um etwa andersartige Eigenschaften zu besitzen, die nicht durch eine Störung, Krankheit oder einen Mangel beeinflusst sein können.

Ich habe noch nicht auf vielen Seiten über A-Romantik gelesen, aber mit der Darstellung als Krankheit versuche ich so umzugehen, dass ich die Wissenschaft darüber in einem unfertigen Stand sehe, und es bisher viele Eigenschaften gab, die zeitweise als 'krank' bewertet worden sind, weil man noch nicht genau Bescheid über die Entstehung, die Leid- oder Nicht-Leidwertigkeit davon wusste, oder weil es wissenschaftliche Anhänger von pathologischen Thesen darüber gab, die erst sinnbringende Erkenntnisse sammeln mussten, bevor sie verstanden, dass es ein Alterismus der Persönlichkeit ist.
Ich meine, sich darüber zu ärgern, ändert nichts daran, dass etliche Diagnostiker_Innen das so betrachten, wie es zur Zeit noch üblich ist.
Ich finde es halt schade, dass oft so engstirnige Betrachtungsweise vorgezogen werden, wo man etwas beurteilt.
Natürlich findet man sich hin und wieder zu der Annahme verlockt, dass sich die Pathologisierer alle selbst in ihrem kleinlichen Geist einsperren, wenn sie alles Ungewohnte störungswertig nennen.. Aber das hilft auch Niemandem weiter, und nicht alle diese Leute sind zwingendermaßen kleine Troglodyten.

In meinen ganzen Therapeutenerfahrungen hat weder Sexualität noch Beziehungsinteresse je eine Rolle gespielt. Davon habe ich nie etwas erwähnt, es kamen auch keine speziellen Fragen in die Richtung. Vielleicht vergessen die das beim Trauma-Hintergrund auch erst mal, weil es primär um die Aufarbeitung der Traumata und deren Effekte, Albträume, Trigger-Problematik usw. geht.

Warum jetzt A-Romantik auch schon wieder 'krank' sein soll, hat mir unter alledem noch niemand erklären können. Vielleicht irren wir uns alle, und Atmen oder Leben, und besonders so sein, wie man ist, das ist auch alles irre krank … (?)
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Wer später stirbt, erlebt den Tod derer, die früher sterben, und hat deshalb länger was zu lachen.
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luna & titus
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Sexualität: Asexuell
Anmeldungsdatum: 04.02.2014
Beiträge: 886
BeitragVerfasst am: Do Dez 31, 2015 23:05    Titel: Antworten mit Zitat

Windsurfhippie hat folgendes geschrieben:
Vielleicht irren wir uns alle, und Atmen oder Leben, und besonders so sein, wie man ist, das ist auch alles irre krank … (?)


Der Satz ist gut, muss ich mir merken.

Ansonsten:

@Maz: Oft ist es ja so, dass man gezielt danach gefragt wird. In manchen Fragebögen muss man sogar angeben, wie viele Beziehungen man hatte und wie lange die hielten, kein Scherz !
Da kann man doch nur gezielt lügen, wenn man seine Aromantik verheimlichen will.


@Windsurfhippie: Du hast ein Buch geschrieben ?

Im Fall der asexuellen Missbrauchsopfer vermute ich, dass die Ärzte davon ausgehen, dass die Sexualität zerstört ist und fragen deshalb vielleicht nicht nach.
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Siku
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Alter: 26
Sexualität: Asexuell
Anmeldungsdatum: 24.07.2014
Beiträge: 360
BeitragVerfasst am: Fr Jan 01, 2016 10:52    Titel: Antworten mit Zitat

luna & titus hat folgendes geschrieben:
Oft ist es ja so, dass man gezielt danach gefragt wird. In manchen Fragebögen muss man sogar angeben, wie viele Beziehungen man hatte und wie lange die hielten, kein Scherz !
Da kann man doch nur gezielt lügen, wenn man seine Aromantik verheimlichen will.

Das ist ein wichtiger Punkt. Auch meine Beiträge waren so gemeint, dass man auf gezielte Fragen antwortet und nicht jedem seine Orientierungen ungefragt reindrückt. Aber wer mich konkret danach fragt, ob Arzt/Therapeut oder Familienmitglied, wird bei mir eine ehrliche Antwort erhalten, auch wenn die ihm nicht schmeckt. Andernfalls würde ich mich verstellen und ich wüsste nicht, wofür ich mich wegen meiner Aromantik und Asexualität zu schämen hätte. Lügen werde ich deswegen ganz sicher nicht.
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Maz
ADMod Team



Alter: 43
Sexualität: keine Angabe
Anmeldungsdatum: 12.02.2005
Beiträge: 14296
BeitragVerfasst am: Fr Jan 01, 2016 10:56    Titel: Antworten mit Zitat

Es gibt ja auch die Möglichkeit ganz explizit mit "kein Kommentar" zu reagieren dann muß man weder lügen noch Erklärungen abliefern. Die Anzahl der Beziehungen gehen z.B. niemanden etwas an auch keinen Therapeuten es sei den man möchte das eben zum Thema machen.
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