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Vom Phönix aus der Asche
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Liro




Alter: 27
Anmeldungsdatum: 01.08.2010
Beiträge: 346
Wohnort: OWL
BeitragVerfasst am: Di Dez 27, 2011 22:14    Titel: Antworten mit Zitat

Teil 2

Kapitel 13: Zusammenbruch


Inkognito versucht seinen Dirigentenstab zu schwingen, merkt dann aber, dass ihn etwas daran hindert. Es ist Rot. Sie drückt seinen Arm nach unten und fährt dann mit dem anderen Arm sanft über seinen Kopf. Sie verschmiert ihn dabei mit gelber Farbe. Vorsichtig drückt sie sich an ihn. Besingt ihn wieder. Dazu das Trompetenspiel von oben. Es klingt kraftvoll, erfüllt den ganzen Versuchsraum der Physiker und scheint sich von dort aus über den Flur in die ganze Schule ausbreiten zu wollen. Immer wieder überfallen Inkognito kribbelnde Glücksgefühle. Und doch merkt er, dass er vom Weg abkommt. Er spannt seine Arme an, will Rot von sich reißen. Hält dann aber inne und erinnert sich an das Treffen mit ihr, bei dem er sich grau färbte. Nicht nochmal. Es muss anders gehen. Irgendwie anders. Er konzentriert sich wieder. Verschließt seine Sicht. Verharrt wieder in der schwarzen Stille. Zunächst kommen Gesang und Trompete durch. Herausgefiltert aus dem Gebröckel und dem Knarren von oben. Es dauert einen Augenblick - dann werden die Instrumente schließlich leiser.

Inkognito beginnt, Erinnerungen zu formen. Erinnert sich an seine Auseinandersetzung mit Braun in der Turnhalle. An seine permanenten Angriffe. Er denkt fest daran. Schließlich kann er die Trommel hören. Sie kommt von hinten. Braun hat begonnen, seine Arme nach unten zu schwingen, wo sie schließlich gegen eine kurzzeitig sichtbare Trommelauflage prallen. Er erzeugt zwei rasche Schläge hintereinander. Dann wieder. Es ist laut. Er versucht den Gesang und die Trompete zu übertönen. Und es gelingt. Endlich lockert Rot den Druck auf Schwarz und lässt ihre Arme jetzt von ihm. Irgendetwas scheint sie zu beunruhigen. Während sie einen Schritt zurückmacht, kann der Schwarze nun endlich wieder seinen Stab bewegen. Ohne zu zögern schwingt er ihn und bedeutet Rot stehenzubleiben. Und sie hält still. Unterbricht den Gesang und unternimmt jetzt keinen Versuch mehr, Schwarz zu liebkosen.
Für eine kurze Weile scheint die Zeit wie eingefroren, während im Hintergrund die monotonen Trommelschläge des Brauen weiterlaufen.

Inkognito dreht sich wieder zu den Anderen. Die gelben Flecken auf ihren Körpern scheinen langsam zu verblassen. Er sieht zum Grünen und macht eine kurze Bewegung mit dem Stab. Grün beginnt zu spielen. Ein zögerliches, aber warm klingendes Geigenspiel. Währenddessen musiziert Gelb noch immer. Aber leise. Es kommt neben dem anhaltenden Getrommel des Brauen und dem Geigenspiel des Grünen kaum zur Geltung. Der Schwarze dreht sich wieder zur Roten. Nickt ihr zu und schwingt seinen Stab in die Höhe. Dann beginnt sie wieder zu singen. Mit kräftiger, aber sanfter Stimmlage. Der Raum beginnt wieder zu rumoren. Und die Wände zu zittern. Die Triangel ertönt. Abwechselnd mit der Harfe. Inkognito fährt mit dem Körper herum. Sieht erst zu Violett, dann zu Orange und macht zwei strenge Bewegungen mit dem Stab. Augenblicklich verklingen ihre Instrumente wieder. Dann ein Schwenk zu Braun. Noch ein ruckartiger Schwung. Dann drei kurze Bewegungen. Der Takt der Trommelschläge wird länger. Weniger Schläge ertönen.

Mit einer langsamen Bewegung dreht sich der Schwarze jetzt wieder Richtung Rauminneres, neigt den Kopf dann nach oben und hebt den Stab dorthin, wo der Gelbe steht. Ihre Blicke treffen sich. Die Trompete verklingt. Endlich setzt er das Instrument wieder ab. Gelb schaut bewegungslos runter. Unter ihm bröselt Staub in die Tiefe. Inkognitos Atem wirkt geduldig. Er setzt an, schwingt den Stab und gibt dem Gelben einige Töne vor. Doch er reagiert nicht. Verweigert das Musizieren mit dem Schwarzen. Stattdessen bleibt er reglos stehen und lacht. Dann dreht er sich weg, macht einige Schritte zurück und verschwindet aus dem Sichtfeld.

Im gleichen Augenblick glaubt Inkognito ein fernes Klavierspiel von oben zu vernehmen. Es sind die Töne des Grauen. Ist er oben? Die Beherrschung des Schwarzen scheint für den Augenblick wieder zusammenzubrechen. Wird von Aufregung und Anspannung abgelöst. Wenn Grau dort oben ist - und auch Gelb – dann hätte er endlich alle Gestalten gefunden.

Plötzlich fangen auch Blau und Orange wieder an zu musizieren. Es wirkt schräg. Nicht miteinander abgestimmt. Der Raum zittert jetzt stärker. Ein lautes Dröhnen erfüllt Inkognitos Inneres. Augenblicklich reißt er seine Arme hoch und presst sie gegen seinen Kopf. Fürchterliche Kopfschmerzen breiten sich in ihm aus. Dann drückt ihn plötzlich irgendwas nach unten. Alles wird auf einmal alles so schwer. Er beginnt zu stöhnen. Laut. Schwingt jetzt den Stab unkoordiniert hin und her. Violett spielt einen Ton mit der Triangel. Dann ein Paukenschlag. Dazu die Trommel von Braun. Sie klingen versetzt. Das Geigenspiel verliert sich. Rot tritt langsam wieder näher. Hebt den Arm, will Schwarz runter drücken. Auf dem Boden halten. In das gelbe Wasser tauchen. Inkognito sieht nach oben. Er atmet schnell. Gerade, als Rot seine Schulter berühren will, macht er einen langen Schritt zur Seite. Kommt dabei ins straucheln und fällt mit dem Gesäß auf den Boden. Bei seinem Aufprall spritzt gelbe Farbe herauf und trifft Rot. Dann das Echo eines fernen Gelächters. Vom Gelben. Irritiert schüttelt der Schwarze den Kopf. Irgendwo knackt etwas. Dann wird es zu einen quietschenden Klirren.

Als Inkognito zum Himmel blickt, muss er mit ansehen, wie kleine
Scherbenstücke aus ihm herausbrechen. Dort, wo der Riss entlangläuft. Die Himmelssplitter fallen herunter. Einige von ihnen stürzen direkt auf den Versuchsraum zu. Hektisch reißt der Schwarze sich hoch. Dann geht es schnell. Ein Scherbenteil kracht in die linke Deckenhälfte des Versuchsraums und durchbricht den Beton, der beim Aufprall zu unzähligen Einzelteilen zerspringt. Überall krachen jetzt größere Betonplatten auf den gelb getränkten Boden. Der Himmelssplitter hinterher. Mit einer unsagbaren Kraft wuchtet er durch den Boden hindurch und kracht von einem Stockwerk ins Nächste hinab. Überall zerberstet der Boden. Die gelbe Farbe fließt jetzt dort ab, wo der Splitter einen tiefen Abgrund hinterlassen hat.

Inkognito springt zurück. Entkommt einer herabstürzenden Betonplatte. Dort wo er jetzt auftritt, beginnt der der Boden wieder zu knarren. Kleine Risse bilden sich. Staub bröckelt heraus. Dann kleinere Steinchen, bis sich schließlich ein neuer Abgrund bildet. Der Schwarze hat sich inzwischen wieder in eine stabilere Ecke des Raumes gerettet. Vorerst. Nach und nach wird der ganze Boden dieses Raumes von Rissen durchzogen. Die gelbe Farbe sammelt sich in ihnen. Die ganze Szenerie gleicht jetzt einem chaotisch abstrakten Kunstwerk. Und im Hintergrund musizieren die Gestalten wild durcheinander. Der Schwarze reißt den Kopf wild hin und her. Erst zu Boden. Dann zum Himmel, dann zu den anderen Gestalten. Jetzt wieder zur Roten. Er ist hoffnungslos überfordert. Schließlich bricht er in sich zusammen.

Es ist wieder schwarz. Schwarz und still. Um ihn herum nichts. Kein Licht, keine Töne, gar nichts. Dann spürt er plötzlich, dass er sich abwärts seiner Hüften nicht mehr bewegen kann. Er steckt fest. Irgendwo drin. Er bewegt seine Arme abwärts. Stößt dann auf einen harten Widerstand. Er versucht sich von ihm abzudrücken. Merkt dabei, dass er sein Unterkörper in einer Art Steinboden festsitzt. Er hört etwas tropfen. Über ihm. Doch es fällt nichts herunter. Inkognito wird nervös. Will aufstehen, aber es geht nicht. Unter ihm schwingt jetzt etwas. Wellenartige Schwingungen. Dann spürt er plötzlich, wie sich der Boden unter ihm in eine Art zähe Flüssigkeit verwandelt. Sie scheint ihn jetzt herunterziehen zu wollen. Verängstigt dreht er seinen Kopf nach unten. Will mit den Armen dagegen drücken. Doch der Untergrund ist nicht fest. Seine Arme versinken jetzt auch darin. Er kommt nicht mehr raus. Panik. Er will nach Hilfe rufen. Aber hier ist niemand. Er steckt jetzt bis zu den Ellenbogen im Boden. Noch mehr Panik.

Plötzlich spürt er etwas. Es ist, also tippe jemand mit einem Finger gegen eine Tischplatte. Dann wird das Gefühl intensiver. Es ist sein Stab. Er spürt seinen Dirigentenstab, wie er leicht gegen einen Notenständer gestoßen wird. Er konzentriert sich. Kann die Bewegungen des Stabes jetzt gedanklich manipulieren. Er denkt sie. Fühlt sie. Es wirkt plötzlich alles vollkommen surreal. Und doch echt. Während der Schwarze zunehmend tiefer herabsinkt, wird er umso ruhiger. Er vertraut nun gänzlich dem Gefühl, seinen Stab zu führen. Er versucht ein Musikstück zu denken. Fühlt sich mit jedem Ton freier. Beachtet das Herabsinken nicht mehr länger. Es ist jetzt nicht mehr wichtig. Es ist die Musik, in die er seine Konzentration legt.

Ein hoher Ton erklingt. Das Instrument ist nicht definierbar. Dann ein etwas tieferer. Jetzt ein Akkord. Zwei schnelle Töne. Dann wieder ein langer. Eine kurze Pause. Dann geht es weiter. Jeder einzelne Ton bildet sich durch eine präzise Schwingung seines Stabes in seinem Kopf ab. Er sieht eine Gestalt. Er sieht sich. Sieht sich auf einem Podest. Vor ihm ein großes Publikum. Es ist voller formloser Gestalten. In allen möglichen Farbvariationen. Gelb, Grün, Rot, Blau, Violett, Grau, Braun, Orange, Türkis, Hellblau, Rosa, Silber, Gold, Kupfer… es geht ewig weiter. Und alle stehen sie. Bewegen den Körper zur Musik. Bewegen ihn nach seiner Vorgabe. Dann sieht er in der Mitte eine weiße Gestalt. Die einzige Gestalt, die still bleibt. Die sich nicht rührt. Sie nickt ihm zu. Scheint zufrieden. Inkognito verspürt Freude. Schwingt weiter. Schwingt voller Elan.

Das Bild verschwimmt wieder. Es wird dunkel. Um ihn herum bebt es jetzt. Es bebt kräftig. Es bröckelt. Der Boden um ihn herum bildet Risse. Licht strahlt hindurch. Grelles unsäglich helles Licht. Dann zerbrechen die ersten Gesteinsbrocken. Seine Beweglichkeit kehrt zurück. Mit aller Kraft reißt er seine Körperteile auseinander. Erst die Arme, dann die Beine. Es fühlt sich gut an. Es fühlt sich richtig an. Freiheit. Ja, es fühlt sich nach Freiheit an. Inkognito hebt den Kopf an. Schaut in den Himmel. Schaut solange dorthin, bis die Helligkeit ihn blendet. Bis sie ihm Schmerzen bereitet. Schließlich verschwimmt alles. Der Himmel, die Umgebung und er selbst.

Grüner: …ich wusste doch, dass du wieder zu dir kommst.

Inkognitos Sicht ist wieder da. Er liegt auf dem Boden. Um ihn herum sind die Anderen versammelt. Zuerst erblickt er den Grünen, der sich über ihn beugt. Als er den Blick wandern lässt, erkennt er daneben den Blauen stehen. Den beiden gegenüber stehen Violett, Orange und Braun. Als er dann erneut zu Grün und Blau sieht, erkennt er jetzt auch Rot zwischen ihnen.

Inkognito: …was… was ist passiert? Wo… wo bin ich?

Blauer: …dich haben die Kräfte verlassen. Bist zusammengebrochen. Und der Versuchsraum der Physiker wenig später dann auch. (Pause) Ich hab dich raus geschleppt.

Erst jetzt bemerkt Inkognito, dass er sich nicht mehr im Schulgebäude befindet. Er liegt auf dem Schulhof. Blau hatte ihn aus dem Gebäude getragen, während drinnen alles auseinanderzubrechen drohte. Der Schwarze richtet sich langsam wieder auf. Sieht jetzt zur Schule rüber. Sieht bereits an ihrer Fassade, dass das Schadensausmaß enorm zugenommen hat. So enorm, dass ein Betreten lebensgefährlich geworden ist. Inkognito zieht seinen Kopf in die Länge.

Inkognito:
…Grau und Gelb sind noch da drin. Wir müssen sie finden. Um jeden Preis.


Ende von Teil 2
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"Es gibt überall Blumen für den, der sie sehen will."
-Henri Matisse

Meine Kurzgeschichten:
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Meine lange Geschichte:
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Liro




Alter: 27
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BeitragVerfasst am: Fr Jan 13, 2012 23:48    Titel: Antworten mit Zitat

Teil 3

Kapitel 1: Entschlossenheit


Inkognito steht wieder. Hat den Blick auf die Schule fixiert. In ihm arbeitet es. Violett hat begonnen, eine Melodie zu spielen. Doch keiner scheint sie zu beachten. Auch nicht der Schwarze. Immer wieder geht von der Schule ein abgehacktes lautes Krachen aus. Vermutlich stürzen irgendwo da drin wieder ein paar Räume in sich zusammen. Inkognito schluckt. Sieht jetzt zum Himmel. Sieht zu dem durchgehenden Riss. Auf die Stellen, an denen die Splitter herausgefallen sind. Es ist schwarz. Überall, wo der Himmel fehlt, sind leere dunkle Flecken entstanden. Unweigerlich weckt dieser Anblick ein Gefühl von Einsamkeit, von totaler Leere in ihm. Rasch senkt er seinen Kopf wieder und schüttelt ihn dann kräftig. Er holt tief Luft. Dreht sich dann zum Blauen.

Inkognito: …Ist das Treppenhaus noch intakt? Schafft man es über die Treppen noch bis zum Dach?

Blauer: …Ich schaffe das sicherlich. Bei den Anderen bin ich mir da aber nicht so sicher.

Wieder eine Detonation. Dann ein krachendes Klirren. Inkognito hält seinen Atem. Holt dann tief Luft und spricht weiter.

Inkognito: …Okay, wenn du das schaffst, ist es also machbar. Wir müssen los. Je länger wir warten, desto schwieriger wird es.

Ohne weitere Verzögerung rennt der Schwarze los. Geradewegs auf die Schule zu. Nach fünf, sechs Schritten bemerkt er einen stechenden Schmerz in den Beinen. Er wird für einen kurzen Augenblick langsamer, blickt zunächst auf seine Knie und inspiziert dann seinen Unterkörper. Da er nichts Verdächtiges entdeckt, beschleunigt er schließlich wieder und rennt weiter Richtung Schule. In gemäßigtem Tempo folgen ihm nun auch die Anderen. Immer und immer wieder geht von dem Gebäude ein Knarren, ein Rumpeln und lautes Getöse aus. Als wolle es zu den Anderen sprechen und ihnen mitteilen, dass sie fort müssen. Und zwar schnell. Weit fort.

Inkognito kommt an der Eingangstür an und will sie zu sich heranziehen. Doch es geht nicht. Sie klemmt. Dann fällt ihm plötzlich auf, dass quer vor der Tür ein verwitterter Holzbalken angebracht ist und den Durchgang versperrt. Er ist neu, war vorher noch nicht da. Mit schwarzer zerlaufener Farbe ist der Schriftzug „Geschlossen“ aufgemalt. Irritation.



Was soll das? Wer hat das angebracht? Egal. Es muss weiter gehen. Schnell.



Er senkt nun beide Arme, greift unter den Balken und will ihn abnehmen. Doch es geht nicht. Er ist zu schwer. Doch wo hängt er fest? Keine Halterung. Keine Nägel in der Wand. Es ist, als schwebe er in der Luft und drückt sich von selbst an der Tür fest. Er versucht es noch einmal. Bringt all seine Kräfte auf. Während er daran zieht, entsteht ein Trommelwirbel. Es wird schnell lauter. Erschrocken dreht sich der Schwarze um. Zu spät. Es kracht. Inkognito fliegt zur Seite und wird zu Boden geworfen. Unerträgliche Schmerzen. Dann das Geräusch von zersplitterndem Holz. Schmerzverzerrt richtet sich der Schwarze wieder auf. Sieht jetzt, dass Braun den Balken zerschlagen hat. Die Tür ist wieder frei. Es kann weiter gehen. Mühsam steht Inkognito wieder auf. Steht wieder auf beiden Beinen und geht weiter. Keiner scheint zu bemerken, dass Violett noch immer auf seiner Triangel musiziert.

Der Schwarze steht wieder vor der Tür, zieht jetzt einer der beiden Flügel zu sich heran und tritt danach über die Türschwelle. Er erkennt den Stundenplan vor sich wieder. Eigentlich nicht der Rede wert. Doch da ist etwas. Mit derselben schwarzen Farbe, wie auf dem Holzbalken sind zwei kurze Wörter darauf gekritzelt. „Hau ab“. Wieder arbeitet es im Kopf des Schwarzen.



Irgendjemand will nicht, dass ich die Farbigen vereine und das Konzert spiele. Irgendjemand will verhindern, dass die Aufgabe vom Weißen durchgeführt wird. Oder ist es nur eine Warnung? Vielleicht sogar vom Weißen selbst. Eine Warnung, zu verschwinden. Damit ich nicht lebendig begraben werde. Aber was für einen Wert hat das schon, wenn hier alles verschwindet? Wie auch immer. Ich kann dieser Warnung nicht nachkommen. Ich bin hier, um eine Aufgabe zu erfüllen. Wenn ich es nicht schaffe, ich mein Dasein unberechtigt. Und das darf nicht sein.



Inkognito dreht sich wieder vom Plan weg. Sieht jetzt in den rechten Teil des Ganges. Der Teil, der zum Treppenhaus führt. Überall Trümmer und Löcher. Es ist dunkel und staubig. Inkognito hustet. Die Umgebung zwingt ihn geradewegs dazu. Er hustet laut. Geht dann weiter. Steigt über die Trümmer, springt über die Löcher. Während er voranschreitet, breitet sich um ihn herum der Geruch von Chlor aus. Das Chlor, das von unten, vom Schwimmbad, durch die Löcher und Ritzen im Boden nach oben steigt. Die Wände zittern und werden von einer unbekannten Kraft erschüttert. Allerdings fällt es kaum auf. Ist aber ein ständiger Begleiter. Wie auch Violetts Triangelspiel. Schwarz kommt der Treppe näher. Die Anderen hinter ihm ebenso. Seitlich vor ihm sind noch vier Türen. Dann drei. Er will weiter gehen, die nächste Tür passieren. Doch er stoppt. Vor ihm ist etwas. Dort steht jemand. Doch es ist weder Grau, noch Gelb. Nein. Die Gestalt hat keine Farbe. Sie ist transparent. Urplötzlich erinnert sich Inkognito an den Orgelspieler. Ja, Genauso hat er auch ausgesehen.

Inkognito: …Geh zur Seite. Wir müssen weiter.

Wieder ein lauter Trommelwirbel. Inkognitos Herz geht schneller. Instinktiv wirft er sich zu Boden. Reagiert diesmal rechtzeitig. Dann spürt er einen kurzen kräftigen Windstoß über sich. Es ist wieder Braun. Er hechtet über ihn hinweg und springt auf die transparente Gestalt zu. Schwingt den Arm. Haut zu. Doch er schlägt ins Leere. Kracht hinter der fremden Gestalt zu Boden. Über ihn ein Quietschen. Ein Rumpeln. Augenblicklich kracht eine Betonplatte auf ihn nieder. Er brüllt los. Staub rieselt hinterher. Braun rührt sich nicht mehr. Inkognito richtet sich zu halber Höhe wieder auf. Sieht zur farblosen Gestalt. Sieht, dass sie unverändert im Gang steht. Die Arme herabhängend, den Kopf gerade haltend, auf die Gruppe blickend.

Die Musik einer Orgel erklingt. Der Farblose steht immer noch reglos da. Die Erschütterung des Flurs nimmt zu. Die anderen Gestalten können sich nicht mehr halten. Werden durchgeschüttelt. Zu Boden geworfen. Einige drohen in die kleinen Abgründe im Boden zu fallen. Können sich aber rechtzeitig an herausgerissenen Steinplatten in den Wänden und am Boden festhalten. Als Inkognito genauer zur Wand schaut, sieht er, dass auch einige, der Türattrappen von der Wand abgetrennt worden sind. Und er sieht, dass hinter ihnen kein Rauminneres zum Vorschein kommt, sondern Mauerwerk. So, wie auch der Rest der Wände. Wieder dieses Gefühl von Irritation.



Was zum Teufel soll das? Falsche Türen?



Plötzlich wird die Musik der Orgel von einem lautstarken Becken übertönt. Dann nochmal. Die Töne sind schnell und kräftig. Blau rennt los. Rennt schnell. Durch den Farblosen hindurch. Rennt weiter. Dreht den Kopf nach hinten, als er fast bei der Treppe angelangt ist.

Blauer: …Jetzt kommt endlich! Der hier macht nichts. Steht nur blöd rum!

Inkognito verliert die Fassung. Aber nur kurz. Bekommt sich dann wieder in den Griff und nickt.



Ja. Er tut nichts. Soll uns nur verschrecken. Nichts weiter.




Er rennt nun ebenfalls los. Verstolpert wegen der Erschütterungen. Fängt sich wieder und rennt auf den Farblosen zu. Als er durch ihn hindurch schreitet, zersplittert die Musik der Orgel. Der Farblose verschwimmt. Verliert sich. Verschwindet. Der Anderen folgen. Stolpernd und unbeholfen. Kommen aber voran.

Blau hat bereits die Treppe betreten. Rennt hoch. Die Anderen hinterher. Dann ertönt wieder ein Trommelwirbel. Gefolgt von einem lauten Brüllen. Betonsteine fliegen durch die Luft. Braun steht wieder. Hat sich befreit. Zögert nicht lange und schließt sich den Anderen wieder an. Rasch verschwindet die Gruppe aus dem Erdgeschoss und bewegt sich zielstrebig nach oben. Die Triangel ist endlich verklungen.
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"Es gibt überall Blumen für den, der sie sehen will."
-Henri Matisse

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Alter: 27
Anmeldungsdatum: 01.08.2010
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BeitragVerfasst am: Sa Jan 21, 2012 22:17    Titel: Antworten mit Zitat

Teil 3

Kapitel 2: Aufstieg


Auf dem ersten Zwischenpodest hat Schwarz den Blauen wieder eingeholt. Es ist von dicken Rissen durchzogen und wirkt außerordentlich porös. Sie rennen weiter. Bemerken, dass vor ihnen eine Treppenstufe herausgetrennt ist und überspringen diese Lücke. Orange und Rot kommen hinterher. Dann Grün. Dann Braun. Violett krabbelt an der Wand hoch - meidet den direkten Kontakt mit den brüchigen Treppenstufen. Inkognito und Blau erreichen das erste Stockwerk. Während der Blaue direkt weiter nach oben rennt, hält der Schwarze dort an und blickt in den Flur hinein. Fünf sechs Schritte weiter einwärts ist der gesamte Boden herausgebrochen. Ein Durchqueren des Ganges ist vollkommen unmöglich geworden. In Gedanken versunken, blickt Inkognito auf eine Neonröhre, die an einem grauen Kabel von der Decke baumelt. Sie surrt quälend vor sich her. Spendet allenfalls noch einen schwachen Hauch von Licht.

Wieder eine heftige Erschütterung. Kurz bevor der Blaue auf das nächste Zwischenpodest treten will, zerbricht es in zwei Hälften, fällt ineinander und kracht daraufhin in die Tiefe. Gerade noch rechtzeitig schreckt er zwei drei Stufen zurück. Rot und Orange haben das Stockwerk nun ebenfalls erreicht und rennen weiter, ohne Notiz vom zerstörten Zwischenpodest weiter oben genommen zu haben. Als Rot dann die zweite Stufe nach oben betritt, bricht auch diese unter ihr zusammen. Im letzten Augenblick springt sie von ihr ab und rettet sich auf die Stufe darüber. Orange hingegen bleibt rechtzeitig stehen. Die Anderen sind jetzt auch im ersten Stockwerk eingetroffen und kommen dort zum Stillstand, als sie Inkognito und den Orangen vor den Treppen stehen sehen. Weiter oben poltert es jetzt. Irgendetwas stürzt wieder in die Tiefe. Dann zerschellt dieses Etwas irgendwo dort unten. Der Ton von zerbrechendem Stein. Für den Augenblick wirkt es, als krache eine Abrissbirne in das Gebäude. Wieder eine Erschütterung. Diesmal noch heftiger. Mit Mühe halten sich die Gestalten auf den Beinen. Inkognito atmet schwer. Dann reißt er seinen Dirigentenstab in die Luft und zieht den Kopf in die Länge.

Inkognito: …weiter!

Blau geht jetzt in die Hocke. Federt sich dann vom Boden ab und springt, mit den Beinen voran, an die gegenüberliegende Wand. Dort kommt er mit den Beinenden auf, stützt sich im Sprung von ihr ab und springt von der Wand um die Ecke auf die nächste Stufe. Dann rennt er weiter. Rot nimmt Anlauf, springt ebenfalls gegen die Wand und kommt um die Ecke auch auf die nächste Stufe. Inkognito vernimmt das Geräusch von hastigen Schritten über sich. Blau und Rot kommen weiter. Er nickt. Dann macht er es auch so. Violett krabbelt unterdessen wieder an den Wänden entlang. Umgeht die Abgründe vor sich. Nach und nach überwinden auch die Anderen die jüngst entstandenen Lücken im Treppenhaus und erreichen schließlich das zweite Stockwerk. Als der Schwarze oben ankommt, bemerkt er, dass die Gruppe dort wieder zum Stillstand gekommen ist. Vor der ersten Stufe zum dritten Stockwerk ist ein Eisengitter angebracht. Es versperrt den Durchgang nach oben.

Inkognito ballt die Armenden. Trommelwirbel. Braun schnellt an ihm vorbei und schmettert die Fäuste in das Eisen. Doch er kommt nicht durch. Durch die Erschütterung seiner Schläge beginnen die Wände drum herum zu vibrieren. Dann erzittert den Boden. Neue Risse bilden sich. Steinchen bröckeln heraus. Dem Schwarzen kommt eine bedrohliche Ahnung. Eine Ahnung, dass das gesamte Treppenhaus an dieser Stelle in wenigen Augenblicken zusammenbrechen wird. Er blickt zur Seite. Sieht vor sich im Gang den Geröllhaufen, der den Weg ins Innere versperrt. Er erinnert sich. Ja. Hier ging es ja nicht weiter. Einen anderen Weg nach oben scheint es also nicht zu geben. Wieder richtet er den Blick auf das Gitter. Dann wird er ruhig, während der Lärm durch die stetige Zerstörung in der Schule weiter zunimmt.

Um ihn herum wird es dunkel. Er konzentriert sich. Die Beckenscheiben von Blau ertönen. Sie verklingen. Ertönen erneut. Verklingen wieder. Währenddessen setzt die Geige von Grün ein. Begleitet Blau in seinem Spiel. Das Lied wirkt kräftig. Inkognito sieht plötzlich überall Bäume um sich. Graue leblose Stämme. Er sieht sich rennen. An ihnen vorbei. Immer weiter. Er erinnert sich. Erinnert sich, wie er zum Schulgebäude rannte. Erinnert sich an die Leichtigkeit - an die neu gewonnene Kraft, die er fühlte, als er diese Welt betrat. Er sieht seinen Stab. Sieht ihn in seinem Armende. In Gedanken schwingt er ihn. Nein. Nicht nur in Gedanken. Der Schwarze steht immer noch vor dem Gitter. Seine Sicht hat er verschlossen. Er schwingt ihn hoch. Reißt durch die Bewegung einen feinen, aber tiefen Schnitt in das Gitter. Dann schwingt er ihn waagerecht, anschließend diagonal nach unten, macht dann wieder eine waagerechte Bewegung und zum Abschluss ein Schwung aufwärts. Dann scheppert es. Die Musik verstummt wieder. Inkognito öffnet nun wieder seine Sicht. Vor ihm ist jetzt ein großes freies Rechteck in dem Gitter zu sehen. Es wirkt wie ein großes Fenster. Dann wirft er einen Blick nach unten und entdeckt direkt vor sich, auf der ersten Stufe aufwärts, das herausgetrennte Gitterstück.

Das Geräusch von zerbröselndem Stein. Das Geräusch eines neu entstehenden Risses. Es kommt vom Boden. Von dort, wo sich die Gruppe vor dem Gitter versammelt hat. Der Boden scheint das Gewicht nicht mehr lange tragen zu können. Inkognito packt den Stab rasch in seine Tragetasche und bewegt sich vorwärts. Klettert durch das Loch in dem Gitter und rennt die Stufen hoch. Sie wirken schief und verdreht. Sind durch die permanenten Erschütterungen versetzt worden. Blau bewegt sich. Ebenfalls durch das Gitter, und dann weiter nach oben. Unter ihm fällt jetzt ein kleines Bodenstück in die Tiefe. Angrenzend bilden sich viele kleine Risse. Zu allen Seiten bröckeln Steinchen und feiner Staub herab. Orange klettert hinterher. Grün folgt. Dann Orange. Dann Rot. Die Risse treffen sich irgendwo. Reißen jetzt eine größere Bodenfläche in die Tiefe. Braun und Violett befinden sich noch immer vor dem Gitter, während sich dahinter nun ein zwei Meter breiter Abgrund gebildet hat. Braun nimmt Schwung. Springt mit aller Kraft durch die Öffnung hindurch und kommt auf der anderen Seite wieder auf eine der Stufen auf. Sein gewaltsamer Aufprall bringt nun auch diese zum Einsturz. Augenblicklich springt er weiter nach oben und entkommt so dem Schicksal, mit ihr in die Tiefe gerissen zu werden. Violett klettert indessen durch das Gitter an die Decke und lässt sich auf dem nächsten Zwischenpodest wieder fallen. Hinter ihm stürzt eine weitere Stufe herab, wodurch auch die nachfolgende Stufe ihren Halt verliert. Es bilden sich weitere Risse, die sich jetzt auch durch die Wände des Treppenhauses hindurch ziehen und dabei ein grelles und verzerrtes Quietschen erzeugen. Das Ganze untermalt von einem stetigen Getöse aus allen erdenklichen Richtungen. Als sich Braun und Violett dann weiter aufwärts bewegen und anschließend im dritten Stockwerk ankommen, bemerken sie, dass die Anderen bereits auf sie gewartet haben.

Nur noch zwei Etagen. Dann sind sie da. Augenblicklich wird das ganze Treppenhaus wieder durchgeschüttelt. Die Gruppe stürzt zu Boden. Wird wild hin und her katapultiert. Teilweise in den Gang hinein. Teilweise gegen die Wände. Es regnet Staub. Die Sicht wird sehr schlecht. Einige der Gestalten beginnen kräftig zu husten. Die letzte Neonröhre kracht hinunter. Nur noch das graue gedämpfte Licht verbleibt, das von draußen durch die zersprungenen Fenster in den Gang eindringt. Der Boden ist kaum mehr zu erkennen. Eine dicke Staubschicht hat sich darauf abgesetzt. Sie macht es schwierig, das Ausmaß der Zerstörung zu bestimmen. Mühsam richtet sich der Schwarze wieder auf. Unter ihm ist der Boden zu dreißig Grad nach oben verschoben. Auch die Anderen stehen langsam wieder auf. Dann wieder ein bedrohliches Bröckeln. Rascheln. Kratzen. Die Geräuschkulisse überwirft sich. Inkognito blickt zur Wand, die das Treppenhaus von außen stützt. Blickt dorthin und beobachtet fassungslos, wie sich ein großes Stück von ihr löst. Wie es große Teile der Treppen mit herausreißt und dann nach außen in die Tiefe herabstürzt.

Für den Augenblick ist er unfähig, sich zu bewegen. Er atmet schwer. Kurzzeitig scheint er gar nichts mehr zu hören. Dann kracht die Wand irgendwo unten auf den Boden und zersplittert dort zu Kies und Geröll. Zögerlich schreitet Grün an die freie Stelle und blickt in die Tiefe. Schwarz schaut entgeistert hinaus. In den vernebelten grauen Wald. Überall kleine Risse. Sie verzerren das Bild der Monotonie. Bringen Chaos in die geordnete Landschaft. Und erzeugen ein seltsames Gefühl von Angst. Angst um seine Existenz. Angst um die Existenz generell.

Blauer: …Hey! Wir müssen weiter! Der Weg nach oben ist immer noch betretbar!

Blau rennt los. Rennt hoch Richtung viertes Stockwerk. Rennt von einem Stufenrest auf den Nächsten. Inkognito wendet den Blick wieder ab und sieht zum Treppenhaus hoch. Zu dem, was davon noch übrig geblieben ist. Nach außen hin sind zwar große Teile der Stufen herausgetrennt. Aber die verbleibenden Stufenstücke reichen noch aus. Inkognito schüttelt heftig den Kopf und rennt jetzt ebenfalls weiter. Weiter nach oben. Der Rest der Gruppe hinterher.
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"Es gibt überall Blumen für den, der sie sehen will."
-Henri Matisse

Meine Kurzgeschichten:
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BeitragVerfasst am: Mi Feb 01, 2012 22:15    Titel: Antworten mit Zitat

Teil 3

Kapitel 3: Dissonanz


Auf ihrem Weg in den vierten Stock bröckeln immer wieder kleine Teile aus den Stufen heraus. Fallen herunter. Hinterlassen irgendwo ein dort unten ein Echo und erfüllen das ganze Treppenhaus mit unkoordiniertem Lärm. Permanente Erschütterungen begleiten das Spektakel. Und ständige Schläge und Verzerrungen der Bausubstanz gesellen sich hinzu. Das ganze Treppenhaus mutet an, wie ein Turm, der jeden Augenblick in sich zusammenfällt.

Inkognito erreicht das Zwischenpodest. Blau ist bereits oben angekommen und dort stehengeblieben. Sein Blick richtet sich nach hinten. Er wartet auf die Anderen. Vergewissert sich, ob es überhaupt noch alle bis nach oben schaffen. Der Schwarze bewegt sich umständlich über die Betonstücke, die vom Zwischenpodest übrig geblieben sind und tritt dann auf die nächste Stufe. Vor ihm ist wieder eine Lücke. Und weiter aufwärts sind nur noch ein paar waagerechte Steinformationen, die aus der Wand herausragen. Er überlegt kurz, sieht dann, dass das Treppengeländer noch intakt ist, und zieht sich daran hoch. Überspringt dabei die Lücke und landet mit dem rechten Beinende auf dem besagten Stufenrest. Das andere Beinende ist schon eine Stufe weiter. Er nimmt Schwung. Bewegt sich weiter nach oben. Doch dann erfasst ihn wieder eine kräftige Erschütterung. Er verliert den Halt. Droht zu stürzen. Wird dann aber aufgefangen.

Blau ist eine Stufe heruntergestiegen und hält jetzt Inkognitos Arm fest. Der Schwarze zittert. Sein Herz fühlt sich an, als hätte jemand wuchtig dagegen getreten. Dann sieht er hoch. Sieht den Blauen, der ihn noch rechtzeitig gepackt hat. Der ihn jetzt hinaufzieht. Dann hat er es geschafft. Endlich kommt er im vierten Stock an. Inkognitos Atem geht unregelmäßig. Er ist erschöpft. Vollkommen fertig. Doch in seinem Kopf arbeitet es nachwievor. Es muss weitergehen. Noch ein kleines Stück. Und dann? Was dann? Dann findet er vermutlich die gelbe Gestalt. Und Grau? Der fehlt dann immer noch. Ja, vermutlich muss er nochmal zurück. Nochmal kreuz und quer durch das Gebäude, das schon seit einer Weile am zusammenbrechen ist.

Hinter ihm kommen jetzt auch die Anderen im vierten Stock an. Inkognito wird wieder aus seinen Zweifeln herausgerissen und springt jetzt auf. Springt rasch auf die nächste Stufe nach oben und rennt weiter. Das Treppenhaus scheint hier noch weitgehend unbeschädigt zu sein und auch die Außenwand ist hier wieder vorhanden. Der Schwarze erreicht das nächste Zwischenpodest, dreht sich kurz herum, betritt dann die weiteren Stufen nach oben und erblickt jetzt das Ende des Treppenhauses. Er rennt hastig drauf zu. Auf eine Ausgangstür. Eine Art von Tür, die er kennt. Einer dieser falschen Türen ohne Türknauf. Für den Augenblick blendet er diese Information einfach aus. Es ist ihm egal. Er will hoch. Um jeden Preis. Und wenn er die Tür mit voller Wucht einrennen muss.

Die anderen Gestalten sind dicht hinter ihm. Folgen seiner Entschlossenheit. Seiner Zielstrebigkeit. Blau. Grün. Braun. Violett. Und Rot. Nur einer ist zurückgeblieben und befindet sich noch im vierten Stock. Es ist Orange. Anstatt weiter nach oben zu rennen, bewegt er sich langsam in den Flur dieser Etage hinein. Wie hypnotisiert blickt er dabei geradeaus und führt seinen Arm jetzt in völliger innerer Ruhe an seine Harfe. Dann beginnt er zu spielen. Vor ihm erscheint eine transparente Gestalt. Hinter ihr noch eine. Und dann wieder eine. Es werden immer mehr Gestalten, bis sie sich schließlich nicht mehr zählen lassen. Der ganze Gang ist voll davon. Von ganz hinten nähert sich nun der Klang einer Orgel. Er wirkt bedrohlich. Aufregend. Beunruhigend. Wird zunehmend kräftiger. Orange stimmt mit ein. Begleitet jetzt das Orgelspiel und versinkt in der Musik. Dann verlässt ihn ein Seufzer.

In diesem Augenblick tritt der Schwarze auf die letzte Stufe auf, federt sich ab, winkelt dabei den rechten Ellenbogen an und wirft sich gegen die Tür. Als er sie berührt, scheint sie ihn augenblicklich auf eine seltsame Art und Weise zu absorbieren. Die Gruppe hinter ihm stoppt kurzerhand und weicht zurück. Schwarz ist weg. Die Tür nachwievor verschlossen. Der Großteil der Gestalten stoppt den Atem. Sie wirken erstaunt, entgeistert. Keiner rührt sich. Dann dringt schließlich die Musik der Orgel zu ihnen durch. Verwundert drehen sich einige von ihnen herum. Es klingt unheimlich. Und Orange ist mittendrin.



Es ist wieder dunkel. Wieder so schwarz und leer. Wo bin ich? Ich bin nicht auf dem Dach. Höre ich wieder Wassertropfen? Ja. Da sind welche. Sie wiederholen sich. Spüre ich da eine Bewegung um mich herum? Die Bewegung von Wasserwellen? Ja. Die spüre ich tatsächlich. Werde ich jetzt wieder irgendwo aufwachen. Bin ich hier etwa fertig? Fertig, weil ich meine Aufgabe nicht erfüllen konnte? Oder geht jetzt wieder alles von vorne los? Ich bin müde. Erschöpft. Ich brauche eine Pause.



Inkognito spürt jetzt eine Berührung. Eine Berührung am Ende seines Armes. An seiner Hand. Seine Hand? Ja tatsächlich. Er hat eine Hand und daran sind fünf Finger. Zwischen ihnen sind fremde Finger. Sie sind eingehakt. Eigentlich sind sie nicht fremd. Sie kommen ihm bekannt vor. Ja, er kennt sie. Die Dunkelheit baut sich langsam ab. Er sieht ein verschwommenes Bild. Es ist farbig. Keineswegs mehr grau. Er erkennt nun den groben Umriss der anderen Person vor sich. Er kann sie noch nicht richtig zuordnen. Aber er kennt sie. Es ist der Geruch. Ihre Art. Es ist wieder dieser Junge. Er hält seine Hand. Wärmt sie. Nein. Ihre Hand. Inkognitos Körperbau verliert seine simple Form. Wird detailreicher. Geschwungener. Feiner. Anmutiger. An dem Kopf hängen jetzt lange Strähnen. Lange Haare. Er ist dieses Mädchen. Das Mädchen, das er auf den Bildern und in seinen Erscheinungen gesehen hat. Der Junge hält ihre Hand und sie hält seine.

Das Bild wird immer klarer. Sie liegen auf einer Wiese. Der Junge sieht verträumt auf einen Fluss. Über ihnen ein Baum. Nicht grau. Nicht verwest. Nein - grün und saftig. Voller Leben. Um sie herum das Zirpen von Insekten. Das Herz des Mädchens geht unruhig. Es scheint in eine kratzige Wolldecke gehüllt, die es immer wieder aufs Neue zu kitzeln scheint. Es kribbelt. Fühlt sich irgendwie aufregend an. Das Mädchen - Inkognito - sieht zu dem Jungen. Jetzt sieht er auch zu ihr. Lächelt.

Junge: …ich hab dich lieb.

Inkognito schweigt. Das Mädchen schweigt. Das Gesicht zunächst noch neutral. Dann formt sie ein leichtes, flüchtiges Lächeln. Sieht zu ihm. Dann wieder zu Boden. Eine ganze Weile. Sie wartet. Hofft, dass er wegschaut. Doch er hält den Blick. Dann sieht sie schließlich auch wieder hin. Will lächeln. Doch es geht irgendwie nicht. Ihre Augen werden feucht.

Plötzlich blitzt es auf. Im Bruchteil von Sekunden schlagen unterschiedliche Bilder auf Inkognito ein. Der Junge, wie er das Mädchen küsst. Das Mädchen, wie sie weinend auf ihrer Bettkante sitzt. Ein Bild, auf dem beide gemeinsam über einen Rummelplatz spazieren. Der Junge, wie er ein anderes Mädchen küsst. Das Mädchen, wie sie von dem Jungen in den Arm genommen wird. Der Junge, wie er auf sein Mobiltelefon sieht, den Kopf schüttelt und es wieder in seine Hosentasche verschwinden lässt. Das Mädchen, wie sie die Tür knallt. Dann ein langer zärtlicher Kuss. Ein kurzes Bild, auf dem das Mädchen brüllt und heult. Wieder der lange zärtliche Kuss. Ein Bild, auf dem das Mädchen über einem Brückengeländer hängt. Wieder der Kuss. Wie sich ihre Zungen berühren. Das Bild des anderen Mädchens. Ihre Zungen. Die Andere, wie sie lacht. Der Kuss. Ihr Gelächter. Der Kuss. Ihr höhnisches Gelächter. Der Kuss. Ihr Gelächter. Wieder der Kuss. Nochmal ihr Gelächter. Kuss. Gelächter. Kuss. Gelächter. Blitz und aus!



Inkognito überkommt ein fürchterlicher Schwindelanfall und fällt zu Boden. Klatscht auf einen harten Betonuntergrund. Kopfschmerzen. Schwere Kopfschmerzen. Er stöhnt. Er will sich umsehen, erkennt aber nichts weiter als eine graue nasse Wand. Nebel. Dicker, feuchter Nebel. Als er sich jetzt vorsichtig die Augen reiben will, bemerkt er, dass seine Hände wieder weg sind. Er spürt wieder diese formlosen Armenden. Er hat wieder seine schwarze Gestalt angenommen. Er ist wieder er. Oder ist er nur ein abstraktes Abbild dieses Mädchens? Plötzlich ertönt Klaviermusik. Traurige Klaviermusik. Inkognito erkennt sie wieder. Erkennt die unverwechselbare Musik des Grauen wieder. Er ist hier. Ganz in der Nähe.

Der Nebel scheint sich mit jedem Ton zunehmend zu lichten. Inkognitos Schwindel lässt langsam wieder nach. Zögerlich richtet er sich auf. Hockt jetzt mit seinen Knien auf dem Untergrund und stützt sich mit dem rechten Arm darauf ab. Das Geräusch eines quietschenden Scharniers ertönt hinter ihm. Instinktiv dreht er sich um. Erkennt, dass hinter ihm nun eine Tür aufgegangen ist. Erkennt, wie die blaue Gestalt hindurch schreitet und nach zwei, drei Metern zum Stillstand kommt.

Das Klavierspiel bricht wieder ab. Ein Gelächter ertönt. Es klingt gruselig. Mit Wahnsinn durchsetzt. Dann eine Art Applaudieren. Der Nebel wird dünner. Die Umgebung immer deutlicher zu erkennen. Inkognito dreht sich wieder um und blickt nun verunsichert nach vorne. Blickt auf die Gestalt die dort steht. Auf eine gelbe Gestalt. Doch es ist kein kräftiges Gelb, sondern ein fauliger Farbton. Die Gestalt stinkt. Sie wirkt vermodert. Ihre Arme sind lang und hängen kraftlos herunter. An einem der Arme hängt eine Trompete. Seitlich scheinen die Tasten eines Klaviers auf ihr angebracht. Sie lacht wieder. Lacht fürchterlich.

Während jetzt auch die anderen Gestalten durch die Tür hinter ihm zum Vorschein kommen - unter ihnen nun auch der Orangene -, richtet sich der Schwarze wieder komplett auf und steht jetzt aufrecht. Aufrecht genau gegenüber der gelben Gestalt. Direkt unter einen eingeschlagenen Himmel, der inzwischen völlig verzerrt und zerbrochen wirkt.

Es ist windstill und die Luft ist schwül. Sie scheint wenig Sauerstoff zu bieten. Inkognito atmet schnell. Schnell und hektisch. Unter ihm beginnt der Boden wieder zu beben. Und zu bröckeln. Risse durchziehen ihn jetzt. Dann unterbricht das Beben wieder. Das Gelächter des Gelben hält weiter an.
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BeitragVerfasst am: Mo Feb 20, 2012 1:57    Titel: Antworten mit Zitat

Teil 3

Kapitel 4: Wechselspiel


Bevor er das Treppenhaus betreten hatte, waren Inkognitos Erwartungen Folgende gewesen. Er rennt hoch, erreicht das Dach und trifft dort die gelbe Gestalt. Hebt seinen Dirigentenstab. Gewinnt die Kontrolle über ihn. Rennt hastig wieder nach unten und hält Ausschau nach dem Grauen. Findet ihn durch den Klang seines Klaviers. Überzeugt ihn zur Teilnahme am Konzert. Rennt mit der vollständigen Truppe wieder zum Schulhof, bevor die Schule zusammenbricht. Spielt dort das Stück aus dem Notenheft und rettet diese Welt vor dem Untergang.

Unglücklicherweise sind die Dinge anders verlaufen. Er rannte hoch, erreichte das Dach, und ist dort weder auf Gelb noch auf Grau gestoßen, sondern eine fremde Gestalt, die Fäulnis und Verderben aussendet. Zudem ist auf seinem Weg nach oben das Treppenhaus abgerissen, wodurch ein Rückweg zum Schulhof unmöglich geworden ist. Das Konzert muss er folglich woanders spielen. Irgendwo in der Schule oder auf dem Dach. Dort, wo in Kürze alles zu spät sein wird. Doch ohne Gelb und Grau stellt sich die Frage nach dem Konzert eigentlich gar nicht…

Inkognitos Blick ist weiterhin nach vorn gerichtet. Auf den lachenden, applaudierenden Fremden. Er wirkt überfordert. Weiß nicht weiter. Die Zeit rennt. Er muss etwas tun. Der Blaue ist jetzt neben ihn getreten, sieht ebenfalls nach vorne. Zieht dann den Kopf in die Länge.

Blauer: …Dieses Lachen und dieses Klatschen. Das ist Gelb. Aber irgendetwas ist mit ihm passiert. Irgendetwas hat ihn verändert. Nimm ihn mit in die Gruppe auf. Ich bin sicher, dass wir schon herausbekommen, was da nicht stimmt.

Inkognito nickt. Will jetzt auf die gelbliche Gestalt zugehen. Er macht einen langsamen Schritt, dann noch einen. Die Gestalt gegenüber sieht zu. Kichert. Vor dem Schwarzen ertönt jetzt das Geräusch von Kies, der in die Tiefe bröselt. Er sieht nach unten, bemerkt jetzt, dass er etwa zwei Meter vor einem Abgrund steht. Er erinnert sich. Es ist der Spalt, den die gelbe Farbe in die Schule hineingerissen hat. Er ist zum Stillstand gekommen. Fünf bis zehn Meter vor der gelblichen Gestalt. Im Kopf des Schwarzen arbeitet es. Langsam führt er seinen linken Arm in seine Tragetasche hinein. Zieht seinen Dirigentenstab heraus. Dann richtet er ihn auf den Gelben. Beginnt ihn nun aufwärts zu schwingen. Langsam und ruhig. Unter ihm zittert der Boden. Vereinzelte Betonstücke lösen sich von der aufgespaltenen Deckenkante. Sie stürzen hinunter. Zerbrechen auf dem Boden unter ihm.

Gelb ist verstummt. Sieht jetzt zu. Schaut den Schwingungen des Stabs zu. Sein Kopf verzerrt sich leicht in die Breite. Er scheint zu grinsen. Doch dann beginnt er zu schluchzen. Zu heulen. Fauler Saft tropft von seinem Kopf hinunter und fällt dann zu Boden. Ein zischendes Geräusch. Der Beton scheint zu ätzen. Kleine Bläschen bilden sich darauf. Dann frisst sich der Saft langsam in den Boden hinein. Wieder kleine Risse. Inkognito erscheint es, als kippe die Dachfläche minimal nach innen.

Er schwingt den Stab weiter. Gibt die Anweisungen für ein Musikstück. Er legt seine ganze Konzentration hinein. Scheint vergessen zu haben, dass er wahrscheinlich mit dieser Welt untergehen wird. Es geht nicht mehr um das Konzert. Es geht darum, alles gegeben zu haben. Ja.

Die andere Gestalt lockert das rechte Armende. Ihr Instrument fällt zu Boden. Ihr Gejammer verwandelt sich allmählich in ein kindisches Gekicher. Sie hebt den rechten Arm. Streckt ihn jetzt aus und richtet das Armende auf Inkognito. Versucht ihn aus dem Konzept zu bringen. Doch der Schwarze dirigiert weiter. Fest entschlossen. Blau begleitet ihn mit dem Becken. Grün mit seiner Geige. Die Musik ist kräftig und hoffnungsvoll geworden. Der Kopf des Gelblichen zieht sich weiter in die Breite. Er senkt den ausgestreckten Arm wieder und führt ihn jetzt an seinen linken Oberarm. Er lacht. Freut sich. Dann nimmt er kräftigen Schwung und reißt ihn sich aus. Der Arm klatscht auf den Boden. Ein ganzer Schwall von dem faulen Saft tropft aus seiner Wunde heraus. Ein herzliches Gelächter. Inkognito lässt seinen Stab fallen. Er verliert das Gleichgewicht. Droht zu stürzen, geht dann aber rechtzeitig runter auf die Knie. Ihm bleibt der Atem weg. Sieht plötzlich wieder den Kuss. Dann wieder das Gelächter des anderen Mädchens. Dann ist er wieder am Ort des Geschehens. Versucht seine Gedanken wieder zu ordnen. Von hinten spürt er jetzt eine Bewegung. Dann eine Berührung. Jemand packt seine Schultern. Umklammert jetzt seinen Oberkörper. Plötzlich zieht es ihn nach hinten. Dann drücken sich Beine an seine Oberschenkel. Schränken ihn umso mehr in seiner Bewegungsfreiheit ein. Es wirkt kalt. Dann sieht er an sich herunter. Erkennt violette Gliedmaßen um sich. Erkennt jetzt, dass sich der Violette um ihn geklammert hat. In seinem Kopf erklingt die Triangel. Sie setzt eine Melodie an. Inkognito schüttelt sich. Will freikommen. Aber Violett hängt fest.

Aus dem verätzten Beton neben dem Gelblichen krabbeln jetzt schwarze Käfer heraus. Schnell werden es mehr. Unter ihnen ertönt ein Knarren. Die Käfer krabbeln auf den Spalt zu, steuern dann in geordneten Gruppen an der Kante herunter in die Schule hinein. Inkognito kann sich nicht rühren. Er will nach seinem Stab greifen. Schafft es aber nicht.

Trommelwirbel. Schritte. Schnelle Schritte. Ein Aufschrei. Inkognito ahnt es. Will ausweichen. Doch es geht nicht. Dann spürt er einen heftigen Schlag. Zusammen mit dem Violetten wird der Schwarze in die Luft katapultiert. Er fliegt. Stürzt. Klatscht schließlich wieder auf dem Boden auf. Schmerzen. Fürchterliche Schmerzen. Violett ist beim Sturz von ihm herunter gefallen. Ist ein paar Meter neben ihm aufgeprallt. Der Schwarze blickt hoch. Erkennt jetzt den Rücken der gelblichen Gestalt. Den matschigen, grau verfärbten Rücken. Er muss über den Spalt hinweg auf die andere Seite geflogen sein. Und Violett mit ihm. Er will sich aufrichten. Schafft es aber nicht. Der Schmerz hält ihn unten. Er stöhnt. Unterdrückt ein Brüllen.

Der Gelbliche lacht. Hebt sein Instrument nun mit dem verblieben Arm wieder vom Boden auf und setzt es an das untere Kopfende. Er beginnt zu spielen. Trompetenmusik. Schiefe verzerrte Trompetenmusik. Aus seiner Wunde tropft es weiterhin. Es scheint nicht mehr aufzuhören. Der Saft hat sich bereits durch den Boden hindurch gefressen. Inkognito kommt jetzt wieder hoch. Bemerkt, dass sich die ersten Insekten an seine Beine geheftet haben. Er blickt sich um. Der Boden ist inzwischen mit schwarzen Punkten übersät.

Hastig schüttelt Inkognito seine Beine hin und her. Einige der Insekten lösen sich. Andere halten sich hartnäckig. Der Gelbliche bewegt sich. Seine Musik wandelt sich. Während die Trompete ausklingt, klingen Klaviertöne an. Aus dem Lachen wird wieder ein Heulen. Er macht jetzt langsame Schritte und steuert dabei auf die hintere Dachkante zu. Inkognito ignoriert die Insekten jetzt. Das Gefühl einer großen Gefahr drängt sich auf. Er macht einen Schritt. Will hinterher. Dann ein leichter Windhauch neben ihm. Etwas fällt zu Boden. Ein langes dünnes Objekt. Der Schwarze wendet seinen Blick dorthin und sieht seinen Dirigentenstab. Augenblicklich fährt sein Blick nach oben. Auf die gegenüberliegende Seite des breiten mittigen Spalts. Er sieht den Blauen. Sieht ihn am Rand des Spalts stehen, die Beine in Position, den Arm ausgestreckt.

Blauer: …ohne deinen Stab wird das hier nichts! Also nimm ihn und beeil dich. Wir haben nicht ewig Zeit! Schließlich fehlt noch der Graue!

Inkognitos Blick wandert wieder zu seinem Instrument. Langsam fährt sein Arm herunter. Dann greift er nach dem Stab, nimmt ihn wieder an sich und hält kurz inne.



Nein. Der Graue fehlt nicht mehr. Der Graue ist hier. Er hat Besitz von dem Gelben ergriffen. Und das ist der Grund, wieso er meinen Tönen nicht folgt. Sie sind eins geworden. Und meine Aufgabe ist es, sie auseinander zu bringen. Irgendwie. Wenn mir das gelingt, dann sind alle Gestalten versammelt. Und dann können wir auch das Konzert aufführen. Ja. Das ist die letzte Herausforderung, bevor ich diese Welt retten kann.



Die gelbliche Gestalt ist stehen geblieben. Steht jetzt an der Dachkante und sieht hinunter. Sie lacht, sie klatscht und applaudiert. Unter ihr bröselt Staub von der Kante in die Tiefe. Der Schwarze sieht zu ihr. Auch der Blick des Violetten ist auf den Gelben gerichtet. Er steht still, scheint sich nicht zu rühren. Diesmal wird er dem Schwarzen wohl keine Schwierigkeiten mehr machen.
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BeitragVerfasst am: Mi Feb 29, 2012 1:39    Titel: Antworten mit Zitat

Teil 3

Kapitel 5: Pause


Inkognito hebt sein Bein und tritt auf. Unter ihm bilden sich feine Risse im Boden. Er hebt das andere Bein tritt damit auf. Formuliert mit seinen Bewegungen einen Schritt vorwärts. Die feinen Risse dehnen sich aus. Rennen zunächst orientierungslos in alle Richtungen und scheinen sich nach und nach zu organisieren. Sie schlängeln sich jetzt in Richtung Dachspalte. Inkognito hat sich einen weiteren Schritt auf den Gelben zubewegt. Einige der Risse schlagen einen Bogen nach links. Andere nach rechts. Auf beiden Seiten scheinen sie ein Wettrennen gegeneinander zu veranstalten. Hier und dort bleibt einer stehen. Andere rennen munter weiter. Einige vereinigen sich zu einem dicken Riss, und wieder andere gebären kleine neue Risse. In ihrer abstrakten Bewegungen und Schwingungen zeichnen sie jetzt ein breites Dreieck auf den Beton. Bilden die beiden Katheten und steuern beinahe im rechten Winkel zueinander auf die Hypotenuse zu. Auf die breite mittige Spalte im Dach.

Von all dem bemerkt der Schwarze nichts. Er ist mit anderen Dingen beschäftigt. Und zwar mit der großen Frage, wie er die Gestalt vor sich spalten kann. Mittlerweile heult sie wieder. Spielt abgehakte Klaviertöne und hat sich jetzt auf die Dachkante gesetzt. Rhythmisch wippt sie mit den Beinen auf und ab. Der Rest ihres linken Oberarmes scheint weitgehend ausgetrocknet. Inkognito kommt jetzt hinter ihr zum Stillstand. Er hält einen Abstand von ungefähr drei Metern. Er atmet nervös. Versucht die Ruhe zu bewahren. Der Gelbe lacht wieder. Schwingt die Beine stärker. Als nehme er Anlauf um zu springen. Dann nimmt er den Schwung wieder heraus. Wippt langsamer. Weniger. Inkognito starrt auf seinen grauen matschigen Rücken. Er fühlt sich an eine Operation erinnert. An einen aufgeschnittenen Menschen, der einige Tage einfach so liegen gelassen wurde. Vergessen wurde.

Inkognito überlegt. Grübelt. Dann ein Rumpeln. Die Katheten haben die Hypotenuse erreicht. Das Dreieck ist vollständig. Pause. Mit einem kraftvollen Rütteln löst sich das mehrere Meter große Dreieck aus dem Boden. Fällt in einer Abwärtsbewegung ineinander und stürzt ein Stockwerk tiefer. Das Gewicht ist zu schwer. Das nächste Stockwerk kann es nicht mehr halten und zerbricht. Reißt wiederum Unmengen von Beton in die Tiefe. Und dann wieder. Eine Kettenreaktion wird ausgelöst. Aus der Ferne betrachtet wirkt das Schauspiel jetzt wie die systematische Sprengung einer alten industriellen Lagerhalle. Die Spalte, die das Gebäude abwärts bis in den vierten Stock in zwei Hälften getrennt hat, zieht sich jetzt immer weiter in die Tiefe. Sie wächst. Aus ihrem Zentrum greifen immer mehr Risse, immer mehr Spalten in die angrenzenden Räume der Schule hinein. Lassen nichts aus. Verschonen nichts.

Der Rest der Dachplatte, auf der Inkognito steht, kippt jetzt. Kippt nach innen. Er beginnt zu rutschen. Auf der anderen Seite kippt die Dachplatte ebenfalls nach innen. Die Gestalten auf dieser Seite fallen zu Boden - zumindest die meisten von ihnen. Augenblicklich drohen sie, ebenfalls in die Tiefe zu rutschen. Das Schauspiel wirkt jetzt, als klappe jemand langsam und zögerlich die zwei Außenseiten eines Buches zusammen. Gelb lacht. Gelb applaudiert. Freut sich über den Untergang. Schaut zum Himmel. Schaut, wie der Riss dort ebenfalls an Kraft gewinnt und die Realität in zwei Hälften zu brechen versucht. Er lacht. Er lacht wahnsinnig. Inkognito versucht, gegen die Schwerkraft anzukämpfen und sich weiterhin den Gelben zu nähern. Doch es funktioniert nicht. Der Boden unter ihm will in die andere Richtung. Will ihn mit runterziehen. Duldet ihn nicht mehr. Will es jetzt zu Ende bringen. Alles. Alles hier.

Der Schwarze streckt seinen Arm aus. Erwischt einen Vorsprung. Ein Dachstück, das aus der herabstürzenden Platte hervorsteht. Er findet kurzzeitig Halt. Sieht jetzt auf seinen Dirigentenstab in der anderen Hand. Er schwingt ihn hoch. Will ein letztes Lied anstimmen. Schwingt ihn nochmal. Mit jedem Schwung wächst sein Überlebenswille. Er will jetzt nicht untergehen. Er ist noch nicht fertig. Hat noch was zu erledigen. Er schwingt. Hält sich mit dem anderen Arm gut fest. Schwingt nochmal. Holt dann ein letztes Mal kräftig aus und dann passiert es.

Alles steht still. Von einem Augenblick auf den Nächsten. All der Lärm ist weg. Von jetzt auf sofort. Inkognitos Atem geht nachwievor schnell. Sein Herz ist noch immer am rasen. Er sieht sich um. Sieht, die anderen Gestalten auf der schiefen Dachplatte. Sieht, wie sie der Physik trotzen. Sieht, wie sie auf der Platte liegen, ohne zu rutschen. Dann lässt er den Vorsprung wieder los. Nichts passiert. Er rutscht nicht mehr. Liegt jetzt auf dem gekippten Boden. Der Untergang hat ausgesetzt. Steht auf Pause. Ungläubig sieht der Schwarze auf seinen Stab. Dann auf den Gelben. Er ist verstummt. Kein Lachen mehr, kein Weinen mehr. Er dreht sich zur Seite. Sitzt immer noch auf der Kante und sieht zum Schwarzen. Sieht zu seinem Stab. Zu Inkognitos wundersamen Instrument. Dann blitzt es auf.

Es wird dunkel. Stockfinster. Doch nur für wenige Sekunden. Dann wird es wieder hell. Inkognito ist wieder woanders. Um ihn herum Nebel. Neblige Leere. Irritiert sieht er sich um. Macht dann einen zögerlichen Schritt nach vorne. Seine Bewegungen wirken ruckartig, wie die eines schreckhaften Tieres. Er will nach jemanden rufen. Doch er lässt es. Hier ist niemand. Er ist allein. Augenblicklich erdrückt ihn das Gefühl von tiefer Trauer. Wie eine Lawine strömt es auf ihn nieder. Er geht in die Knie, packt sich mit beiden Armen an den Kopf. Er will aufschreien. Doch plötzlich überkommt ihm eine wahnsinnige Freude. Die Bedrückung schmilzt in einem Meer aus Heiterkeit. Plötzlich beginnt er zu bluten. Aus seinem Kopf. Es fließt langsam zur Unterseite des Kopfes und tropft dann herunter. Es ist gelb. Dann wieder grau. Es hat zwei Farben. Aber sie vermischen sich nicht. Grau. Dann Gelb. Trauer. Dann wieder Freude. Eine unbekannte Kraft versucht ihn in den Wahnsinn zu treiben. Er keucht. Er grummelt. Vergräbt seinen Kopf unter seinen Armen. Es frisst ihn. Er sieht den Jungen. Wie er lächelt. Er sieht dieses andere Mädchen, wie sie ihre Haare nach hinten schwingt. Es ist zu viel. Er verliert die Kontrolle. Dann ertönt Musik.

Freude und Trauer weichen wieder. Befreien ihn. Sie sind einer anderen Kraft gewichen. Der Klang einer Harfe. Musik, die er kennt. Er fühlt sich schwach. Erschöpft. Ausgelaugt. Er lauscht der Musik. Lauscht ihr eine ganze Weile und verharrt in seiner gebückten Stellung. Dann eine kurze Pause. Gesang setzt ein. Die Harfe spielt jetzt weiter. Ein Duett der beiden ertönt. Die Harfe des Orangenen und der Gesang der Roten. Endlich nimmt Schwarz die Arme wieder herunter. Dreht sich um und erkennt die beiden Gestalten vor sich. Wie sie ruhig und geduldig musizieren. Ihr Zusammenspiel erweckt Erinnerungen. Erscheinungen. Inkognito versinkt in seiner Gedankenwelt.



Er ist wieder dieses Mädchen. Läuft neben dem Jungen. Zusammen gehen sie einen Bürgersteig entlang. Bewegen sich durch eine Art Wohnsiedlung. Menschen aus der Nachbarschaft schauen zu ihnen. Ihre Gesichter strahlen sehnsüchtige Wärme aus. Inkognito sieht zu dem Jungen. Zeigt ihm eine tiefe Zufriedenheit.

Inkognito: …Danke, dass du mir geholfen hast. Allein hätte ich wohl nie nach Hause gefunden.
Junge: …Hab ich gerne gemacht. Besonders bei so einer netten jungen Dame.

Inkognito lächelt. Schüttelt dann den Kopf. Will etwas sagen. Lässt es dann aber.

Junge: …Hey, wenn du willst, kannst du nachher zu mir rüber kommen. Du weißt doch jetzt, wo ich wohne. Das wäre echt super. Was meinst du?

Inkognito errötet. Spürt, wie das Herz flattert. Dann öffnet sie die Lippen. Schiebt mühsam einen Satz hinaus und hält durchweg ein Lächeln aufrecht.

Inkognito: ...Ja… (Pause) gerne.

Das Bild verschwimmt wieder. Der Gesang von Rot wird kräftiger. Herzerwärmender. Inkognito sieht jetzt wieder Orange und Rot vor sich. Hinter ihnen tritt eine dritte Gestalt heran. Sie kommt näher. Fügt der Musik eine weitere Komponente hinzu. Es ist eine heitere Trompetenmusik. Ja. Es ist der Gelbe. In kräftiger Farbe. Nur noch Gelb. Ohne Grau in sich. Und er spielt voller Elan. Die Gedanken haften sich an diese Szene mit dem Jungen, wie er das Mädchen nach Hause bringt. Die Szene wiederholt sich. Immer und immer wieder. Inkognito verspürt den Drang zu lachen. Vor Freude. Doch er lässt es. Er bleibt ruhig. Versucht seine Gefühle unter Kontrolle zu halten.

Allmählich verblasst das Dreiergespann wieder. Und mit ihnen auch die Musik. Dicke Nebelschwaden nehmen jetzt ihren Platz ein. Es wird wieder still. Inkognito fühlt eine kurze Erleichterung. Doch wie geht es weiter? Und wo ist Grau? Wo sind die anderen Gestalten? Und an was für einen Ort ist er hier gelandet? Plötzlich ertönt der Ton einer wohlbekannten Triangel.
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BeitragVerfasst am: Sa März 10, 2012 13:58    Titel: Antworten mit Zitat

Teil 3

Kapitel 6: Spaltung


Der Schwarze dreht sich herum. Erblickt jetzt wieder eine Gestalt im Nebel. Ihr Arm ist angewinkelt, der Kopf nach unten geneigt. Sie ist nebelverhangen, dennoch erkennt man einen schwachen violetten Schimmer. Wieder der Klang der Triangel. Inkognito tritt näher. Erkennt ihn. Erkennt den Violetten. Dann ein Trommelschlag. Neben dem Violetten materialisiert sich eine weitere Gestalt. Es ist der Braune. Sie spielen jetzt gemeinsam. Einwandfrei aufeinander abgestimmt. Ein langer Trommelschlag, dann ein paar schnelle hallende Töne mit der Triangel. Dann zwei Trommelschläge und wieder ein kurzes Solo des Violetten. Die Musik klingt professionell, aber zunehmend bedrückend. Die Tonabfolge wird repetitiv. Irgendwie monoton und fast hypnotisierend. Ihr Zusammenspiel weckt Erinnerungen. Erscheinungen. Inkognito versinkt abermals in seiner Gedankenwelt.



Er ist wieder dieses Mädchen. Steht in einem Flur. Schreitet ihn entlang und hört das leise Stöhnen eines fremden Mädchens. Eine Tür steht offen. Das Stöhnen kommt von dort. Es quietscht. Das Quietschen eines Bettgestells. Dann ein anderes Stöhnen. Das Stöhnen eines Jungen. Ihres Jungen. Sie geht weiter. Tränen laufen ihr über das Gesicht. Sie schluchzt, geht weiter. Will ihren Gedanken keinen Glauben schenken. Glaubt, dass sich alles aufklären wird. Glaubt, dass alles ein großes Missverständnis sein muss. Dann erreicht sie die Tür. Schaut durch den Spalt. Sieht ein unbekanntes Mädchen. Sieht sie auf ihrem Jungen sitzen. Sie sind nackt. Beide. Sie wippt auf und ab. Die Hände in seine Brust gekrallt. Inkognito - das Mädchen - sie brechen zusammen. Beide. Fallen zu Boden und legen das Gesicht in ihre Hände. Sie wollen aufschreien. Diese ganze Lüge aus sich herausbrüllen. Doch es bleibt irgendwo in ihnen stecken. Das Stöhnen der beiden anderen übertönt ihre Präsenz.

Jedes Wippen, jedes Stöhnen, jeder Atemzug der beiden zerfetzen ihre Herzen aufs Neue. Sie verlieren das Bewusstsein. Ihre Lebenswillen. Sie brechen zusammen. Brechen nochmal zusammen. Immer und immer wieder aufs Neue.



Das Bild verschwimmt wieder. Die Trommelschläge des Brauen gewinnen an Kraft. Machen die Musik aggressiver. Der Nebel lichtet sich. Braun und Violett sind jetzt deutlich zu erkennen. Die Triangel schiebt sich in die Lücken, die von der Trommel noch übrig gelassen werden. Versetzen die angriffslustige Musik mit Unsicherheit, mit Orientierungslosigkeit. Hinter ihnen tritt jetzt eine dritte Gestalt heran. Inkognito antizipiert bereits was jetzt passieren wird. Ein hat ein Déjà-vu. Nein. Kein Déjà-vu. Es ist eine Wiederholung. Das genaue Gegenteil von vorhin. Klaviermusik. Der Graue tritt dazu. Traurige Klaviermusik, die das Lied jetzt in eine Art gewaltige Hoffnungslosigkeit stürzt. Inkognitos Gefühle drohen mit in den Abgrund gezogen zu werden. Doch er versteht es. Er weiß, dass es so sein muss. Dass er selbst es so wünschte. Die Trennung von Freunde und Trauer. Wieder gespalten in zwei sich widerstrebende Pole. In gute Erinnerungen. In schlechte Erinnerungen. Heilung gegen den Wahnsinn.

Er atmet tief durch. Sieht das Mädchen, wie sie seinen Jungen reitet. Atmet erneut tief durch. Hört das Stöhnen der beiden. Atmet wieder durch. Inkognito will weinen. Will schreien. Doch er weiß, dass er sich jetzt beherrschen muss. Weiß, dass er stark sein muss. Er bleibt still. Wird ruhiger. Behält seine Gefühle unter Kontrolle.

Die drei Musiker verblassen allmählich. Verschwinden wieder und werden durch dicke Nebelfetzen ersetzt. Mit ihnen verschwindet nun auch die Musik. Und auch diese entsetzlichen Erscheinungen. Inkognito fühlt sich langsam wieder frei. Fühlt Erleichterung. Um ihn herum wird jetzt alles blass und verschwommen. So verschwommen, dass er wenig später nichts mehr sehen kann.



Inkognito kommt wieder zu sich. Merkt jetzt, dass er immer noch auf der schiefen Dachplatte liegt. Merkt, dass er nachwievor nicht zu rutschen droht. Und spürt, dass er noch immer den Stab in seinem Armende hält. Vor ihm eine Bewegung. Er sieht hoch. Es ist Rot. Sie schaut zu ihm herunter. Hält eine andere Gestalt in ihrem Arm. Die gelbe Gestalt. Beide sind ruhig. Gelb atmet schwer. Man merkt, dass er lachen will – es aber unterdrückt. Sie setzt ihn jetzt ab. Direkt vor dem Schwarzen. Dann macht sie einen Schritt zurück. Als wolle sie ihm sagen, dass der Gelbe jetzt ihm gehört. Der Schwarze sieht zu ihr. Dann nickt er und zieht den Kopf in die Länge.

Inkognito:
…Wo ist Grau? Ist er auch hier?

Die rote Gestalt scheint ihn zu verstehen. Sie reagiert, indem sie den Oberkörper zur Seite dreht und ihren Arm ausstreckt. Sie zeigt geradeaus auf die brüchige Dachfläche. Zeigt auf den Grauen. Reglos liegt er da. Der Körper gibt nur schwache Aufwärts- und Abwärtsbewegungen von sich. Bewegungen einer schwachen und mühsamen Atmung. Seine Verfassung scheint schlecht.

Inkognito nickt erneut, wendet sich jetzt wieder dem Gelben zu. Er sieht ihn an. Hebt dann seinen Dirigentenstab. Gelb folgt seinen Bewegungen mit seinem Kopf. Dann hebt er seine Trompete und setzt sie zum Spielen an. Auf ihr sind jetzt keine Klaviertasten mehr zu sehen. Nur noch eine ganz normale Trompete. Er beginnt zu spielen. Schwarz dirigiert. Gelb folgt. Die Musik klingt fröhlich. Geradezu ironisch, in Anbetracht der Gesamtsituation.

Die beiden haben jedes Zeitgefühl zu verloren. Inkognito scheint den ganzen Frust aus sich heraus zu dirigieren, der sich auf seiner Suche nach den acht farbigen Gestalten angestaut hat. Grün, Blau, Rot und Orange haben sich inzwischen um die beiden versammelt und lauschen dem Spektakel. Im Hintergrund ist ein schwaches Ächzen zu hören. Vorsichtige Schritte. Schritte, die sich langsam zu entfernen scheinen. Inkognito überhört sie. Beachtet sie nicht. Ist vollkommen in die Musik des Gelben vertieft.

Acht, neun, zehn schnelle Töne. Dann ein kräftiger Akkord. Inkognito beginnt den Körper zu schwingen. Beginnt zu tänzeln. Grün und Rot schwingen mit. Die Schritte sind nicht mehr zu hören. Scheinen verschwunden zu sein. Zehn, zwölf, vierzehn schnelle Töne. Doch dann reißt sie plötzlich ein kräftiger und deplatzierter Trommelschlag aus dem Takt. Der Schwarze schreckt auf. Erwacht aus der musikalischen Trance und schaut sich irritiert um. Schaut hinter sich. Sieht den Brauen. Sieht wie er still da steht und wie seine Trommel ausklingt. Dann wandern seine Blicke weiter. Dorthin, wo der Graue lag. Erkennt, dass er nicht mehr da ist. Sein Herz erfährt einen kräftigen Stoß. Grau! Wo ist der Graue? Sein Blick wandert weiter und kommt an der Dachkante zum Stillstand. Er sieht den Grauen, wie er dort steht und entlang der Außenfassade der Schule in die Tiefe blickt. Augenblicklich blitzt diese Erscheinung auf. Die Erscheinung, die ihm im Musikraum gekommen war. Vor seinem geistigen Auge sieht er, wie sich Grau in die Tiefe stürzt und sein Verstand zersplittert. Angst. Angst durchströmt den Schwarzen. Sein Blick klebt an dem Grauen. Er wirkt wie gelähmt. Sekunden verstreichen. Die Akustik einer tickenden Uhr liegt in der Luft. Doch dann kommt Inkognito wieder zu sich und rennt augenblicklich los. Rennt, so schnell er kann.

Grau geht leicht in die Hocke. Schwingt die Arme nach hinten. Inkognito nähert sich. Nähert sich mit beachtlichem Tempo. Macht riesige Schritte. Noch zehn Meter. Acht Meter. Sechs Meter. Reißt die Arme nach vorne. Will den Grauen im Sprung packen und von der Dachkante wegzerren. Noch fünf Meter. Vier Meter. Doch er kommt zu spät. Grau springt. Schwarz verpasst ihn. Grau stützt in die Tiefe.
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BeitragVerfasst am: Fr März 16, 2012 21:20    Titel: Antworten mit Zitat

Teil 3

Kapitel 7: Trauerspiel


Inkognito stürzt zu Boden. Es kommt ihm vor wie eine Ewigkeit. Wie die Zeitlupe in einer Filmszene. Während seines Falls lockert er das Ende seines rechten Arms. Der Dirigentenstab löst sich, schlägt auf den Beton auf und fällt der Länge nach auf die Dachfläche. Er hinterlässt dabei ein unauffälliges Geräusch, das sich wie ein Echo immer wiederholt. Der Körper des Schwarzen schlägt jetzt ebenfalls auf den Boden auf. Es schmerzt. Und für den Augenblick fühlt sich alles in ihm taub an. Sein Arm ist immer noch nach vorne gestreckt. Er will immer noch nach ihm greifen. Nach dem Grauen. Doch er ist nicht mehr da.



Ich habe ihn verpasst. Ich habe ihn nicht mehr erwischt. Jetzt stürzt er in die Tiefe. Wird dort aufklatschen und sterben. Und mit ihm das Konzert. Und diese Welt. Verdammt. Ich hätte es wissen müssen. Ich hätte mich beherrschen müssen. Hätte meine Freude zurückhalten müssen. Hätte ihn nicht provozieren dürfen. Hätte die Kontrolle wahren müssen. Aber ich habe es nicht getan. Ich habe meiner Freude Ausdruck verliehen. Bin ihr nachgegangen. Und habe Grau nicht mehr im Auge gehabt.



Schritte. Inkognito starrt weiter nach vorne. Die Schritte nähern sich und kommen jetzt neben ihm zum Stillstand. Dann spürt der Schwarze eine Berührung an seiner Schulter. Jemand hat sie ergriffen. Hält sie. Inkognito ignoriert die Präsenz der anderen Person und versinkt weiter in seinen Gedanken. Die Musik einer Harfe setzt ein. Es ist der Orangene. Langsam lässt er den Schwarzen wieder los und setzt sich neben ihn auf den Boden. Er spielt ein Lied, das Sorge und Verzweiflung ausstrahlt. Es hält eine Weile an und verklingt dann wieder. Inkognito lauscht jetzt seinem eigenen Atem. Er ist schwach und verzögert.

Der Klang der Triangel ertönt. Er kommt von unten. Aber weshalb von unten? Inkognitos trübe Gedanken werden zunächst von Verwirrung abgelöst. Sein Herz schlägt plötzlich kräftiger. Er horcht und hört die Triangel jetzt noch einmal. Wieder ertönt sie von unten. Er richtet sich auf – hockt jetzt auf seinen Knien. Dann lässt er den Orangenen hinter sich und bewegt sich mühsam Richtung Dachkante. Er erreicht sie. Beugt sich vor und schaut herunter. Sein Blick fällt auf den Violetten. Er scheint sich an der Außenwand des zweiten Stocks zu befinden. Hat sich mit dem rechten Arm und seinen Beinen dort festgekrallt. Der linke Arm ist ausgestreckt und hält das Instrument. Er spielt es, aber ohne das Metallstäbchen. Irgendwie. Dann erblickt der Schwarze den Grauen. Er hängt kraftlos über dem rechten Oberarm des Violetten. Scheint zu zittern, leise zu schluchzen. Inkognitos Sicht scheint sich zu weiten. Grau lebt. Grau lebt noch!



Aber ja. Natürlich. Violett lässt Grau nicht sterben. Wieso bin ich nicht gleich darauf gekommen?




Inkognito überkommt ein wahnsinnig starkes Gefühl von Erleichterung. Als hätte man ihm kurz nach einer Todesdiagnose mitgeteilt, dass er nun doch überleben wird. Ja. Violett hatte Grau nicht sterben lassen. Er war an der Wand hinab geklettert. War Grau gefolgt. Hatte sich an der Wand in Position gebracht und den Grauen aufgefangen. So muss es ungefähr passiert sein.

Inzwischen steht der Schwarze wieder aufrecht. Sieht zu, wie der Violette mit dem Grauen hochklettert. Wie er sich von einem Fensterahmen zum Nächsten schwingt und sich dabei hin und wieder an einigen herausragenden Betonstücken festklammert. Gelb, Rot und Grün sind hinzu gekommen. Stehen jetzt hinter dem Schwarzen und beobachten ebenfalls den Aufstieg von Violett und Grau. Er ist jetzt fast oben und Inkognito streckt seinen Arm nach ihm aus. Violett packt ihn, und der Schwarze zieht ihn schließlich rauf. In einer beiläufigen Bewegung, lockert der Violette seinen anderen Arm und lässt den Grauen jetzt auf die Dachfläche herab, auf die er wie ein nasser Sack aufschlägt. Grau rührt sich nicht. Bleibt einfach so liegen. Feuchtigkeit entweicht seinem Kopf. Sie stinkt. Doch Inkognito unterdrückt den Drang, sich von dem Gestank zu entfernen. Er bleibt da. Behält Grau im Auge und geht jetzt neben ihn in die Hocke.

Inkognito: …Kann mir bitte einer mein Instrument bringen?

Wenige Augenblicke später tritt der Gelbe an ihn heran. Er beginnt vorsichtig zu lachen und hält dem Schwarzen seinen Dirigentenstab hin. Inkognito erkennt ihn aus dem Sichtwinkel. Nimmt den Stab entgegen und signalisiert ihm, wieder wegzutreten, indem er eine abwinkende Handbewegung macht. Er will ihn jetzt auf weite Distanz halten. Gelb nickt, klatscht kurz in seine Hände und entfernt sich dann wieder vom Schwarzen.

Inkognito packt Grau an der Schulter. Will ihn aufrichten. Bei der Berührung fühlt er eine brennende Substanz. Ähnlich wie bei einer Brennnessel. Dann gibt er einen zischenden Laut von sich. Der Gestank wird heftiger. Es riecht jetzt nach Verwesung. Kurzzeitig dreht der Schwarze seinen Kopf zur Seite. Beherrscht sich dann aber und versucht den Grauen in einer Aufwärtsbewegung mit hochzuziehen. Grau scheint die Kooperation jedoch zu verweigern und versucht Inkognitos Arme wegzuschlagen. Dann beginnt er zu weinen. Der Schwarze spürt den Drang, ihn zu trösten. Diese widerwärtige Gestalt zu umarmen. Doch er lässt es. Weil er weiß, was dann passiert. Er bleibt kühl. Lässt den Grauen wieder zu Boden und konzentriert sich.

Er blickt zu seinem Stab. Richtet ihn jetzt auf den Grauen. Hält ihn gut fest und hält diese Position für eine kurze Weile. Grau sieht jetzt auf. Sieht zum Stab. Starrt ihn an. Schenkt ihm Aufmerksamkeit. Inkognito reagiert. Schwingt den Stab aufwärts. Dann wieder kurz abwärts und dann nochmal aufwärts. Langsam und träge setzt sich der Graue jetzt hin. Setzt sich vor den Schwarzen. Unter ihm scheint sich der Beton zu verflüssigen. Scheint sich in eine sumpfige, schwarze Substanz zu verwandeln. Doch er versinkt nicht darin. Er scheint irgendwie darauf zu schwimmen.

Für einen kurzen Augenblick glaubt der Schwarze leere Augenhöhlen im Kopf des Grauen zu erkennen. Doch dann ist der Eindruck wieder fort. Vielleicht ein Versuch ihn abzulenken? Inkognito bleibt konzentriert. Bleibt bei der Sache. Er fährt den Stab jetzt herunter und tippt ihn dann zwei, drei Mal gegen den Boden. Dann fährt er ihn wieder hoch. Grau senkt jetzt den Kopf und schaut auf seine Oberschenkel, auf denen sich jetzt ein Klavier materialisiert. Dann hebt er seine Arme und beginnt zu spielen. Schwarz leitet ihn an. Gibt ihm die Töne vor. Und Grau spielt sie. Spielt jeden einzelnen Ton nach.

Ein trauriges Lied entsteht. Während seiner Musik laufen dem Grauen Tränen aus den nicht vorhandenen Augen. Sie tropfen auf das Klavier nieder und drücken auf diese Weise jene Tasten, die er mit seinen Armen auslässt. Es wirkt seltsam harmonierend. Und es funktioniert gut. Braun, Violett und Orange sind näher gekommen. Lauschen dem Trauerspiel. Orange lässt jetzt seine Harfe anklingen. Doch augenblicklich reißt der Schwarze seinen Stab in seine Richtung und fährt dann ruckartig mit ihm herunter. Orange lässt das Instrument wieder verstummen und das Klaviersolo wird fortgesetzt.

Es geht noch vier lange Strophen so weiter, bis der Schwarze seinen Stab schließlich in einer langsamen Bewegung herunterfährt. Dabei berührt den Boden und verharrt jetzt in dieser Haltung. Grau begreift die Anweisung und lässt nun den letzten Akkord verklingen. Der Klang hält noch zwei, drei Sekunden vor und dann ist es schließlich wieder still. Inkognito wendet den Blick jetzt vom Grauen ab und sieht sich um. Sucht nach den anderen Gestalten. Prüft ihre Vollzähligkeit.

Grau ist vor ihm. Um ihn herum sind Braun, Orange und Violett. Sein Blick wandert ein Stück weiter nach rechts, wo er jetzt Grün, Gelb und Rot erkennt. Als er sich dann noch ein Stück weiter nach rechts wendet, erkennt er schließlich auch den Blauen, der das Schauspiel aus weiterer Entfernung mitverfolgt hatte. Erst jetzt fällt dem Schwarzen auf, dass mittlerweile alle - außer Blau - den Spalt in der Mitte des Schuldachs überquert haben. Inkognito zieht seinen Kopf in die Länge.

Inkognito: …Hey, komm rüber. Wir sind jetzt endlich komplett!

Blau nickt. Bewegt sich jetzt auf den Spalt in der Mitte zu nähert sich den anderen Gestalten.
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BeitragVerfasst am: Sa März 24, 2012 13:02    Titel: Antworten mit Zitat

Teil 3

Kapitel 8: Der vierte Akt


All der Stress und all die Aufregung sind vorbei. Es ist ruhig geworden. Inkognito verspürt Erfüllung. Verspürt, dass er seine Aufgabe gut gemacht hat. Die Zeit steht noch immer still. Und könnte es wohl noch ewig so weitergehen. Im Laufe seiner Reise durch den Wald und durch die Schule und, im Laufe seiner Suche nach den farbigen Gestalten scheint er mehr und mehr die Kontrolle über diese Welt erlangt zu haben. Er und sein Stab. Das wird ihm jetzt bewusst. Während ihm diese Gedanken durch den Kopf gehen, sieht er zu, wie sich der Blaue zur Gruppe hin bewegt. Er hatte es bei den anderen Gestalten nie mit verfolgen können, wie sie den Abgrund in der Mitte des Dachs überquert hatten. Bei der blauen Gestalt erlebt er es jetzt zum ersten Mal.

Die Gestalt schreitet vorwärts. Bewegt sich auf den Spalt zu und betritt dann einen Betonfetzen, der in der Luft hängt. Die Zeit hat ihn dort eingefroren. Er benutzt ihn als Treppenstufe und schreitet weiter zu einem weiteren Betonstück. Keiner der Gesteinsbrocken scheint auch nur die kleinste Spur an Staub zu verlieren. Es sind feste Objekte. Sie sind wie Nägel in die Atmosphäre festgeschlagen. Zwischen den schief zueinanderstehenden Dachplatten befindet sich ein ganzes Meer an Schutt und Geröll. Das ganze Bild wirkt wie ein Moment der Zerstörung. Ein Moment des Zusammenbruchs. Dem Schwarzen wird jetzt erst bewusst, wie knapp er dem Zusammensturz der Schule entkommen ist. Die Dachplatten waren in Begriff zu Staub zu zerfallen, noch ehe sie als ganze Objekte in die Schule gekracht wären.

Blau macht jetzt einen Sprung. Überquert die Stelle, an denen die Gesteinsbrocken am weitesten voneinander entfernt sind. Dort, wo das Dach zum ersten Mal gespalten wurde. Von Gelb. Nein. Vermutlich war es der Graue gewesen, der den Gelben infiltriert hatte. Es war die Verbindung gewesen. Eine extrem gefährliche Verbindung, wie Inkognito feststellen musste. Er erinnert sich. Erinnert sich an die weiteren sonderbaren Fusionen, die er erlebt hatte. Wie Rot zu Grau wurde. Wie sich Blau aus Braun heraus gekämpft hatte. Und schließlich auch die Situation, in der er selbst Opfer einer solchen Gestaltenverknüpfung geworden war und Braun aus ihm herausstieg. Doch das spielt jetzt alles keine Rolle mehr. Inkognito lässt seine Gedanken nun davonziehen und bemerkt schließlich, dass Blau inzwischen bei den anderen angekommen ist. Dass die Gruppe jetzt an einem Ort vereint ist. Auf der gekippten Dachfläche der Schule. Und sie stehen alle aufrecht. Sogar Grau.

Inkognito holt tief Luft. Atmet ein. Atmet aus. Dann führt er seinen Arm in seine Tragetasche und zieht das Notenheft heraus. Er liest noch einmal die Aufschrift. „Vom Phönix aus der Asche.“ Dann schlägt er das Heft auf. Blättert es durch. Gelangt auf die Seite mit der Überschrift „Der Kampf.“ Die Überschrift des vierten Aktes. Er überfliegt die Noten. Geht die Musik in Gedanken durch und blickt dann schließlich auf.

Inkognito: …Wir werden jetzt alle zusammen ein Konzert geben. Jeder spielt die Noten, die ich ihm vorgebe. (Er sieht ins Heft, dann wieder zu den Anderen) Braun, Orange, Grau und Blau. Ihr tretet in einer Reihe nach hinten. Bildet dann einen leicht gewölbten Bogen. Braun rechts, und Orange links außen. Grau rechts, und Blau links innen. (Wieder ein kurzer Blick in das Notenheft) Gelb, Grün und Violett, ihr bildet die mittlere Reihe. Stellt euch vor den anderen Vieren auf. Gelb in der Mitte. Grün rechts, Violett links. Und Rot ist allein ganz vorne. Mittig, etwas versetzt zur rechten Seite.

Als er den Kopf wieder zusammenzieht, beginnen sich die Gestalten zu sortieren. Gehen auf ihre Positionen, halten ihre Instrumente bereit. Schwarz wirft nochmal einen prüfenden Blick über sein Orchester, dann positioniert er sich schließlich selbst. Steht jetzt genau vor ihnen. Den Stab im rechten Armende, das Notenheft im Linken. Er prägt sich noch einmal die ersten Notenabfolgen ein, dann legt er das Heft vor sich auf den Boden und lehnt es dort gegen eine Geröllplatte. Die Szene wirkt seltsam grotesk. Inmitten der tiefsten Zerstörung, inmitten einer grauer Verwüstung und einer bitterer Einöde hat sich ein kleines Grüppchen von Individuen versammelt, das an eine farbenfrohe und lebhafte Oase im Zentrum einer gewaltigen Wüste erinnert. Durch die Schiefe des Dachs wirkt es zunächst, als rutsche diese Oase allmählich in den Abgrund, dessen einzige Aufgabe es zu sein scheint, jegliches Leben aus dieser Welt zu herunterzuschlucken. Doch sie rutschen nicht. Keinen Deut. Inkognito schwingt jetzt seinen Stab in die Höhe und das Stück beginnt.

Grau macht den Auftakt. Spielt ein paar traurige Töne auf seinem Klavier. Inkognito gewährt ihm ein kurzes Solo, dann schwingt er den Stab zum Braunen. Verlangt nach Trommelschlägen. Und sie folgen. Geben dem Stück jetzt eine kraftvolle Note. Dann ein weiterer Schwung. Rot beginnt zu singen, Orange zupft seine Harfe. Alles wirkt perfekt aufeinander abgestimmt. Die Stimme von Rot wird zunehmend energischer. Als beginne sie mit Braun ein Kräftemessen. Dann ein wuchtiger Beckenschlag. Noch einer. Rot gibt alles. Singt leidenschaftlich. Blau und Braun geben dem Stück die passende Dramatik. Grau verklingt langsam. Orange bleibt im Takt. Dann die Geige von Grün. Sie ist schnell und beschleunigt das Stück. Braun verkürzt seinen Takt und Blau erhöht die Kraft seiner Beckenscheiben. Rot verstummt jetzt. Lässt Freiraum für Gelb. Schiebt ihn in den Vordergrund. Zusammen mit Grün. Das Stück wird heiterer – bleibt nachwievor aber kräftig und leicht aggressiv. Grün legt zu. Versucht jetzt alles andere zu übertönen. Dann erreicht er einen Höhepunkt. Braun und Blau legen ebenfalls zu und harmonieren sowohl bei der Melodie, als auch in der Lautstärke mit Grün. Zu dritt scheinen sie eine Art Abschluss des Aktes zu bilden. Doch während die drei allmählich verklingen, ertönt wieder das schwache Spiel der Harfe. Eine Tonkonstellation, die Zurückhaltung ausstrahlt. Die Triangel des Violetten kommt hinzu. Die Musik wird sentimentaler. Hat jetzt deutlich an Aggression verloren. Doch diese Stimmung hält nur kurz. Braun wirft wieder ein paar Trommelschläge dazwischen. Gibt dann Blau ein Zeichen. Dann spielen alle vier. Die Harfe und die Triangel steigern den Lärmpegel. Passen sich der Trommel und dem Becken an. Das Zusammenspiel wird für eine kurze Weile gehalten. Dann beginnt Rot wieder zu singen. Führt die Musik jetzt mit einer abstrakten Stimme an. Und doch ist ihre Botschaft eindeutig. Es ist, als wolle sie sagen: „Gib nicht auf. Kämpfe. Kämpfe für ein besseres Leben.“

Das Stück bewegt sich auf das Ende zu. Triangel und Trommel verstummen. Und dann auch die Harfe. Nur noch Blau und Rot verbleiben. Wechseln sich ab. Ein Beckenschlag, dann Gesang. Wieder ein Beckenschlag und wieder Gesang. Für eine halbe Minute geht es noch so weiter, bis es dann schließlich soweit ist und Rot den allerletzten Ton anstimmt. Sie zieht ihn, dehnt ihn und lässt ihn dann in die Atmosphäre entweichen. Dort klingt er noch eine Weile nach. Und dann verschwindet er schließlich komplett. Schwarz zieht den Stab in die Tiefe. Macht vor seinem Orchester eine Verbeugung und verharrt dann in dieser Position.

Es ist still geworden. Inkognito richtet sich wieder auf. Sieht sich um. Er wartet auf etwas. Wartet auf eine Antwort auf die Musik. Wartet auf ein Zeichen, ob er alles richtig gemacht hat. Doch es geschieht nichts. Dann erinnert er sich. An die Worte des Weißen. Der vierte Akt, er sollte mit dem vierten Akt beginnen. So wie er es gemacht hatte. Dann eine kurze Pause. Eine Pause, wie er sie gerade einlegt. Dann den fünften Akt und dann das Finale. Das waren seine Worte gewesen. Inkognito besinnt sich wieder. Sieht wieder zu den Musikern. Sie haben ihre Instrumente neben sich abgelegt. Warten ebenfalls. Warten, bis neue Aufforderungen kommen.

Inkognito: …Wir machen gleich weiter. Wir müssen jetzt kurz warten.

Inkognito bückt sich. Legt sein Instrument nieder und schaut zum Notenheft. Dann hebt er es auf. Blättert darin, bis er auf die erste Seite des nächsten Aktes gelangt: „Das Erwachen“.

Fremde Stimme: …Du hast mir den Kampf angesagt? Leider kann ich nicht erlauben, dass du Sarahs Emotionen wieder in Ordnung bringst.

Inkognito zuckt zusammen. Dann fährt er herum. Schaut hinter sich zur Dachkante. Schaut auf die Gestalt die dort steht. Es ist eine dieser transparenten Geister. Doch irgendwie ist diese Gestalt anders. Sie zeigt die Umrisse einer Frau. Einer jungen Frau. Ihre Konturen sind detailreich. Noch klarer ausgeprägt als die der Roten. Sie hat Hände, Füße, feingliedrige Haare und ein Gesicht. Der Schwarze schaut hinein. Er kennt es. Er hat es schon ein paar Mal gesehen. Dann blitzt ihm eine Erinnerung auf. Die Erinnerung an das Mädchen mit dem hämischen Gelächter. Das Mädchen, das er zusammen mit diesem Jungen im Bett erwischt hat. Sie ist es. Es ist ihr Gesicht. Plötzlich fängt die Umgebung wieder an zu zittern.
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BeitragVerfasst am: Do Apr 05, 2012 21:48    Titel: Antworten mit Zitat

Teil 3

Kapitel 9: Geistermädchen


Inkognito zuckt erneut zusammen. Diesmal sichtlich schockiert. Er sieht sich um. Erkennt jetzt, dass überall Staub von den schwebenden Dachteilen herab bröckelt. Er setzt sein linkes Beine zurück, stabilisiert seine Haltung. Hinter ihm beginnen die Instrumente der farbigen Gestalten zu klappern. Sie liegen auf dem Boden. Werden dort zunehmend stärker durchgeschüttelt. Inkognitos Herz schlägt stärker. Wuchtiger. Dann durchfährt ihn ein dunkles Gefühl. Ein Gefühl von Chaos und Leere. Er sieht jetzt, wie die Geistergestalt ihre Arme ausbreitet. Sie waagerecht neben sich aufstellt. Ihre Mundwinkel heben sich. Sie scheint zu lächeln. Neben ihr materialisieren sich weitere Geistergestalten. Dann erscheinen sie plötzlich überall. Hinter ihr, vor ihr, sogar auf der anderen Seiten des Dachs. Nur wenige Momente später scheint alles voll von ihnen zu sein.

Orgelmusik setzt ein. Augenblicklich beginnen all diese Geister ihre Arme zu heben, sie anzuwinkeln und sie gegen die Luft zu stoßen. Als rüttelten sie an einer unsichtbaren Wand. Sie beginnen abstrakte Laute zu rufen. Einen gemeinsamen Schlachtruf. Sie intensivieren ihre Bemühungen. Der Boden zittert heftiger. Erst jetzt erkennt der Schwarze, dass die Geister ein gewaltiges Erdbeben heraufbeschwören. Er sieht ihnen zu. Ist wie paralysiert. Sieht hierher, dorther. Überall diese Geister. Es sind viel zu viele. Dann fällt er auf seine Knie. Lässt das Notenheft fallen. Die Orgel erzeugt Kopfschmerzen in ihm. Wieder legt er die Arme an seinen Kopf, drückt sie dagegen. Schreit auf. Will die Schmerzen hinaus brüllen. Doch sie gehen nicht. Sie bleiben und quälen ihn. Das Geistermädchen hat sich vom Boden gelöst. Schwebt jetzt ungefähr einen Meter über dem Dach und schwingt ihre Arme nach vorne. Scheint den Geistern immer wieder neuen Antrieb zu geben.

Inkognito streckt seine Arme aus. Tastet den Boden ab. Sucht seinen Stab. Er braucht ihn. Seine Armenden bewegen sich ungestüm und hastig. Krabbeln wie zwei dicke Insekten über den Betongrund. Dann erwischt er etwas. Ein kurzer Blick nach vorne verrät ihm, dass es sein Stab ist. Er hebt ihn auf. Sein Kopf scheint explodieren zu wollen. Für den Augenblick absorbieren die Schmerzen seine Beherrschung. Er lässt den Stab wieder fallen. Das Instrument scheint von ihm wegzurollen. Kommt einige Meter weiter zum Stillstand und wird dann von den Erschütterungen wieder hochgeworfen. Es rollt wieder weiter. Rollt in Richtung Dachspalte.

Inkognito kriecht jetzt auf allen Vieren hinterher. Die Orgel wird lauter. Immer unerträglicher. Unter dem Schwarzen beginnen sich neue Risse zu bilden. Dann das Geräusch von zersplitterndem Glas. Er kriecht weiter. Holt den Stab ein. Streckt den Arm aus und packt ihn. Augenblicklich kracht ein großes Objekt neben ihn in den Boden. Glassplitter werden in alle Richtungen katapultiert. Fressen sich in Inkognitos Körper hinein. Versuchen ihn aufzuschlitzen. Dann brüllt er los. Wird vom Schmerz zurückgeworden. Schwarze Flüssigkeit fließt aus seinem Leib. Sickert in die neu entstandenen Risse im Untergrund. Inkognito liegt auf dem Rücken. Hat den Stab noch immer fest umklammert. Sein Blick ist nach oben gerichtet. Von der schwarzen Flüssigkeit verschwommen. Doch er sieht, was passiert ist. Sieht das große schwarze Loch im Himmel. Dort, wo soeben eine breite Scherbe herausgebrochen ist.

Unter großen Schmerzen wischt er sich die dunkle Substanz aus dem Gesicht. Er sieht jetzt unzählige feine Risse am Himmel. Erkennt, wie es immer mehr werden, wie sie aufeinandertreffen und dann weitere Teile aus dem Himmel heraustrennen. Wie sie jetzt auf die Schule herabregnen. Er will ihnen ausweichen. Doch es ist unmöglich. Sie sind zu fein, zu zahlreich. Schmerzen. Überall stechende Schmerzen. Er versucht sich daran zu gewöhnen, versucht die Qual auszuhalten und dreht den Kopf jetzt nach links. Sucht nach den farbigen Gestalten. Schaut, ob sie noch wohlauf sind. Dann entdeckt er sie. Doch was er sieht, schockiert ihn noch stärker.

Violett, Braun, Grau. Gelb, Rot, Orange. Blau und sogar Grün. Alle acht Gestalten haben ebenfalls damit angefangen, mit ihren Armen an der Umgebung zu rütteln. Scheinen zu willenlosen Sklaven einer höheren Macht geworden zu sein. Verzweiflung überkommt Inkognito. Hoffnungslosigkeit. Das Gefühl einer vernichtenden Niederlage. Er drückt sein Armende fester um seinen Stab. Scheint ihn mit seiner Kraft zerbrechen zu wollen. Doch er hält stand.

Sein Kopf pocht grausam. Sein ganzer Körper brennt. Und um ihn herum wird die ganze Existenz langsam auseinandergerissen. Er richtet sich auf. Der Boden vibriert. Lärmt. Kracht. Der Schwarze versucht sich aufrecht auf dem Boden zu halten. Irgendwie gelingt es ihm. Dann schwingt er seinen Stab. Schwingt ihn zu den farbigen Gestalten. Schwingt ihn kraftvoll hinauf. Dann wieder herunter. Und zweimal ruckartig nach rechts. Die acht Farbigen unterbrechen ihr ferngesteuertes Verhalten. Senken die Arme und sehen jetzt zum Schwarzen. Inkognito zieht den Kopf in die Länge. Beginnt ihnen laut etwas zuzurufen. Versucht dabei den Lärm der Orgel und die Zerstörungswut um ihn herum zu übertönen.

Inkognito: …Ich bin euer Dirigent! Und niemand anderes! Ihr spielt nur das, was ich euch vorgebe!

Das Geistermädchen scheint auf ihn aufmerksam geworden zu sein. Es verharrt noch immer in ihrer schwebenden Haltung und dreht sich jetzt zu ihm.

Geistermädchen: …Verschwinde!!! Du hast hier nichts zu suchen!!! Das ist meine Welt!!!

All die anderen Geister drehen sich jetzt ebenfalls zum Schwarzen. Richten ihre Arme auf ihn und machen kraftvolle Abwärtsbewegungen mit ihnen. Als versuchten sie, ihn aus der Ferne niederzustrecken. Krach! Hinter Inkognito ist ein weiteres Stück Himmel eingeschlagen. Krach! Noch eins dort vorne. Er bleibt aufrecht stehen. Spürt jetzt Windstöße von allen Seiten. Sie versuchen ihn zu Fall zu bringen. Doch er kommt dagegen an. Kann sich behaupten.

Sein Blick gleitet über den Boden. Er sucht etwas. Sucht das Notenheft. Dann sieht er es. Wie es unter einigen Himmelsscherben begraben liegt. Von unten kommt ein kräftiger Stoß. Überall fliegen Scherben nach oben und fallen dann wieder auf den Betongrund. Noch ein gewaltsamer Schlag. Eine gnadenlose Komposition aus unterschiedlichen Katastrophen scheinen den Schwarzen mit aller Macht in die Knie zwingen zu wollen. Doch allmählich scheint er immer resistenter zu werden. Krach! Wieder ein Himmelstück. Diesmal nur einen Meter vor ihm. Inkognito bewegt sich. Geht vorwärts. Steuert an der Scherbe vorbei und geht auf das Notenheft zu. Unterwegs tropft überall schwarze Brühe aus seinem Körper. Verfärbt die Dachplatte schwarz. Sein Körper glänzt und funkelt. Er ist voller Scherbensplitter. Doch er geht weiter. Ignoriert das gewaltsame Poltern und Klirren.

Er ist vor dem Heft angekommen. Zieht es aus den Scherben heraus und blickt abermals zu seinem Orchester. Auch die acht Farbigen scheinen den Erschütterungen jetzt standzuhalten. Einige von ihnen haben ihr Instrument wieder aufgegriffen. Warten auf weitere Anweisungen.

Inkognito: …es wird Zeit für den fünften Akt!!! Ihr müsst laut spielen, sehr laut!!! Von der Orgel darf nichts mehr zu hören sein!!! Habt ihr verstanden!!!?

Krach! Inkognito schlägt das Notenheft auf. Blättert wieder auf die Seite, auf wo fünfte Akt beginnt. Dann sieht er auf die Noten. Klirr! Er prägt sie sich ein. Polter! Krach! Plötzlich beginnt der Boden unter ihm zu zerbröseln. Er sieht nach unten. Sieht viele kleine Betonkiesel, die gerade dabei sind, sich voneinander zu lösen. Im letzten Augenblick springt er zur Seite und landet auf einem stabileren Dachstück. Ein paar Meter neben ihm bröckelt jetzt alles in die Tiefe. Inkognito fängt sich wieder. Steht wieder auf und schlägt das Heft erneut beim Beginn des fünften Aktes auf. Ein letzter flüchtiger Blick, dann legt er es wieder vor sich ab. Er hebt den Stab. Krach! Richtet ihn jetzt auf die acht Farbigen und schwingt ihn. Trommelwirbel ertönt. Braun beginnt den Akt.

Die Orgel wird lauter. Versucht dagegenzuhalten, doch es klappt nicht. Braun schafft es, sie komplett zu übertönen. Inkognito verspürt Freude. Unterdrückt sie aber und dirigiert weiter. Blau kommt hinzu. Schlägt seine Beckenscheiben gegeneinander. Einige der Geistergestalten haben aufgehört an der Umgebung zu rütteln. Sehen jetzt zu dem farbigen Orchester. Krach! Irgendwo ist wieder ein Stück Himmel eingeschlagen. Die Erschütterungen werden schwächer. Gelb begleitet Blau und Braun. Der Scherbenregen lässt nach. Dann die Harfe. Braun setzt aus. Blau übernimmt jetzt den kraftvollen Part alleine. Immer mehr Geistergestalten bleiben nun reglos stehen und starren auf die Farbigen. Entsetzt sieht das Geistermädchen, was sich vor ihr abspielt.

Geistermädchen: …Oh nein! Oh nein!! Oh nein!!!

Rot hat begonnen zu singen. Braun begleitet sie wieder. Im Hintergrund jetzt das Klavier. Das Geistermädchen beginnt zu zittern. Zieht ihre Augenbrauen zusammen und fletscht die Zähne wie eine wilde Bestie. Sie ballt ihre Fäuste. Adern stehen hervor. Dann beginnt sie zu schreien. Immer lauter. Immer unerträglicher. Mit einem Mal hat sie das Orchester übertönt. Die Zerstörungswut gewinnt augenblicklich wieder an Kraft. Der Himmel wird von neuen Rissen durchzogen. Dicker und größer als zuvor. Ganze Himmelsplatten reißen heraus. Nicht nur über dem Geschehen. Auch daneben. Da drunter. Überall. Alles beginnt zu zerbrechen und droht von ewiger Leere und Dunkelheit geschluckt zu werden.

Inkognito dirigiert weiter. Versucht alles um sich herum auszublenden. Das Orchester spielt ebenfalls weiter. Wiederholt die letzte Passage und versucht gegen den Schrei anzukommen. Wiederholt sie wieder und wieder. Inkognitos Kopfschmerzen werden schlimmer. Wachsen in ihm wie ein Tumor. Er hält es nicht mehr aus. Krach! Doch er dirigiert weiter. Polter! Dirigiert weiter. Immer weiter. Bis es plötzlich wieder aufblitzt.
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Teil 3

Kapiel 10: Szenenwechsel


Plötzlich ist Inkognito wieder dieses Mädchen. Sie steht auf einem Ruderboot. Irgendwo auf einem kleinen Weiher. Um sie herum ist es dunkel. Es scheint Nacht zu sein. Ihre Hände zittern nervös und umklammern den Griff einer Pistole. Ihr gegenüber sitzt dieses andere Mädchen. Die Waffe ist auf ihr Gesicht gerichtet. Sie drückt sich ängstlich gegen die Rückwand des Bootes. Tränen liegen in ihren Augen. Sie versucht etwas zu sagen. Kann es aber nicht. Abwechselnd blickt sie auf das Mädchen mit der Schusswaffe und auf ihren Oberschenkel. Dort, wo eine dunkle rote Farbe versucht, sich durch ihre Jeans hindurch zu kämpfen. Sie ist am schluchzen. Atmet unregelmäßig.

Mädchen mit Waffe: …Hör auf zu flennen! Hör sofort auf zu flennen oder ich jag dir eine Kugel genau zwischen deine verdammten Augen!!!

Der ganze Körper des anderen Mädchens zittert kräftig. Wieder versucht sie etwas zu sagen. Beginnt zu stammeln und bekommt schließlich einige flehende Wortfetzen heraus.

Anderes Mädchen:
…S-s-sarah. B-b-bitte. K-komm doch …zur Ver.. vernunft. B-bitte- Ich… ich flehe d-d-dich an. S-s-sarah …b-bitte.

Langsam führt das bedrohte Mädchen ihre Handfläche auf die Wunde im Oberschenkel. Sie will sie ausblenden. Nicht mehr sehen. Bei der Berührung verspürt sie eine Art elektrischen Schlag und schreit laut auf. Nur den Bruchteil einer Sekunde später erinnert sich an Sarahs Warnung und drückt augenblicklich ihre Zähne zusammen. Bloß nicht weinen. Bloß nicht die Beherrschung verlieren, sonst drückt sie ab. Angst in ihrer reinsten Form hat die Kontrolle über sie ergriffen.

Sarah:
…Vernunft, ja? Du erzählst mir was von Vernunft, du Schlampe!! Wer war es denn, die die Vernunft verloren hat und mit Jens gefickt hat, obwohl sie wusste, dass er schon vergeben ist!? Wer war denn das!? Warst du das etwa, Nicole!? Oh ja!! Du warst das, du Drecksau!!!

Vor Sarahs innerem Auge materialisiert sich wieder diese Szene. Diese Szene, bei der sie Nicole mit ihrem Freund im Bett erwischt hatte. Diese Szene, bei der die beiden ganz offensichtlich Sex miteinander hatten. Diese Szene, bei der Jens sie betrogen hatte. Sarah schreit auf. Schießt mit der Pistole in die Luft. Verliert jeden Gedanken daran, dass man sie hören könnte und, dass jemand die Polizei verständigen könnte. Es ist ihr egal. Alles scheint ihr egal zu sein.

Sarah:
…Ich hatte niemanden! Niemanden!!! Und meinen einzigen Freund nimmt man mir weg. Warum hast du mir das angetan!!? Warum!!!?

Langsam führt Sarah den Lauf ihrer Waffe an die eigene Schläfe. Es fühlt sich kühl an. Der Geruch von Ruß steigt in ihre Nase auf. Noch immer durch ihre Angst gelähmt, sieht Nicole ihr zu. Starrt sie an. Hofft, aus diesem Alptraum wieder aufzuwachen. Hofft, sich jeden Augenblick in ihrem Bett wiederzufinden und über alles lachen zu können. Aber sie wird nicht wach. Weil sie nicht träumt.

Musik dringt in Sarahs Verstand ein. Es ist die Musik des farbigen Orchesters. Es ist der Abschnitt, der sich schon seit einer ganzen Weile wiederholt. Endlich hört sie ihm zu und durchbricht damit diese Endlosschleife. Das Stück geht jetzt weiter. Der Schrei des Geistermädchens scheint überwunden zu sein. Ja. Sarahs Blick verändert sich. Der Wahnsinn in ihren Augen scheint jetzt etwas anderem zu weichen. Sie senkt den Arm mit der Waffe. Senkt ihn herab auf ihren rechten Oberschenkel und scheint zu lauschen. Doch sie lauscht nicht der Musik. Sie lauscht einer inneren Stimme. Einer Stimme, die von der Musik erzeugt wird.

Musik: …Sarah. Überlege, was du im Begriff bist zu tun. Überlege gut, welche Konsequenzen dein Tun hat und welche Alternativen dir zur Verfügung stehen.

Sarah antwortet. Scheint jetzt mit sich selbst zu sprechen. Spricht zur inneren Stimme. Nicole sieht ihr zu. Sieht auf die Pistole. Will sie in einer raschen Bewegung von Sarah wegschlagen. Doch sie kann es nicht. Die Angst hält sie zurück. Drückt sie mit voller Wucht gegen die Rückwand des Bootes. Ihr Herz geht schnell. Jeder Schlag scheint ihre Brust zertrümmern zu wollen.

Sarah: …Was denn für Alternativen!? Wieder alleine zu Hause zu sitzen. Papa dabei zusehen, wie er sich volllaufen lässt und Mama verprügelt!? Alleine in der Schule sitzen!? Dabei zuhören, wie die anderen mich fertig machen? Zuhören, wie sie mich beschimpfen? Jens ist alles. Jens ist der Grund für mich zu leben. Und jetzt wird er mir aus meinem Herz herausgerissen. Alternativen. Alternativen!! Da gibt es nichts!!

Es blitzt wieder auf. Inkognito steht jetzt wieder auf dem Dach der Schule. Steht wieder aufrecht vor seinem Orchester und schwingt den Stab. Dirigiert „das Erwachen“. Irgendwo hinter ihm ist das Geistermädchen. Sie brüllt und kreischt. Versucht mit all ihrer Kraft die Totalität der Existenz zu sprengen. Versucht Sarahs Beherrschung zu sprengen. Ein für alle Mal.

Der Boden zerbröckelt unter dem Schwarzen jetzt erneut. Doch er bleibt stehen. Unter ihm zerfällt der Beton und stürzt in die Tiefe. Doch er bleibt da. Steht jetzt auf dem Nichts und dirigiert weiter. Immer weiter. Es ist der einzige Weg. Er schwingt den Stab jetzt zum Grünen. Dann zum Blauen. Beordert ein kurzes Duett und lässt Violett im Hintergrund die Triangel spielen. Es blitzt wieder auf.

Musik:
…Du bist noch jung, Sarah. Das Leben hält noch viele schöne Erfahrungen für dich bereit. Du wirst das Haus deiner Eltern bald hinter dir lassen. Und dann beginnst du ein neues Leben. Vertraue mir. Es kann nur besser werden. Du bist jetzt an einem Tiefpunkt. Da fühlt man sich schlecht. Sehr schlecht und will alles aufgeben. Aber es währt nicht lange. Es wird besser, Sarah. Viel besser. Vertrau mir.

Tränen laufen Sarah über die Wangen. Ein Gefühl von Schwäche überkommt sie. Als sauge jemand die ganze Kraft aus ihrem Körper. Sie scheint innerlich zusammenzubrechen. Die Waffe fällt ihr aus der Hand und landet auf dem Grund des Bootes, wo sie in eine dünne Schicht aus Wasser getränkt wird. Es blitzt wieder auf.

Inkognito schwingt den Stab zur Roten. Winkt sie in den Vordergrund. Senkt die Geschwindigkeit des Klaviers herab und bedeutet Grün und Blau zu pausieren. Lässt Violett von Orange ablösen. Seine volle Konzentration ist den acht Farbigen gewidmet. Neben ihm krachen wieder Himmelsstücke herunter und fallen ins Nichts herunter, das sich unter ihm immer weiter ausgebreitet hat. Schwarze Flüssigkeit fließt noch immer aus seinem Körper. Neue Scherben haben sich hineingefressen. Doch er ignoriert das alles. Unterdrückt alles und dirigiert weiter. Dann blitzt es wieder auf.

Musik: … Du zweifelst daran, dass es noch andere Menschen geben wird, die dich lieben? Die dich mögen? So, wie du bist? Sarah, die Zeiten werden sich ändern. Jens ist nicht er einzige Mensch, der dazu in der Lage ist, dein Herz zu wärmen. Vertraue darauf. Es wird gar nicht mehr lange dauern, da wirst du im Arm eines anderen Menschen liegen und ihm zulächeln. Und er wird dein Lächeln erwidern. Und dir Treue schenken. Anders als Jens. Vertraue mir. Alles wird besser.

Sarah hat inzwischen den Kopf in die Handflächen gelegt und begonnen zu weinen. Langsam scheint Nicole wieder die Kontrolle über ihren Körper zurückzuerlangen. Ihr Blick wandert jetzt von Sarah langsam zur Waffe. Sie liegt zwei Meter vor ihr auf den Boden. Ihr Herz rast. Ihre Hände vibrieren. Vorsichtig streckt sie den Arm aus. Blickt immer wieder zu Sarah und fleht innerlich darum, dass sie sie jetzt nicht bemerkt. Sie streckt ihre Finger aus und greift nach der Pistole.
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BeitragVerfasst am: Sa Apr 21, 2012 21:07    Titel: Antworten mit Zitat

Teil 3

Kapitel 11: Alternativen


Ring-Ring. Ring-Ring. Hektisch fährt Sarah nach oben. Sieht jetzt, wie Nicoles Arm zur Waffe fährt. Sieht, wie ihre Finger danach greifen. Ring-Ring. Ring-Ring. Augenblicklich ballt sie ihre Faust, beugt sich vor und rammt sie Nicole in den Magen. Sie schreit. Zieht den Arm wieder zurück und gibt jetzt ein quälendes Gejammer von sich. Ring-Ring. Ring-Ring. Sarah scheint all ihre Bedenken wieder vergessen zu haben. All die Gedanken, die sie dazu bewegten, der Situation doch noch mit Vernunft zu begegnen, sind plötzlich wieder verschwunden. Sie hat die Waffe wieder aufgenommen. Hat ihre Hände fest um den Griff geklammert. Richtet sie jetzt wieder auf Nicole. Ihr Blick ist wütend. Zornig. Frustriert. Ring-Ring. Ring-Ring. Nicole baut ihre Arme schützend vor sich auf und beginnt leise und in flehendem Tonfall wirre Gebetsfetzen aufzusagen. Ihr Körper ist zusammengekauert und zittrig.

Sahra drückt ab. Ein Schuss. Dann ein Schrei. Irgendwo flüchten Vögel aus einer Baumkrone. Ein wahnsinniges Lachen ertönt. Es ist schadenfroh. Böse. Nicole verharrt in ihrer Schutzhaltung. Sarah hat ihre Schulter getroffen. Blut sammelt sich unter dem T-Shirt und verfärbt es. Ring-Ring. Ring-Ring.

Sarah: …du wolltest mich erschießen! Du wolltest mich erschießen!! Du wolltest den Moment meiner Trauer ausnutzen, um mich kaltblütig zu töten!! Du Schlampe!!

Nicole antwortet nicht. Rührt sich nicht mehr. Als habe sie sich mit ihrem Tod abgefunden und als warte sie nur noch, bis sie ins Jenseits befördert wird. Sarah bringt ihre Waffe wieder in Position. Richtet sie dorthin, wo Nicole ihren Kopf mit dem linken Arm verdeckt. Ring-Ring. Ring-Ring.
Sarah: …zu blöd, dass gerade jetzt dein Handy klingeln muss. Wahrscheinlich ist es Jens. Wahrscheinlich will er dich retten. Doch jetzt hat er das Gegenteil bewirkt. Das nennt man Ironie des Schicksals. Wusstest du das, Nicole? Wusstest du das!?

Das Handy hat aufgehört zu klingeln. Sarah lacht wieder. Winkelt den Finger an den Abzug an und will ihn an sich heranziehen. Will abdrücken. Doch sie wird unterbrochen. Wieder diese Musik. Ihre Hände beginnen zu zittern. Tränen laufen ihr über die Wangen. Es scheint ihr Mühe zu bereiten, die Pistole in Position zu halten. Sie beißt die Zähne zusammen. Kann sich nicht mehr beherrschen und beginnt zu schluchzen. Musik. Sie geht weiter. Mit dem fünften Akt. Es blitzt wieder auf.

Inkognito schwingt den Stab zum Orangenen. Gibt ihm ein Zeichen. Dann schwingt er ihn zu Braun. Befiehlt ihm das Trommeln verklingen zu lassen. Dann schwingt er den Stab mit zunehmend kürzeren Bewegungen. Nimmt auf diese Weise die Lautstärke heraus. Das Gebrüll des Geistermädchens bricht wieder hindurch. Sie gestikuliert wild mit den Armen. Sie lacht. Es klingt wie das irrwitzige Gelächter von Sarah. Krach! Wieder hat sich eine Scherbe aus dem Himmel gelöst. Über ihr wirkt es inzwischen wie ein Puzzle, von dem nur noch vereinzelte Teile liegen geblieben sind. Fast alles ist schwarz und dunkel. Es zehrt an der Umgebung. Saugt sämtliche Helligkeit aus ihr heraus. Das farbige Orchester ist nur noch undeutlich zu erkennen. Doch Inkognito dirigiert weiter. Lässt sich nicht davon abbringen. Als dirigiere er blind. Krach! Blau setzt wieder ein. Dann die Trompete des Gelben. Sie haben das Geistermädchen jetzt wieder übertönt. Von irgendwoher versucht jetzt der Klang einer Orgel durchzudringen. Doch er wird zurückgehalten. Krach! Klirr!

Inkognito: …Wiederholt die letzte Strophe noch einmal! Sie muss komplett durchklingen! Gebt alles! Lasst den Geistern keine Chance!!

Orange beginnt ein weiteres Mal. Spielt lauter. Übertönt abermals das Geschrei. Das Geistermädchen beginnt zu keuchen. Scheint an Kraft zu verlieren. Genau über ihr kracht jetzt wieder ein Stück Himmel herab. Es fällt durch sie hindurch. Prallt unter ihr auf ein verbliebenes Dachstück und sprengt es dabei in kleine Betonbrocken. Die Schule unter ihr besteht nur noch aus abstrakten Trümmern mit schwarzen Flecken. Das ursprüngliche Gebäude ist nicht mehr wiederzuerkennen. Blau setzt ein. Spielt laut. Dann wieder Gelb. Das Geistermädchen versucht sie zu unterbrechen. Versucht den Akt zu sabotieren. Doch ihre Stimme versagt. Ihr Körper sinkt langsam herab. Frust kommt auf. Dann Wut. Ungebändigte Wut. Sie brüllt ihre letzte Kraft heraus. Doch zu leise. Kommt nicht gegen die Trompete des Gelben an. Die Musik formt wieder eine Stimme. Spricht wieder zu Sarah.

Musik: …du kannst Nicole erschießen. Es ist eine Alternative. Eine Alternative von vielen. Überlege es. Wenn du ihr das Leben nimmst, wirst du viele Jahre im Gefängnis verbringen. Und du wirst ewig mit der Schuld leben müssen, einen Menschen umgebracht zu haben. Sarah. So ein Leben ist eine Qual. Und diese Qual ist die Konsequenz dieser Alternative. Überlege das. (Pause) Sarah. Es gibt andere Alternativen. Bessere Alternativen. Bitte hör zu. Hör zu, was ich dir vorschlage.

Der Ton der Geige verklingt. Grün hat den Akt zu Ende geführt. Schwarz senkt den Stab wieder herab und Ruhe kehrt ein. Das Erwachen ist vollendet. Der fünfte Akt abgeschlossen. Das Geistermädchen kniet auf dem Boden. Stützt sich mit einem ihrer Arme ab und erkennt jetzt, dass auch all die anderen verbliebenen Geistergestalten keuchend dasitzen. Auf einem schwarzen unsichtbaren Grund. Sie sieht nun zu den Farbigen. Sieht zu Inkognito. Dann blitzt es wieder auf.

Sarah sieht auf ihre Pistole. Die Sicht ist verschwommen. Verzerrt durch ihre Tränen. Sie will sie sich abwischen, doch es geht nicht. Ihre Hände haben die Pistole fest im Griff. Sarah schluchzt noch immer. Stammelt jetzt. Will ihre Gedanken in Wut und Trauer ertränken. Doch die Musik hat etwas in ihrem Kopf in Bewegung gebracht. Etwas, das ihr vor Augen führt, was gerade in diesem Augenblick passiert. Und was möglicherweise als nächstes passieren wird.

Sie sieht jetzt wieder diesen Jungen. Jens. Und sie sieht Nicole neben ihm. Das Pochen ihres Herzens ertönt. Es pocht ruhig und gleichmäßig. Ihre schönsten Erlebnisse mit Jens fliegen an ihr vorbei. Sie sieht hinterher. Dann sieht sie andere Bilder. Bilder von fremden Menschen. Bilder von Menschen, die mit ihr zusammen durch einen Park spazieren. Dann erscheinen Bilder von verrotteten Wohnvierteln. Bilder von ihr selbst, wie sie unter einer Brücke liegt und sich eine Zigarette anzündet. All diese Erscheinungen fliegen wie ein Windstoß an ihrem inneren Auge vorbei. Die schönen Bilder mit diesen fremden Menschen fliegen jetzt durch die schrecklichen verrotteten Bilder hindurch. Zerschmettern sie. Fressen sie. Die angenehmen Bilder verflüchtigen sich wieder. Dann fliegen andere Bilder an ihr vorbei. Bilder, die einen unbekannten Mann abbilden. Wie er sie im Arm hält und küsst. Diese Bilder brettern durch wieder neue Bilder hindurch. Durch Szenen, in denen sie in einer öffentlichen Duschkabine steht und von anderen Frauen geschlagen wird. Langsam wird es hell. Immer heller. Und dann findet sie sich schließlich im Ruderboot wieder. Weiterhin mit der Pistole in den Händen. Es scheint, als erwache sie gerade aus einem Tagtraum. Ihr Blick ist seltsam verzerrt. Eine Mischung aus Trauer, Verwunderung und Ehrfurcht. Nicole lebt immer noch. Hoffnung keimt in ihr auf. Zögerlich nimmt sie den Arm herunter. Sieht in Sarahs Gesicht. Und sieht auf die Waffe, deren Lauf jetzt genau auf ihr linkes Auge zeigt. Es blitzt wieder auf.

Inkognito hält jetzt das Notenheft in seinem freien Armende. Hat es zum sechsten Akt vorgeblättert und sieht auf die Noten. Es sind nur wenige Zeilen. Ein kurzer Akt zum Abschluss. Während er die Musik studiert, hat sich das Geistermädchen wieder aufgerichtet. Ihr Körper wirkt verschwommen - verzerrt. Ihr Atem gleicht dem eines wilden Tieres. Überall um sie herum haben die verbliebenden Geistergestalten begonnen zu heulen und ihre Oberkörper zu räkeln. Ihre Arme sind wehleidig in die Höhe geworfen.

Geistermädchen: …Meine Welt… Meine Welt! Meine Welt!!! MEINE WELT!!!!!

Sie rennt los. Inkognito hat das Notenheft wieder abgelegt. Bemerkt jetzt, wie das Mädchen angestürmt kommt. Er sieht hin. Wendet sich dann wieder ab und hebt den Stab. Richtet ihn auf das Orchester. Schwingt ihn hoch. Das Mädchen springt ab. Fliegt in hohem Bogen auf den Schwarzen zu. Aus ihren Fingern wachsen jetzt lange scharfe Krallen. Inkognito deutet den Stab zum Blauen. Er reagiert. Schwingt die Beckenscheiben und schmettert sie zusammen. Ein kraftvoller Ton erklingt. Die ganze Umgebung vibriert. Der Stab schwenkt zu Gelb. Die Trompete setzt ein. Nebel strömt aus den dunklen Fetzen der Umgebung. Es ist heller Nebel. Er scheint die Dunkelheit wieder zu vertreiben. Es wird hell. Richtig hell. Die Farben der Musiker beginnen jetzt kraftvoll zu strahlen.

Das Geistermädchen reißt die Arme nach hinten. Will Schwung holen. Inkognito in Stücke reißen. Doch im gleichen Moment, in dem sie die Arme nach vorne schwingen will, dreht sich der Schwarze wieder zu ihr, macht eine rasche Bewegung mit dem Dirigentenstab und zerfetzt sie mitten im Sprung in ihre Einzelteile. Gefolgt von einem quälenden Schrei verpuffen ihre Fetzen zu einer grauen Rauchwolke, deren gasige Fäden sich rasch in alle Richtungen verstreuen. Ihr Schrei hallt noch einen Moment nach, bis er dann schließlich von der Musik des farbigen Orchesters übertönt wird. Zusammen mit dem Geistermädchen verpuffen nun auch all die anderen Geister zu Rauch.

Inkognito bleibt konzentriert. Scheint den Sieg über die Geister vorerst zu ignorieren und dirigiert weiter. Schwingt den Stab zum Grünen. Die Geige beginnt zu spielen. Begleitet Gelb, dessen Musik sich inzwischen immer mehr in den Vordergrund gekämpft hat. Mit dem Spiel der Trompete wird immer mehr Nebel in die Atmosphäre gepumpt. Von den schwarzen leeren Fetzen ist kaum mehr was zu sehen. Überall nur helle Nebelschwaden. Und mitten drin das leuchtend farbige Konzert. Inkognito reißt den Stab zu Braun. Atmet tief ein und hebt ihn an. Atmet dann tief aus und senkt ihn wieder herab. Braun antwortet und lässt einen Trommelschlag erklingen. Dann noch einen. Hat jetzt Grün und Gelb übertönt. Dann noch einen. Inkognito senkt beide Arme nach unten und lässt sie dort. Bewirkt einen Trommelwirbel. Erst langsam und leise. Dann immer schneller und kräftiger. Er holt ein letztes Mal tief Luft. Lehnt seinen Oberkörper leicht zurück. Nimmt dann Schwung und reißt seine Arme schließlich mit ganzer Kraft in die Höhe.

Krach! Braun schmettert die Arme auf den Bezug seines Instruments und im gleichen Augenblick blitzen überall neue farbige Gestalten auf. Alle tragen unterschiedliche Instrumente bei sich und beginnen sofort in das Konzert mit einzusteigen. Vor Inkognito baut sich nun zum zweiten Mal diese Szene auf, in der er als Dirigent vor einem riesigen Publikum stand. Doch diesmal ist es real. Stolz und Freude steigen in ihm auf und treiben sein Dirigieren weiter voran. Jeder einzelnen Gestalt gibt er die Töne vor. Blau, Grün, Gelb, Rot. Grau, Braun, Violett, Orange. Türkis, Rosa, Bordeaux, Cyan. Hellblau, Laubgrün, Pink und Magenta. Und immer so weiter. Nur Weiß scheint dieses Mal nicht anwesend zu sein. Inkognitos Gedanken arbeiten kurz, doch dann begreift er schließlich, dass seine fehlende Präsenz nur eines bedeuten kann: dass er seine Anweisungen nicht mehr benötigt, weil er seine Aufgabe nun erfolgreich erledigt hat.

Sein Dirigieren scheint sich nun zunehmend zu automatisieren und beginnt, ihn in eine Art Trancezustand zu versetzen. Um ihn herum flackern jetzt alle Farben des Regenbogens auf. Es wird immer heller, immer bunter. Langsam scheint alles um ihn herum zu verschwimmen. Schwindelgefühle steigen in ihm hoch. Müdigkeit setzt ein. Und gerade als sein Bewusstsein zu schwinden droht, blitzt es schließlich wieder auf. Erschrocken zuckt Sarah zusammen.

Wieder diese Musik. Wieder diese innere Stimme. Doch diesmal ist es keine fremde Stimme in ihrem Kopf. Sondern ihre eigenen Worte. Ihr Blick ist zuerst auf Nicole gerichtet, dann auf ihre Waffe.

Sarah: …Alternativen. Ja. Es gibt andere Lebenswege, die ich gehen kann, als mein Leben hier und jetzt wegzuwerfen. Ich werde neu anfangen. Ein ganz neues Leben. Ja.

Mit diesen Worten löst Sarah nun die linke Hand von der Pistole und führt die rechte Hand, zusammen mit der Waffe, über den Rand des Bootes hinaus zum Wasser. Dann lässt sie sie fallen. Augenblicklich schlägt die Schusswaffe auf die Wasseroberfläche auf und sinkt dann auf den Grund des Sees hinab. Ring-Ring. Ring-Ring.
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BeitragVerfasst am: Sa Mai 05, 2012 0:49    Titel: Antworten mit Zitat

Teil 3

Kapitel 12: Konsequenzen


Nicole atmet schwer. Ihre Arme wirken steif. Sie will hier weg. Aus dem Boot springen und durch den See bis ans rettende Ufer schwimmen. Aber sie ist noch immer wie gelähmt. Und auch schwer verletzt. Sarah stößt einen Seufzer aus. Sieht auf die Stelle, an der die Waffe ins Wasser gefallen ist. Vereinzelte Tränen tropfen hinterher. Es sind die Überreste ihrer zornigen Trauer. Aus einer Zeit, bevor ihr elendiger Frust von Entschlossenheit abgelöst worden ist. Eine Entschlossenheit, einen neuen Lebensweg einzuschlagen. Vor ihrem geistigen Auge sieht sie jetzt ihre Festnahme und die weiteren Konsequenzen für ihre vergangenen Handlungen. Dann redet sie schließlich weiter. Ihre Worte sind an Nicole adressiert, ihr Blick apathisch auf den See gerichtet.

Sarah: …du hast mir meinen einzigen Freund weggenommen. Und er hat mich hintergangen. Ich habe noch nie im Leben etwas derart Schreckliches erlebt. Doch ich werde ihn nicht wiederbekommen, wenn ich dich töte. Im Gegenteil. Er wird mich jetzt erst recht zurückweisen, weil ich dir zwei Kugeln in den Körper gejagt habe. (Pause) Tut mir Leid. Ich hätte die Sache anders regeln müssen. Ich hatte meine Gefühle einfach nicht mehr unter Kontrolle. Hatte mich nicht mehr im Griff.

Eine Polizeisirene ertönt. Dann noch eine. Es sind die Schüsse gewesen. Menschen aus der näheren Umgebung hatten sie gehört und dann die Polizei verständigt. Sarah hatte keinen Zweifel daran gehegt, dass man sie hören würde. Doch ihr war nicht klar gewesen, ob die Polizei sie lebendig oder bereits tot vorfinden würde. Ihr Entschluss, die Waffe in den See zu versenken, hatte diese Unsicherheit aus der Welt geschafft. Sie wird leben. Und auch Nicole. Und das traumatisierte Mädchen wird der Polizei alles erzählen. Und Sarah wird bezahlen. Daran führt nun kein Weg mehr vorbei. Erneut spielt sich das kommende Szenario vor Sarahs geistigem Auge ab.

Zehn Minuten verweilen die beiden jungen Frauen auf dem Boot, ohne einen Ton zu sagen. Hin und wieder gibt Nicole ein Zischen und ein Ächzen von sich. Hin und wieder entweicht Sarah ein Seufzer. Das Boot bewegt sich nicht vorwärts, nicht rückwärts. Es schaukelt leise im Wind. Kippt leicht nach rechts, verbleibt eine Weile so und kippt wieder leicht nach links. So geht es die nächsten zehn Minuten immer weiter. Nach links. Nach rechts. Und so weiter.

Aus dem Augenwinkel bemerkt Sarah jetzt einige Bewegungen drüben zwischen den Bäumen. Auch wenn sie es noch nicht sehen kann, weiß sie bereits, dass es Polizisten sind, die sich durch den dichten Forst hindurch auf sie zu bewegen. Ihnen voraus wandern kleine runde Lichtkreise und tasten sich über den Waldboden hinweg zum Weiher. Die bereits antizipierten Polizeibeamten kommen jetzt aus dem Wald hervor und rennen weiter. Solange, bis sie schließlich am Rand des Ufers zum Stillstand kommen. Es sind drei oder vier Beamte. Einer von ihnen hebt jetzt ein Objekt an sein Gesicht, woraufhin eine Stimme, verstärkt durch ein Megaphon, ertönt.

Polizist: …Achtung! Achtung! Hier spricht die Polizei! Rudern sie mit dem Boot langsam an das Ufer und kommen Sie mit erhobenen Händen an Land. Wir haben den ganzen Weiher umzingelt. Wenn sie genau das tun, was wir Ihnen sagen, dann wird Ihnen nichts passieren! Ich wiederhole! Wenn sie genau das tun, was wir Ihnen sagen, dann wird Ihnen nichts passieren!

Rote und blaue Blinklichter erscheinen nun hinter den Polizeibeamten. Sie kämpfen sich durch das Dickicht und werfen einige verzerrte Lichtstrahlen zu den beiden Mädchen herüber. Die ganze Szene scheint sich jetzt abwechselnd rot und dann wieder blau zu färben. Nacheinander streifen die Lichter über die Körper der beiden Mädchen und tauchen sie in blasse Farben ein. Das Blinken scheint von den Polizeiwagen zu kommen, die die Beamten hinter den Bäumen geparkt haben.

Sarah blickt zu den Polizisten herüber und zögert kurz. Dann hebt sie schließlich ihre Arme und greift nach den Paddeln, die überkreuzt hinter ihr in der Bootsecke liegen. Sie verankert sie in die dafür vorgesehenen Halterungen und taucht sie ins Wasser. Ein kurzes schluckendes Geräusch gesellt sich den Blinklichtern. Dann beginnt sie zu rudern. Vorwärts. Dann zurück. Wieder vorwärts und wieder zurück. Allmählich bewegt sich das Boot und treibt nun langsam auf das Ufer zu. Dorthin, wo die Polizeibeamten schon auf die beiden Mädchen warten.

Als Sarah dem Ufer näher kommt, erkennt sie, dass es jetzt nur noch zwei Polizisten sind, die dort bereitstehen. Vermutlich sind die anderen Beamten mit neuen Aufgaben versorgt worden. Verstärkung rufen, Waffen aus ihren Fahrzeugen holen. Wer weiß das schon. Sarah und auch Nicole sehen sie an. Sehen, dass sie inzwischen Haltung eingenommen haben und ihre Pistolen auf das Boot gerichtet haben. Bereit, jeden Augenblick zu schießen, falls sie auch nur die kleinste Gefahr wittern.

Es dauert etwa zwei weitere Minuten, bis das Boot schließlich an Land stößt und dort zum Stillstand kommt. Sarah regt sich nicht und wartet darauf, was passieren wird. Nicole bleibt verängstigt an der Rückwand sitzen und blickt nervös zu den bewaffneten Beamten. Noch immer steckt ein Gefühl in ihr, dass sie heute noch sterben wird. Trotz der deutlichen Aufforderung, auszusteigen und ihre Hände zu erheben, verweigern beide Mädchen die Befehle und bleiben mit herabgesenkten Armen sitzen. Einer der Polizisten bleibt zurück und hält seine Stellung, während der andere an das Boot heran tritt und seine Taschenlampe auf die Mädchen richtet.

Polizist: …Die Arme hoch und dann raus hier!

Als die Mädchen sich noch immer nicht rühren, betrachtet der Beamte die beiden etwas genauer und erkennt jetzt Nicoles Schussverletzungen. Dann blickt er ihr in die Augen. Er scheint sie lesen zu können. Scheint den ganzen Vorfall in ihnen sehen zu können. Den Umstand, dass zweimal auf sie geschossen wurde und, dass der Täter das andere Mädchen war. Sarah. Er wendet sich nun wieder von ihr ab und sieht zur Täterin. Ohne den Blick von ihr zu lassen, gibt er seinem Kollegen weitere Anweisungen.

Polizist: ...leg ihr Handschellen an und bring sie dann in den Wagen. Sie hat die Schüsse gefeuert und das andere Mädchen verwundet. Die Waffe scheint sie nicht mehr bei sich zu tragen. Aber taste sie trotzdem ab.

Während sich der erste Polizist Nicole zuwendet und ihr aus dem Boot hilft, kommt sein Kollege mit hinzu, folgt den Anweisungen seines Kollegen und tastet Sarah sorgfältig ab. Obwohl sie ein unangenehmes Gefühl dabei erfährt, bleibt sie ruhig und lässt es über sich ergehen. Sie hatte es bereits erwartet, dass man sie auf diese Weise untersuchen würde. Als der Polizist schließlich fertig ist, schnallt er Paar Handschellen von seinem Gürtel ab und legt sie an Sarahs Handgelenke. Gemeinsam bewegen sich die Mädchen und die Polizisten in Richtung Blinklichter und verschwinden schließlich im Wald zwischen den Bäumen.

Im weiteren Verlauf der Nacht wird Sarah von dem Beamten zum örtlichen Revier gefahren, während Nicole von einem Krankenwagen in ein Hospital gebracht wird. Sarah verbringt die Nacht in einer Zelle und Nicole zunächst im Operationssaal, wo ihr die Kugeln aus Schulter und Oberschenkel entfernt werden. Nach dem Eingriff wird sie schließlich in ein Gästezimmer gebracht, wo sie dann für den Rest der Nacht verbleibt.



Am nächsten Tag wird Sarah verhört. Im Gespräch mit einem Polizeibeamten gesteht sie widerstandslos die Schüsse auf Nicole und, dass sie ihre Waffe anschließend in den See geworfen hat. Als sie nach ihrem Motiv befragt wird, erzählt sie ihm die Geschichte mit Jens. Sie erzählt sie in aller Ausführlichkeit und der Polizist folgt ihr und macht sich dabei einige Notizen.

Am Abend wird das Mädchen dann befristet entlassen, mit dem Wissen, zwei Wochen später zu einem Strafprozess zu erscheinen. Ein Prozess, der darüber entscheidet, wie hoch ihre Strafe für die Körperverletzung an Nicole ausfällt.

Als sie das Revier verlässt, stehen ihre Eltern bereit, um sie abzuholen und wieder nach Hause zu bringen. Daheim angekommen, geraten die drei schnell in einen heftigen Streit, der damit endet, dass Sarah sich in ihrem Zimmer einschließt, ihr Vater in die örtliche Kneipe flüchtet und ihre Mutter heulend am Küchentisch sitzt.

Die weiteren zwei Wochen lebt Sarah weitgehend zurückgezogen. Hin und wieder muss sie den Stress mit ihren Eltern über sich ergehen lassen. Doch im großen Ganzen findet sie viel Ruhe. Ihr Vater organisiert schließlich einen Anwalt für sie, der das Strafmaß möglichst weit reduzieren soll. Sarah scheint das allerdings wenig darum zu kümmern. Es ist, es wolle sie eine gerechte Strafe absitzen. Eine gerechte Strafe, um ihr Gewissen zu reinigen und dann einen Neuanfang zu starten. Zu Jens und Nicole hat sie in diesen zwei Wochen keinen Kontakt.



Der Tag des Prozesses kommt. Er beginnt um acht Uhr morgens und endet am späten Vormittag. Sarah sieht nun sowohl Jens als auch Nicole das letzte Mal. Nicole als Klägerin, Jens als involvierte Person, die nur kurz auftritt, um einige Fragen zu beantworten. Die meiste Zeit des Prozesses wird von Sarahs und Nicoles Erzählung gefüllt, wie sie die besagte Nacht erlebt hatten. Hin und wieder setzt eine kleine Pause ein. Und hin und wieder werden einige Verwandte und Bekannte der beiden befragt. Im Großen Ganzen verläuft der Prozess stringent und ohne komplizierte Zwischenfälle.

Um etwa zehn nach zwölf erhebt sich der Richter schließlich von seinem Stuhl und verkündet das Urteil: drei Monate Jugendhaft für die Angeklagte Sarah. Während Sarahs und auch Nicoles Reaktion eher verhalten wirkt, brechen Sarahs Eltern in Tränen aus. Zusammen mit einen Gerichtsdiener und einen Polizeibeamten wird ihre Tochter abgeführt. Sarahs Blick ist auf ihre trauernden Eltern fixiert - solange, bis sie schließlich hinter der zweiflügligen Tür des Gerichtssaals verschwindet. Ihr Gesichtsausdruck zeigt dabei keine emotionale Regung. Weder Trauer, noch Freude.

Während Sarah aus dem Gerichtsgebäude eskortiert wird, verfällt sie in Gedanken. Erlebt eine Art Tagtraum. Um sie herum wird es wieder dunkel. Dann wird es still. Sie lauscht ihrem Atmen. Der einzige Ton, der diese neue Leere durchbricht. Ein. Aus. Pause. Ein. Aus. Pause. Von irgendwo her erklingen jetzt weitere Geräusche. Sie gesellen sich zur Atmung hinzu. Es ist Musik. Es ist die Musik einer Geige. Sie klingt gut und harmonisch. Die Dunkelheit wird jetzt von hellen Nebelschwanden verdrängt. Und schon wenige Augenblicke später lichtet sich der Nebel wieder, um schließlich eine grüne, lebendige Gartenanlage freizugeben.

Voller Verwunderung fällt der Blick jetzt auf strahlende Bäume. Singende Vögel. Plätschernder Bäche. Augenblicklich erinnert sich Sarah an jeden Ort, den Inkognito aus den Fenstern des Religionsraums heraus erblickt hatte. An die Gärten. Dorthin, wo er von Beginn an hin wollte - dorthin, wo sie von Beginn an hin wollte. Noch ehe sie die ganze Pracht des Gartens realisiert hat, wird sie von dem schrillen Schrei eines Vogels aus ihrer Bewunderung herausgerissen. Erschrocken dreht sie sich um.

Der Blick fährt nach oben. Voller Erstaunen erblickt Sarah jetzt, wie ein riesiger bunter Paradiesvogel aus den Baumkronen heraus in die Lüfte steigt, einen grellen farbigen Schweif nach sich ziehend. Unbewusst beschattet die junge Frau ihre Augen schaut zu ihm hoch. Bewundert ihn. Bestaunt ihn. Im Hintergrund noch immer der harmonische Klang der Geige.


Ende
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