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Das Leben eines Asexuellen
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Liro




Alter: 27
Anmeldungsdatum: 01.08.2010
Beiträge: 346
Wohnort: OWL
BeitragVerfasst am: Mo Aug 23, 2010 12:58    Titel: Das Leben eines Asexuellen Antworten mit Zitat

Hallo, ich möchte diesen Thread eröffnen, um ein paar meiner Geschichten zum Thema Asexualität einzustellen. Immer wieder überkommen mich Gedanken und Ideen, die ich gerne schriftlich festhalten will und ich finde es spannend zu lesen, was andere so darüber denken.

Gedanke 1:

Virus

Seit ungefähr einer Stunde bin ich nun wach, stehe am Fenster und sehe dem Regen dabei zu, wie er langsam kleine Pfützen in unserem Innenhof bildet. Es ist ein ziemlich grauer Anblick, aber dennoch klebe ich förmlich an dieser Szenerie fest. Es ist, als sagte mir eine innere Stimme, dass ich es bitter bereuen würde, wenn ich mich auch nur einen Augenblick wegdrehen würde. So stand ich da und es kamen wieder diese Gedanken auf. Ich stieß einen Seufzer aus und dachte an den gestrigen Anruf von Mattheo, der mir mal wieder erklärt hatte, wie wunderbar sein Leben seit dem Sinneswandel durch diese Hausparty geworden war. Vor ungefähr eineinhalb Monaten hatte man meinen sonst so enthaltsamen Kumpel in eine Fünfer-WG geschleppt, wo er zunächst von einen, mit Alkohol vollgestellten Tisch, erschreckt wurde. In der Regel war sowas ein Signal, welches ihn zu veranlasste, die Örtlichkeiten binnen der nächsten fünf Minuten zu verlassen. An dem Abend lief das allerdings anders. Er hatte wieder dieses Gefühl gehabt, alles ginge den Bach herunter und ließ die Geschehnisse einfach über sich ergehen. Nach einer knappen halben Stunde lauter Partymusik und wildem Durcheinandergerede schenkte man ihm das erste Bier ein. Zunächst schluckte er das Zeug widerwillig herunter. Mit der Zeit kamen zwei, drei weitere Flaschen und seine Zweifel wurden für eine gewisse Zeit versenkt und verflüssigt. Später kamen Wodka und Tequila ins Spiel.

Schon bald klingelte die Haustür und drei schwer angetrunkene junge Frauen betraten das Haus. Das Lachen, das Feiern und das Grölen wurden intensiviert und irgendwann gingen zwei der Mädels zu Mattheo auf die Couch, von wo aus er inzwischen das Geschehen verfolgte. Die Kontrolle über sich selbst war schon mehr oder weniger verloren gegangen. Eines der Mädels muss ihn wohl attraktiv gefunden haben und begann ihn anzuquatschen, während sich das andere grinsend dabei setzte. Eine knappe halbe Stunde später legte sie ihren Arm um ihn und einer weitere Stunde später gingen die beiden zusammen in eins der Zimmer der Bewohner, in dem nur ein anderer Typ mit seiner Bierflasche saß. Der begriff wohl recht schnell, was folgen würde, und verzog sich dann aus dem Zimmer, sodass Mattheo und die angetrunkene Frau allein waren. Etwas unbeholfen drehte sie den Schlüssel um, der im Schlüsselloch der Tür steckte und zerrte ihn auf Bett. Was in dem Zimmer folgte, hörte keiner so recht, in Anbetracht der lauten Partymusik, aber es hätte auch niemanden gestört, wenn es bemerkt worden war.

Vor den Geschehnissen dieses Abends, war Mattheo einer der Menschen gewesen, die mich einmal die Woche anriefen, um mit mir über die Welt zu philosophieren. Es waren sehr interessante Gespräche gewesen und er hatte mir immer wieder Denkanstöße gegeben, sodass ich die Dinge aus einer ganz anderen Perspektive zu betrachten lernte. Er erklärte mir auch des Öfteren, dass er sich nicht für Sex und Alkohol interessierte, weil es den Menschen auf ein paar wenige intensive Gedanken reduzieren würde. Ich, als asexuelle Person, begrüßte diese Ansicht sehr, weil sie uns auf eine Wellenlänge brachte. Ich hatte ihm nie von meiner fehlenden Neigung zu anderen Menschen erzählt, dennoch bin ich sicher, dass er es wusste. So sehr ich seine Gespräche genoss, um so bewusster wurde mir, dass es eines Tages zu einer Veränderung kommen würde. Denn er war unzufrieden mit dem Leben und überlegte oft, woran es liegen mochte.

Es dauerte vier Tage, bis ich nach der Hausparty das erste Mal mit ihm sprach. Ich begann ihm von meinem ruhigen aber gemütlichen Wochenende zu erzählen. Zunächst wartete er geduldig, schien sich aber irgendwann im Laufe des Gesprächs nicht mehr halten zu können und ließ alles raus. In aufgeregtem Ton erzählte er von dem Abend auf der Party. Er berichtete auch von einer anderen Party, die er zwei Tage danach besucht hatte, und er erzählte mir, dass er nie gewusst hatte, dass Alkohol so locker und zufrieden machen würde. Auch dauerte es nicht lange, bis ich von seinen Erfahrungen mit den Frauen hörte. Ich war überaus überrascht, was er so erzählte und zunächst freute ich mich für ihn, weil sein sonst so besorgter Unterton verfolgen war. Er redete an dem Abend sicherlich ganze zwei Stunden lang.

Innerhalb der letzten Woche rief er dann insgesamt viermal an, einmal auch mitten in der Nacht, als ich schon fest am schlafen war. Immer wieder ging es darum, wie unglaublich aufregend die letzte Party gewesen ist und dass die Frauen total verrückt nach ihm seien. Er betonte immer wieder, wie gut er sich dabei fühlte und den ganzen Terminkalender mit weiteren Partyterminen vollschrieb. Er erzählte immer mehr und immer impulsiver und ich verstummte mit jedem Gespräch immer mehr. Ab und zu versuchte ich eins der alten Gesprächsthemen anzureißen, allerdings blockte er das ab, ohne sich dessen wohl überhaupt bewusst zu werden. Es war vorbei gewesen mit den Gesprächen über die asiatische Kultur oder über die Chancen mit erneuerbaren Energien. An deren Stelle war der Brustumfang der schmalen Blonden und Rezepte für einen Long Island Icetea gerückt. Er hatte sich verändert – unwiederbringlich und unsere Wellenlängen entfernten sich schnell und brutal voneinander.

Ich tröstete mich immer wieder mit dem Gedanken, dass er jetzt ein glücklicherer Mensch zu sein schien und dass ich mich für ihn freuen sollte. Doch dieser Blickwinkel erfror gestern, als er mir erzählte, dass er es mit Kati getrieben hatte. Kati war eine gute Freundin, mit der ich ebenso gut, wie mit Mattheo sprechen konnte, bevor er sich gewandelt hatte. Auch sie war in Sachen Sex sehr zurückhaltend gewesen, sodass der Gesprächsstoff über die interessanten Dinge im Leben in den Vordergrund rückte. Ich wusste, dass es nur eine Frage der Zeit würde, bis er sich auch an den übrigen Freundeskreis wenden würde, um dort seine neue Lebensphilosophie zu propagieren. Er war oberflächlich geworden – das war schade, aber es war schließlich sein Leben. Aber dass ich nach und nach den Anschluss zu all meinen Freunden verlieren könnte, riss ein schwarzes Loch in meinen Verstand. Besonders positive Gedanken saugte es mit rasender Geschwindigkeit auf.

Jedes Detail, das er mir über die Nacht mit Kati berichtete, schmerzte. Alles klang danach, dass er jetzt auch bei ihr den Schalter umgelegt hatte. Er hatte Alkohol mitgebracht und sie hatte irgendwann widerwillig zugesagt, auch ein wenig daran zu nippen. Auch bei ihr wurde es irgendwann mehr – viel mehr. Beide waren lockerer und hemmungsloser geworden und beide hatten sich am Ende in Katis Zimmer verschanzt. Sie sei plötzlich viel lebensfroher geworden, berichtete Mattheo aufgeregt und er erzählte, was noch alles bei den beiden passieren könnte. Er erzählte immer mehr, immer unangenehmere Dinge, bis ich irgendwann nicht mehr konnte, und in seinem Redefluss den Telefonhörer auf die Gabel schmiss. Ich warf das Gesicht in meine Handfläche und mein Herz schlug anschließend überaus unregelmäßig, wobei immer wieder ein Zerren und Drücken in den Blutbahnen zu spüren war.

Die Pfützen sind jetzt größer geworden und bei einem der Häuser scheint das Wasser in der Dachrinne überzulaufen. Das Gefühl der Einsamkeit ist seit gestern gewachsen. Eigentlich sollte ich mich auch seinem Lebensweg hingeben, schließlich wird man dann „lockerer und glücklicher“. Gibt es überhaupt einen anderen Weg, den ich längerfristig gehen kann? Sind wir alle dazu verdammt, so zu enden, damit wir zufrieden sind? Entsteht so schließlich der normale Mensch? Eigentlich würde ich jetzt Mattheo oder Kati anrufen und es mit ihnen ausdiskutieren. Ja, früher, vor ein paar Tagen, da hätte ich das noch gemacht…
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"Es gibt überall Blumen für den, der sie sehen will."
-Henri Matisse

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Liro




Alter: 27
Anmeldungsdatum: 01.08.2010
Beiträge: 346
Wohnort: OWL
BeitragVerfasst am: Sa Sep 11, 2010 15:01    Titel: Antworten mit Zitat

Gedanke 2:

Ausbruch

Nachdem sich nun eine weitere große Gruppe meiner Gäste verabschiedet hatte war, blieben nur noch Theo und ich übrig. Die Flaschen mit den Spirituosen waren vollständig geleert worden und standen in einem abstrakten Muster auf dem Esstisch. Umgeben von angebrochenen Chips-Tüten und vereinzelten Erdnüssen, von denen so einige ihren Weg auf den gefliesten Fußboden geschafft hatten. Über uns surrte leise die Lampe, die uns den gesamten Abend mit Licht versorgt hatte. Aus einer entfernten Ecke meiner Wohnung hörte ich das permanente Nagen meines Zwerghamsters Nicki an den Gitterstäben seines Käfigs.

Puh, das war ein ganz schön langer Abend.“ durchbrach Theo die Stille.

Schon.“ antwortete ich wenig kraftlos.

Theo wartete einen Augenblick, ob ich noch etwas hinzufügen würde und redete weiter, als er merkte, dass nichts mehr folgte.

Carmen hat erzählt, dass sie total glücklich ist, mit ihrem neuen Job in Südfrankreich. Es war echt ne ziemlich Umstellung für sie…

Er erzählte noch weiter, aber ich blendete ihn für den Moment aus und, wie ein störendes Rauschen, drang Nickis Getöse wieder in meinen Gehörgang. Theo hatte vor zwei Monaten seine Diplomarbeit abgegeben und hatte bereits ein Jobangebot bekommen, während er noch daran schrieb. Er würde am kommenden Wochenende umziehen und weil er zuvor noch sämtliche Dinge zu erledigen hatte, sah ich ihn vermutlich das letzte Mal, insofern er mich nicht mal besuchen kommen würde oder ich ihn.

„ …erinnerst du dich noch an Sylvester vor vier Jahren, als sie den Böller erst in letzter Sekunde fallen ließ. Sie war immer so in Gedanken. Mensch, wir haben alle wirklich einen Schock bekommen. Aber es ging ja noch mal gut. Sascha und Konstantin mussten erst mal…“

Nicki war inzwischen in sein Laufrad gehüpft. Es war eines aus Metall, das unbedingt mal geölt werden musste. Es quietschte ziemlich laut und ich wunderte mich, dass meine Nachbarn sich bisher nie beschwert hatten. Ich driftete gedanklich wieder in die Tage an der Universität ab. Sah die Menschenmaßen auf den Partys und wie wir nach der Vorlesung immer gemeinsam beim Thailänder essen gegangen sind.

„ …hörst du überhaupt zu?“ Theo schaute mich mit leicht enttäuschter Miene an, als habe er gerade eine tolle Rede gehalten, zu der aber niemand erschienen war.

Ja ja, doch.“ Sagte ich und sah ihn an, schaute aber doch irgendwie an ihm vorbei.

Ich hörte deutlich, dass der Hamster lief und lief. Es war scheinbar sein größtes Hobby. Selbst wenn ich neues Futter in den Käfig stellte, machte er meist nur eine kurze Pause, stopfte sich das ein oder andere Stück Johannisbrot in die Backen und rannte eifrig weiter. Manchmal schaute ich ihm stundenlang dabei zu. Es wirkte irgendwie hypnotisch. Wenn ich so davor saß, dachte ich oft an Katrin. Sie war glaube ich schwer in mich verliebt gewesen, aber es schwächte ab, als sie merkte, dass ich nur am Schmusen und am gemütlichen Beisammensein interessiert war. Ich hätte es ihr vorher sagen sollen, dann wäre es vielleicht anders verlaufen.

Du wirkst müde. Ich glaube, ich werde dann auch mal langsam meine Sachen zusammen packen.“ Theo erhob sich von seinem Stuhl und ging langsam zum Nebenzimmer, wo noch ein paar CDs von ihm lagen.

Das Rattern des Laufrads wechselte sich inzwischen mit dem Nagen am Käfig ab. Er strengte sich an, als wollte er um jeden Preis ausbrechen. Es klopfte schmerzhaft gegen meine Schädeldecke. Erst einmal, dann zweimal und dann synchron zu meinem Herzschlag. Ich verzog das Gesicht. Früher hatte meine Schwester mir immer einen Früchtetee gemacht, wenn ich Kopfschmerzen hatte. Sie war eine sehr fürsorgliche Frau gewesen. Irgendwann lernte sie Markus kennen und dann galt nur noch ihm die Fürsorge. Als wir beide in verschiedene Richtung zogen, verlor ich den Kontakt zu ihr nach und nach.

„Ist die CD von Peter Gabriel noch im Player?“ … „Oh, habe sie schon gefunden. Sie war auf dem Bett, bei den Björk CDs.“ rief Theo aus dem Nebenzimmer, eher zu sich selbst sprechend, als zu mir.

Er nagte kräftiger und ich glaube der Lärm sorgte dafür, dass sich meine Kopfschmerzen intensivierten. Ich presste die rechte Handfläche gegen die Schädeldecke, so wie es auch meine Mutter tat, wenn es für sie unerträglich wurde. Ich musste es von ihr geerbt haben. Meine Mutter. Ja, es war schwierig, als ich sie plötzlich reglos auf dem Boden liegen saß. Meine Schwester hatte sofort den Notdienst benachrichtigt und sie waren auch sehr schnell gekommen. Hatten meiner Mutter mir ihrer Behandlung noch eine Woche Zeit schenken können, sodass wir uns angemessen verabschieden konnten. Doch bis heute weiß keiner so recht, was geschehen ist.

Alles okay bei dir?“ Theo stand in der Türschwelle und sah besorgt zu mir rüber, die CDs bereits in seinem Rucksack verstaut, den er jetzt auf dem Rücken trug.

Ich verzog das Gesicht, aber nicht als Reaktion auf Theos Frage, die eher wie ein Rauschen klang als ein vollständiger Satz, sondern als Reaktion auf die pochenden Schmerzen. Es war, als rannte irgendwer immer wieder gegen eine Wand, in der Hoffnung, sie zu durchbrechen und in die Freiheit zu gelangen. Ich stöhnte leise auf und krümmte den Rücken im Ansatz.

Nur ein bisschen Kopfschmerzen. Muss vom Alkohol kommen.“ sagte ich schließlich.

Theo nickte und näherte sich der Garderobe, wo er seine Jacke vom Kleiderbügel nahm und sich überzog. „Hey, wenn du irgendwas brauchst, kannst du mich auf dem Handy erreichen, okay? Ich wird ja noch ne Stunde im Bus sitzen.“

Ich nickte ihm zu, hörte, wie er ein „Mach‘s gut. Schlaf gut.“ von sich gab und dann schloss er die Haustür hinter sich. Die Wohnung war nun wieder leer geworden- nur noch ich und Nicki waren hier. Ich wollte aufstehen, aber ich hielt es für sinnvoller, einfach da zu sitzen und nichts zu tun. Die Schmerzen würden schon von selbst verschwinden. Ich wollte sie solange einfach über mich ergehen lassen. Dann bemerkte ich, dass Nicki still geworden war. Das war ungewöhnlich. Ich blickte in Richtung des Zimmer, in dem sein Käfig stand und erschrak, als der Nager plötzlich über die Fließen auf mich zu rannte. Wie hatte er…?

Der Hamster machte vor mir Männchen, und bewegte sein Maul mit der Mimik eines Menschen.

„Ich bin endlich frei.“

Die Kopfschmerzen waren auf einen Schlag verschwunden. Eine rote Flüssigkeit lief an meiner Schläfe herunter und wenige Sekunden später fiel ich ohne jedes Bewusstsein vom Stuhl.
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"Es gibt überall Blumen für den, der sie sehen will."
-Henri Matisse

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Niki3





Anmeldungsdatum: 11.06.2010
Beiträge: 9
BeitragVerfasst am: Mi Sep 22, 2010 15:10    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Liro,

ich finde es gut wie du schreibst. Ich hoffe bald mehr davon lesen zu können.

Niki
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Liro




Alter: 27
Anmeldungsdatum: 01.08.2010
Beiträge: 346
Wohnort: OWL
BeitragVerfasst am: Mo Sep 27, 2010 12:09    Titel: Antworten mit Zitat

Niki3 hat folgendes geschrieben:
Hallo Liro,

ich finde es gut wie du schreibst. Ich hoffe bald mehr davon lesen zu können.

Niki


Danke schön, ich denke es wird schon noch die eine oder andere weitere Geschichte geben
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Märzhase




Alter: 23
Anmeldungsdatum: 03.10.2010
Beiträge: 25
BeitragVerfasst am: Mo Okt 04, 2010 10:04    Titel: Antworten mit Zitat

Wow, die Kurzgeschichten sind wirklich beeindruckend!
Liege ich richtig, dass die zweite metaphorisch gedeutet werden kann?
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Liro




Alter: 27
Anmeldungsdatum: 01.08.2010
Beiträge: 346
Wohnort: OWL
BeitragVerfasst am: Mi Okt 06, 2010 22:26    Titel: Antworten mit Zitat

Märzhase hat folgendes geschrieben:

Liege ich richtig, dass die zweite metaphorisch gedeutet werden kann?


jap, das sind eigentlich alle Kurzgeschichten, die ich geschrieben habe und wohl noch schreiben werde. Es freut mich, dass sie dir gefallen =)
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Liro




Alter: 27
Anmeldungsdatum: 01.08.2010
Beiträge: 346
Wohnort: OWL
BeitragVerfasst am: Mi Okt 06, 2010 22:32    Titel: Antworten mit Zitat

Gedanke 3:

Fluch

Es muss vor ungefähr zwei Jahren begonnen haben, als sich mir das erste Mal das Tor in diese Welt geöffnet hat. Ich ging hinein und es strahlte ein ungeheures Glück aus. Mein Herz fühlte sich an, als läge es in ein warmes Kissen gebettet. Immer wieder sah ich mich dort um und konnte meinen Augen nicht trauen. Es war das, wonach ich mich gesehnt hatte. Solange. Und doch konnte man es einfach nicht beschreiben. Man musste es gesehen haben.

Das einzige Problem an dieser wunderbaren Welt bestand darin, dass ich der einige war, der sie erleben konnte. Ich erzählte so vielen Leuten davon. Dass sich immer nachts in meiner kleinen Wohnung um Punkt ein Uhr ein Portal aus purem Licht öffnete. Anfangs belächelten mich die Menschen, denen ich davon erzählte.
Zwei, drei von Ihnen schienen mir sogar Glauben zu schenken. Doch als ich es ihnen eines Nachts zeigen wollte, erschien das Portal nicht. In dieser Nacht kam es dann zu einer schlimmen Auseinandersetzung, die damit endete, dass die Polizei meine Besucher abführte und, dass ich ein Bußgeld für Ruhestörung zahlen musste.
Meine Besucher waren fanatische Esoteriker gewesen und hatten fest auf ein Zeichen Gottes oder so gehofft. Ich hatte anscheinend mit ihren Gefühlen gespielt, wie sie es nannten. Und je fanatischer, desto gewaltsamer.

Ich ließ nicht locker und erzählte immer wieder davon, auch wenn mich die Leute zunehmend für einen Freak hielten. Es war einfach so wunderbar.
Irgendwann als ich nach Hause kam, stand meine Haustür offen. Ich ging hinein und sah meine Eltern und einen fremden Mann neben ihnen. Es war ein Psychotherapeut, der mit mir über Drogen sprechen wollte. Alle drei sahen überaus ernst aus und mein Atem stockte bei dem Anblick. Ich schüttelte den Kopf und rannte. Meine Eltern hatten es ein paar Mal auf meinem Handy probiert, doch ich ging nicht dran. Irgendwann habe ich es dann ausgeschaltet. Ich brauchte Ruhe, fuhr das erste Mal zum einsamen Platz. Mein zweites Zuhause inzwischen.
Als ich irgendwann nachts wiederkam, waren alle verschwunden. Keine Eltern, kein Therapeut. Aber es hing ein Zettel an der Tür „Bitte ruf uns an, wenn du dich wieder beruhigt hast“ Ich zerknüllte den Zettel und ging in meine Wohnung. Nachts betrat ich wieder den wunderbaren Platz und tankte Energie.

Meine Freunde hatten sich inzwischen von mir abgewandt und auch der Kontakt zu meiner Familie war quasi tot. Stattdessen waren nun auch andere Menschen am wunderbaren Ort erschienen. Zuerst freute ich mich doch ich merkte schnell, dass sie nicht wirklich auf mich reagierten. Anfangs schaffte ich es ab und an mit lauten Schreien und wilden Schütteln dieser Personen, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Aber meist gab es nur einen flüchtigen Blick. Ansonsten wanderten sie apathisch umher. Es war beängstigend. Dennoch, der Ort war so wunderbar, dass ich es wieder vergaß. Ich tauchte im Licht. Alles so warm und wunderbar.

Nach einem Jahr begann ich nachzudenken. An ein Leben ohne dieses Portal war nicht mehr zu denken. Doch die Probleme, die es mit sich brachte schienen verheerend. Ich konnte mit niemandem mehr vernünftig sprechen. Keinem mehr meine Gefühle mitteilen, ohne mich zu verstellen.
Ich hatte inzwischen versucht, mir einen neuen Freundeskreis aufzubauen und diesmal keinem vom Portal zu erzählen. Es funktionierte auch, aber ich fühlte mich leer, wenn ich unter diesen Menschen war, die ich Freunde nannte. Ich spielte eine Rolle. Ich musste irgendwie dazu passen. Heuchelte Interesse an ihren belanglosen Gesprächen. Lachte mit, ohne auch nur eine geringe emotionale Regung in mir zu spüren. Ich erlebte das Leben, ohne zu leben. Wenn ich so diese glücklichen, sorglosen Menschen sehe, wird mir übel. Ich muss erbrechen.

So ging es weiter. Ich war wieder sozial angebunden aber verstarb innerlich, weil ich doch in meiner eigenen isolierten Welt lebte. Fühlte mich, wie ich mich selbst abspaltete. Der tote Mensch da draußen und die strahlende Seele in dieser wunderbaren Welt. Es war mein Lebenslauf geworden, den keiner verstand und auch niemand mehr erfahren sollte.

Neulich habe ich wieder nachgedacht. Wollte nicht, dass mein Leben, dieser Widerspruch in sich, bis zum Lebensende bestehen bleibt. Das würde ich nicht schaffen. Das schafft niemand. Schon gar nicht diese lachenden, saufenden, sexsüchtigen Schweine. Wie ich sie hassen gelernt habe. Sie sind es die mich am stärksten bedrängen, wenn ich wieder bei einem ihrer Gespräche schweige. Sie sind es, von denen ich diese Sprüche höre „Das Leben ist schön.“ „Nimm’s locker.“ „Stell dich nicht so an.“ Und sie sind es, die mich wie einen Spinner darstellen, wenn ich auffalle. Ich schweife ab. Sorry.
Ja, ich habe angestrengt nachgedacht, was zu tun ist. Ich musste reinen Tisch machen. Ich musste es schaffen, dass Leben da draußen zu leben, ohne das Wunderbare aufzugeben. Ich habe unglaublich viel nachgedacht und mir den Kopf zerbrochen. Es bereitete mir eine starke Migräne. Doch so sehr ich mich auch anstrengte. Ich fand einfach keine Lösung. Es war so furchtbar.

Vorgestern wollte ich wieder in meine Wohnung. Freute mich auf das Wunderschöne. Doch die Tür ging nicht auf. Wieder hing ein Zettel an der Tür. „Bitte verzeihe uns, aber wir ertragen es nicht mehr länger. Du brauchst eine neue Wohnung, damit der Spuk ein Ende nimmt. -Deine besorgte Mutter
Licht brach durch den Türschlitz hervor. Es war das Wunderschöne und eine verschlossene Tür stellte sich dazwischen. Ich musste dorthin. Ich musste. Ich würde es nicht ohne dieses Licht ertragen. Dieses verdammte Scheißleben. Ich hämmerte gegen die Tür, versuchte sie einzutreten, doch sie hielt stand.
Irgendwann standen dann zwei Polizeibeamten im Flur. Ich leistete keinen Widerstand mehr. War zu kaputt. Wieder musste ich Bußgeld zahlen. Ich verbrachte die Nacht auf dem Revier, weil ich keine Behausung mehr hatte und meine Eltern nicht zu erreichen waren.

Am nächsten Morgen meldete sich mein Vater dann auf dem Handy und sagte mir, dass ich zu ihm kommen sollte, um mir meinen neuen Wohnungsschlüssel abzuholen. Er hatte meine alte Behausung verkauft, wozu er wegen einer Vollmacht in der Lage war, und mir eine neue Wohnung besorgt, ganz in seiner Nähe.

Er hatte all meine alten Möbel auf den Sperrmüll gebracht. Meine Spielsachen verschrottet, meine Bücher verbrannt. Er hatte alles neu gekauft. Das einzige, was mir geblieben war, das waren meine Dokumente, Zeugnisse und so. Alles andere weg. Ich hätte ihn anzeigen können. Aber ich tat es nicht. Ich sah keinen Sinn mehr darin. Ich war eine leere Hülle und nahm das neue Leben, dass er mir verschaffte, einfach an. Mit der Sicherheit, mich bald umzubringen.

Am Mittag betrat ich dann die neue Behausung und es ging mir etwas besser. Mein Vater war mitgekommen und bat mich lächelnd herein. Die neuen Möbel sahen gut aus und mein Bett war größer als vorher. Ich hatte auch einen schönen Ausblick auf die Nachbarhäuser. Ja, es war gut. Meine Mutter kam dazu, mit besorgter Miene, und versprach mir, dass alles besser würde.

Nachmittags verließen mich die beiden wieder. Mein Kühlschrank war ebenfalls gefüllt worden und ich machte mir ein schönes Mittagessen. Es schien aufwärts zu gehen und ich überlegte, mich bei den Menschen zu melden, die ich Freunde nannte. Wenn das Leben wieder besser würde, dann hätte ich ja vielleicht wirklich Interesse an ihnen. Mit zweien von Ihnen sprach ich und es war okay. Nicht überwältigend. Aber es war ganz gut, mit ihnen zu sprechen. Über diese Themen, die wieder mein Leben dominieren sollten.

Als ich dann um Eins wieder ins Bett wollte, in mein neues großes Bett, erstrahlte das Portal wieder aufs Neue in dieser neuen Wohnung. Es gab hier nichts zu denken. Ich musste rein, wollte rein und genoss es. Es war wieder absolut wunderbar. Die anderen Leute waren auch wieder da. Sehr zahlreich, aber sie interessierten sich nicht für mich und ich mich nicht für sie.

Als ich dann heute Morgen erwachte, wurde mir etwas klar. Es ist nicht die Wohnung und es ist auch nicht irgendeine Droge. Es ist viel gravierender. Es ist wie ein schlimmer Fluch. Ich bin es selbst.
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Liro




Alter: 27
Anmeldungsdatum: 01.08.2010
Beiträge: 346
Wohnort: OWL
BeitragVerfasst am: Fr Okt 22, 2010 16:03    Titel: Antworten mit Zitat

Gedanke 4:

Heilung

Der Wind wehte kräftig gegen meinen aufgerichteten Körper und versuchte mich sanft nach vorne zu schieben. Dennoch stand ich wie fest verwurzelt auf der Aussichtsplattform. Es war eine kühle Außentemperatur, vielleicht zehn Grad. Meine Beine kribbelten wie fürchterlich, als ich den Blick in die gähnende Tiefe richtete. So war es immer, wenn ich mich in lebensgefährlicher Höhe befand. Es war Höhenangst, die von meinem Körper Besitz ergriff. Doch meine Höhenangst ist anders.

Es waren stets zwei Stimmen in meinem Kopf, die miteinander stritten, ob ich die süße ewige Ruhe finden sollte oder, ob ich mich doch der Herausforderung des Lebens stellen sollte. Ich glaube, die Stimme, die mir den Sprung nach unten empfahl, war außergewöhnlich stark und erfüllte meinen Körper mit einer seltsamen Wärme. Die andere Stimme, welche um ihre Existenz flehte, schickte meinem Körper hingegen eine Art permanenten elektrischen Reiz, der mich immer wieder aus meiner drohenden Trance heraus rütteln sollte. Die Verbindung dieser beider Signale war ein ernstzunehmendes Angstgefühl, verbunden mit einer Form der Sensation.

Ich entschied mich gegen den Sprung und zuckte nach vielen Minuten der Ruhe plötzlich schreckhaft zurück. Heute hatte das Leben gewonnen, aber ich wusste, dass es ein nächstes Mal in luftiger Höhe geben würde. Und es würde ein neuer Kampf in mir entfachen. Eines war klar, so konnte es nicht weitergehen. Mein Leben war bestimmt von diesem inneren Konflikt und selbst, wenn ich mich immer wieder für das Leben entscheiden würde, wäre dies längerfristig kein Zustand, um das Leben auch vernünftig führen zu können.

Ich stieg die Treppe der Aussichtsplattform wieder herunter, mit schwerem Atem in meiner Kehle. Ich fühlte mich müde - wollte schlafen. Und das tat ich auch. Ich kehrte in meine Wohnung zurück, legte mich in mein Bett und schlief bis in den Mittag hinein. Eigentlich wollte ich nicht aufwachen, weil der nächste Tag wieder so deprimierend sein würde. Aber natürlich kann man es nicht vermeiden wach zu werden, wenn man zuvor eingeschlafen ist.

Als ich am nächsten Tag meine Augen öffnete, seufzte ich, weil ich mich allein fühlte. Meine Freunde waren das ganze Wochenende mit ihren Partnern unterwegs, während sie Wochentags arbeiten mussten. Seit zwei Jahren hatte sich dieser Zustand immer weiter verfestigt und ich hatte die Lust an ihnen verloren. Wenn man immer nur das Glück von anderen erfährt und immer nur das Mitgefühl gefordert wird, dann ist es irgendwann aufgebraucht. Ich glaube eigenes Glück ist ein notwendiger Ausgleich, um sich über das Glück anderer freuen zu können. Immer nur zu sehen, was man selbst nicht hat, macht einen irgendwann wahnsinnig und nährt die Stimme, die nach der ewigen Ruhe ruft.

Wie die letzten Monate, verlief der Morgen wie jeder andere. Frühstücken, duschen, einkaufen und Mittagessen kochen. Würde es morgen wieder so verlaufen und übermorgen wieder? Ich überlegte und die lebensfrohe Stimme in mir fasste einen Entschluss.

Pack deine Sachen, wir gehen. Ich ballte die Fäuste und versuchte entschlossen zu lächeln. Es gelang nicht so richtig, aber ihr Entschluss weckte neue Hoffnung. Ich hatte nicht die Möglichkeit, einfach irgendwelche Leute zu fragen, ob sie mir Zuneigung schenkten und ich hatte nicht die Möglichkeit, ein sonniges Gemüt zu erzwingen, aber ich hatte die Möglichkeit, neue meine Gedankenwelt von neuen Eindrücken dominieren zu lassen. Ich öffnete das Internetportal, rief die Seite der deutschen Jugendherbergen auf und reservierte mir ein Zimmer für mich allein, mitten im bayrischen Wald, für die nächsten sieben Tage.

Am nächsten Morgen stieg ich in den Zug, suchte mir einen freien Platz, möglichst wenige Menschen um mich, und versank in die ruhigen asiatischen Klänge, die aus meinen Kopfhörern kamen. Das Rattern des Zuges war noch leicht im Hintergrund zu vernehmen, aber es tat gut. Es versicherte mir, dass wir uns weg bewegten. Ich schloss die Augen.

Am Mittag kam der Zug an und ich stieg aus – sah um mich herum ein Gebiet, dass von Bäumen dominiert wurde. Sie ragten weit in die Höhe und ihre grüne Farbe trotze dem kühlen Herbst. Jetzt lächelte ich. Ich stand alleine auf dem bemoosten Bahnsteig und bewegte mich langsam auf das alte, leicht mit Efeu überwachsene Bahnhofsgebäude. Es wirkte alles sehr harmonisch und es war genau das, was ich brauchte. Das fühlte ich bereits. Es dauerte zwanzig Minuten, bis ich die Jugendherberge erreicht hatte, bezog mein Zimmer und sah durch mein Fenster das Waldgebiet, in das ich an diesem Tage aufbrechen wollte.

Ich verbrachte den ganzen Tag in diesem Wald, bis es dunkel wurde. Es war sehr still und Menschen liefen mir nur selten über den Weg. Diese blendete ich dann aus. Es waren die Töne des Lebens, die ich zu absorbieren beabsichtigte. Ich tankte es. Jedes Rascheln eines Insektes auf der Baumrinde der alten Eiche. Jedes ferne Hüpfen eines Fuchses, der nach Nahrung suchte. Jeder Windhauch, der durch mein Haar wehte. Ich nahm es dankbar auf.

Am zweiten Tag entdeckte ich einen kleinen See und einen Baumstamm, auf den ich mich niederlassen konnte, um das Leben auf diesem See zu beobachten. Ich hatte ein Stofftier mitgenommen und meine Arme darumgelegt. So saß ich die nächsten drei Tage die meiste Zeit einfach auf diesem Baumstamm und blickte in die Natur. Mehr und mehr spürte ich den Storm meines Atems durch meinen Körper fließen, mehr und mehr fühlte ich, wie das warme Blut durch meine Adern floss. Mehr und mehr spürte ich meinen Körper. Es war seit Beginn meines Aufenthaltes noch ein wenig abgekühlt, aber das machte mir wenig aus. Ich nahm es als Teil der natürlichen Umgebung auf und tankte auch die kühle Luft auf.

Ich schlief ruhig und die Orte in meinen Träumen – in der Regel hektische dunkle Städte, gefüllt von Menschen, die einen beachtungslos umrannten – hatten sich zu Berglangschaften mit chinesischen Tempeln umgewandelt. Auch dort schien ich Energie zu tanken. Als ich am sechsten Tag meines Aufenthaltes wieder an meinen Ort am See kam, hatte ich ein Klangspiel mitgenommen und an einem Baum befestigt. Der Wind erzeugte fortan eine musikalische Untermalung zur ruhigen Szenerie.

Am Nachmittag hörte ich Schritte hinter mir kommen und ich blendete sie zunächst aus. Ich bemerkte jedoch wenig später, dass sich diese Person neben mich auf meinen Baumstamm gesetzt hatte. Sie hatte die Augen geschlossen und keinen Ton gesagt. Wir verweilten drei bis vier Stunden zusammen an dieser Stelle, bis es irgendwann wieder dunkel geworden war. Es war Zeit, wieder in meine Herberge aufzubrechen und so machte ich mich auf – ließ das Klangspiel jedoch an dem Baum zurück. Ich hatte mit die andere Person nicht angesehen und auch nicht angesprochen, wohl aber ihren ruhigen Atem vernommen. Sie war an ihrem Platz sitzengeblieben, als ich mich auf den Rückweg machte.

Als ich am letzten Tag zurückkam, war das Klangspiel noch immer an dem Baum und wehte eine ewig andauernde Melodie herbei. Die andere Person war nicht mehr hier. Ich wollte mich gerade wieder auf den Baumstamm setzen, da entdeckte ich eine handgeschriebene Notiz auf dem Stamm geheftet.

„Das Leben besteht nicht nur daraus, seinen Emotionen Genugtuung zu verschaffen und Reichtümer anzuhäufen. Ich glaube, du hast es auch gemerkt, dass es viel erfüllender ist, eine Symbiose mit all den Strömen einzugehen, die das Leben aussendet. Mit den Pflanzen, mit den Tieren, mit den Elementen und auch mit den anderen Menschen. Dazu bedarf es keiner Worte. Es reicht, da zu sein und zu spüren, dass all diese Lebensströme rein sind. Rein, durch die Ruhe und Tiefsinnigkeit. Ich werde in einem Monat wiederkommen und wieder eine Einheit mit dem Leben werden. Wenn du auch meinen Lebensstrom aufnehmen willst und ich mir deinen Lebensstorm einverleiben kann, würde ich mich freuen.“

Tao

Für einen Augenblick hielt ich inne und mein Verstand arbeitete. Es war eine neue Perspektive auf das Leben gewesen, die mir Tao gab. Das erste Mal überlegte ich, dass Menschen auch abseits von gegenseitiger Liebe und gegenseitigem Emotionsaustausch füreinander da sein können. Es war vollkommen unerheblich, ob Tao ein Mann oder eine Frau war. Es ging nur darum, das Leben zu spüren und in diesem Leben aufzugehen. Ich mochte diese Sichtweise und lächelte.

Es war der letzte Tag meiner Reise gewesen und sie endete schließlich damit, dass sich mein Herz leichter fühlte. Es war erleichtert. Das Leben, wie ich es jetzt sah, war nicht mehr länger unerreichbar. Es war unerheblich, ob man Freunden gerecht wird, ob man Geld zur eigenen Versorgung zur Verfügung hat und, ob unangenehme Dinge geschehen. Es ging einzig darum, das Leben zu spüren und es gedeihen zu lassen. Der Rest, der kommt aus dieser Grundhaltung wie von selbst.

Ich befand mich seit einer Woche wieder zuhause und meine Lebensführung hatte sich nicht großartig verändert. Auch merkte ich wieder, wie das Großstadtleben und die Einsamkeit an mir zehrten. Eines hatte sich aber verändert. Ich hatte Zuversicht bekommen und wusste, wie ich wieder zu Energie kam und das hatte die lebensfrohe Stimme in mir erstarken lassen. Ich lächelte.
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Liro




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BeitragVerfasst am: Fr Dez 10, 2010 17:23    Titel: Antworten mit Zitat

Gedanke 5:

Der Zusammenhang zwischen der Liebe und dem Sterben

Der Wecker zeigte Punkt neun Uhr morgens, als ich meine Augen mühsam öffnete und spielte ein klassisches Stück von Beethoven. Ich verweilte noch einige Minuten unter meiner Decke, bis ich schließlich beschloss, aufzustehen und mich anzuziehen. Im Grunde begann der Tag wie jeder Andere. Ich ging duschen, frühstückte, goss die Blumen und verließ bald darauf meine Wohnung, um rechtzeitig in der Universität anzukommen.

Als ich den Hörsaal betrat, war bereits die Hälfte der Plätze belegt. Ich ging, wie immer, in die vordersten Reihen, weil der Professor in der Regel sehr leise sprach. Als dieser dann zehn Minuten später den Raum betrat, folgten neunzig langweilige Minuten zum Thema Ressourcenmanagement. Wie gewöhnlich verließ mich meine Konzentration nach dreißig Minuten, sodass ich den Rest der Zeit mit den unterschiedlichsten Gedanken verbrachte: Was mache ich heute zum Mittagessen? Was bringe ich in zwei Wochen zur Hausparty meines Nachbarn mit? Was mache ich, wenn ich das Studium beendet habe…

Irgendwann weckte mich die kollektive Aufbruchsstimmung der anderen Studenten, welches für mich ein Signal dafür war, dass die Vorlesung beendet war. So stand ich schließlich ebenfalls auf und merkte dabei, dass bereits zwei andere Studenten mehr oder weniger geduldig darauf warteten, dass ich ihnen den Weg freiräumte. Ich nickte verlegen und trat mit meiner Tasche aus der Reihe heraus, sodass die Anderen hindurch konnten. Anschließend streife ich meine Jacke über und folgte einem Strom von angehenden Akademikern aus dem Hörsaal heraus.

Es war halb Zwei Mittags und das war für gewöhnlich die Zeit, um in der Mensa Mittag zu essen. Heute gab es Knödel mit Spinat. Der Spinat sah nicht sehr appetitlich aus, war aber normalerweise ganz gut essbar. Nachdem ich den eher unschönen Betonklotz betreten hatte, an dem die Leute der Studienorganisation das Schild „Mensa“ angebracht hatten, stellte ich mich an einer der beiden Schlangen an, wo das ausgewählte Mittagessen ausgegeben wurde. Ich versank wieder in Gedanken, doch überraschenderweise hörte ich eine deutliche weibliche Stimme, welche mich wieder aus den Tagträumen heraus riss. Sie kam von hinten, also drehte ich mich herum. „Hi, ich bin heute zum ersten Mal hier. Kannst du mir erklären, wie das hier mit der Essensausgabe funktioniert?“ Ich blickte verwundert auf und sah eine attraktive junge Frau mit langen dunkelblonden Haaren und grünblaunen Augen. Ich war leicht überfordert und spürte, wie das Tempo meines Herzschlages leicht anzog. „Äh.. ja, sicher. Bist du neu hier?“ Sie lächelte, wie junge Frauen in der Regel lächelten, wenn sie sich dachten `was für ein Trottel‘ „Danke schön, ich bin Sarah und du?“ „Marcel.“

Das Gespräch startete etwas unbeholfen, entwickelte sich mit der Zeit aber. Als wir unser Essen bekommen hatten, setzten wir uns an einen der Tische, so, dass wir gegenüber saßen und erzählten weiter. Naja, Sarah erzählt sehr viel und ich hörte eher zu, warf ab und zu ein paar Wörter in die Konversation hinein. Ich war während des Essens nervös gewesen. Irgendwann nach einer Stunde lächelte sie und erklärte mir, dass sie zum Tanzen musste. Ich nickte und brachte es noch gerade rechtzeitig zur Sprache, ob man sich denn mal wiedersehen würde. Sie überlegte und bot an, am Abend ein wenig spazieren zu gehen, falls es nicht anfangen würde zu regnen. Dann gab ich ihr meine Handynummer, damit sie im Zweifelsfall absagen konnte – und so begann das ganze Abenteuer.

Ich war unkonzentriert am Nachmittag – und beschloss, dass ich das Lernen auf Morgen verschieben würde. Was wollte Sie von mir? Was fand sie so interessant an mir? Hatte sie Hintergedanken? War Sie einfach allein? Oder suchte sie jemanden, der ihr hier alles zeigte …so wie sie es ja eigentlich auch gesagt hatte? Irgendwann stellte ich mich ans Fenster und sah hinaus. …bis es Abend wurde.

Wir trafen uns am vereinbarten Zeitpunkt. Sie war gekommen und trug die Haare jetzt gebunden und versuchte mich unauffällig zu mustern, als sich unsere Blicke trafen. Ich hatte mich nicht sonderlich herausgeputzt. Saubere Klamotten, die Haare gekämmt. Das war im Grunde alles gewesen. Nach einer kurzen Begrüßung gingen wir los. Wir erzählten uns inzwischen privatere Sachen als am Mittag beim Essen. Sie hatte getrennte Eltern und machte sich wenige Hoffnungen, ihr Studium in Pädagogik erfolgreich zu meistern. Sie meinte, man müsste die Dinge um jeden Preis versuchen, wenn man sich Lebensglück verschaffen will. Ich sagte ihr, dass ich in meinem Studium bisher sehr gut zu Recht gekommen sei, allerdings keine Zeit gefunden hatte, viele Leute kennenzulernen. Es waren meist diese großen Partys, wo ich unter die Leute kam …die aber niemals wirklich interessant gewesen waren und lediglich dem Zweck dienten, die Einsamkeit zu vertreiben. Sie lächelte und gab zu verstehen, dass es gut sei, dass ich sie nun kennengelernt hätte. Sie gestand schließlich auch, dass sie sich schwer tat, Freunde zu finden. Irgendwann fielen die ersten Regentropfen und wir beschlossen, uns für diesen Abend zu trennen und uns am Tag darauf wieder in der Mensa zu treffen.

Ich kam spät am Abend wieder zuhause an. Ich lächelte, mein Herz polterte, meine Hände zitterten, als ich die Haustür aufgeschlossen hatte. Ich versperrte meinen Denkapparat jede Aktivität und lag mich mit einem Kissen an die Brust gedrückt aufs Bett. Irgendwann konnte ich die Gedanken nicht mehr zurückhalten und dachte den Rest des Abends an Sarah.

Der Wecker klingelte wieder um Neun. Ich duschte, frühstückte, goss die Blumen, und verließ das Haus diesmal etwas früher, weil die erste Veranstaltung schon um halb Zwölf begann. Ich passte nicht wirklich gut auf und wieder kamen mir die Gedanken in den Sinn. Was will sie? Sie fühlt sich allein. Sucht sie einen Freund? Passt sie zu mir? Was soll ich ihr erklären, wenn sie Sex will? Was soll ich machen? Wer gibt mir Rat? Will sie vielleicht doch nur eine ganz normale Freundschaft?

Irgendwann wurde mein Name gerufen. Es war der Professor, der mich argwöhnisch ansah „Wenn Sie sich nicht für die Zusammenhänge zwischen der Makroökonomie und der aktuellen Wirtschaftslage nicht interessiert, dann bleiben Sie doch am besten gleich zuhause.“ Ich errötete. Er hatte im Grunde Recht gehabt, trotzdem schüttelte ich wild den Kopf und versprach, nun besser aufzupassen. Für den Rest der Veranstaltung bemühte ich mich stets interessiert zu schauen, beantwortete ein, zwei einfache Fragen und dachte den Rest der Zeit weiter nach.

Am Mittag traf ich mich dann wieder mit Sarah zum Essen. Und am Abend trafen wir uns wieder draußen. Das Wetter war gut und sie schlug vor, in ein Café zu gehen, um einen Kaffee zu trinken. Wir erzählten mehr und es wurde zunehmend persönlicher. Sarah hatte eine Menge Probleme, wie ich mit der Zeit feststellte, und sie versuchte mir zunehmend auch meine Probleme zu entlocken. ´Wir sollten uns mehr vertrauen und alles erzählen können´ hieß es. Am Ende des Treffens drückten wir uns und sie verabschiedete sich lächelnd. Mein Herz pochte wieder den ganzen Rückweg lang – diesmal waren jedoch auch vereinzelt schmerzende Herzschläge dabei und in meinem Hals saß ein dicker Klos, der mir zeitweilig das Atmen erschwerte.

Am Abend stand ich wieder am Fenster und saß heraus. Bis spät in die Nacht. Irgendwann ging das Handy los und ich bemerkte, dass mir gerade jemand eine SMS geschickt hatte. „Kannst du auch nicht schlafen? Mir gehen so viele Gedanken durch den Kopf. Ich habe so Angst, dass ich das Studium nicht schaffe. Viele Grüße, Sarah.“ Es war kurz vor Zwei Uhr nachts gewesen. Ich atmete tief durch und dachte nach. Zunächst erwärmte sich mein Herz bei der Vorstellung, dass sie mich drückte und anlächelte. Dann schmerzte plötzlich jeder einzelne Herzschlag, als ich begann, ihre Probleme zu hören, sie fragen hörte, ob ich schon eine Freundin habe. Mein Verstand drückte an meiner Schädeldecke. Endlich nicht mehr allein. Nie mehr in Freiheit. Ich atmete schneller.

Irgendwann mitten in der Nacht ging ich in mein Bett, drückte das Kissen wieder an meine Brust und kniff die Augen zu. Ihr Gesicht zeigte sich mir immer wieder. Es sollte da bleiben und es verstörte mich zugleich. Warum. Was zum Teufel…

Neun Uhr morgens. Der Wecker klingelte. Es war Samstag. Heute also keine Uni. Ich schlenderte zum Küchentisch und versuchte die Gedanken zu ordnen. Ich musste schlecht geträumt haben, erinnerte mich aber nicht mehr daran. Dann sah ich mein Handy auf dem Stuhl liegen und zwei neue Nachrichten waren eingegangen. Eine war Werbung von der Telekom, die andere war von einem Kommilitonen gewesen: Ich hatte die Gruppenarbeit vergessen, die am letzten Abend geplant war. Ich atmete durch, es war nicht Sarah gewesen. Die Gruppenarbeit interessierte mich nicht.

Der Tag verging und auch am Sonntag kam keine Nachricht von ihr. Ich hatte bisher noch nicht auf ihre Nachricht vorletzte Nacht geantwortet. Vielleicht war sie enttäuscht gewesen. Sonntagabend rief ich sie schließlich an. „Sarah? Hier ist Marcel.“ … „Entschuldige, dass ich mich nicht mehr gemeldet habe…“ … „Ja.“ … „Was?“ … „Morgen?“ … „Ja, ok, ich freu mich.“ Zu Beginn klang sie etwas nervös. Dann aber erleichtert, als wir ein Treffen vereinbart hatten. Ich sollte morgen Abend zu ihr kommen. Eine neue Freundin war auch da. Ich ging früh schlafen und bis Montagmittag arbeitete ich so konzentriert wie möglich für die Uni.

Am Abend kam ich schließlich gegen acht Uhr bei Sarah an. Ihre Wohnung war klein, aber ganz gemütlich eingerichtet. Ihre Freundin war noch nicht da, kam aber wenige Minuten später nach. Bis dahin redeten Sarah und ich noch ein wenig und legten immer wieder den Arm um den Anderen. Es tat unglaublich gut, ihre Wärme auf meinem Körper zu spüren. Und sie lächelte auch jedes Mal.

Schließlich klingelte Yvonne an der Tür. Sarah machte auf und ich ging in die Küche, um Tee zu machen. Nachdem die Mädels sich ausgiebig begrüßt hatten, stellte ich mich Yvonne mit einem Händedrück vor – eine junge Frau, deren Attraktivität nicht mal ansatzweise an die von Sarah heranreichte. Ich überlegte kurz, wie die beiden zu Freunde werden konnten, verwarf den Gedanken aber schnell wieder, weil er unfair gegenüber Yvonne war. Der Abend war ganz lustig und wir spielten Brettspiele und tranken Tee. Yvonne verließ uns gegen zehn wieder. Ich blieb noch. Ich wollte gehen und ich wollte nicht gehen. Aus irgendeinem Grund juckten meine Arme und als ich sie beiläufig kratzt, schmerzte ich augenblicklich. Ich blieb. Wir näherten uns ihrem Bett und setzten uns darauf. Wir erzählten noch einige Stunden und als wir schließlich müde wurden, gab sie mir einen Kuss und sagte, dass sie jetzt schlafen gehen wolle und lächelte dabei. Ich konnte nichts antworten, nickte und stand von ihrem Bett auf. Wollte sie, dass ich anbiete zu bleiben? Wollte sie es nicht? War der Kuss ein Wink mit dem Zaunpfahl? Was wollte ich überhaupt? Durfte ich mich fragen, was ich wollte? Erlaubte sie es? Durfte ich noch frei entscheiden? Gehörte ich ihr bereits?

Ich stotterte und sie sah überrascht herüber. „Marcel, alles ok?“. Ich nickte ich erwähnte schließlich leise, dass ich dann auch schlafen gehen würde. Sie wünschte mir eine gute Nacht und ich ging heim.

Es war tief in der Nacht, als ich heim kam und wieder stand ich die Nacht am Fenster. Wartete immer wieder, ob sich das Handy meldete. Doch es blieb still. Meine Arme juckten und mein Herz schlug unregelmäßig. Ich sah heraus auf die Stadt, die vor mir lag und dann herunter. Auf den Hof der fünf Stockwerke unter mir lag. Auf den schönen leeren, gepflegten Hof. Er sah verlassen und einladend aus. Dann sah ich wieder hoch. Mein Kopf pochte dabei unangenehm und erste Angstattacken machten sich bemerkbar. Irgendwann legte ich mich vollkommen erschöpft ins Bett und schlief ein.

Am Folgetag verließ ich die Wohnung nicht. Den Tag darauf auch nicht. Erst am Abend des zweiten Tages wurde der Kopf allmählich wieder frei und das Herz beruhigte sich allmählich. Dafür hatte ich nun Probleme mit der Verdauung. Am Morgen des nächsten Tages klingelte das Handy und Sarah war dran. Sie fragte, ob ich wieder Lust auf einen netten Abend haben würde. Ich sagte zu, ohne darüber nachzudenken. Als ich aufgelegt hatte, kamen ihre warmen Brührungen in meinen Sinn und ich lächelte. Keine Einsamkeit, Zärtlichkeit, eine Person, die mich mag. …die mich haben will… ...der ich nicht mehr entfliehen kann…

Ich ging abends zu ihr. Sie sah etwas angeschlagen aus, lächelte leicht, als ich ankam und bat mich, mich zu setzen. Dann schaute sie mich ernst an. „Marcel, was ist eigentlich los? Nie meldest du dich bei mir. Und letzte Nacht bist du auch einfach gegangen.“ Mein Herz wuchtete gegen meine Brust und der Klos in meinem Hals schwoll an. …wenn du was falsches sagst, wer soll dir dann Wärme spenden?... Ich sah sie an und all diese widersprüchlichen Gefühle kamen in mir hoch „Es …es tut mir leid. Ich… ich hab so viel mit der Uni zurzeit zu tun, da geht das leider nicht immer so gut…“ Sie schaute überrascht. „Achso. Na, dann sag das doch einfach. Ich mache mir schon Sorgen.“ Sie drückte mich und gab mir zu verstehen, dass sie mich so schnell nicht mehr loslassen wollte. Ich legte die Hände auch um sie und ein unglaubliches Gefühl drang in meinen Körper ein. Ich fühlte mich so leicht und warm.
Irgendwann sah sie dann zu mir hoch. „Heute machst du doch nichts mehr für die Uni oder? Magst du nicht über Nacht hierbleiben?“ Ich schluckte. Ich jubelte. Ich schrie innerlich. Ich nickte. So kam es schließlich, dass wir uns zusammen unter ihre Decke begaben. Sofort umarmten wir uns. Wenig später kam sie noch näher, setze einen Kuss an, den ich ihr verwehrte. „Nicht, ich…“ Sie schwieg und ließ es dann bleiben. Ich sah ihr eine bittere Enttäuschung an, doch sie sagte nichts mehr – versuchte nur noch einzuschlafen. Etwas, was ich nicht konnte. Ihre Nähe war ein Segen und eine Qual zugleich. Ich ertrug es nicht mehr allzu lange und verließ die Wohnung nachdem ich sicher war, dass die fest schlief.

Auf dem Heimweg weinte ich entsetzlich. Zwischenzeitlich brach ich zusammen und wollte die Nacht auf der offenen Straße verbringen. Ich sah immer wieder hinter mich, ob ein Auto herangefahren kam. Vielleicht ein Taxi mit einer rasenden Geschwindigkeit. Der Gedanke erzeugte einen leichten Freudenschub. Doch es schien nichts zu kommen. Ich rappelte mich auf. Tränen liefen die Wangen herunter. Es kam die ganze Nacht nichts mehr, was mich hätte erlösen können. Meine Kehle schien zu explodieren – sie tat es aber nicht. Mein Herz schien mich zu peitschen – doch einen Infarkt durfte ich nicht erwarten. Mein ganzer Körper juckte wie verrückt, doch ich konnte es nicht herunterkratzen. Mein Kopf arbeitete nicht mehr kontrolliert. Irgendwie hatte ich es am Abend geschafft zu Hause anzukommen. Ohne über irgendwelche Konsequenzen nachzudenken, startete ich das Handy und schrieb eine SMS an Sarah. „Es war sehr schön mit dir, aber ich kann nicht mehr. Ich mag dich sehr, aber werde dich niemals lieben können. Ich habe nie Gefühle für dich gehabt, vermiss mich. Ich kann dich nicht mehr wieder sehen. Ich fühle mich so krank. So schlecht.“ Ich sendete. Erst vierzehn Tage später kam eine Antwort und auch das letzte, was ich von Sarah seitdem je gesehen oder gehört habe:

„Hallo Marcel. Warum tust du mir das an? Warum schreibst du mir diese Scheiße? Was für ein Spielchen treibst du hier? Machst du das mit allen Frauen? Ihnen erst das Herz öffnen und dann Dreck hineinspucken? Du kannst mich mal. Ich hoffe, du verreckst!“

Ich schloss die Nachricht und schob sie in den Ordner „Verunglückte Partnerschaften“, den ich bereits nach meiner ersten „Erfahrung“ angelegt hatte, um mich daran zu erinnern, „es“ nicht noch weitere Male zu versuchen. Warum tue ich es Ihnen an? Ich wusste es nicht. Warum schreibe ich diese Scheiße? Ich wusste es auch nicht. Und was sind das für Spielchen? Woher soll ich das wissen? Ich versuchte mir ihre Fragen weiter ins Gedächtnis zu rufen, doch es ging nicht. Ich schmiss das Handy mit voller Wucht auf das Bett. So ging es nicht kaputt, aber ich konnte meiner blinden Wut Ausdruck verleihen. Den Rest des Tages heulte ich und ließ niemanden an mich heran.

Zwei Wochen später. Der Wecker klingelte pünktlich um neun Uhr. Ich stieg aus meinem Bett, duschte, frühstückte, goss die Blumen und machte mich fertig. Seit langem war ich gut auf die Uni vorbereitet und glänzte heute durch meine Mitarbeit. Das Jucken auf meinem Körper war weitgehend abgeklungen und auch mein Herz funktionierte wieder weitgehend normal. Am Mittag ging ich wieder in die Mensa. Diesmal gab es Spaghetti mit Tomatensoße. Ich steuerte mit dem Essen an einen Tisch und wollte mich gerade setzen, als mir Jenny, eine meiner Kommilitoninnen etwas zu rief „Hey, Marcel! Kann ich mich zu dir setzen? Du scheinst ja echt gut mit dem Stoff in der Vorlesung zu Recht zu kommen. Meinst du, du kannst mir son bisschen was erklären?“ Ich sah es wieder, dieses Lächeln. Ich schwieg, setzte mich hin. Dann sah ich, wie sie näher kam und im Begriff war, sich zu setzen. „Nein. Geht nicht, ich brauch meine Ruhe.“ Mein Tonfall war streng gewählt und Jenny sah überrascht zu mir. „Gehst du immer so mit Leuten um, wenn sie dich um was bitten?“ Sie stand wieder auf und verließ meinen Tisch. Ich atmete durch, aß die Spaghetti und verbrachte den restlichen Tag allein, wobei ich stets konzentriert an den Stoff aus den Vorlesungen dachte. Erst als ich am Abend wieder an meinem Fenster stand und rausschaute vergingen die Gedanken daran und ich seufzte deprimiert.
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Karolin89




Alter: 24
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Wohnort: Ludwigshafen Ruchheim
BeitragVerfasst am: So Dez 12, 2010 14:33    Titel: Antworten mit Zitat

Also ich kann aus eigener Erfahrung nur Sagen:

1. Zu sich zu stehen, (was ist schon dabei Asexuell zu sein?) denn was kann schon passieren, Mobbing? Fänd ich etwas Lächerlich! Man bekommt die Chance Menschen kennenzulernen die das auch verstehen und vielleicht einem auch speziell deshalb Interessant/Sympathisch finden würden. Wer als "Exot" nicht zu sich steht wird immer ein einsamer verwirrter Mensch bleiben und im weitesten Sinne Erfolglos vor sich hin vegetieren. Die leute können die Reaktionen nunmal nicht verstehen, wenn es keine vernünftige Erklärung dafür gibt.

2. Als "Exot" muss man auch NICHT perfekte Menschen mögen können und nicht OBERFLÄCHLICH sein. Man muss das innere eines Menschen sehen können und ihn vielleicht deshalb lieben können. Wer das nicht kann verdient es auch nicht aus der Einsamkeit geholt zu werden.
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Liro




Alter: 27
Anmeldungsdatum: 01.08.2010
Beiträge: 346
Wohnort: OWL
BeitragVerfasst am: So Dez 12, 2010 18:13    Titel: Antworten mit Zitat

Vielleicht liest du dir die Geschichte noch einmal durch.
Solltest du persönlich Anliegen haben - dafür gibt es PNs
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Carmilla DeWinter




Alter: 31
Anmeldungsdatum: 02.02.2011
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Wohnort: Pforzheim
BeitragVerfasst am: So Feb 06, 2011 0:10    Titel: Antworten mit Zitat

Hmm. Aus deinem dritten Gedanken ließe sich ein ganz prima Gruselroman machen. Im Moment ist er wohl eher eine Zusammenfassung als eine Geschichte.

Der fünfte Gedanke war schreibtechnisch gesehen der beste, und auch derjenige, der am meisten Emotion rüberbringt bzw. der einen wirklich in die Geschichte reinzieht. Jedenfalls war ich hinterher traurig, dass jemand so ein gebranntes Kind ist.
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Insider sind im Kreis, Außenseiter wollen in den Kreis. Nur der Exzentriker kümmert sich nicht um den Kreis. - Robert Menasse
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Liro




Alter: 27
Anmeldungsdatum: 01.08.2010
Beiträge: 346
Wohnort: OWL
BeitragVerfasst am: Mi Feb 09, 2011 1:28    Titel: Antworten mit Zitat

Danke für dein Statement =)

Es ist interessant zu sehen, dass unterschiedliche Leute von unterschiedlichen Kurzgeschichten in diesem Thread angetan sind ...wenn ich so an die anderen Rückmeldungen denke.

Romane will ich daraus nicht wirklich machen. Es sind eher Gedanken, die mir spontan kommen und die ich auch genauso spontan niederschreibe. Im Grunde leg ich da nicht so viel wert auf Professionalität - hauptsache ich kann meine Message vermitteln und die Leute können diese Message einigermaßen gut nachvollziehen
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Liro




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BeitragVerfasst am: Mo Feb 14, 2011 3:23    Titel: Antworten mit Zitat

Gedanke 6:

Freundschaft

Meine Beine ließen sich nur mit Mühe heben und jeder Schritt war eine kaum zu bewältigende Kraftanstrengung. Und doch schlenderte ich schon seit Stunden auf einem Fahrradweg entlang, der rechts neben einer breiten Landstraße gelegen war. Fahrräder fuhren um die Zeit kaum noch. Ab und zu ertönte mal ein rasch wiederholtes Schellen, oftmals gefolgt von ärgerlichen Beleidigungen, ich solle doch zur Seite gehen. Ich war kein einziges Mal ausgewichen und so mussten die Radfahrer immer auf die Straße ausweichen. Ich hätte es vermutlich nicht einmal gemerkt, wenn einer von Ihnen wegen mir mit einem vorbeifahrenden Auto kollidiert wäre; so tief war ich in Gedanken.

Es war kurz vor Feierabend gewesen, als mein Chef mich in sein Büro gebeten hatte. Ich sah ihm sofort an, dass dieses Gespräch kein gutes Ende nehmen würde. Er trug diesen besorgten Blick, den Leute aufsetzen, wenn sie dazu gezwungen waren, etwas zu sagen, das ihnen äußerst schwer fiel.
Er bat mich zunächst auf den, mit schwarzem Kunstleder bespannten Stuhl, der ihm gegenüber aufgestellt war und faltete anschließend seine Hände zu einer Pyramide, die er dann auf die blanke Tischplatte absetzte. Er räusperte sich und hustete dann zwei, drei Mal lautstark. Mein Herz klopfte und ich war unglaublich nervös. Er begann zu reden und es war mir nicht möglich seine Worte aufzunehmen. Eine unsichtbare Mauer schien sie nicht zu mir durchzulassen. Erst, als er die verhängnisvollen Worte aussprach „ ...deshalb muss ich Ihnen leider kündigen“ zerbrach diese Mauer. Wie ein Ohrwurm hallten die Worte immer wieder in meinem Kopf.
Er reichte mir die Hand, ich nahm sie abwesend an und dann schüttelte er sie. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, aber irgendwann hatte ich dann wohl sein Büro verlassen. Ich war am Ende. Es war der dritte Job innerhalb der letzten 12 Monate gewesen, den ich hier verloren hatte. Ich konnte mich nun wieder neu bewerben und ich würde auch wieder etwas finden. Auch würde ich irgendwann wieder gefeuert. Hatte ich da noch Lust zu? Hatte ich überhaupt die Energie?

Am späten Nachmittag brach das wackelige Gerüst in meinem Kopf zusammen und es wurde überströmt von schwarzen Käfern. Sie nagten an dem, was die Menschen Selbstbewusstsein nannten. Sie fraßen an dem, was die Menschen Lebensmut nannten. Selbst die dunkelsten Winkel, in denen Hoffnung verborgen war, machten sie ausfindig und verwüsteten sie. Ich schlug mir immer wieder auf den Schädel, wollte die Käfer loswerden. Doch jeder Schlag schien sie nur zu vermehren. Ich bekam keine Luft mehr und rannte ans Fenster. Ich riss es auf und brüllte meine Verzweiflung lautstark hinaus.
Es war niemand dort, der zu mir schaute und der einen blöden Spruch losließ. Niemand.
Als ich merkte, dass die frische Luft zumindest Teile meines Verstandes wieder befreien konnte, entschloss ich mich, meine Jacke überzuziehen und rauszugehen. Irgendwann kam ich dann auf den besagten Radweg, der mich immer weiter Stadt auswärts führte.

Ich musste irgendwas tun, um diese Schwärze und diese Folter aus meinem Kopf loszuwerden. Sie hielt sich hartnäckig und ging nicht weg. Ich hatte mir überlegt, einen Freund zu besuchen und über meine Probleme zu reden. Aber das hätte keinen Sinn gemacht. Ich konnte nicht reden. Es ging nicht. In dem Zustand fehlte mir selbst die Kraft, gleichmäßig zu atmen. Dass sich meine Beine vorwärts bewegen konnten, erklärte ich mir damit, dass sich mein Unterbewusstsein ein Plan überlegt hatte, mich von diesem Elend zu befreien. Es zapfte ganz offensichtlich meine letzten Kraftreserven dafür an.

Während es stetig weiter vorwärts ging, drehte ich den Kopf langsam zur Straße hin. Aus der Ferne sah man zwei Scheinwerfer mit einer Geschwindigkeit von schätzungsweise achtzig Kilometer pro Stunde herannahen. Ich bildete mir ein, dass sie Scheinwerfer sich zu zwei Augen einer grinsenden Fratze verzogen. Mein Schritt wurde langsamer und ich atmete tief ein. Machte dann einen Schritt zur Seite Richtung Straße. Ich schloss die Augen und ….es vibrierte in meiner Tasche.
Das Auto raste an mir vorbei und im gleichen Augenblick ertönte die monotone Titelmelodie eines alten Spielfilms, die ich mir vor langer Zeit als Klingelton für mein Mobiltelefon installiert hatte. Aufgeschreckt stand ich noch immer am Straßenrand und hörte nun dass der Autofahrer die Hupe betätigt hatte. Er hupte noch zwei, drei Mal, nachdem er schon an mir vorbei gefahren war.

Ich griff in meine Tasche und sah auf das Display meines Handys. Es zeigte mir den Namen Mara. Eine Freundin von mir. Ja, ich könnte ihr nun alles erzählen und dann würde es mir wieder besser gehen. Für eine gewisse Zeit. Für eine Stunde vielleicht. Und dann würde sich mein Verstand wieder verdunkeln. Ich drückte sie weg und ließ das Mobiltelefon wieder in meine Tasche gleiten. Ich hörte ein weiteres Auto aus der Ferne. Meine Beine zitterten. Doch noch ehe ich den Gedanken fassen konnte, es dieses Mal zu Ende zu bringen, vibrierte das Handy abermals. Es war kein Anruf, sondern eine SMS gewesen. „Bestimmt beschwert sie sich, dass ich nicht rangehe“ dachte ich mir. Ich widmete mich wieder dem Mobiltelefon und rief die SMS auf, um mir die Bestätigung für meine Befürchtung zu holen. „Jetzt noch einen Streit mit einem Freund anfangen – dann lohnt es sich ja richtig, hier einen Schlussstrich zu setzen“ dachte ich zynisch. Ich rief die Nachricht auf.

„Hi, ist alles in Ordnung bei dir? Normalerweise drückst du die Anrufe nur weg, wenn du dich nicht gut fühlst. Ich mach mir Sorgen. Bitte ruf mich zurück und sag mir, was los ist. LG Mara.“

„Mara“ …dachte ich. Es war tatsächlich schon einige Male vorgekommen, dass ich sie weggedrückt hatte und im Nachhinein hatte ich mich immer damit entschuldigt, dass ich mich deprimiert gefühlt hatte. Sie hat dann immer gelacht und mir gesagt, dass es okay sei. Viele Freunde hatten es bereits mit mir drangegeben, weil ich seit dem Verlust meines zweiten Jobs sehr pessimistisch und negativ geworden bin. Sie müht sich mit mir ab. Das will ich nicht. Lass mich in Ruhe. Führ dein eigenes Leben.
Ich blickte flehend auf die Straße, aber es kam vorerst kein Fahrzeug vorbei.
Nachdem ich mich noch gut zweihundert Meter vorwärts bewegt hatte, entdeckte ich vor mir zwei blickende Verkehrsschilder, die auf ein Tempolimit aufmerksam machten. Das interessante war in dem Augenblick jedoch, dass sie an einer Brücke befestigt waren, die waagerecht über meine Straße verlief. Zudem war eine steile Betontreppe angebracht, mit deren Hilfe man auf die Brücke hinaufkam.
Wenn schon kein Auto kommt, dann halt so. Wieder vibrierte das Handy. Kurz bevor ich die Treppe erreicht hatte, griff ich wieder in die Jackentasche und sah nach. Mara.

„Du fühlst dich nicht danach, zurückzurufen oder? Macht nichts. Du machst gerade bestimmt eine sehr schwere Zeit durch. Ich möchte dir beistehen und bin da, wenn du etwas brauchst. Warte einen Augenblick.“


Ich fühlte, dass meine Augen feucht wurden. Die Schwärze in meinen Gedanken wandelte sich in tiefe Leere um. Ich wollte nichts mehr denken. Plötzlich war alles verkehrt. Leben und Sterben war beides elender Mist. Ich setzte mich auf die erste Stufe der Treppe und legte den Kopf in die Handflächen meiner aufgestützten Arme. Das Handy hatte ich vor der Treppe fallen lassen.
Das Display leuchtete auf. Sie hatte eine neue SMS geschickt. Langsam hob ich den Kopf an und griff mit der rechten Hand nach dem Telefon.

„Da bin ich wieder. Weißt du noch, wie wir letzten Sommer zusammen auf der Strandparty waren? Ich erinnere mich gerne daran. Wie alle schon nach Hause gegangen sind und wir zwei noch Stunden lang im Sand gelegen haben, nur um uns lachend den Volleyball zuzuwerfen. Ich freue mich schon, wenn wir im nächsten Sommer wieder was machen können.“


Urplötzlich musste ich weinen. Ohne weiter nachzudenken, wählte ich die Option aus, ihr eine Antwort zu schicken. Ja. Das war super. Ich will das wieder haben. Ich schreib ein kurzes „Ja“ – doch als ich es abschicken wollte, meldete mir mein Handy, dass ich kein Guthaben mehr hatte. Ich konnte also nicht antworten. Verdammt. Warum verdammt!? Sie wird’s aufgeben. Ich mache zu viel Arbeit…
Wieder eine SMS.

„Ich hoffe, es macht dir nichts aus, wenn ich ein bisschen schreibe. Ich muss dich doch davor bewahren, etwas Dummes zu tun, weißt du? ; - )“

Etwas Dummes? Ich stand auf und sah hoch zur Brücke. Sie musste sechs bis acht Meter hoch gewesen sein. Fast wie von selbst machte ich ein paar Schritte aufwärts. Ich schau nur mal. Ich bin nur neugierig...
Wieder vibrierte das Telefon, das ich noch in meiner Hand hielt.

„Weißt du, wenn ich mich schlecht fühle, dann geh ich immer an mein Fenster und beobachte die Leute draußen auf der Straße. Das lenkt mich immer sehr gut ab. Du glaubst nicht, wie witzig manche Menschen sind. Zum Beispiel diese alte Frau, die immer mit ihrer Katze Gassi geht. Und dann ruft sie ihr immer zu ‚Ooooch, du liebes Kätzle, ja braaaaav, liebes Kätzle‘ total lustig ^^ “

Ich setzte mich auf eine der höher gelegten Stufen und versuchte zu schmunzeln. Bald folgte eine weitere SMS. Und darauf wieder eine Neue. Es musste schon einige Stunden nach Mitternacht sein. Anscheinend brauchte sie keinen Schlaf. Es tat gut. Sehr gut. Je mehr von ihren Geschichten mich erreichten, desto seltener dachte ich an den Verlust meiner Arbeit. Schließlich brachte sie mich sogar noch zum Lachen.

Es war eine verdammt kalte Nacht gewesen, weit ab vom warmen Zuhause auf einer dunklen, grauen Straße und doch fühlte ich mich für den Moment glücklich. Mara schrieb bis zum Morgengrauen und musste wohl Unmengen am Handygebühren für die ganzen SMS gezahlt haben. Irgendwie musste sie gespürt haben, dass es genau das war, was ich brauchte.
Gewärmt von den ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages, stand ich schließlich auf und beschloss, es noch einmal zu versuchen – denn wenn man solche Freunde hat, dann lohnt es sich zu leben.
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Liro




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BeitragVerfasst am: Mo Feb 21, 2011 0:58    Titel: Antworten mit Zitat

Gedanke 7:

Schutzengel

1

Ich atmete schwer, als ich schließlich vor der alten Kirche am Rande des Dorfes angelangt war. Mehrere Minuten blickte ich hoch, zum verdunkelten Glockenturm, während ein kraftvoller Wind gegen meinen Körper drücke und mich ein kühler Regenschauer komplett durchnässte. Ich zitterte permanent und in kurzen Zeitintervallen überkamen mich immer wieder Hustenanfälle, die sich erst nach einer Weile wieder legten. Ich hielt den Kopf starr nach oben gerichtet und stützte mich mit meinem Schirm ab, dessen Endstück ich mit der rechten Hand auf den harten Asphalt presste. Es hätte keinen Sinn gemacht, ihn aufzuspannen, da der Wind ihn mir sofort aus der Hand gerissen hätte – also benutze ich ihn stattdessen als Stock.

Es war jetzt genau neun Uhr abends. Die Glocke des Kirchturms begann zu läuten und für mich war es eine Art Zeichen, dass ich nun eintreten durfte. Langsam schwang ich den Schirm vor mich, drückte ihn gegen den Boden und ging ein, zwei Schritte, bevor ich den Schirm erneut nach vorne schwang.
Für einen Beobachter hätte ich dabei wohl gewirkt, wie ein alter Mann. Für mich hatte es eher etwas damit zu tun, die Dinge hinauszuzögern.
Langsam, aber stetig kam ich schließlich vor der zweiflügligen Messingpforte der Kirche an und stieß den rechten Flügel mit meinem Schirm nach innen. Ein vertrautes Gefühl überkam mich, als ich die Holzbänke und das Kruzifix erblickte, das über dem Altar von der Decke hing. Auch wenn die Kirche lediglich durch ein paar vereinzelte Kerzen beleuchtet war, erkannte ich jedes Detail der Inneneinrichtung sofort wieder. Ich kannte diese Kirche.

Bevor ich mich weiter in das Gebäude hinein bewegte, bückte ich mich zunächst und legte den Schirm so leise wie möglich zu Boden. Ich wollte nicht mehr Lärm erzeugen, als eben nötig war. Ich richtete mich nun wieder auf und ging ein paar Schritte. Ungefähr auf der Hälfte des Weges zum Altar kniete ich schließlich nieder und machte eine kreuzigende Geste, so wie es in der Kirche üblich ist, bevor man Platz nimmt. Ein weiterer Hustenanfall bahnte sich an – konnte ihn aber mit größter Mühe unterdrücken. Erst als ich sicher war, dass ich den Husten vollständig im Griff hatte, ging ich in die Bank hinein und setzte mich. Ich faltete ich Hände, senkte den Kopf und betete. In der Kirche herrschte vollkommene Stille, während das Unwetter draußen immer stärker wurde…

2

Mein Radiowecker riss mich am nächsten Morgen um sechs Uhr früh aus dem Schlaf. Ich glaube, es war ein älterer Song von den Rolling Stones, der gespielt wurde.
Wie jeden Morgen, blieb ich zunächst einige Minuten liegen, bevor ich die Bettdecke zur Seite warf, um mich unter die Dusche zu schleppen. Heute dauerte es ganze zwanzig Minuten. Womöglich ein neuer Rekord. Das Wasser fühlte sich etwas kühler an als sonst. Ich erklärte mir diesen Umstand mit meiner Erkältung, welche dem Temperaturempfinden häufiger schon mal einen Streich spielt. Dementsprechend schmeckte auch das anschließende Frühstück nicht. Nach einem halben Toastbrot und einer Banane entschloss ich mich, den Rest wegzuwerfen und mir die Zähne zu putzen.

Sechs Uhr Zweiunddreißig. Ich seufzte, hustete zwei dreimal kraftvoll und legte meine Arbeitsutensilien in meinen Koffer. Kundenbuch, Protokollakten, Schreibzeug, zwei Brote für die Mittagspause und die Thermokanne mit Kaffee, die ich mir noch am gestrigen Abend fertig gemacht hatte. Ich überlegte noch einen Augenblick, ob ich nicht noch etwas vergessen hatte, schüttelte dann kurz den Kopf und schloss den Koffer wieder. Alles wirkte ein wenig, wie eine auswendig gelernte Prozedur, die schon seit Jahren eingeübt wurde. Aufstehen, Duschen, Essen, Zähne putzen, Arbeitssachen packen… Tatsächlich waren es allerdings erst drei Monate gewesen, seit ich diese Stelle in der Kundenbetreuung angenommen hatte, und die mich zwang, einen sehr geregelten morgendlichen Ablauf nachzugehen.
Um genau Viertel vor Sieben schlüpfte ich dann in meine Jacke und in meine Schuhe und verließ meine Wohnung, sodass ich rechtzeitig an der Straßenbahnhaltestelle ankam…

Wie immer wartete dort diese alte Frau, die stets schweigend in die Leere starrte und nur selten in die Straßenbahn einstieg, wenn sie ankam. Anfangs wunderte ich mich sehr darüber – inzwischen gehörte es allerdings zum gewohnten Bild dazu.
Außerdem waren da noch die zwei Jugendlichen, die sich in unregelmäßigen Abständen über Frauen und Alkohol unterhielten und ein jüngerer Mann, mit dem ich ein paar Mal über Politik ins Gespräch gekommen war. Nach einer Weile war mir das allerdings zu anstrengend geworden und die hitzigen Polit-Debatten fanden schnell ein Ende.
Zu Beginn hatte ich auch überlegt mit den beiden Jugendlichen zu quatschen – allerdings schien es mir nach einiger Überlegung nur eine Frage der Zeit zu sein, bis sie herausfinden würden, dass ich bei ihrem Gespräch über Frauen irgendwann in die Bredouille geraten würde. Und wer weiß, am Ende macht man sich sogar noch unbeliebt. Das hatte mir schließlich gerade noch gefehlt.
So gestalte sich jeder Morgen an der Haltestelle schließlich so, dass ich schweigend in die Gegend schaute und wartete, bis in der Ferne die Scheinwerfer der Bahn zu sehen waren.

Heute traf sie mit zwei Minuten Verspätung ein, was allerdings nicht unüblich war. Dass sich mein Koffer unglaublich schwer anfühle, als ich die Straßenbahn betrat war übrigens auch nichts unübliches mehr...
Genauso, wie an der Haltestelle, waren auch die Personen in der Bahn stets die Gleichen. Die jetzt alle zu beschreiben würde aber zu weit führen. Kurz und knapp gesagt, suchte ich mir immer einen freien Sitzplatz – davon gab es zu der frühen Uhrzeit mehr als genug – schaute anschließend stumm aus dem Fenster, um mir immer wieder die gleiche Gegend anzuschauen und wartete die lange halbe Stunde, bis die Bahn fast genau vor meiner Arbeitsstätte zum Stillstand kam. Tja und so stand ich nach der besagten halben Stunde wieder vor dem grauen Bürogebäude. Mit trägen Schritten bewegte ich mich der automatischen Glastür entgegen, die mich stets mit einem zähen Quietschen Willkommen hieß.

3

Sieben Uhr Vierundzwanzig. Noch ehe ich einen klaren Gedanken fassen konnte, kam mir einer meiner Vorgesetzten schnellen Schrittes entgegen. „Ach, sind Sie auch schon da? Ich war schon fast davon ausgegangen, dass Sie wieder schwänzen.“ Es war nicht das erste Mal, dass man mir so gekommen war und doch verschlug es mir immer wieder die Sprache. „ …aber ich…“
Mit einer angriffslustigen Haltung und einem wütendem Gesichtsausdruck unterbrach er mich postwendend „Sparen Sie sich Ihre Entschuldigungen. Los jetzt - an die Arbeit.“
Genauso schnell, wie er gekommen war, verschwand er auch wieder in Richtung des Flures, von dem er gekommen war.
Die Kunden kamen immer erst um Acht, und so erschien ich in der ersten Arbeitswoche immer fünf vor Acht. Irgendwann wurde ich dann völlig unerwartet in das Büro des Chefs geschickt und ich bekam eine Verwarnung. Es sei üblich, stets eine halbe Stunde vorher da zu sein und das habe ich zu wissen. Ich schluckte diese Information zunächst und erkundigte mich, ob diese halbe Stunde denn auch vergütet würde. Mein Chef sah mich eindringlich an und fragte, ob mir nicht bewusst wäre, wie schwer es heutzutage ist, eine Arbeit zu finden. Ich antworte kurz und kraftlos mit einem „Doch, das ist mir bekannt“
Vielleicht war es eine der Informationen, die ich im Vorstellungsgespräch nicht mitbekommen hatte, dachte ich mir.

Noch immer etwas mitgenommen von der „Begrüßung“, bog ich schließlich in den rechten Flur des Foyers ab und suchte mein Büro auf. Jeder Mitarbeiter hatte sein eigenes Büro, sodass es nur dann zu Unterhaltungen mit anderen Mitarbeitern kam, wenn sie geschäftlicher Natur waren. Privatgespräche waren verboten und führten zu Lohnabzug. In der Regel wurde eine komplette Stunde abgezogen, wenn der Chef oder einer der Aufseher es merkte. Und die merkten das schnell. Ich vermute, man bezweckte mit dieser Maßnahme, dass man sich isoliert fühlen sollte.
Aber ich schweife ab. Da zu dieser Zeit noch keine Kunden kamen, mussten wir eine Datenauswertung des vorigen Tages durchführen. Erfolgsquoten der Verkäufe, Neukundengewinnung bis hin zum Verbrauch des Arbeitsmaterials. Es ist durchaus zynisch, wenn man bedenkt, dass wir berechnen mussten, wann wir von unserem eigenen Geld neue Arbeitsmaterialen besorgen mussten. Und wurde ein gewisses Pensum an Material zur Verfügung gestellt und wenn das bis zum Monatsende nicht reichte, wurden wir zur Kasse gebeten.

Naja, wie jeden Morgen, machte ich die Berechnungen und glücklicherweise war ich bis um acht Uhr fertig geworden. Hektisch räumte ich die Sachen weg und schon wenige Sekunden später klopfte es an meiner Bürotür. „Herein“ Ein anderer Vorgesetzter trat ein. Schweratmig sah er sich kurz um, schluckte dann und nickte. „Sie sind fertig soweit?“ Ich antwortete nervös „Ja, alles durchgerechnet. Ich habe die Ergebnisse dem Chef per Mail zugeschickt.“ Mein Gegenüber holte abermals tief Luft, redete dann weiter „Wie haben Sie die übrige Zeit genutzt?“ …Ich schaute verdutzt. „Die übrige Zeit?“ Sein Blick wurde zunehmend ernster „Sie werden für die Geschäftsstatistik ja wohl keine ganze halbe Stunde gebraucht haben.“ Es ging schon wieder los… „Hören Sie mal, wir bezahlen Sie nicht fürs Rumsitzen!“ Es war mir unmöglich, in dem Augenblick zu antworten. Herr Zumdick, der Name des Vorgesetzten, der in mein Büro getreten war, schüttelte den Kopf und warf mir einen Stapel Formulare auf den Schreibtisch. „Sie machen heute ein paar Kunden zusätzlich – das stärkt die Arbeitsmoral!“ Noch ehe er den Satz vervollständigt hatte, brach ein weiterer Hustenanfall durch. Diesmal besonders schlimm. Meine Bronchien brannten wie Feuer und meine Atemwege quittierten kurzzeitig ihren Dienst. Ich keuchte und Herr Zumdick machte einen Schritt zurück in die Türschwelle. „Verdammt, stecken Sie mich nicht an!“ Kurz darauf knallte er die Bürotür zu.

…ich …halte… …das… …nicht… …mehr… …aus…

Fünf Minuten später klopfte es erneut an der Tür. Ich antwortete erneut mit einem zunehmend mechanisch werdendem „Herein.“ Die Tür öffnete sich und der erste Kunde betrat das Büro. Es war eine brünette Frau, mittleren Alters und der erste Mensch, der mir heute einen zumindest ansatzweise freundlichen Blick zuwarf. „Guten Tag, ich hatte einen Termin bei Ihnen ausgemacht.“ Ich versuchte die schrecklichen Ereignisse des Morgens zu verdrängen und zeigte ein gequältes Lächeln „Setzen Sie sich doch bitte.“ Die Frau bedanke sich und erklärte mir, dass sie ein kleines Unternehmen aufbauen möchte und dazu eine steuerliche Beratung benötige. Ich half ihr so gut es ging und nach einer halben Stunde war das Gespräch beendet. Es hatte meine Laune wieder ein wenig entspannt.
Ich atmete durch und hustete ein paar Mal – ich hatte es mir während des Kundengesprächs verkniffen - und stand auf, um zur Toilette zu gehen.

Während ich den Flur entlang ging, kam ich zunächst einem anderen Mitarbeiter entgegen. Hätte ich nicht bereits erwähnt, dass Privatgespräche zu Lohnabzug führen, wäre es wohl völlig unverständlich gewesen, dass er den Blick starr nach unten gerichtet hielt und seine Schrittgeschwindigkeit in dem Moment beschleunigte, in dem er mich bemerkte. Trauer kam in mir hoch. Ich verbrachte gut fünf Minuten auf der Toilette und als ich wieder heraus trat, stand einer der „Aufseher“ vor mir. „Sind Sie fertig damit, die Arbeitszeit zu schinden? Ich werd dem Chef Bescheid geben, dass er Ihnen ne Viertelstunde abzieht.“ Ehe ich antworten konnte, verschwand er wieder entlang des Flures. Ich zitterte und sah ihm schweigend hinterher.

Warum mache ich das eigentlich mit? Warum habe ich nicht längst gekündigt? Diese Stimmen dominierten meinen Verstand zunehmend. Ich verlange nicht, dass es jemand versteht. Aber eine Mischung aus psychischen Druck, einem unfairen Arbeitsvertrag, Isolation von anderen Mitarbeitern und Geldnot lässt einem die verrücktesten Dinge tun…

…die… …verrücktesten… …Dinge…

Als ich zu meinem Büro zurückkehrte wartete bereits der nächste Kunde. Jetzt schon? „Guten Tag. Man sagte mir, dass ich auch ohne Termin zu Ihnen kann. Es geht um die Personalabteilung…“ In zehn Minuten war der nächste Termin. Klar, kommt nur zu mir. Habe ja eh keine andere Wahl. Kommt nur alle zu mir. Ich berate euch alle… „Kommen Sie erst mal herein.“
Diesmal war es ein älterer Herr. Er redete in einem Fluss und es war äußerst schwierig Zwischenfragen zu stellen. Im Grunde wollte er wohl nur ein „Ja und Amen“ von mir hören. Naja.
Irgendwann mitten im Gespräch klopfte die Tür. „Einen Moment.“ rief ich.
Die Tür ging auf und ein weiterer älterer Mann betrat den Raum, ohne sich bremsen zu lassen. „Ich möchte ja nicht unhöflich erscheinen, aber ich habe bei Ihnen um Punkte Acht Uhr Fünfundvierzig einen Termin vereinbart. Und wenn Sie andere Kunden einfach vorlassen, dann ist das wohl nicht gerade die feine Art.“ Mein Herz pochte, während mein anderer Kunde verdutzt zu dem älteren Herrn sah. „Es tut mir sehr leid. Ich muss heute leider als Vertretung einspringen, und…“

Ich weiß nicht, wo die Vorgesetzten immer so schnell her kamen. Ob mein Büro mit Kameras überwacht war. Ich weiß es nicht. In jedem Fall stand wieder einer von Ihnen in der Türschwelle – diesmal Frau Elsa. Ihr Blick war zornig, böse verzerrt. „Gibt es hier Probleme, meine Herren?“
Während der Kunde ohne Termin noch immer schwieg – wo er doch vorher so gesprächig war – antwortete der Kunde „mit Termin“ ohne zu zögern. „Und ob! Ihr Kollege verweigert mir meinen Termin! Wissen Sie eigentlich, dass ich mit jeder Minute, die ich meiner Firma fern bleibe, wertvolle Euros verliere. Ist Ihnen das bewusst? Sie können froh sein, wenn ich Sie nicht auf Schadensersatz verklage!“ Hilflos versuchte ich die Lage zu entspannen. „Ich ..ich bin doch schon …schon schon…
Hinter der Vorgesetzten tauchte eine junge Frau auf und nutzte den Augenblick der Sprachlosigkeit.
Entschuldigen Sie. Im Sekretariat sagte man mir, ich soll mich wegen der Beratung bei Ihnen im Büro melden.
Fast so, als habe Frau Elsa die Frau erwartet, drehte sie sich zu ihr. „Ja, das ist richtig. Unser Kollege ist heute nicht ganz in Form. Ich möchte Sie bitten, sich an Büro 17 einzufinden. Dort sitzt ein etwas fähigerer Kollege.“ In Hinblick auf den letzten Kommentar verzog die junge Frau den Blick leicht, setzte sich dann aber in Bewegung „Gut, haben Sie vielen Dank.“
Nun wandte Sie sich wieder den beiden Herren und mir zu. „Meine Herren, Sie suchen bitte Büro 19 und 20 auf.“ Ich Blick fiel auf mich „Und Sie… Sie kommen mit mir.“

4

Es war der Gang zum Chef. Was sollte ich ihm erzählen? Was würde dort passieren? Ich hatte Angst.
Frau Elsa führte mich zu einem Fahrstuhl. Wir stiegen zusammen ein, sie betätigte die Schaltfläche für das vierte Stockwerk. Es war das höchste des Gebäudes und nur wenige bekamen es zu sehen – was im Grunde auch gut war, denn wenn man dort hin kam, gab es Ärger, großen Ärger.
Wir stiegen aus und standen auf einer Empore, die mit Palmen und abstrakten Kunstskulpturen geschmückt war. Es wirkte alles unglaublich künstlich. Aber das sollte mich nicht weiter interessieren.
Die Vorgesetzte führte mich auf die gegenüberliegende Seite der Empore, auf der eine, zwei flügelige Tür wartete. Dahinter saß der Chef. Sie klopfte kurz an und wartete, bis ein grobes „Ja!?“ ertönte.
Wenige Sekunden später standen wir ihm genau gegenüber.
Es war ein vergleichsweise junger Chef, der seine Stimme durch einen übermäßigen Tabakkonsum aber schon extrem strapaziert hatte. Er hatte ein gleichgültigen Gesichtsausdruck und lange, gegelte, zu einem Pferdeschwanz gebundene Haare.

„Wen bringen Sie mir denn da?“ Frau Elsa versuchte selbstbewusst zu sprechen, verlor aber zumindest leicht die Fassung. „Der hier …hat wieder Ärger gemacht.“ Ich musste husten, aber verdammt – bloß nicht jetzt! „Dann setzen Sie sich mal. Sie beide. Frau Elsa – tragen Sie ihr Anliegen vor.“ Inzwischen hatte sie ihre Fassung wiedererlangt und strahlte nun eine gewisse Gehässigkeit aus. Es war nicht abzusehen, was nun passieren würde.
Erster Punkt, unser Kollege verschwendet unsere Arbeitsmaterialien und hält es nicht für nötig, sich an den Unkosten zu beteiligen. Zweiter Punkt, unser Kollege hat ein Problem mit der Pünktlichkeit – er meint eigene Arbeitszeiten zu erfinden. Dass er Zeit vertrödelt, brauch man schon gar nicht mehr erwähnen – das macht er schon seit dem ersten Arbeitstag. Übrigens will er uns auch Krankheiten anhängen. Ich finde das ungeheuerlich!“ Ich versuchte sie zu unterbrechen. „Nun übertreib…“
Ruhe, verdammt nochmal, Sie fragt keiner!“ unterbrach mich der Chef. „Weiter Frau Elsa.
Glauben Sie, dass er jemals Zuhause vorgearbeitet hat? Im Leben nicht! Ich bitte Sie, bringen Sie dem Arbeitsmoral und Disziplin bei. Das würde es der ganzen Abteilung erleichtern.“

…jetzt… …ist… …Schluss…

Mit, zu einer Pyramide gefalteten Händen, beugte sich der Chef nun vor und wandte den Blick nun zu mir. „So wie ich das sehe, haben Sie unserem Betrieb bisher eher Kosten verursacht, als irgendeinen Nutzen eingebracht. Darum werde ich die nächsten beiden Monatsgehälter streichen. Wenn Sie sich anstrengenden, belasse ich es bei einen Monatsgehalt. Ich erwarte desweiteren, dass Sie zuhause täglich zwei Stunden vorarbeiten. Arbeitsmaterialen wird Ihnen Frau Elsa heute Abend überreichen. Wo wir dann beim nächsten Punkt sind. Für den Rest des Monats, bleiben Sie bis zwanzig Uhr im Büro. Und ich will von keinem meiner Kollegen hören, dass Sie es für nötig halten, eine Pause einzulegen. Haben Sie das verstanden?“

Das Atmen fiel mir immer schwerer und schließlich und endlich brachte ich die Worte zu Sprache, die mich retten sollten. „Ich… ich kann nicht mehr… ich muss Ihnen leider kündigen.
Sowohl Frau Elsa, als auch der Chef blicken überrascht auf. Dann sprach der Chef weiter „Hören Sie mir mal zu. Sie haben sich dazu bereits erklärt, mindestens sechs Monate in meinem Unternehmen zu arbeiten. Und um ehrlich zu sein, würde ich Ihnen nicht raten, eine Kündigung in Betracht zu ziehen. Sie wissen doch, Arbeit findet sich schwer.“

…ich… …muss… …hier… …raus…

Mit einem weiteren Hustenanfall durchbrach ich seine Ansprache unfreiwillig. „Unterbrechen Sie mich nicht!!“ wetterte er. „Sie machen es nur schlimmer!“ Aus dem Augenwinkel sah ich, dass ich einige Tropfen Blut gehustet hatte und ich bin mir sicher, dass es beide anderen Anwesenden auch gesehen hatten. Sie schienen es zu ignorieren.
Ich wiederholte meine Worten, diesmal mit einem deutlich flehenden Unterton. „Ich… ich kann nicht mehr… ich... ich…kündige…

…Hilfe… …hilf mir…

Der Chef stand nun auf, türmte sich regelrecht vor mir auf. „Das ist ja unfassbar! Was glauben Sie eigentlich, mit wem Sie hier sprechen!?“ Mit geballter Faust hämmerte er auf seinen Schreibtisch. „Ich glaube, Ihnen ist nicht ganz klar, dass die besten Anwälte des Landes für uns arbeiten. Wenn ich das wünsche, dann arbeiten Sie bis an ihr Lebensende für mich, ist Ihnen das klar!?“
Ist ihnen das klar!? Ist ihnen das klar!? ….die Worte hallten unaufhörlich in meinem Schädel. Ich sackte zu Boden und begann zu brüllen. Ich brüllte unerträglich laut.

…ich… kann… …nicht… mehr… …beschütze… mich…

5

Das Gebäude erschütterte. Verdutzt schauten sich der Chef und Frau Elsa um, während ich weiterhin zusammengekauert am Boden lag. „…was zum Teufel !?“
Plötzlich ging alles rasend schnell. Ein schrilles Gekreische, eine große schwarze Klaue, die das Büro des Chefs regelrecht in Zwei Teile riss und ein Flammenmeer, das ihn bis auf die Knochen niederbrannte, noch ehe er um Gnade flehen konnte. Das Gekreische ertönte ein weiteres Mal und ein wuchtiger Schlag schien weitere Teile des Gebäudes zum Einsturz zu bringen.
Mein Überlebensinstinkt sagte mir, dass ich aufstehen musste. Ich musste sofort hier raus.
Also stand ich auf und rannte zu der Stelle, wo ehemals die Bürotür befand. Jetzt war dort nur noch ein großes Loch in einer Wand zu sehen, in dessen Schwelle jede Menge Schutt aufgetürmt war.

Ich rannte so schnell ich konnte und hatte das komische Gefühl, dass die Kraft in meinen Körper zurückkehrte, die mir von den Vorgesetzten und dem Chef systematisch geraubt wurde. Es ging jetzt ums Überleben. Begleitet von pausenlosen Erschütterungen, ohrenbetäubenden Gekreische und schwarzem Qualm hechtete ich die Treppen Stockwerk für Stockwerk herunter. Die letzten beiden Etagen stürzte ich die Stufen eher hinab. Trotz allem erreichte ich schließlich das Foyer ohne größere Verletzungen und erst jetzt fielen mir die zahllosen Schreie der Menschen auf, die den Angriff noch später mitbekommen hatten als ich. Das war jetzt aber nicht meine Sorge. Ich rannte zum Ausgang, hörte das Quietschen der gläsernen Schiebetür zum letzten Mal und erkannte von draußen nun zum Einen, dass das gesamte Gebäude in Flammen stand und zum Anderen, dass am Himmel ein schwarzer Drache kreiste. Mit letzter Kraft kniete ich nieder, faltete die Hände, gab ein schwaches, kaum hörbares „Danke“ von mir und brach daraufhin bewusstlos zusammen.
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