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Vom Phönix aus der Asche
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Liro




Alter: 27
Anmeldungsdatum: 01.08.2010
Beiträge: 346
Wohnort: OWL
BeitragVerfasst am: Mi Jul 13, 2011 21:55    Titel: Antworten mit Zitat

Teil 1

Kapitel 9: Rot

Inkognitos Atem geht ruhig. Entspannt blickt er in den tiefen Gang hinein und lauscht dem sanften Gesang. Am anderen Ende ist eine Bewegung auszumachen. Sie ist langsam und friedlich. Ganz anders als bei der Gestalt, die beim Klang der Triangel erschien. Der Schwarze macht ein paar Schritte vorwärts. Bleibt stehen und späht nochmals in den Gang hinein. Diesmal kann er die Konturen einer Gestalt ausmachen, die an der Wand gelehnt scheint. Ihre Arme leicht auf und wieder ab bewegend. Er macht einen weiteren, langen Schritt und wartet ab. Die Gestalt bleibt ruhig. Scheint auf ihn zu warten. Der Gesang ist jetzt deutlicher. Er scheint ganz offenkundig von dieser Gestalt dort hinten zu kommen. Der Schwarze atmet ein. Und wieder aus. Erhascht einen flüchtigen Blick zur Seite, an der sich ein Fenster befindet. Nur das gleiche graue Bild wie immer.

Nun ist er wieder konzentriert bei der Sache. Er nähert sich weiterhin mit großer Vorsicht. Will die Gestalt dort drüben auf keinen Fall verschrecken. Der Gesang ist toll. Er soll nicht enden. Noch ein paar Schritte. Die Sicht wird besser. Die Konturen der anderen Gestalt sind klarer geworden und schon jetzt lässt sich erkennen, dass ihr Körperbau nicht identisch mit denen, der anderen Gestalten ist. Es ist der Körper einer Frau. Zumindest im Ansatz. Der Schwarze hebt ein Bein, macht einen weiteren Schritt. Dann wieder einen. Er hat schließlich die Hälfte des Ganges zurückgelegt und passiert nun eine Gabelung, die exakt an der gleichen Stelle auftaucht, wie im darunter liegenden Geschoss. Diesmal kein flüchtiger Blick zur Seite mehr. Die Aufmerksamkeit ist nach vorne gerichtet. Dann eine ruckartige Bewegung von dort hinten. Der Gesang wird abgebrochen. Die Frau stößt sich leicht von der Wand ab und dreht den Körper nun zum Schwarzen. Sie kommt einen Schritt näher und tritt aus dem grauen Schatten, der sie bislang weitgehend verborgen hielt.

Die beiden stehen nun etwa zehn Meter auseinander. Keiner rührt sich. Beide mustern sich sorgfältig. Die weibliche Gestalt erscheint dünner, etwas kurvenreicher als die anderen. Und von ihrem Kopf hängen lange Strähnen herunter. Wie Haare, nur aus derselben Substanz, wie all die anderen Körperteile. Ihr Körper ist rot gefärbt. Ein warmes Rot. So warm wie ihre Stimme.

Ihr Körper entspannt sich wieder. Sie lässt ihre Strähnen nach links herunterhängen, kippt den Kopf zur anderen Seite und lässt die Strähnen nun nach rechts herunterhängen. Vorsichtig hebt sie den Arm und hält dem Schwarzen ihr handloses Armende hin. Es ist eine Einladung. Inkognito tritt näher. Noch näher. Steht nun genau vor ihr. Schaut ihren Kopf an. Dort wo das Gesicht sitzen sollte. Schließlich hebt er auch seinen Arm und nimmt das rote Armende der weiblichen Gestalt. Wieder diese Wärme. Sie setzt ihren Gesang weiter fort. Leise. Genau mit der richtigen Lautstärke. Inkognitos Körper lockert sich. Für einen Augenblick ertrinken all seine Gedanken. Behutsam bewegt sich die rote weiter in das Ende des Gangs hinein. Hält dabei das Armende des Schwarzen weiter fest.

Der Gesang hallt durch den ganzen Flur und aus der Ferne gesellt sich der Ton einer Harfe dazu. Inkognito erinnert sich. Er hat sie schon vor einer ganzen Weile gehört. Die Kombination der beiden Instrumente wirkt verletzlich. Wie ein liebevolles Flehen. Mittlerweile hat Rot ihn um die Ecke in einen weiteren Gang geführt. Weiter hinten steht eine Tür offen. Diesmal fällt kein Lichtschein aus dem Raum dahinter in den Flur. Die beiden kommen der Tür näher und schließlich erkennt Inkognito auf eine Informationstafel, dass es der Versuchsraum der Physiker ist, auf den die beiden zusteuern. Was mag das bedeuten? Der Schwarze ist wieder im Gesang der Roten versunken. Die Harfe wieder verstummt.

Die rote Gestalt steht nun vor der offenen Tür. Inkognito blickt an ihr vorbei in den Raum hinein. Er ist grau und bietet ein ähnliches Bild wie der Raum, in dem er den Grünen getroffen hat. Viele Tischreihen und jeweils zwei Stühle dahinter. Diesmal sind die Stühle allerdings mit einer Eisenstange am Boden fixiert. Und an den Tischen sind Wasserhähne angebracht. Dann ein Blick zu den Fenstern. Das gewohnt Bild. Tote Äste von verstorbenen Bäumen. Sein Blick wandert weiter zum Lehrerpult. Oder dorthin, wo er eines erwartet hätte. Anstelle von Tisch und Tafel befindet sich dort ein großes und langes Sofa. Zu beiden Seiten aufgetürmte Kissen. Bald halb so hoch, wie der Raum selbst. Als er etwas genauer hinsieht, erkennt er zudem, dass vor dem Sofa eine breite Matratze auf dem Boden liegt.

Die rote Gestalt unterbricht den Gesang für ein kurzes verführerisches Gelächter. Doch noch ehe es Inkognito überhaupt richtig realisiert hat, hat sie schon wieder damit begonnen, den lieblichen Gesang fortzusetzen. Zärtlich legt sie nun den freien Arm um den Schwarzen und führt ihn Richtung Sofa. Als er mit den Beinenden auf der Matratze auftritt, erwärmt sich sein Herz wieder. Es hat ein Gefühl von Verlangen in ihn geweckt. Der Gesang intensiviert es. Noch ein Schritt auf die Matratze und dann führt die rote Gestalt ihn direkt auf das Sofa. Beide setzen sich hin. Erst der Schwarze, dann die Rote. Sie lässt ihren Arm um Inkognito liegen und lehnt sich an. Beginnt ihn mit dem anderen Arm zu streicheln. Reibt schließlich ihren Kopf an seinen. Der Schwarze beginnt zu zittern. Es überwältigt ihn. Er beginnt ebenfalls mit seinem Armende über den Körper der Roten zu fahren. In seinem Körper fühlt sich an, wie eine ewig andauernde Ekstase.



Jetzt weiß ich, was meine Aufgabe war. Ich sollte diesen roten Engel finden. Keine Gärten oder Instrumente. Nein. Jetzt habe ich, was ich brauche. Etwas Schöneres kann es nicht geben.



Das Bild der beiden kuschelnden Gestalten hält noch eine ganze Weile an. Es ist schön anzusehen. Und wenn Inkognito nicht irgendwann eingeschlafen wäre, dann hätten die beiden vermutlich die ganze Ewigkeit miteinander auf dem Sofa verbracht. Arm in Arm. Kopf an Kopf.



Mit einem ruckartigen Stoß wird der Schwarze plötzlich vom Sofa herunter auf die Matratze katapultiert. Erschrocken fährt er hoch. Die rote Dame ist verschwunden. Wieder ein Stoß. Der Boden erzittert und die gestapelten Kissen stürzen in sich zusammen. Es ist wieder eines dieser Beben. Hektisch sieht der Schwarze in die eine Richtung, dann wieder in einer Andere. Der ganze Raum erzittert. Außer den Kissen bleibt diesmal jedoch alles an seinem Platz. Die Möbel scheinen fest am Boden des Raumes verankert. Nervös geht Inkognito wieder in die Hocke und hofft, dass es bald wieder vorbei ist. Dann sieht er zum Fenster raus. Seine Haltung erstarrt, als er bemerkt, dass nicht nur die Bäume, sondern auch der Nebelverhangene Himmel zittert.



Was zum Teufel…



Schon wenige Sekunden später nimmt die Intensität wieder ab. Es ist nur noch ein schwaches Ruckeln zu spüren und dann schließlich gar nichts mehr. Es ist wieder still. Kein Zittern. Kein Vibrieren. Kein Gesang. Einzig Inkognitos schneller Atem durchbricht die Stille. Seine Haltung bleibt unverändert. Der Blick starr aus dem Fenster. Dann reißt er sich schließlich hoch. Rennt rasch zu einem der Fenster und schaut hinaus auf die Bäume. Auf den Himmel. Es wirkt bewegungslos und wie erfroren. Und eben hat all das gezittert. Die Wärme und Geborgenheit, die ihm die rote Gestalt geschenkt hat, ist inzwischen einer wachsenden Angst gewichen. Nicht nur einer Angst, dass die Beben sein Leben gefährden könnten. Sondern einer fundamentalen Angst, dass hier irgendwas falsch ist. Vollkommen falsch.
_________________
"Es gibt überall Blumen für den, der sie sehen will."
-Henri Matisse

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Liro




Alter: 27
Anmeldungsdatum: 01.08.2010
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BeitragVerfasst am: Mo Jul 18, 2011 1:22    Titel: Antworten mit Zitat

(So, da ich nächste Woche nicht da bin, geb ich das neue Kapitel heute schon rein. Viel Spaß beim lesen.)

Teil 1

Kapitel 10: Vom Phönix aus der Asche


Inkognito hat den Versuchsraum der Physiker wieder verlassen. Steht nun am gegenüberliegenden Fenster. Er schaut raus. Das erste Mal seit er die Schule betreten hat, hat die Umgebung da draußen eine beruhigende Wirkung auf ihn. Das erste Mal seit er hier ist, erzeugen das ewige Grau und die trockenen, nebelverhangenen Bäume kein Unbehagen in ihm. Er hat seine Arme ausgebreitet. Hat sie ausgestreckt jeweils links und rechts neben das Fenster positioniert. Sich an der Wand abstützend. Den Kopf direkt auf die Umgebung da draußen gerichtet. Immer wieder meint er ein leichtes Ruckeln unter sich zu spüren. Einbildung? Vielleicht.



Was geschieht hier? Warum bin ich an so einem Ort? Warum konnte ich nicht woanders auftauchen. Irgendwo anders. (Er atmet einmal tief durch) Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich unter der Erde geblieben wäre. Es war still dort. Keine Probleme. Keine Sorgen. (wieder ein Durchatmen) Kein Rot. Ja. Ich hätte die rote Gestalt nicht getroffen. Das war schön. Ich hoffe, ich treffe sie wieder. Ich möchte sie irgendwann wiedersehen. Dann nimmt sie mich wieder in den Arm. Dann hat sie mich wieder lieb. Alles wird dann so warm. Und sie beginnt wieder zu singen. Singt mich in den süßen Schlaf. Ja. Ich möchte das wieder haben.



Ich werde sie suchen. Ja, und ich werde sie finden. Ich will wieder zu ihr. (erneutes Durchatmen) Ich werde jetzt in den Musikraum gehen. Hole mir so ein Instrument. Gehe dann zu Grün und frage ihn, wo ich Rot finde. Und dann lerne ich zu musizieren. Ich werde Rot ein Lied vorspielen. Ich werde zu ihrem Gesang spielen und dann musizieren wir zusammen. Sie wird es lieben. Sie wird mich lieben. Ja. So werde ich das machen.



Inkognito richtet sich wieder auf. Nimmt die Arme von der Wand herunter, blickt auf den Boden. Dann nickt er. Dreht sich in die Richtung, aus der er mit der roten Gestalt gekommen war. Er beginnt loszugehen. Zügig. Erreicht das Ende des Ganges, wo er nun abbiegt. Geht weiter. Auf seinem Weg ertönt wieder der Ton einer Harfe. Einmal kurz. Dann wieder nichts. Inkognito geht mit schnellem Schritt vorwärts. Interessiert sich in dem Augenblick nicht für die Musik. Die Triangel ertönt. Wechselt sich mit der Harfe ab.

Dort drüben, wo sich das Treppenhaus befindet. Es bewegt sich etwas. Flüchtig. Dann ist es weg. Der Schwarze scheint zu wissen, dass es nicht die rote Gestalt ist. Also lässt er die Bewegung eine Bewegung sein. Auf halbem Wege bleibt er stehen, dreht sich zur Wand und sieht auf den Übersichtsplan der Räume. Musikraum. Dort. Vierter Stock. Genau wie Blau es sagte. Er ist Mittig. Die Treppe hoch. Dann geradeaus. An der Gabelung abbiegen. Dann bis zum Ende durch. Laut Plan also genau über der großen leeren Halle, auf die der Schwarze nahe der Cafeteria gestoßen war.

Inkognito will weitergehen. Hebt jedoch zuvor ruckartig den Arm und reißt den Plan von der Wand. Rollt ihn zusammen und nimmt ihn mit. Dann geht er weiter. Nähert sich rasch dem Treppenhaus. Die Triangel. Dann wieder die Harfe. Und weiter. Als er nun genau vor der Treppe nach oben steht, erklingt aus der fernen Tiefe plötzlich das Klavier. Augenblicklich nimmt der Klang des Instruments das Tempo aus der Bewegung des Schwarzen heraus. Er fährt zusammen.



Der Graue. Ist er aufgestanden? Ist er unterwegs? Bloß weg hier!



Sein Tempo nimmt wieder zu. Er rennt regelrecht die Treppe hoch. Nimmt zwei Stufen pro Schritt. Erreicht das dritte Geschoss. Schnellt direkt weiter nach oben und bemerkt nicht, dass jemand im Gang des dritten Flurs steht und ihm zusieht, wie er hochrennt. Die Triangel ist verklungen. Auch das Klavier. Egal. Der Schwarze springt auf das Zwischenpodest. Macht zwei lange Schritte und ist oben. Vierter Stock. Endlich bleibt er stehen. Geht in die Hocke und stützt die Arme auf die Knie. Sein Atem rennt. Für einen Augenblick verharrt er in dieser Haltung. Dann richtet er sich wieder auf und blickt weiter hoch. Da ist noch eine Treppe. Der Schwarze nimmt den Plan und rollt ihn auseinander. Als er ihn überfliegt, sieht er, dass die Treppe zum Dach führt. Er nickt kurz, schaut nochmal hoch und rollt den Plan wieder zusammen. Dann dreht er sich weg und wendet sich schließlich dem vor sich liegenden Flur zu. Dort, wo er lang muss. Er geht los.

Inkognitos Schritte sind langsam geworden. Er sieht sich wieder um. Auch wenn der Flur erneut aussieht wie all die anderen Gänge in diesem Gebäude, so scheint er ihn dennoch mit Sorgfalt zu mustern. Zur Linken die Fensterreihe mit dem bekannten Ausblick. Zur rechten Türplatten ohne Klinke. Noch ein paar Meter und schließlich kommt er an der Gabelung an. Er bleibt stehen und blickt in die Abzweigung hinein. Links und rechts wieder die Türplatten, geradeaus ein verdunkeltes Gangende. Nur schwach sind die Umrisse einer großen Tür zu erkennen. Sie ist wieder zweiflüglig. Die Gedanken an das Schwimmbad kommen wieder hoch. Plötzlich kehrt auch der Harfenklang wieder ins Bewusstsein zurück, der ihn seit einiger Zeit begleitet. Rasch dreht Inkognito sich um. Schaut zurück zum Treppenhaus. Niemand da. Er atmet wieder tief durch. Ein. Aus. Dann richtet er den Blick wieder in die Abzweigung hinein und geht weiter. Mit jedem Schritt schwächt der Ton der Harfe ab und schließlich verschwindet er vollständig. Jetzt ist er weg.

Der Schwarze hat den Raum erreicht. Die Wand neben, und über der Tür ist mit Abbildungen von Noten verziert. Oben drüber der langgezogene Schriftzug mit geschwungenen Buchstaben „Musikraum“. Er hebt den Arm und greift nach einer der beiden Klinken. Auch diese sind stark verziert, ähnlich wie in einem gotischen Schloss. Sein Armende liegt nun auf der Klinke und er drückt sie herunter. Der Türflügel fällt langsam nach innen zurück. Der Raum kommt zum Vorschein.

Langsam tritt Inkognito auf die Türschwelle und ein seltsames Gefühl von Respekt überkommt ihn. Er blickt in den Raum hinein, der eher wie ein großer Saal wirkt. Zu beiden Seiten geht er ungefähr zehn Meter in die Breite und geradeaus scheint er knapp zwanzig Meter in die Tiefe zu gehen. Dann blickt er hoch zur Decke. Mit Sicherheit auch zehn Meter hoch. Er sieht dort einige große Kronleuchter hängen. Die Beleuchtung ist schlecht. Farblich wirkt alles grau, wie es zu erwarten war. Diesmal betrachtet der Schwarze jedes Detail. Fast so, als suche er nach einer Gestalt, die sich hier versteckt hält. Dann macht er schließlich einen Schritt in den Raum hinein. Es fühlt sich weich an. Unter ihm ein großer Teppich.

Er senkt den Kopf kurz herab, um das prunkvolle Muster des Auslegers zu begutachten, hebt ihn dann wieder und blickt nun auf die riesigen Glasscheiben am gegenüberliegenden Ende des Raumes. Gewaltige Fenster liegen vor ihm. Fast die ganze Wand einnehmend. Und der Ausblick? Vollkommen vernebelt. Die Bäume sind nur noch als verwaschene Striche zu erkennen. Und alles absolut bewegungslos. Es wirkt wie ein riesiges misslungenes Gemälde.

Der Schwarze macht ein paar weitere Schritte in den Raum hinein. Als er den Kopf nach links dreht, erkennt er gewaltige Regale mit Unmengen an Instrumenten, Büchern und Notenheften. Dazwischen immer mal wieder ein ausgeschalteter Scheinwerfer, gestapelte Boxen, Verstärker und andere musikalische Elektronik. Der Blick wandert nach rechts, wo eine große Bühne aufgebaut ist. Viel pompöser als in der Cafeteria. Links und rechts davon jeweils ein großer Scheinwerfer. Auf der Bühne ein Mikrophon, dahinter ein Schlagzeug. Auf dem Boden liegen noch weitere Instrumente. Von Inkognitos Position aus nur schwer zu erahnen, welche das sind. Er wendet den Kopf wieder nach vorne, wo er jetzt einen vergleichsweise kleinen Tisch ausmacht. Drumherum jede Menge Holzstühle. Der Tisch steht genau mittig von der gigantischen Fensterfassade. Trotz seiner unauffälligen Größe wirkt er irgendwie wichtig. Der Schwarze tritt näher und steht schließlich genau davor.

Bedächtig geht er in die Knie, legt seinen Raumplan ab und steht wieder auf. Die Bewegung wirkt beinahe sakral. Er blickt auf den Tisch, auf dem er ein aufgeschlagenes Heft vorfindet. Auf den ersten Blick nichts Besonderes. Nur Noten und darunter ein Liedertext. Inkognito bleibt einen Moment lang so stehen. Dann geht er um den Tisch herum, macht dabei vorsichtige Schritte und kommt schließlich auf der anderen Seite zum Stillstand, wo ein tiefer kleiner Hocker steht. Er setzt sich. Legt die Unterarme auf den Tisch und nimmt eine der aufgeschlagenen Seiten des Notenhefts. Dann noch eine. Er blättert es durch. Es wirkt wie ein großes Stück. Eine Oper, ein Musical oder sowas. Als der Schwarze das Heft schließlich zuschlägt, offenbart sich ihm der Titel des Stücks: „Vom Phönix aus der Asche“.

Sein Blick fährt wieder nach oben. Zum Regal mit den musikalischen Utensilien. Mit welchem Instrument würde er den Gesang der Roten am besten begleiten können? Plötzlich zerrt ein unbekannter Winkel seines Bewusstseins an seiner Neugier. Er sieht auf das Heft. Dann schlägt er es wieder auf. Zur ersten Seite. Eine Art Gemälde zeigt sich ihm. Es ist eine Versammlung von Menschen. Jeder von ihnen spielt ein Instrument. Er zählt sie. Es sind neun. Neun Personen. Er setzt an, zur nächsten Seite zu blättern, bricht dann aber ab und sieht noch einmal auf die Zeichnung.

Oben links steht eine Person mit einer Trommel, daneben einer, der auf einem Klavier spielt. Dort ein Becken. Eine Trompete. Eine Triangel. Geige. Harfe. In der Mitte eine Frau mit einem Mikrophon. Gedanken an Rot kommen hoch. Das ist sie. Das ist Rot. Sie muss es sein. Inkognito hält inne. Dann blickt er nochmals auf das Gemälde. Dort unten links. Die neunte Person. Sie hält einen Dirigentenstab und scheint die anderen Musiker anzuleiten. Der Schwarze blättert weiter.

Eine Überschrift. Der erste Akt. Darunter. „Die große Liebe.“ Inkognito blättert langsam weiter. Seite für Seite. Überall Noten. Irgendwann eine neue Überschrift. Der zweite Akt. „Das Drama“. Er schluckt und blättert abermals weiter. Kommt irgendwann zur dritten Überschrift. Der dritte Akt. „Der Sturm.“ Wieder jede Menge Noten. Dann. Der vierte Akt. „Der Kampf.“ Noch mehr Noten. Fünfter Akt. „Das Erwachen“. Noch ein paar letzte Seiten. Hier. Der finale Akt. „Das neue Leben.“



Dieses Gemälde. All diese Personen und ihre Instrumente. Ich bin mir sicher, dass sie für diese Gestalten stehen, die hier leben. Irgendeiner von ihnen muss dieses Stück geschrieben haben. Er plant vermutlich, alle zusammenzubringen und dann ein Konzert aufzuführen. Dort drüben. Auf der Bühne. Aber warum hat mir bisher keiner davon erzählt? Und wie zum Teufel soll das funktionieren?



Während er nachdenkt, senkt er den Blick nach unten zum Tisch. Das Notenheft langsam aus dem Blick verlierend. Er starrt eine Weile zu Boden bis ihm schließlich ein Knauf auffällt, der vom Tisch absteht. Der Knauf einer Schublade. Seine Gedanken schwinden wieder und er fährt mit einem seiner Armenden dorthin. Vielleicht ein paar weitere Informationen über das Stück. Er legt die nicht vorhandene Hand an den Knauf und zieht daran. Die Schublade öffnet sich mit dem Knarren von altem Holz und zum Vorschein kommt ein Dirigentenstab. Ein schwarzer prunkvoller Stab zum Dirigieren. Langsam löst er den Arm vom Knauf und greift nach dem Stab. Dann schließt er seine nicht vorhandenen Finger darum und hebt ihn aus der Schublade heraus. Stille. Und dann nicht mehr.
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Liro




Alter: 27
Anmeldungsdatum: 01.08.2010
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BeitragVerfasst am: Mi Jul 27, 2011 23:55    Titel: Antworten mit Zitat

Teil 1

Kapitel 11: Weiß


Der Ton einer Orgel erklingt. Noch ein Ton. Und noch einer. Die Töne setzen sich zusammen. Bilden die Fanfare eines episch musikalischen Erlebnisses. Mehr Kraft. Lauter. Das Stück wird dramatischer. Bedrohlicher. Schneller. Erschrocken dreht Inkognito seinen Kopf zur Bühne. Wie aus dem Nichts ist dort eine riesige Orgel aufgetaucht. Vor ihr eine Art Geist auf einem Hocker. Eine Gestalt wie die anderen. Nur farblos. Transparent. Der Schwarze sieht durch den Geist hindurch und es wirkt als spielten die Tasten von selbst. Er spannt sein Armende an. Drückt es fest um den Stab.

Der Boden beginnt zu zittern. Kleine kurze Stöße. Dann ein kräftiger Ruck. Es lärmt. Es übertönt den Klang der Orgel. Die Wände zittern. Die Instrumente scheppern. Ein Scheinwerfer stürzt herunter. Zwei Boxen folgen. Trommeln, Flöten, Hölzer, Trompeten fallen aus dem Regal. Knallen aufeinander. Irgendwo fällt ein Kontrabass herunter. Es ist wie ein Gewitter. Es kracht und donnert. Das Spiel der Orgel wird aggressiver. Kämpft gegen den Lärm an. Sie scheinen sich einen erbitterten Kampf zu liefern. Inkognito fällt zu Boden. Kann sich nicht halten. Er versucht sich am Teppich festzukrallen. Wird auf und ab geworfen. Fliegt meterweit durch den Raum. Den Stab immer noch fest in den unförmigen Enden seine Arme.

Plötzlich der reißende Ton von zersplitternden Glas. Stille. Der Lärm legt sich augenblicklich. Letzte Objekte fallen aus den Regalen. Hinterlassen einsame Geräusche, die vom Teppichboden absorbiert werden. Es ist vorbei. Ein Blick auf die Bühne. Der Orgelspieler ist verschwunden. Ein Blick zur Fensterwand. Alles wie vorher. Nein. Mitten drin ein langer Schlag. Er zieht sich von unten nach oben einmal quer durch die Scheibe. Der Schwarze atmet ruckartig. Unregelmäßig. Das Herz droht stehenzubleiben. Langsam bewegt er den Kopf zur Seite. Hält inne und dreht ihn wieder Richtung Glaswand. Ungläubig bewegt er sich auf allen Vieren vorwärts. Der Schlag im Glas. Er scheint mit jeder Bewegung auf der Scheibe zu wandern. Nein. Inkognito bewegt sich näher ran. Ist nun am Tisch vorbei, auf dem das Notenheft gelegen hat. Er ist inzwischen umgefallen und das Heft liegt aufgeschlagen, mit der Frontseite auf dem Boden. Er kämpft sich durch das Durcheinander von umgestürzten Holzstühlen hockt nun direkt vor der Scheibe. Er hebt den Arm und fährt über die Stelle, an dem der Schlag zu sehen ist. Es fühlt sich glatt an. Unbeschädigt.

Vorsichtig bewegt er den Kopf kurz nach links, dann nach rechts. Jetzt sieht er es. Der Schlag ist nicht im Glas. Er ist da draußen. Im Nebel. Der Himmel ist gesplittert. Angst kehrt wieder. Der unmittelbare Gedanke an das Falsche.

...

Es ist nicht echt. Dieser Raum. Diese Welt. Es existiert gar nicht. Ich träume. Und gleich wache ich auf. Finde mich in der ewigen Dunkelheit wieder. Kann mich nicht mehr bewegen. Nicht mehr sprechen. Nur noch schlafen. Ewig schlafen. Nein. Das kann nicht. Das darf nicht. Bitte. Bitte nicht.

...

Es wird dunkler. Das Licht schwächer. Die Sichtweite schrumpft. Die Wände des Raumes in tiefes schwarz getaucht. Schreckhaft reißt Inkognito seinen Körper herum und blickt zum Ausgang. Er versucht es. Doch kann ihn nicht mehr erkennen. Er bewegt sich vorwärts. Eins seiner Armenden stößt auf einen kühlen Gegenstand. Er blickt hinunter. Es ist das Notenheft. Hastig nimmt er es mit seinem freien Armende an sich. Er krabbelt weiter auf allen Vieren. Das wenige Licht scheint mit ihm zu wandern. Wie ein permanenter Lichtkegel, der ihm stets ein zwei Meter Sichtweite schenkt. Gerade genug, um den Gegenständen auf dem Boden auszuweichen.

Als er gefühlte fünfzehn Schritte vorangekommen ist, steht er vorsichtig auf. Sehr schwach kann er den Umriss der Ausgangstür erkennen. Er tritt näher und plötzlich ertönt ein Gelächter. Erst leise und fern. Wenig später aber laut und deutlich. Es klingt zufrieden. Fröhlich. Auf eine gewisse Art und Weise scheint es den Schwarzen zu erleichtern. Freude. Etwas, das er jetzt brauchen kann. Inkognito erreicht die Türschwelle. Lässt den Musikraum hinter sich und betritt den Gang. Das Lachen ist jetzt noch klarer. Es kommt von da vorn. Um die Ecke. Richtung Treppenhaus. Ja. Da muss es herkommen.

Der Schwarze beschleunigt seine Schritte. Passiert die Türplatten zu beiden Seiten und erreicht schließlich die Gabelung am Ende des Flurs. Er blickt in Richtung Treppenhaus. Auf halbem Wege dorthin erkennt er schließlich die gelbe Gestalt aus der Cafeteria. Seine Arme hängen schlaff herunter. An ihnen baumelt seine Trompete. Immer und immer wieder zieht er den Kopf in die Höhe und lacht. Herzhaft. Voller Glück und Zufriedenheit. Plötzlich. Eine Bewegung von hinten. Inkognito fährt herum. Zwei weitere Gestalten. Es ist Rot. Und sie hält jemanden in ihren Armen. Es ist der Blaue. Sie haben die Köpfe zueinander geneigt. Das Lachen von Gelb verstummt. Rot schaut hinüber. Ein verführerisches Gelächter ertönt. Blau nimmt sie. Rot wendet sich ihm zu. Beide ziehen ihre Köpfe in die Länge und führen sie gegeneinander. Sie küssen. Leidenschaftlich. Halten sich lieblich.

Inkognitos Herz pocht. Pocht schneller. Schmerzlicher. Übelkeit steigt auf. Plötzlich ein zorniges Brüllen von weiter hinten. Hastige Schritte. Mit einem Mal springt eine braue Gestalt aus dem Hintergrund und wirft den Blauen mit voller Wucht zu Boden. Er reißt seine Arme in die Luft und prügelt auf ihn ein. Rot erschrickt. Schatten überströmt sie. Sie verschwindet aus dem Sichtfeld. Der Schwarze schaut fassungslos zu. Es ist brutal. Blau kann sich nicht mehr rühren. Braun holt zum tödlichen Schlag aus. Der Arm fährt in die Luft und kommt dort zum Stillstand. Irgendwas hält ihn fest. Die grüne Gestalt tritt aus der Dunkelheit heraus. Er hält den Brauen mit aller Kraft zurück. Klammert sich um seinen Arm und zieht ihn nach hinten. Immer wieder schüttelt er den Kopf. Blau kommt wieder zu sich. Krabbelt rückwärts nach vorne und dann, an Inkognito vorbei, in den abzweigenden Gang hinein. Kurz sieht er ihm nach. Dann verflüchtigt sich die Gestalt auf eine seltsame Art und Weise.

Der Braune beruhigt sich. Lockert den Arm und lässt ihn herabsinken, als der Grüne wieder loslässt. Grün tritt zurück. Verschwindet im Schatten. Braun bleibt allein zurück. Legt die Stirn in die Handartigen Armenden und wirkt nachdenklich. Schuldig. Seine Farbe wird heller. Nimmt ein blasses Orange an. Dann sieht er auf. Erblickt den Schwarzen. Inkognito erwidert den Blick. Er ist verwirrt. Vollkommen irritiert. Dann macht er einen Schritt vorwärts. Der Orangene weicht zurück. Wirkt schreckhaft. Wieder verändert sich seine Farbe. Nun ist er violett. Hastig setzt er seine Arme auf den Boden, sodass er jetzt auf allen Vieren steht. Ähnlich wie ein Insekt steuert er mit abgehackten Bewegungen nach links. Dann nach rechts. Und huscht schließlich aufrecht die Wand hoch. Er erreicht die Decke und krabbelt nun tiefer in den Gang hinein. Verschwindet im Dunkeln.

Hilflos streckt der Schwarze seinen Arm aus. Als wolle er sagen „Warte doch“. Stille. Dann ein Schluchzen. Irgendwas rührt sich wieder hinter ihm. Erneut dreht der Schwarze sich um. Eine weitere Gestalt tritt aus dem Schatten. Es ist der Graue. Mit herabgesenktem Kopf kommt er auf Inkognito zu. Zieht diese klebrige schwarze Maße hinter sich her. Der fürchterliche Gestank kehrt wieder. Inkognito weicht zur Seite aus, hält die Arme vor das Gesicht und drückt sich regelrecht gegen die Wand. Grau passiert ihn. Beachtet ihn nicht. Die schluchzende Gestalt dreht sich zum Fenster. Hebt die Arme und legt sie gegen die Scheibe. Das Glas verflüchtigt sich. Inkognito nimmt die Arme wieder herunter und sieht dabei zu, wie Grau eines seiner Beine hebt und es über den Fensterrahmen nach draußen manövriert. Der Schwarze hält den Atem an, bewegt sich widerwillig von der Wand weg und nähert sich zögerlich dem Grauen. Dieser hat inzwischen auch das andere Bein über den Fenstersims gehoben und sitzt nun auf dem Rahmen. Schaut in die Tiefe und beginnt zu weinen.

Die Schritte des Schwarzen sind langsam und behutsam. Er kommt näher. Versucht den Gestank zu ignorieren.

Inkognito: …Wa ..warte doch. Ich helfe dir. Bitte…

Der Graue springt. Wenig später ein dumpfer Knall. Das Geräusch bringt Inkognito unweigerlich zum Brüllen. Er fährt in die Hocke herunter, krallt seine Armenden an seinem Kopf und drückt ihn. Es erzeugt fürchterliche Kopfschmerzen. Plötzlich wird alles absolut unerträglich. Wieder das Geräusch von zersplitterndem Glas. Diesmal in seinem Kopf. Der Schwarze fällt reglos um.



Wo bin ich. Es ist alles wieder so dunkel. So schwarz. Ich kann mich nicht mehr bewegen. Ich bin wieder hier. Ich muss aufgewacht sein. Der Traum ist vorbei. Es war ein Alptraum. Ein schrecklicher.



Sein Atem geht wieder ruhiger. Licht. Blasses Licht. Die Sicht wird langsam wieder klarer. Er erkennt erste Umrisse. Kommt langsam wieder zu sich. Führt einen seiner Arme an seinen Kopf. Spürt die Berührung und schreckt hoch. Dreht den Kopf nun hastig hin und her. Er ist im Musikraum. Das natürliche schwache Licht ist wieder da. Die Gegenstände und die Möbel liegen immer noch kreuz und quer auf dem Boden. Und der Sprung hinter der Scheibe. Er ist immer noch da. Dann der Blick zur Bühne. Dort steht jemand. Eine weitere Gestalt. Diesmal eine Weiße. Ob sie eine Art Engel ist? Eine, die hier ist, um den Schwarzen in den Himmel zu geleiten? Inkognitos Blick bleibt an ihm haften.

Weißer: …Du bist wieder zu dir gekommen. Sehr gut.

Der Schwarze richtet sich wieder auf. Er bemerkt, dass er den Dirigentenstab noch immer fest am Armende hält. Das Notenheft am anderen Ende. Erwartungsvoll blickt er weiterhin auf den Weißen. Er kann sprechen. Ob er es auch vom Blauen gelernt hat? Inkognitos Gedanken schweifen ab. Er bemerkt, wie schwierig es ihm fällt, die Konzentration aufrechtzuhalten.

Weißer: …Ich habe lange Zeit gehofft, dass du eines Tages hier auftauchst. Du bist der Dirigent. Und du wirst den Phönix aus der Asche holen.

Inkognitos Atem stockt. Sein Kopf bewegt sich waagerecht hin und her, sodass ein sehr zögerliches Kopfschütteln entsteht. Ungläubig sieht er auf sein Instrument, dann auf das Notenheft und dann wieder zum Weißen. Es dauert einen Moment, bis er antwortet.

Inkognito: …Das ist es? Das ist meine Aufgabe hier? Darum bin ich hier? Der Sinn für mein Auftauchen? Aber ich kann doch gar keine Musik spielen.

Weißer: …du spielst sie nicht. Du lenkst sie. Du bist der Steuermann auf diesem Schiff. Und wenn es dir nicht gelingt, dann wird das Schiff sinken.

Der Weiße dreht seinen Kopf langsam zur Fensterwand, wendet sich dann wieder dem Schwarzen zu und springt mit einer raschen Bewegung von der Bühne auf den Teppich.

Weißer: …Diese Beben werden immer heftiger. Schon bald wird dieser Ort in zwei Stücke zerreißen und diese Schule mit ihm. Es ist die drohende Apokalypse. Das einzige, was sie besänftigen kann, ist der Phönix. Du musst ihn wecken. Nur so kannst du gegen diesen Sturm ankämpfen und diesem Ort neues Leben schenken. Bring die acht Farbigen zusammen. Spiele mit Ihnen „Vom Phönix aus der Asche“.

Inkognitos Gedanken wandern zum Notenheft. Er schlägt es auf. Sieht auf die Zeichnung auf der ersten Seite. Betrachtet all die Musikanten und schließlich den Dirigenten in der unteren Ecke.

Inkognito: …aber wer hat das Stück geschrieben? Und wieso soll Musik den Untergang verhindern können? Und überhaupt? Woher stammen diese Beben? Es muss doch eine Ursache haben.

Weißer: …ich habe es geschrieben. Ich bin der Komponist. Und ihr neun Personen seid meine Musiker. Jeder einzelne ist unverzichtbar. Keiner mehr, keiner weniger. Nur wenn genau ihr neun harmonisch zusammenwirkt, kann das Stück gespielt werden. Einzig und allein dieses Stück ist dazu in der Lage, der Katastrophe Einhalt zu gebieten. Jeder einzelne Ton. Die gesamte Komposition ist genau darauf ausgerichtet. Dementsprechend ist es von höchster Priorität, dass du das Notenheft nicht verlierst. Darin findest du die Noten, die ihr spielen müsst. Du musst mit dem vierten Akt beginnen. Eine kurze Pause. Dann der fünfte Akt und schließlich das Finale.
…Und was deine übrigen Fragen betrifft. Musik ist die Essenz dieser Welt. Sie ist ihre Physik. Sie hält die Fäden in den Händen und entscheidet über Leben und Tod. Und die Erdbeben, die diese Welt bedrohen – die sind eine simple aber tödliche Naturgewalt.

Erinnerungen an die blaue Gestalt kommen hoch. Er hatte die gleichen Worte gewählt. Es war ein schwieriges Gespräch mit ihm gewesen. Und dann tauchte er wieder auf. Hielt Rot im Arm und küsste sie. Blau.

Weißer:
…Du bist hier, um deine Aufgabe zu erfüllen. Lass dich nicht ablenken. Du bist derjenige, der den Ton angibt. Du bist der, nach dessen Pfeife getanzt wird. Vergiss das nicht.

So viele Fragen liegen dem Schwarzen auf der Zunge. Und doch spricht er sie nicht aus. Langsam sieht er ein, dass alles gesagt wurde. Alles was er wissen muss. Alles was zu tun ist. Alles was der Weiße ihm sagen kann. Seine Aufgabe ist klar. Dafür ist er hier. Und nicht, um nach dem Sinn zu fragen. Er selbst ist der Sinn. Fragen danach hinterfragen ihn selbst. Inkognito senkt den Kopf, blickt auf den Dirigentenstab und schwingt ihn.

Er schwingt ihn immer wieder. Es fühlt sich gut an. Geheimnisvolle Schwingungen erfüllen seinen ganzen Körper und für einen Augenblick beschleicht ihn das Gefühl, er hätte in seinem Leben nie etwas anderes gemacht. Für eine Weile schaut der Weiße ihm noch zu. Dann steuert er irgendwann Richtung Ausgang und verlässt den Musikraum.


Ende von Teil 1
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BeitragVerfasst am: Do Aug 04, 2011 18:23    Titel: Antworten mit Zitat

Teil 2

Kapitel 1: Neustart


Inkognito steht wieder am Fenster. Schaut hinunter in die Tiefe. Hier, an dieser Stelle war der Graue gesprungen. Unten ist nichts zu sehen. Keine Spur von einem zerfetzten Körper. Keine Spur von Blut oder sonst was. Nur grauer Betonboden und daneben ein Baum und mit etwas Abstand noch einer. Es war ein Traum. Oder eine Vision oder sonst etwas anderes. Nicht aber die Realität. Der Schwarze atmet tief durch. Ohne den Grauen wäre die Welt verloren. Das waren die Worte des Weißen. Alle neun Gestalten. Keiner mehr, keiner weniger. Es schließt den Grauen genauso mit ein, wie Inkognito selbst. Wie den Blauen, wie die Rote. Diese Szene erscheint wieder vor seinen Augen. Wie der Blaue seinen Kopf an die Rote heranführt. Inkognito schüttelt wild den Kopf. Versucht den Gedanken abzuwerfen. Doch es will nicht funktionieren. Er hält sich in seinem Kopf, wie ein klebriger Parasit.

Inkognito atmet erschöpft durch. Fühlt sich kraftlos. An seiner linken Hüfte hängt inzwischen ein Beutel, dessen Gurt er über die rechte Schulter gezogen hat. Es ist ein grauer Leinenbeutel, den er auf dem Boden des Musikraums gefunden hat. Er hat seinen Dirigentenstab, das Notenheft und den Raumplan darin verstaut. Alles Nützliche, was er bisher gefunden hat. Ein Gefühl sagt ihm, dass sich der Beutel im Laufe seiner Aufgabe noch weiter füllen wird. Er wendet sich wieder vom Fenster ab. Schaut zum Treppenhaus und lauscht. Nichts. Kein Instrument. Kein Anhaltspunkt. Er muss die anderen suchen und finden. Er braucht sie alle. Je früher desto besser. Im Moment spürt er keine Erschütterung. Aber wie lange noch. Er denkt an den Sprung im Himmel. Es gruselt ihn.

Je länger er auf die Treppen schaut, desto stärker gewinnt er den Eindruck, dass die Umgebung dunkler geworden ist, seit er aus dem Musikraum gekommen ist. Oder liegt es nur an ihm? Egal. Es reicht immer noch, um die anderen zu finden.



Welche Anhaltspunkte habe ich? Grün finde ich im ersten Stock, bei den Religionsbildern. Grau ist möglicherweise noch im Schwimmbad. Gelb und Blau in der Cafeteria - sobald ein Schulgong ertönt. Braun soll in der Sporthalle zu finden sein. Und Rot war zuletzt im Versuchsraum der Physiker. Fehlen noch der Spieler mit der Triangel und der Spieler mit der Harfe. Orange und Violett.



Wo fange ich an? Ich muss alle zusammenführen. Ich sollte zunächst jemanden haben, der mir helfen kann, die anderen zum Zusammenspiel zu bringen. Ich glaube Grün ist dafür am besten geeignet. Grün wird mir helfen und ein wertvoller Verbündeter sein. Ja.



Langsam bewegt sich der Schwarze vorwärts. Macht vorsichtige Schritte und vermeidet jedes unnötige Geräusch. Er versucht so ruhig wie möglich zu sein, um jeden Ton eines Instruments hören zu können. So entfernt seine Quelle auch sein mag. Er erreicht die Treppe. Steigt sie hinab. Bleibt kurz auf dem Zwischenpodest stehen. Er lauscht. Nichts. Dann geht es weiter. Er kommt unten im dritten Stock an. Ihm fällt auf, dass er diese Etage bisher noch gar nicht untersucht hat. Es ist das einzige Stockwerk, das bisher noch unerforscht ist. Der Spieler mit der Triangel und der Spieler mit der Harfe. Hier könnte er sie finden.

Inkognito steigt die Treppe weiter hinab. Schon wieder dieser Eindruck, dass das Licht eine Nuance schwächer geworden ist. Eine Taschenlampe wäre gut. Er hat aber keine. Egal. Es geht weiter. Er hat jetzt das zweite Stockwerk erreicht. Der Blick reicht nicht bis zum Ende des Gangs. Irgendwo auf halbem Wege hat die Dunkelheit alles verschluckt.

Inkognito plant weiter hinunter gehen. Entscheidet sich dann aber spontan anders und macht zunächst einen Schritt in den Gang hinein. Tritt vor das erste Fenster an der Außenwand und untersucht die Landschaft da draußen.



Ist es da draußen auch dunkler geworden? Die Bäume sehen aus wie zuvor. Und der Beton auch. Ich denke nicht, dass die Dunkelheit auch dort draußen an Kraft gewonnen hat. Ich sollte gleich auf dem Hof nachsehen. Wenn ich so darüber nachdenke, bin ich dort auch erst einmal kurz gewesen. Wer weiß, was sich dort noch alles finden lässt.



Irgendwo raschelt es. Es kommt von unten. Ein Stockwerk unter ihm. Der Schwarze hält still. Lauscht. Das Rascheln wiederholt sich. Vorsichtig hebt er ein Bein, macht einen langen Schritt zurück zur Treppe. Dann noch einen. Er tritt auf die erste Stufe abwärts und schleicht hinunter. Er hat das Zwischenpodest erreicht. Wieder dieses Geräusch. Fast so wie zu Beginn im Wald, als er durch das Laub gegangen ist.

Noch drei Stufen. Noch zwei. Eine. Er ist unten. Erster Stock. Kaum noch Licht. Das Rascheln ist ganz nah. Es ist über ihn an der Decke. Inkognito schaut hoch. Da bewegt sich was. Die Gedanken an diesen seltsamen Traum kehren wieder. Er hat den Violetten vor Augen, wie er an der Decke klettert. Er ist dort oben. Der Schwarze ist sicher. Komisch nur, dass kein Instrument erklang.

Inkognito: …Violett. Bist du das da oben?

Das fiese Zischen einer Schlange ertönt. Das Rascheln wird laut und kraftvoll. Plötzlich fallen kleine feuchte Dinger herunter. Auf den Boden. Auf Inkognito. Hastig und orientierungslos krabbeln sie über seinen Körper. Zerkratzen ihn. Der Schwarze schreit auf. Irgendwo in der Ferne erklingt jetzt der Klang einer Triangel. Der Schwarze schüttelt sich. Wirft sich zu Boden, gibt quälende Laute von sich.

Es sind kleine Insekten. Käfer, Kakerlaken, irgendwelche Viecher dieser Sorte. Sie beißen sich fest. Kleben an dem Schwarzen. Hilflos versucht Inkognito sie zu zerschlagen. Von der Decke fallen noch mehr von ihnen herunter. Die schwarze Gestalt rollt sich über den Boden. Kommt wieder hoch. Beginnt zu rennen. Stürzt dabei. Steht mühsam wieder auf. Quält sich zur Treppe und fällt eine Stufe tiefer. Noch eine. Jetzt fällt er herunter – bis auf das Zwischenpodest. Die Insekten scheinen langsam von ihm abzulassen. Krabbeln teilweise wieder die Treppe hoch. Teilweise an der Wand hoch und dann an die Decke. Andere graben sich in den Boden hinein. In den harten Betonboden.

Endlich. Die letzten vier, fünf Insekten springen schließlich von ihm herunter und verschwinden irgendwo im Dunkeln. Es ist die erste Konfrontation mit einer anderen Lebensform gewesen, abgesehen von den farbigen Gestalten in der Schule und den Vögel in den grünen Gärten, die aus dem Fenster des Religionsraums zu sehen waren. Inkognito keucht erschöpft. Bleibt eine Weile liegen und schaut sich verängstigt um. Seine Idee, zuerst Grün zu besuchen, verwirft er wieder. Der erste Stock scheint zurzeit nicht betretbar zu sein. Doch was jetzt?

Es dauert einige Minuten, bis Inkognito sich wieder von der Attacke erholt hat. Schließlich steht er auf und steigt die Treppe weiter hinab, die ihn ins Erdgeschoss führt. Hier hatte er den Gelben und den Blauen gefunden. Zudem ist er jetzt fast wieder am Eingang. Ja.

Als der Schwarze sich nun dem Gang des Erdgeschosses zuwendet, stellt er fest, dass die Sichtweite nicht mehr viel größer ist, als in seinem visionsartigen Erlebnis. Er hat eine böse Vorahnung. Geht dennoch weiter. In das Dunkle. Stoppt dann nach jedem zweiten, dritten Schritt und lauscht. Nichts. Er geht weiter. Sehr vorsichtig. Er erreicht die Eingangstür. Ohne weitere Vorkommnisse. Er stößt sie auf und erblickt den Schulhof. Das Licht blendet ihn geradezu. Es dauert einen Augenblick, dann hat er sich wieder daran gewöhnt. Draußen ist alles unverändert. Die Luft ist feuchter als da drinnen. Die Sache, die ihm als Zweites auffällt.

Er geht ein paar Schritte, sieht hin und wieder zu den toten Bäumen hoch und dreht sich schließlich wieder zum Schulgebäude. Ein grauer breiter Klotz mit jede Menge Fenstern. Er lässt den Blick eine Weile darauf gerichtet und schließlich entdeckt er etwas. Dort oben, in der zweiten Fensterreihe – es muss das zweite Stockwerk sein – dort ist ein kleiner violetter Punkt zu sehen. Der Schwarze schärft seinen Blick und ist sich nun ganz sicher, dass dort tatsächlich eine violette Gestalt am Fenster steht. Sie scheint zu ihm zu schauen. Ja. Die Blicke treffen sich. Für ein paar Sekunden bleiben beide stehen. Dann beginnt der Violette loszurennen. Von dort unten wirkt es, als hüpfe der violette Punkt von Fensterscheibe zu Fensterscheibe. Als er das Fenster ganz links erreicht hat, verschwindet er wieder. Inkognito hebt den Arm und wischt sich über die Stirn. Atmet dann etwas mutlos aus.
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BeitragVerfasst am: Fr Aug 12, 2011 1:20    Titel: Antworten mit Zitat

Teil 2

Kapitel 2: Versuchung


Eine halbe Stunde ist er jetzt draußen. Den Hof das zweite Mal komplett umrundet. Und nichts gefunden. Eins steht fest. Seine Aufgabe ist in der Schule zu absolvieren. Nicht außerhalb. Es ist nur Dekoration. Die paar Bäume, der Nebel und der Wald drum herum. Alles bedeutungslos. Diese Welt besteht aus diesem einen Gebäude dort vorne. Melancholisch hält der Schwarze den Blick auf den Riss im Himmel gerichtet. Die Zeit rennt. Auch wenn sie momentan still zu stehen scheint. Inkognito schaut wieder zur Schule. Dann geht er los. Auf die Eingangstür zu. In seinem Beutel klappert der Dirigentenstab gegen das Notenheft. Die Luft dort draußen hat ihm Kraft zurückgegeben. Man merkt es, als er nach der Tür greift, sie mit Schwung zu sich heranzieht und mit aufrechtem Gang wieder hineingeht. Es ist wieder hell. Viel heller als zu Beginn. Als der Schwarze an die Decke schaut, sieht er, dass dort Neonröhren hängen. Leise summen sie vor sich her. Irgendwas ist hier passiert.

Noch ehe der Schwarze sich für eine Richtung entscheidet, vernimmt er aus der Ferne einen betörenden Gesang. Rot ist in der Nähe. Es kommt von links. Inkognito folgt dem Gesang. Seine Schritte wirken wie eine rhythmische Untermalung zu ihrer Stimme. Wenig später erreicht er das Ende des Ganges, biegt ab, und geht weiter. Hinten steht eine der Türen offen. Es kommt von dort. Er beschleunigt jetzt. Der Drang, Rot wiederzusehen ist erschreckend stark. Er ist fast angekommen. Rot hat ihn längst bemerkt und gibt ein kurzes belustigtes Gelächter von sich. Dann singt sie weiter. Kurz vor der offenen Tür tritt die schwarze Gestalt unsanft auf und stoppt, noch ehe er in den Raum hineinsieht. Er erinnert sich an Weiß. Seine Aufgabe ist es, die anderen zu führen. Nicht andersherum. Der Gesang von nebenan scheint zu versuchen, jede Vernunft, jede Kontrolle in Inkognitos Kopf zu verdrängen. Schließlich gibt er dem Zauber der Stimme nach und tritt zur Türschwelle.

Die Beine übereinander geschlagen, und mit ihren Strähnen spielend, sitzt sie in der Mitte des Raumes auf einem Stuhl. Alles ist gut beleuchtet in einem vergleichsweise kräftigen Grau. Die Farbe von Rot wirft einen rötlichen Schein auf ihre unmittelbare Umgebung. Ihr Blick ist dem Schwarzen zugeneigt und erneut hebt sie den Arm in seine Richtung. Es ist wieder eine Einladung. Ein Angebot, ihm ihre Liebe zu zeigen. Schwarz atmet unruhig. Macht einen Schritt auf sie zu, hält dann aber inne und führt den Arm in seinen Beutel hinein. Rot zieht den Arm langsam wieder zurück und nimmt das höher gelegene Bein wieder herunter. Der Schwarze nimmt den Arm wieder aus dem Beutel heraus und bringt seinen Dirigentenstab zum Vorschein. Rot beginnt sanft zu lachen.

Inkognito: …Hi. Ich. Ich möchte dich um einen Gefallen bitten.

Rot steht auf. Kippt ihre Strähnen zur Seite. Inkognitos Herz schlägt schneller. Wärmer. Ein angenehmes Kribbeln zieht durch seinen Körper. Es fällt ihm schwer, den Stab festzuhalten. Rot tritt jetzt auf ihn zu.

Inkognito: …Hör zu. Ich… ich möchte ein Konzert veranstalten. Und ich.. ich…

Noch einen Schritt. Sie steht nun vor ihm. Hebt ihren Arm, legt ihn auf Inkognitos Armende mit dem Stab und führt ihn herunter. Der Stab fällt zu Boden. Der Schwarze seufzt sehnsüchtig. Es folgt eine Umarmung. Vorsichtig legt sie ihn zu Boden und beginnt seinen Körper zu streicheln. Der Boden beginnt leicht zu zittern. Jetzt auch die Wände. Eine schwache, unangenehme Erschütterung geht durch den Raum. Sie klingt wieder ab. Inkognito kämpft innerlich. Zaghaft führt auch er seine Armenden zu Rot und legt sie um sie. Tief in seinem Herzen beginnt irgendetwas zu schmelzen. Er verliert die Fähigkeit, klar zu denken. Hat bei der zarten Berührung fast den himmlischen Gesang vergessen.

Der Schatten einer weiteren Gestalt fällt in den Raum. Jemand ist hier. Ein fröhliches Lachen ertönt. Inkognito hat große Mühe den Blick kurzzeitig von Rot abzuwenden und sieht schließlich, dass Gelb in der Türschwelle steht. Er beginnt jetzt zu applaudieren. Nimmt dann die Trompete ans nicht vorhandene Gesicht und spielt. Spielt zum Gesang von Rot. Ein glückliches, herzerwärmendes Duett entsteht. Es wird immer besser. Für den Augenblick erlebt Inkognito pure Lebensfreude.



Gelb ist gekommen, um mein Glück mit Rot zu feiern. Er freut sich mit mir. Er gönnt mir mein Liebesglück. Das ist so schön. Rot begehrt mich. Sie liebt mich. Alles ist so warm. Soll die Erde doch beben. Soll sie doch untergehen. Solange ich Rot in den Armen halte, kann alles mit dieser Welt passieren. Alles so egal. So schön. So schön.



Plötzlich blitzt dieses Bild wieder auf. Verzerrt den Gesang von Rot für einen Augenblick. Es ist Blau, wie er in ihren Armen liegt. Sein höhnisches Gelächter. Diese Verachtung. Seine Überheblichkeit. Es ist unerträglich. Irgendwoher strömt wieder die Wärme in seinen Körper. Rot streichelt ihn weiter. Der Gesang hat sich wieder durch die negativen Assoziationen durchgekämpft. Gelb lacht. Unaufhörlich. Und spielt gleichzeitig auf seiner Trompete. Es scheint immer schwerer zu werden, dieses Glück zu genießen. Schwarze Nebelschwaden scheinen sich vor seinen Verstand zu hängen. Es drückt. Kopfschmerzen. Immer schlimmer. Unerträglich. Mit voller Wucht stößt der Schwarze schließlich die rote Frau von sich. Ein unsanftes Krachen ertönt. Rot knallt gegen die Wand. Sie stöhnt schmerzerfüllt. Der Gesang bricht ab. Auch Gelb unterbricht seine Musik. Lacht jetzt zögerlich. Beginnt zu klatschen. Ebenfalls zögerlich. Ruckartig fährt Inkognito herum. Der Atem saust.

Inkognito: …Was ist!? Findest du das etwa lustig!? Hau ab!

Das Glas der Neonröhren zerspringt. Die Helligkeit versiegt. Es wird dunkler. Von Rot sind jetzt nur noch die Umrisse ihres Körpers zu erkennen. Inkognito hat sich wieder zu ihr gewandt. Realisiert schließlich, was passiert ist. Gelb steht noch immer da. Regt sich nicht mehr. Hastig krabbelt Schwarz zu Rot. Wirft immer wieder einen kurzen Blick zurück und prüft, ob Gelb noch zusieht. Die Gestalt in der Tür rührt sich nachwievor nicht. Die Luft scheint dünner zu werden. Endlich ist Inkognito bei Rot angekommen. Er legt den Arm auf sie. Doch dort ist kein Widerstand. Sein Arm sackt in einer zähen Flüssigkeit ein. Rot schmilzt. Zerläuft auf dem Boden. Mit Entsetzen packt der Schwarze sie am Arm. Er drückt zu fest. Der Arm wird abgetrennt und fällt zu Boden, wo er als dicke Pfütze aufplatscht. Es ist ein Schauspiel von wenigen Sekunden. Schließlich ist nur noch eine rote Lache am Boden. Sie verfärbt sich jetzt schwarz. Sie klebt, sie stinkt. Verzweifelt greift der Schwarze hinein. Will seine Arme wieder herausnehmen, doch sie kleben daran fest.

Gelb: …Du bist grau. Grau. (er lacht) du bist Grau. Schau nur. Grau (jetzt applaudiert er regelrecht begeistert)

Inkognito schaut an sich herunter. Sein Körper hat sich verfärbt. Überall graue Farbe. Sein Herz rennt. Seine Gedankenbildung versagt. Panik. Er weicht zurück. Versucht die Flüssigkeit der Pfütze abzuschütteln. Wirbelt sie wild durch die Gegend. Es scheint nicht zu helfen. Noch mehr Panik. Fluchtartig bewegt er sich jetzt rückwärts auf allen Vieren durch den Raum. Nach zwei, drei Metern stößt er dabei gegen einen kleinen Gegenstand. Was ist das? Dieses Gefühl…

Auf eine seltsame Art und Weise durchflutet ihn die Berührung mit einer befreienden Schwingung. Der Dirigentenstab! Hektisch greift Inkognito danach. Schwingt ihn wild hin und her. Noch mehr von diesen Schwingungen. Es befreit ihn. Seine Gedanken werden klarer. Der Geist freier von diesen wilden Emotionen.

Sein Körper fühlt sich plötzlich irgendwie feucht an. Er beginnt ebenfalls zu schmelzen. Schockiert hält er den Stab mit voller Kraft in seinem Armende und schwingt weiter. Er versucht irgendwie Ruhe zu bewahren. Scheint beinahe innerlich zusammenzubrechen, da bemerkt er, dass lediglich die graue Farbe von ihm herunter schmilzt. Tatsächlich. Sie löst sich wieder von ihm, klatscht zu Boden und scheint bei der Berührung mit dem Beton zu verdampfen. Genauso die klebrige Masse, zu der Rot zusammengefallen war. Erleichterung. Gerade nochmal gut gegangen. Gelb beginnt wieder zu lachen. Klatscht in die Hände.

Inkognito – nun wieder vollständig schwarz - fällt erschöpft zu Boden. Den Blick starr auf die verdunkelte Decke gerichtet. Das Spiel der Trompete erklingt und scheint sich dann allmählich zu entfernen. Der Schwarze hebt den Kopf an und sieht, dass die Türschwelle frei geworden ist. Gelb ist fortgegangen. Eigentlich sollte er hinterher. Doch für den Moment bleibt er einfach liegen und versucht wieder einen ruhigen Atem zu bekommen.
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BeitragVerfasst am: Mi Aug 17, 2011 23:21    Titel: Antworten mit Zitat

Teil 2

Kapitel 3: Konfrontation


Inkognitos Gedanken sind leer. Er ist vollkommen erschöpft. Von draußen fällt ein schwacher Lichtschein in den Raum. Dazu ein leises permanentes Surren. Es kommt von den Neonröhren. Sonst keine Geräusche. Die anderen Gestalten scheinen nicht in der Nähe zu sein.



Rot. Ich habe sie umgebracht. Sie ist fort. Ohne sie kann das Konzert nicht stattfinden. Wird diese Welt jetzt untergehen? Wie lange wird es noch dauern bis es soweit ist? Oder gibt es noch einen anderen Weg? Was hätte ich tun sollen? Ich hätte stark bleiben müssen. Hätte mich der Versuchung nicht hingeben dürfen. Darf mich von nichts und niemanden beeindrucken lassen.



Der Schwarze richtet sich wieder auf. Bewegt sich jetzt mühsam auf den Ausgang des Raumes zu. Den Stab hält er weiterhin in seinem Armende. Womöglich hat das Instrument sein Leben verlängert. Ihn vor einer grausamen Wandlung bewahrt. Inkognito steht jetzt wieder in der Türschwelle. Geht hindurch und sieht auf den Gang. Er ist immer noch gut beleuchtet. Er horcht. Von irgendwoher glaubt er Musik zu vernehmen. Irgendwo Richtung Treppenhaus. So leise und verworren, dass er noch nicht sagen kann, welches Instrument diese Musik spielt. Er macht einen kurzen Schritt in diese Richtung. Sieht ans Ende des Ganges. Dann noch einen. Schließlich geht er los.

Nach etwa zehn Schritten hält er wieder an. Ein neues Geräusch. Fremdartig. Es klingt, als rieselte Staub von der Decke. Inkognito schaut hoch. Da ist nichts. Vorsichtig geht er weiter. Ein Knarren. Der Boden scheint zu vibrieren. Dann sieht er hinunter auf den Beton. Im Boden erkennt er einen feinen, aber tiefen Riss. Das Rieseln muss von unten kommen. Der Schwarze geht in die Hocke und fährt mit dem freien Armende über die brüchige Stelle. Kleine Steinchen scheinen hinunter zu fallen. Unter ihm. Sehr vorsichtig steht Inkognito wieder auf und tastet sich mit einem Bein vorwärts. Er zieht das andere nach. Bleibt wieder stehen und schaut auf den Betonboden. Der Riss zweigt jetzt in beide Richtungen ab. Kleine Teile der Bodenfläche scheinen hier abgetragen. Vermutlich durch die Reibung die bei den gelegentlichen Beben entstanden ist. Die Musik in der Ferne hält weiter an.

Inkognito tritt jetzt wieder zurück. Erzeugt dabei ein erneutes Knarren. Diesmal lauter und verzerrter. Er dreht den Kopf zurück und schaut zu Boden. Der Riss hinter ihm scheint ein bisschen breiter geworden zu sein. Es muss sein Körpergewicht sein. Langsam atmet er durch. Tief ein. Tief aus. Dann holt er Schwung. Und rennt los. Den Kopf starr auf das Treppenhaus gerichtet. Mit jedem Schritt scheinen unter ihm dicken Gesteinsbrocken herunterzuknallen. Er tritt auf. Lautes Knarren. Der Boden verrutscht. Bricht in der Mitte. Kleine Teile stürzen herab. Er stößt sich ab. Der Boden hinter ihm wird in die Tiefe gedrückt. Irgendwo hebt sich eine herausgetrennte Betonplatte. Er kommt wieder auf. Unter ihm bröckelt er Boden. Er will sich wieder abstoßen, doch der Beton gibt ihm keinen Halt mehr. Zerfällt zu vielen kleinen Steinen, die in die Tiefe rieseln. Sein Bein rutscht hinterher. Er steckt fest. Greift mit dem freien Armende nach der Wand. Versucht sich irgendwie an dem Vorsprung einer Tür wieder herauszuziehen. Rutscht mit dem Armende wieder ab. Sein anderes Bein verliert an Halt. Unter ihm bricht ein weiteres Stück Boden heraus und zerspringt nach wenigen Sekunden unter ihm in zahllose Einzelteile. Die Schwerkraft zieht ihn nach unten. Jetzt schreit er nach Hilfe. Doch es ist schon zu spät. Viel zu spät. Er fällt. Stürzt ein Stockwerk tiefer.

Ein lautes Krachen. Es fühlt sich an, wie ein brutaler Tritt in den Rücken. Der Schmerz durchzieht Inkognitos Körper. Entdeckt jeden einzelnen Winkel und erfüllt ihn mit seiner Präsenz. Staub rieselt herunter. Auf seinen Oberkörper. Auf seine Arme. Für den Moment scheint er bewegungslos. Dann zuckt er mit dem linken Bein. Es geht noch. Nichts gebrochen. Es ist stockfinster. Er sieht zur Decke. Überall kleine, teilweise auch ein paar längere Öffnungen. Das Licht sollte vermutlich bis nach unten finden, wird aber auf halbem Wege von der Finsternis zerfressen. Es bleibt ruhig. Kein Steinchen fällt mehr herunter. Es ist fast so, als wollte das Gebäude Inkognito gewaltsam in die Tiefe werfen.

Trommelwirbel. Laut, lärmend. Es ist direkt hier. Das Geräusch eines eingeschalteten Scheinwerfers ertönt. Von rechts fällt ein Lichtkegel auf den Schwarzen herunter. Dann von hinten. Von links. Und dann auch von vorne. Es blendet ihn. Instinktiv reißt der Schwarze einen seiner Arme vor das formlose Gesicht. Den anderen Arm winkelt er an, setzt an, sich aufzurichten, spürt dann aber einen entsetzlich schmerzenden Stoß und wird geradewegs durch den Raum katapultiert. Irgendwo kracht er auf und rutscht noch ein zwei Meter auf der glatten Bodenoberfläche weiter. Er brüllt. Öffnet das erste Mal seit langem sein anderes Armende und lässt den Dirigentenstab fallen.

Wieder Trommelwirbel. Anlauf. Etwas kommt näher. Rasch. Rasant. Inkognito spürt einen Windstoß, rollt sich dann zur Seite. Wartet auf einen weiteren Stoß. Doch er bleibt aus. Ein wütender Aufschrei. Staub rieselt von der Decke. Wieder kommt etwas angerannt. Endlich bekommt der Schwarze eine klare Sicht. Kniet sich hin, versucht den Schmerz zu ignorieren. Dreht den Kopf hektisch hin und her. Erfasst dann schließlich eine große braune Gestalt. Entsetzen. Der Braune holt aus. Inkognito versucht den Arm schützend davor zu halten. Zu spät. Wieder fliegt er Meterweit durch den Raum. Knallt weiter hinten schmerzhaft auf. Trommelwirbel. Laut, ohrenbetäubend.

Schritte. Der Braue ist wieder losgerannt. Beginnt wie wild zu brüllen. Inkognitos Schmerzen sind grausam. In seinem Kopf schreit jemand eine Warnung aus. Er muss den Schmerz so lange aushalten, bis ihm etwas einfällt, sonst wird er hier sterben. Er zieht den Kopf zusammen, richtet sich voller Mühe auf seine Knie. Der Braune ist näher gekommen, zu nah. Diesmal gelingt es dem Schwarzen wieder, im letzten Augenblick zur Seite zu springen. Der Braune scheint schnell und kräftig, braucht aber immer einige Momente, bis er erneut anläuft. Trommelwirbel.

Das erste Mal, seit er in diesem Raum ist, hat es Inkognito geschafft, sich komplett aufzurichten. Er zittert. Hat Mühe, die Stellung zu halten. Der Braune stampft auf. Bleibt diesmal stehen und beginnt zu kreischen. Rasch geht er in die Hocke, ballt die Fäuste und schlägt sie auf den Boden. Immer wieder. Erschrocken weicht der Schwarze zurück. Die kurze Verschnaufpause ermöglicht es ihm, sich ein genaueres Bild von der Umgebung zu machen. Er befindet sich in der Sporthalle. Und es ist eine große Halle. Vermutlich dieselbe Architektur, wie der Musikraum. Irgendwo an den Wänden stehen Fußballtore und Basketballkörbe. Inkognito ist am keuchen. Sieht, wie der Braune sich wieder hinstellt. Er winkelt seine Arme an und schwingt sie abwechselnd. Trommelwirbel. Erst jetzt erkennt der Schwarze die Trommel, die nur für einen kurzen Augenblick zu sehen ist. Dann, wenn der Braune den Arm in die Tiefe geschwungen hat. Dann, wenn er den Arm in das beinahe unsichtbare Instrument hinein schmettert.

Plötzlich schnellt Inkognitos Blick auf den Boden. Direkt neben die Stelle, wo der Braune in seine Trommel hämmert. Der Dirigentenstab. Sein Instrument liegt dort. Das könnte helfen. Entschlossen richtet sich der Schwarze auf. Seine Gliedmaßen scheinen dabei kurz zusammenzufallen. Dann spannt er sie wieder an. Der brennende Schmerz kommt wieder durch. Mit aller Mühe versucht er ihn zu unterdrücken.
Der Braune rennt wieder los. Schreit auf und wirft seinen Arm zurück, um Schwung zu holen. Inkognito schluckt. Er muss ein weiteres Mal ausweichen. Und dann sofort zum Stab rennen. Es bleibt keine Zeit. Noch drei Meter. Noch Zwei. Inkognito bringt sich in Stellung. Sein Herz klopft. Er ist entschlossen.

Plötzlich ein quälender Aufschrei. Der Braune stürzt. Droht auf den Schwarzen zu knallen. Im letzten Augenblick kann er ausweichen. Springt wieder zur Seite weg. Wieder ertönt die Trommel. Diesmal mit halber Geschwindigkeit. Schmerzverzerrt windet sich die braune Gestalt am Boden. Beinahe jammernd. Inkognito bleibt kurz erschrocken stehen. Schüttelt dann den Kopf und rennt los. Es geht schnell. Wenige Augenblicke später erreicht er den Stab und nimmt ihn auf. Der Braune liegt immer noch am Boden und quält sich. Die Trommel ist aus dem Takt gekommen. Irgendwoher stimmt den Ton eines Beckens mit ein. Blau.

Inkognito versucht nachzudenken. Versucht zu überlegen, was er mit dem Stab zu tun hat. Doch das Schauspiel lässt ihn nicht. Er steht einfach nur da. Entwickelt fast Mitleid mit dem Brauen. Schreie, Gebrüll. Immer wieder hämmert er mit einem Arm in die Luft, wobei kurzzeitig seine Trommel zum Vorschein kommt. Sein anderer Arm ist angespannt und tastet über den Boden der Halle. Sein Kopf ist in die Höhe gestreckt. Es ist, als versuche er ihn immer weiter zu strecken. Mit jedem Trommelschlag verlängert sich sein Hals ein Stück. Sein ganzer Körper scheint zu wachsen. In die Länge. Und dann in die Breite. Vorne an seinem Kopf, dort wo das Gesicht sein müsste, bildet sich jetzt eine Öffnung. Sie wird rasch größer. Blaue Flüssigkeit spritzt heraus. Dann nochmal. Er übergibt sich. Ein gurgelnder Ton. Es klingt eklig. Doch Inkognito kann den Blick nicht abwenden.

Ein längliches Körperteil wächst aus einem von Brauns Oberschenkeln heraus. Mit Gewalt versucht es ruckartig durchzubrechen. Mit jedem Ruck ertönt der Schlag zweier zusammen geschlagener Beckenscheiben. Auf eine skurrile Art und Weise erklingen sie im Takt mit der Trommel. Irgendwo in der Ferne spielt jetzt eine Geige. Es kommt von oben. Es wirkt abmildernd. Das Körperteil ist herausgebrochen. Ein blaues Bein. Blaue Flüssigkeit fließt aus Brauns Kopf heraus. Aus der rechten Seite seines Körpers bricht jetzt ein blauer Arm hindurch. Brauns freier Arm ergreift ihn. Er brüllt. Versucht ihn wieder hineinzudrücken.

Schwarz scheint aus seiner Starre zu erwachen zu macht einen Schritt zurück. Er sieht hoch. Erkennt etwas Grünes. Dort oben hinter den Löchern in der Decke. Die Geige verstummt. Wieder fällt Inkognitos Blick auf dieses Braun-blaue Ding. Es hat inzwischen jede Ähnlichkeit zu einem Menschen verloren. Es kämpft gegen sich selbst. Abwechselnd Schreie, Trommelschläge und Beckenschläge. Er macht noch einen Schritt zurück. Dann der Klang einer Triangel. Es kommt von dort drüben. Inkognito schaut herüber. Der Ausgang. Er steht offen. Und davor eine violette Gestalt. Sie winkt ihm.

Der Schwarze nickt und rennt los. Violett huscht durch die Tür. Immer wieder richtet Schwarz den Kopf zu dem gruseligen Schauspiel im Zentrum der Sporthalle. Erst jetzt bemerkt er, dass alle Scheinwerfer genau auf das Farbspektakel gerichtet sind. Ist es Zufall? Egal. Keine Zeit darüber nachzudenken.

Inkognito braucht einen Moment, dann kommt er schließlich an der offenen zweiflügligen Holztür an, die aus der Sporthalle herausführt. Er geht hindurch. Instinktiv zieht er die beiden Türflügel hinter sich zu und schließt die Sporthalle. Es ist wieder dunkel. Es dauert eine kurze Weile, bis sich Inkognitos Augen wieder an die Dunkelheit gewöhnt haben. Nach und nach baut sich das Bild dieses Raumes wieder vor ihm auf und in dem Moment, in dem er das große Schwimmbecken vor sich erkennt, dringt auch der Chlorhaltiger Geruch wieder in ihm ein.
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Teil 2

Kapitel 4: Harfenspiel


Ein unwohles Gefühl macht sich in der schwarzen Gestalt breit. Für einen Augenblick bleibt Inkognito vor der Tür zur Sporthalle stehen. Macht dann einen Schritt in die Schwimmhalle hinein. Irgendwo tropft es von der Decke. Dann ertönen Schritte. Langsame Schritte. Genau vor ihm.

Inkognito: …Violett?

Der Klang einer Harfe antwortet ihm. Es klingt bedrückend. Inkognito macht einen weiteren Schritt nach vorne. Nähert sich gleichzeitig dem Becken im Zentrum des Raumes. Der Gestank meldet sich zurück. Übelkeit. Der Schwarze erkennt nun die Umrisse einer weiteren Gestalt vor sich. Wieder der Klang der Harfe. Der Unbekannte bewegt sich vor ihm, anscheinend entlang des Beckens. Dann bleibt er stehen. Die Umrisse drehen sich. Die Gestalt tritt nach vorne. In Richtung des Schwarzen. Jetzt ist er genau zu erkennen. Er hält eine kleine Harfe in seinem Armende. Es ist die orangene Gestalt, die vor dem Schwarzen zum Vorschein kommt. Obwohl sie Inkognito nun gegenübersteht, scheint sie ihn nicht anzusehen. Sie hat den Kopf zu Boden gerichtet. Wirkt irgendwie zusammengefallen. Hinter ihr tropft es wieder.

Inkognito sieht ihn an. Schaut, wie er weiter an seiner Harfe zupft. Dann erklingt schließlich eine überaus bekannte Stimme. Es ist dieser Gesang. Es ist die Stimme von Rot. Aber sie klingt verzerrt. Nicht sehr lieblich. Eher trüb. Verbogen. Der Schwarze stoppt den Atem. Tritt vorsichtig weiter in die Mitte des Raumes. Die Fliesen fühlen sich kalt an. Alles hier fühlt sich kalt an. Es ist grau. Grau und dunkel. Die Harfe hat ausgesetzt. Inkognito steht jetzt am Beckenrand.

Tatsächlich. Es ist Rot. Ihr Körper ist ausgebreitet. Genau der gleiche Anblick wie das vorige Mal im Schwimmbad. Nur eine andere Farbe. Ihre Strähnen hängen zu allen Seiten von ihrem Kopf herunter. Liegen auf dem Wasser. Nein. Liegen auf einer klebrigen schwarzen Masse. Wie bei Grau. Wieder dieser schwarze modrige Teppich. Inkognito ignoriert den Gestank. Er geht in die Hocke, will in das Becken steigen. Zu ihr schwimmen. Will ihr helfen. Sich entschuldigen. Doch plötzlich packt ihn jemand von hinten auf die Schulter. Die Harfe erklingt.

Der Schwarze dreht sich um. Orange steht hinter ihm. Hält ihn fest. Schüttelt langsam den Kopf und lässt ihn dann wieder hängen. Inkognito will sich wieder aus dem Griff der anderen Gestalt befreien. Doch der Orangene lässt nicht los und zeigt schließlich mit dem anderen Armende nach oben. Es tropft. Inkognito schaut zur Decke. Es tropft auf Rot herunter. Eine graue Flüssigkeit. Inkognitos blicken wandern zur roten Gestalt. Er bemerkt, dass die Tropfen in ihr einweichen. Erst jetzt erkennt er, dass ihr halber Körper grau verfärbt ist. Dem Schwarzen stockt der Atem. Wieder will er gehen. Orange spielt auf seiner Harfe. Der Gesang von Grau wird trauriger. Trübsinniger. Er hält Schwarz jetzt zurück. Der Gestank dringt mit all seiner Intensität in den Schwarzen ein. Inkognito stürzt rückwärts auf die Fliesen. Hält sich den Arm vor das Gesicht. Orange hebt ihn von hinten an und hilft ihm hoch.

Die rote Frau - inzwischen weitgehend grau gefärbt - bricht den Gesang ab. Es wird von einem flehentlichen Gejammer abgelöst. Der Schwarze schaut rüber, sieht, dass sich die Gestalt im Becken langsam aufrichtet. Sie steht jetzt im Wasser. Es geht ihr ungefähr bis zu den Hüften. Trotz der grauen Farbe macht der kurvenreiche Körper sie immer noch irgendwie attraktiv. Schwarz hebt den Arm rührt sich aber nicht. Orange hat begonnen, ein Lied zu spielen. Keine einzelnen Töne mehr. Es wirkt unangenehm, aber passend. Schwarz lauscht dem Lied, während die weibliche Gestalt langsam aber stetig auf den Beckenrand zusteuert. Hinter ihr zieht sie die schwarze stinkende Masse mit sich. Sie weint. Ist verzweifelt. Inkognitos Hals schnürt sich zu. Für einen Moment ringt er nach Atem. Dann geht es wieder. Irgendwas lastet auf seinem Herz. Verzweifelt schüttelt er den Kopf und steuert zur grauen Gestalt, die gerade aus dem Becken steigt. An den Startblöcken vorbei, schlendert sie Richtung Ausgang. Richtung Vorraum. Schwarz will hinterher rennen, aber die Beine sind zu schwer. Orange führt sein Lied weiter fort und folgt dem Schwarzen.

Die graue Frau erreicht den Ausgang, öffnet die Glastür und verschwindet dahinter. Klaviermusik ertönt. Im Hintergrund die Harfe. Es klingt jetzt wehmütig. Schwarz und Orange erreichen nun auch die Tür zum Vorraum. Sehen, wie Grau am anderen Ende zur Tür rausgeht und das Treppenhaus betritt. Die beiden Anderen folgen ihr weiterhin. Die Kälte der Fliesen versuchen Inkognitos Beine zu betäuben. Es ist schwer weiterzugehen, aber es funktioniert. Sie passieren die Duschen und die Toiletten. Einer der Duschköpfe ist eingeschaltet. Erzeugt irgendwo da hinten das Geräusch von Wasser, wie es gegen eine Wand schlägt. Ob dort jemand ist? Das spielt jetzt keine Rolle.

Die beiden anderen erreichen das Treppenhaus. Schwarz sieht hoch aufs Zwischenpodest, auf dem der Graue Platz genommen hat. Die Gestalt hat ihre Kurven und ihre Haarsträhnen verloren. Es ist jetzt genau jene graue Gestalt, die Inkognito das erste Mal im Becken liegen sah. Und jene Gestalt, die sich in seinem traumartigen Erlebnis aus dem Fenster gestürzt hat. Sie stinkt jetzt noch schlimmer. Wie die Pest. Der Schwarze atmet mühsam und laut. Dann steigt er die Treppe hoch. Setzt sich neben den Grauen und sieht ihn an. Orange setzt sich daneben. Zupft an seiner Harfe.

Inkognito: …was… was ist mit dir? Was ist bloß mit dir passiert? Vielleicht… vielleicht kann ich dir helfen.

Die graue Gestalt hebt den Kopf an, hält ihn über ihre Knie gerichtet und schaut mit leerem Blick zu Boden. Dann winkelt sie ihre Arme an und auf ihren Knien erscheint allmählich ein kleines Klavier. Mit knapp zwanzig Tasten. Sie hält den Blick unverändert nach unten gerichtet, sieht jetzt auf das Instrument. Sie scheint Inkognito zu ignorieren. Ohne die Arme zu benutzen, beginnen die Tasten des Instruments von selbst zu spielen. Der Schwarze fühlt sich an den Orgelspieler erinnert.

Inkognito: …es tut mir Leid, dass ich beim ersten Mal weggerannt bin. Es war falsch von mir. Ich möchte mich dafür entschuldigen.

Das Lied ist traurig. Es enthält viele schiefe Töne. Und doch ergibt ihre Abfolge einen Sinn. Inkognito sieht der Gestalt zu. Das Lied nimmt ihn mit. Er fühlt sich gar nicht gut. Orange steht auf. Verlässt das Zwischenpodest der Treppe und geht weiter nach oben. Inkognito beachtet ihn nicht weiter. Noch zwei, drei Harfenklänge, schon ist er verschwunden.

Die anderen beiden sitzen noch eine Weile dort. Irgendwann erhebt sich der Graue. Steigt auf die Treppenstufen und geht nach oben. Inkognito bleibt sitzen. Hört, wie das Klavierspiel langsam in der Ferne vergeht. Schließlich ist er wieder allein. Die Gedanken sind inzwischen wieder bei Rot.



Ist sie wirklich tot? Oder ist sie jetzt jemand anderes? Gibt es jetzt zwei graue Gestalten? Oder verwandelt sie sich wieder zurück? Sollte ich sie nochmal wiedersehen, dann werde ich alles wiedergutmachen. Ich werde mich richtig verhalten. Ich werde…



Inkognitos Blick wandert jetzt zu seinem Dirigentenstab, den er schon seit der Begegnung mit Braun in seinem Armende festhält. Er hatte es beinahe vergessen. Er nickt und verstaut ihn schließlich wieder in seiner Tragetasche. Möglicherweise hätte er ihn davor bewahren können, Rot zu verletzen. Und ein frühzeitiger Einsatz hätte vermutlich ein anderes Ende in der Sporthalle herbeigeführt.

Sein Atem wird ruhig. Er nickt und nimmt den Stab wieder heraus. Irgendwas sagt ihm, dass er den Stab jederzeit griffbereit haben sollte. Irgendwas sagt ihm, dass er noch weitere Situationen erleben wird, in denen sein Einsatz über Leben und Tod entscheiden könnte. Plötzlich ertönt der Klang einer Geige. Schwarz steht auf. Wartet kurz. Lauscht dem harmonischen Instrument und läuft dann rasch die Treppe hoch. Wieder im Erdgeschoss angekommen, steht er schließlich dem Grünen gegenüber.
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BeitragVerfasst am: Di Sep 06, 2011 20:39    Titel: Antworten mit Zitat

Teil 2

Kapitel 5: Unterstützung


Inkognito wirkt erleichtert. Nach Grün war er schon lange auf der Suche gewesen. Bis jetzt wurde bei seinem Vorhaben immer wieder unterbrochen und in neue Ereignisse hineingezogen. Doch jetzt steht er da. Endlich hat Inkognito ihn gefunden. Nein. Der Grüne hat Inkognito gefunden.

Grüner: …du hast Braun getroffen oder? Da unten war ganz schön was los.

Inkognito setzt an, ihm zu antworten. Dann fängt der Boden wieder an zu zittern. Irgendwo wieder das Geräusch von herunter prasselnden Steinchen. Es dauert nicht lange an. Verstummt wieder. Der Schwarze wirkt besorgt. Schaut jetzt am Grünen vorbei und erkennt weiter hinten, wie Stücke des Betons aus dem Boden ragen. Dann ein rascher Blick nach unten. Hier scheint noch alles unbeschädigt zu sein. Keine Risse im Boden. Der Blick wandert nach oben. Auch an der Decke ist nichts zu sehen. Die Neonröhren funktionieren nachwievor einwandfrei. Die Beleuchtung in diesem Teil des Flurs ist gut.

Inkognito: …du musst mir helfen, Grün. Ich denke du bist der einzige hier, mit dem man vernünftig reden kann. Lass uns irgendwo hingehen, wo die Schule noch unbeschädigt ist. (er überlegt kurz) Der Raum mit den grünen Gärten hinter den Fenstern. Ist der noch ganz?

Grün blickt kurz auf. Strahlt für den Moment eine gewisse Verwunderung aus. Dann eine Art Lächeln.

Grüner: …wie ich sehe hast du gelernt zu sprechen. Das freut mich. Dann hast du Blau wohl gefunden. (Grün macht eine kurze Pause, spricht dann weiter) Der Religionsraum ist nachwievor in einwandfreiem Zustand. Wieso sollte er es auch anders sein?

Inkognito schaut Richtung Treppenhaus. Sie müssen hoch. Der Schwarze erinnert sich an den Insektenangriff. Dort müssen sie vorbei. Er nickt entschlossen. Der Stab wird ihm helfen, vorbeizukommen. Wenn schon dieses Problem ihn aufhalten würde, dann könnte er seine Aufgabe als Konzertorganisator sowieso vergessen.

Inkognito:…erklär ich dir gleich. Lass uns erst mal gehen.

Der Schwarze nimmt die erste Stufe. Er wirkt jetzt etwas nervös. Grün folgt ihm. Sie erreichen das Zwischenpodest. Dann den ersten Stock. Inkognito hält kurz inne, schaut in den Flur hinein. Alles in Ordnung. Keine Insekten. Er atmet tief aus. Wirkt jetzt ruhiger. Auch der Boden ist makellos. Die Decke ebenfalls. Neonröhren hängen an der Decke und spenden ausreichend Licht, um bis ans andere Gangende schauen zu können. Die beiden gehen weiter. Biegen schließlich an der nächsten Abzweigung ab. Wenige Meter weiter vorne ist der Religionsraum. Die Tür steht noch offen. Ohne weitere Zwischenfälle kommen sie schließlich dort an. Gemeinsam betreten sie den Raum.

Der Blick des Schwarzen fällt wieder auf die Fenster. Noch einmal bestaunt er die grünen Gärten da draußen. Dann wendet er sich wieder dem Wesentlichen zu. Beide nehmen sich einen der Stühle und setzen sich zusammen an einen der Schülertische.

Inkognito: …ich habe inzwischen so einiges über diesen Ort hier gelernt, Grün. Diese Erdbeben. Die werden nicht von Braun verursacht. Das ist eine Naturkatastrophe, die droht, diesem Ort hier den Untergang zu bringen.

Grüner: …ach darum fragtest du, ob der Raum noch unbeschädigt ist. Um ehrlich zu sein, kann ich mir das mit der Naturkatastrophe gar nicht vorstellen. Du hast Braun doch selbst erlebt. Der kann manchmal ganz schön viel Krach machen.

Inkognito: …hast du nicht den Riss im Himmel da draußen gesehen? Und die Beschädigungen im ersten Stock? Der halbe Boden ist eingestürzt.

Der Grüne schweigt einen Augenblick.

Grüner:…der Himmel hat einen Riss, sagst du? Manchmal sind dort schon komische Muster zu sehen. Wenn du dir mal den ganzen Nebel da draußen ansiehst.

Inkognito:…du glaubst mir nicht? Komm mit. Ich zeig es dir.

Mit einer ungeschickten Bewegung steht Inkognito auf und stößt dabei seinen Stuhl um. Er überlegt kurz, ihn wieder aufzuheben, kommt dann aber zu der Erkenntnis, dass es eigentlich egal ist. Er winkt den Grünen nun zu sich und geht in Richtung offen stehender Tür. Die grüne Gestalt folgt ihm. Sie betreten den Gang, schreiten hindurch und kommen an seinem Ende schließlich an der Außenwand der Schule an. Vor ihnen eins der Fenster. Inkognito bückt sich leicht, hält kurz Ausschau und entdeckt schließlich den besagten Einschlag. Selbstsicher richtet er sein freies Armende darauf. Grün kommt näher und schaut auf die Stelle.

Grüner: …na sowas. Was ist denn das?

Inkognito: …ein Zeichen der drohenden Apokalypse. Und nun lass uns wieder in deinen Raum gehen. Wir müssen so einiges besprechen und ich muss dir auch noch einige Dinge zeigen.

Mit diesen Worten wendet sich der Schwarze wieder vom Fenster ab und geht zügig zurück Richtung Religionsraum. Grün hält den Blick vorerst noch auf den Himmel gerichtet, folgt ihm dann aber.

Beide sitzen wieder an dem Schülertisch. Inkognito führt sein freies Armende in seinen Beutel und nimmt das Notenheft heraus. Er legt es auf den Tisch, schlägt die erste Seite auf. Mit seinem Dirigentenstab zeigt er jetzt auf die Zeichnung. Der Blick ist auf den Grünen gerichtet.

Inkognito: …das hier müssen wir bewerkstelligen, damit diese Beben ein Ende haben. Und damit sie diese Welt nicht zerstören. Siehst du? (sein Blick wandert auf die Zeichnung) Wir alle müssen zusammen ein Konzert geben. Du, ich und die anderen sieben Gestalten, die hier leben. (hastig blättert Inkognito durch das Notenheft) Und das hier. Das sind die Noten, die wir spielen müssen. Angefangen beim vierten Akt bis zum Finale.

Grüner: …du willst ein Konzert veranstalten? Weil du glaubst die Welt würde untergehen? Und weil unsere Musik sie davor bewahren würde? Gerne können wir versuchen ein bisschen Musik zusammen zu machen. Aber meinst du nicht, dass du dir die Sache ein bisschen zu sehr zu Herzen nimmst?

In Inkognitos Kopf beginnt es zu arbeiten. Die Worte von Blau kommen ihm in den Sinn. „Grün erzähle nur Unsinn.“ „Grün habe keine Ahnung.“ Schließlich stößt der Schwarze einen Seufzer aus.

Inkognito: …okay. Sagen wir mal fürs Erste, dass es egal ist, warum wir dieses Konzert machen. Sagen wir, es ist mir einfach wichtig und sagen wir, dass ich mich über deine Unterstützung dabei sehr freuen würde. Ist das so okay für dich, Grün?

Grüner: …wenn du Musik machen willst, dann machen wir das auch. Einverstanden. Dann müssen wir nur noch die anderen zusammentrommeln. (Grün steht auf) Na dann lass uns losgehen und sie suchen. Das wird bestimmt toll.

Inkognito: …warte. Immer langsam. So einfach ist das nicht. Zum Einen habe ich keine Ahnung, wie wir die anderen dazu bringen sollen, mit uns zu spielen, zum Anderen muss ich erst mal selbst lernen, wie ich mein Instrument benutze. (Inkognito hält inne, sieht zu Grün) Ich hatte gehofft, du könntest es mir zeigen. Du kennst dich doch aus mit der Musik.

Grüner: …aber gerne. Was für ein Instrument spielst du denn?

Inkognito:
…Ich bin der Dirigent und muss wissen, wie ich euch anleite. Es ist nicht wirklich ein Instrument. Aber… (er hebt den Stab, zeigt ihn Grün)

Grüner: …oh, eine verantwortungsvolle Aufgabe. Prima. Finde ich toll, dass du dich daran versuchst. Mit ein bisschen Übung wirst du bestimmt ein ausgezeichneter Dirigent. Ich würde vorschlagen, wir schauen uns mal diesen vierten Akt an und dann erkläre ich dir, wie das mit der Musik funktioniert.

Inkognito nickt und blättert im Notenheft, bis er schließlich bei der Überschrift des vierten Aktes landet. Jetzt nimmt Grün seine Geige zur Hand, legt sie an das untere Kopfende und beginnt zu spielen. Sein Spiel geht lange. Immer wieder macht er eine Pause und erklärt dem Schwarzen, wie er die Noten liest. Erklärt, was es für den Dirigenten bedeutet und leitet Inkognito dazu an, den Stab zu schwingen. So geht es eine ganze Weile. Stunden vergehen. Zwischendurch erhaschen kleinere Beben ihre Aufmerksamkeit. Und hin und wieder ertönen andere Instrumente aus der Ferne. Begleiten das Spiel des Grünen und verstummen dann wieder.

Nach und nach scheint Inkognito zu begreifen, wie es funktioniert. Sie beginnen zusammen zu spielen. Anfangs etwas unbeholfen. Nach einer Weile schon besser. Es wird zunehmend flüssiger. Irgendwann scheint es Inkognito dann ins Blut überzugehen. Als wäre er zum Dirigieren geboren worden. Sie spielen weiter. Machen es gut. Schlafen vor Erschöpfung ein. Wachen wieder auf, um weiterzuspielen. Sie verlieren jedes Zeitgefühl.



Nach gefühlten drei Tagen beschließt Inkognito dann, die Musiklehre zu beenden. Er scheint alles gelernt zu haben, was Grün ihm zeigen konnte. Das Notenlesen, das Schwingen seines Stabes und seine Benutzung zur Leitung verschiedenster Instrumente. Selbst für solche, die nicht von den anderen sieben Musikern verwendet werden. Von einfachen Klangstäben, bis hin zum Saxophon. Und nicht zuletzt natürlich seine Verwendung für verschiedene Instrumente zur gleichen Zeit.



Die beiden sitzen wieder an einem der Schülertische. Inkognito hat das Notenheft jetzt zugeschlagen. Mit einer lockeren Armbewegung schwingt er seinen Stab hin und her. Fühlt die Schwingungen in seinem Körper. Es tut gut. Erzeugt in ihm immer wieder das Gefühl der Befreiung.
Inkognito: …Vielen Dank. Ohne dich hätte ich meine Aufgabe vermutlich niemals erfüllen können. Selbst wenn ich es geschafft hätte, alle Gestalten zusammenzuführen.

Grüner: …Das habe ich gerne gemacht. Es ist schön, wenn ich anderen helfen kann. Die anderen zusammenzuführen wird dann wohl die nächste Aufgabe sein, damit wir dein Konzert aufführen können. Ich bin mir sicher, dass sie gerne mitmachen werden.

Inkognitos zwischenzeitlicher Optimismus scheint wieder zu schwinden. Die anderen zusammenführen. Eine Zusammenarbeit mit Gestalten wie Grau und Braun. Es besteht noch nicht einmal die Sicherheit, dass noch alle leben. Die Gedanken des Schwarzen sind wieder bei Rot. Irgendwo in seiner Brust flammt ein stechender Schmerz auf. Hastig schüttelt er den Kopf und blickt dann wieder zu Grün.

Inkognito: …ja. Wird schon klappen. Komm. Lass uns gehen.
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BeitragVerfasst am: Sa Sep 17, 2011 18:15    Titel: Antworten mit Zitat

Teil 2

Kapitel 6: Engpass


Inkognito und der Grüne haben den Religionsraum wieder verlassen. Stehen jetzt an der Gabelung, die links zum Treppenhaus, rechts in einen weiteren Flur führt. Der Schwarze überlegt kurz. Überlegt, wo er eine der Gestalten finden könnte. Und überlegt, wie er sie zur Kooperation überreden kann.



Zum Brauen in die Sporthalle? Erst mal nicht. Ins Schwimmbad? Dort ist wohl keiner mehr. Der Versuchsraum der Physiker. Vielleicht ist Rot wieder dort. Aber eher unwahrscheinlich. Die Cafeteria vielleicht. Gelb wird sicher bald wieder spielen. Die Cafeteria. Die ist doch im Erdgeschoss. Hm. Der Weg dahin ist zerstört. Also doch erst mal was anderes.



Inkognito wendet sich zum Grünen und dreht sich dann Richtung Treppenhaus.

Inkognito: …wir gehen hoch. Überprüfen den Versuchsraum der Physiker. Wenn wir Glück haben, finden wir dort die rote Gestalt. (zu sich selbst sprechend) Und wenn ich mich diesmal besser unter Kontrolle habe, werde ich sie auch in unser Team bekommen…

Der Grüne nickt und, wie auf ein Zeichen reagierend, geht Inkognito los. Steuert auf das Treppenhaus zu. Grün folgt ihm. Sie passieren ein paar Türen zur Linken, ein paar Fenster zur Rechten und kommen schließlich an der Treppe an. Dann steigen sie herauf. Der Schwarze ist wieder in Gedanken. Denkt an Rot. An dieses chaotische Treffen bei dem sie schließlich zerschmolz. Unbewusst schwingt er seinen Stab hin und her. Versucht mit den Schwingungen diese Gedanken wieder loszuwerden. Doch es ist gelingt ihm nicht.

Sie kommen oben an. Unkonzentriert blickt der Schwarze in den Flur des zweiten Stocks hinein. Hier irgendwo war der Raum von Rot. Er scheint alles zu sehen, doch die Information scheint seinen Verstand nicht zu erreichen. Er ist abgelenkt. Plötzlich packt Grün ihn an der Schulter und zeigt mit seinem Armende zum Ende des Gangs. Da hinten bewegt sich was. Eine rasche Bewegung. Dann ist sie weg. Der Klang einer Triangel. Violett. Inkognito ist wieder bei der Sache. Schüttelt kurz den Kopf, dann rennt er los. Grün hinterher.

Zu den Seiten lassen sie die Fenster und Türen hinter sich. Passieren dann auf halbem Wege die Gabelung und rennen weiter geradeaus. Der Boden zittert leicht. Sie rennen weiter. Wieder eine leichte Erschütterung. Jetzt sind sie fast hinten angekommen. Dann ein lautes Krachen. Schwarz und Grün schleudert es gegen die Wand. Schmerzhaft prallen sie auf, sinken dann zu Boden. Der ganze Gang scheint durchgeschüttelt zu werden. Das Beben. Es ist zurückgekehrt. Mit einer enormen Gewalt. Der Schwarze versucht sich aufzurichten, will weiterrennen, stürzt abermals und wird jetzt in das Ende des Gangs geworfen - dort, wo er im neunzig-Grad-Winkel zur Seite abknickt. Ganz hinten -wieder eine Bewegung. An der Wand. Jetzt an der Decke. Die Triangel ertönt schon wieder. Violett versucht zu flüchten. Irgendwas knallt im Stockwerk über ihm auf den Boden. Die Decke wird gewaltsam erschüttert. Die Wände Vibrieren. Von hinten ertönt jetzt ein qualvoller Schrei. Dann der schiefe Ton einer Geige. Es ist Grün!

Inkognito verharrt einen Augenblick. Wägt in Sekundenschnelle ab. Violett hinterher jagen oder nach Grün sehen? Dann fährt er herum und erkennt mit Erschrecken, dass sein Begleiter zur Hälfte unter einer Betonplatte begraben liegt. Der Blick fällt auf die Decke. Ein großes Loch. Dahinter ein großer langer Riss, der bis in den halben Gang hinein reicht. Jetzt ein kräftiger Stoß von unten. Inkognito hält sich mit Mühe, geht in die Hocke. Bewegt sich vorsichtig zu Grün. Dieser rudert wild mit seinen Armen. Sucht nach einem Halt. Sucht nach etwas, woran er sich rausziehen kann. Schwarz hat Grün fast erreicht. Dann wieder ein lautes Krachen. Direkt zwischen den beiden stützt eine Betonplatte herab und zerschmettert auf dem Boden. Die Splitter fliegen in alle Richtungen. Instinktiv reißt der Schwarze die Arme hoch. Wehrt die Steinsplitter ab. Er nimmt den Arm wieder herunter und sieht nun das Loch, das die Platte in den Boden gerissen hat. Inkognitos Herz pocht schnell und schmerzend. Dann wieder der Blick zu Grün. Er scheint reglos dazuliegen. Sein Kopf und sein rechter Arm gucken noch heraus. Der ganze Rest von Betonstücken begraben.

Inkognito setzt zum Sprung an. Doch noch bevor er über den Abgrund hinwegspringen kann, unterbricht ihn das Scheppern zweier Beckenscheiben. Schritte. Sie nähern sich von dort hinten auf der anderen Seite. Blau kommt angerannt. Aus Richtung des Treppenhauses. Er ist schnell. Das Beben ist noch in vollem Gange. Gesteinsbrocken drohen auf den Blauen zu stürzen. Doch er weicht ihnen geschickt aus. Unter ihm mittlerweile auch ein mit Rissen durchzogener Boden. Es ist unklar, wie lange der Gang noch begehbar bleibt. Die Gestalten müssen hier weg. Alle Drei und zwar möglichst bald.

Blau hat Grün erreicht. Geht in die Hocke und greift nach der Betonplatte, die die Beine des Grünen begraben haben. Inkognito schaut zunächst untätig zu, versucht dann aber endlich über das Loch im Flur zu springen. Es ist ungefähr ein Meter breit. Der Sprung glückt. Als er auf der anderen Seite aufkommt, scheint der Boden ihn nur noch mit Mühe zu halten. Unter ihm ein Bröckeln und Rieseln. Schwarz krabbelt weiter zu Grün. Hier ist der Boden wieder etwas stabiler. Inkognito hat den Grünen jetzt erreicht und greift ebenfalls nach einer der Steinplatten. Sie ist schwer, aber es geht. Er zieht sie weg. Auch der Blaue hat inzwischen eine große Betonplatte zur Seite geschoben. Er streckt seinen Arm aus und zieht den Grünen nun aus dem Schutthaufen heraus. Dann macht er ein, zwei Schritte rückwärts. Inkognito steigt derweil über die Steinplatten, erkennt dann, dass die Geige noch auf dem Boden liegt und greift nach ihr. Dann wirft er sie in seinen Beutel.

Ein weiterer Schlag von unten. Der Schwarze wird in die Luft katapultiert und stürzt beim Aufprall wieder herunter. Er schreit auf. Blau und Grün sind wieder zu Boden gerissen worden. Näher zum Treppenhaus. Blau scheint noch vergleichsweise fit. Er richtet sich auf, rennt wieder los. Diesmal nach vorne zum Schwarzen. Ein größerer Steinbrocken fällt von der Decke, streift ihn, wirft ihn nach vorne. Er rappelt sich wieder auf, erreicht dann den Schwarzen. Inkognito stützt sich auf seine Arme, versucht aufzustehen, aber die Kraft versagt. Blau packt ihn am Arm, zieht ihn hinter sich her. Unter größter Kraftanstrengung bewegen sich die beiden durch den Flur. Kehren schließlich zu Grün zurück, wo er den Schwarzen auf den Boden fallen lässt. Der Blaue keucht. Dann sieht er zu, wie der Gang vor ihm endgültig zugeschüttet wird.

Das Zittern schwächt jetzt wieder ab. Die Wände kommen langsam wieder zur Ruhe und das Krachen und Poltern wird von rieselndem Sand abgelöst. Das Beben hat sich wieder gelegt. Die drei Gestalten scheinen es nochmal so gerade überstanden zu haben. Inkognito beginnt zu husten und blickt in den Gang. Auf die Geröllblockade.
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BeitragVerfasst am: Di Sep 27, 2011 11:22    Titel: Antworten mit Zitat

Teil 2

Kapitel 7: Kontrolle


Es ist staubig. Irgendwie neblig. Oben an der Decke surrt irgendwo eine Neonröhre. Sie setzt hin und wieder aus und es wird es für einige Sekunden dunkel. Wenig später leuchtet sie dann wieder. Weit hinten fällt noch eine Betonplatte herunter. Stürzt dann irgendwo nach unten. Es kracht. Aber es scheint weit weg zu sein. Lediglich die Hintergrundkulisse. Grün steht am Fenster und stimmt seine Geige. Erschöpft sitzen Blau und Schwarz auf der ersten Treppenstufe des Stockwerks. Sie schweigen. Schließlich unterbricht der Grüne seine Musik und dreht sich zu den anderen.

Grüner: …ich würde vorschlagen, wir gehen weiter. Wir wollen doch bald mit dem Konzert beginnen.

Inkognito sieht weiter zu Boden. Hält seinen Dirigentenstab im rechten Armende und schwingt ihn gedankenverloren hin und her. Er denkt an das letzte Beben. Es war gewaltig. Zu gewaltig. Wie viele davon hält diese Schule noch aus? Vielleicht eins oder zwei? Welche Räume sind überhaupt noch zugänglich? Ist es noch möglich, sich in diesem Gebäude zu bewegen, ohne einen weiteren Einsturz zu erzeugen? Blau hebt den Kopf. Sieht zu Grün.

Blauer: …was denn für ein Konzert? Sag mal, merkst du nicht, was hier los ist?

Grüner: …Schwarz will ein Konzert veranstalten. Und alle sollen mitspielen. Wird eine ganz große Sache. Wir haben schon viel geprobt und…

Ruckartig schlägt der Blaue seine Beckenscheiben zusammen. Grün erschrickt. Starrt ihn an.

Blauer: …Verdammt nochmal, du treibst mich in den Wahnsinn! Da draußen bricht die Welt zusammen und du hast nur deine kleinen dummen Spielereien im Kopf. Wach endlich auf! Sieh dich um! Die Welt ist kein Kinderzirkus okay!?

Der Blaue steht auf. Geht jetzt auf Grün zu. Bleibt vor ihm stehen und reißt ihm die Geige aus dem Arm. Sie fällt hin. Grün bückt sich. Blau hebt den Arm abermals und schubst den Grünen gegen die Wand. Inkognito schreckt aus seinen Gedanken hoch.

Blauer: …Und deine Musik. Du spielst doch nur diese schnulzige Scheiße. Ich kann’s nicht mehr hören.

Der Blaue holt tief Luft, dreht sich dann wieder zum Treppenhaus. Der Grüne erhebt sich unbeholfen. Greift dabei nach seiner Geige und hustet zwei dreimal.

Grüner: …den anderen gefällt meine Musik. (Der Blick geht zum Schwarzen. Grün erhofft eine Antwort von ihm, doch sie kommt nicht) Es wird alles wieder gut, Blau. Die Schule bauen wir gemeinsam wieder auf und dann gehen wir zu Gelb in die Cafeteria. (Blau dreht sich um, scheint die Armenden zu ballen) Du bist ein bisschen aufgebracht. Wegen der kleinen Erschütterungen, aber sowas passiert schon mal…

Blau zieht den Kopf in die Länge. Sein rechter Arm beginnt zu zittern. Plötzlich ertönt hinter ihm ein schmerzverzerrter Schrei. Es ist Inkognito. Er ist zu Boden gefallen. Schreit noch einmal. Lauter. Anhaltend. Jetzt reißt er die Arme an seinen Kopf. Drückt ihn. Er räkelt sich. Scheint innerlich zu beben. Blau zieht den Kopf wieder zusammen und sieht verblüfft zu. Hat Grün für den Augenblick wieder vergessen. Er tritt näher zum Schwarzen heran. Dann ein Schlag. Es reißt ihn nach hinten. Dann knallt er auf den Boden. Eine der Beckenscheiben fliegt dabei gegen eins der Fenster. Es scheppert.

Inkognitos Oberkörper reißt an der Brust auseinander. Zwei kräftigte braune Arme ragen aus ihm heraus. Sie versuchen den Schwarzen regelrecht zu zerfetzen. Zu beiden Seiten spritzt schwarze Flüssigkeit aus ihm heraus. Sie bleibt an den Wänden haften. Augenblicklich breiten sich die Flecken dort aus. Sie scheinen das Licht aufzusaugen. Es wird dunkler. Kopf und Brust des Braunen steigen aus Inkognito heraus. Dann die Beine. Sein ganzer Körper kommt zum Vorschein. Er schleudert den Schwarzen jetzt nach hinten. Ein matschiges Geräusch. Es klingt ekelhaft. Ein gurgelndes Atmen ertönt. Es wird schwächer, mühsamer, aber es hält sich. Blau und Grün stehen wie angewurzelt da. Starren auf den Brauen, der sich jetzt vor ihnen aufgebäumt hat. Trommelwirbel. Dann rennt er los.

Mit einem gewaltsamen Kraftakt donnert der Braue sein Armende in den Grünen hinein. Er wird gegen den blockierenden Geröllhaufen im Gang geschmettert und kracht dann zu Boden. Blau rührt sich nicht. Steht nur da. Mit ausgebreiteten Armen. Trommelwirbel. Braun rennt wieder auf den Grünen los. Springt. Brüllt. Winkelt die Knie an und rammt sie in die grüne Gestalt hinein. Ein Aufschrei. Dann der Lärm von herabstürzenden Steinplatten. Unter ihnen. Ein regelrechtes Gemetzel scheint zu entbrennen. Grüne Farbe spritzt an die Wände.

Inkognito atmet schwach. Er ist mittig aufgerissen. Seine Beine rühren sich nicht mehr. Er versucht nach Blau zu rufen. Doch ihm fehlt die Kraft. Lediglich ein knappes Keuchen entweicht ihm. Dann dreht er seinen Kopf. Schaut auf den Dirigentenstab, der zwischenzeitlich auf den Boden gefallen ist. Er liegt neben ihn. In greifbarer Nähe. Sein Armende öffnet sich. Dann hebt er den Stab von Boden auf. Sein Arm bewegt sich. Mit ihm der Stab. Schwingungen. Wohltuende Schwingungen. Ihm erscheinen Erinnerungen. Erlebnisse, aus der Zeit in dieser Schule. Dann sieht er den Weißen vor sich. Die Szene aus dem Musikraum wiederholt sich. Ruckartig wechseln sich Erinnerungsfetzen und verzerrtes Rauschen vor seinem inneren Auge ab.



… … … … … … … … … …du bist der Dirigent. … … … … … … … … … das ist es… ... … das ist meine Aufgabe hier… … … … … …du lenkst sie… … …du bist der Steuermann… … …wenn es dir nicht gelingt… … …dann wird das Schiff sinken… … … … … …du bist hier, um deine Aufgabe zu erfüllen… … … …lass dich nicht ablenken… … …du bist derjenige, der den Ton angibt… … …du bist der, nach dessen Pfeife getanzt wird… … …



… … … … … … … … Musik… … …ist die Essenz dieser Welt… Ihre Physik… …. …Sie hält die Fäden in den Händen… … … … …entscheidet über Leben und Tod… … …




Die Worte wiederholen sich. Der Stab schwingt. Inkognitos Gedanken sprechen sie nach. Der Stab schwingt weiter. Ein neues Bild blitzt auf. Er steht jetzt vor Rot. Sie lacht verführerisch.



… … … … … … ich möchte dich um einen Gefallen bitten… … …ich möchte ein Konzert veranstalten… …



Die Szene setzt sich fort. Rot fährt den Arm des Schwarzen herunter. Rauschen. Der Stab fällt zu Boden. Der Klang hallt nach. Dann ein anderes Bild. Rot liegt im Schwimmbecken. Rauschen. Graue Flüssigkeit tropft auf sie herab und verfärbt sie. Der mitleidige Blick von Orange. Wieder ein anderes Bild. Rauschen. Braun kommt angerannt. Es ist in der Sporthalle. Der Stab liegt in unerreichbarer Ferne. Rauschen. Nächstes Bild. Blau und Braun ringen in einem gemeinsamen Körper miteinander. Vor seinem inneren Auge blitzt es jetzt wieder auf. Schließlich werden Inkognitos Erinnerungen aus dem Kopf herausgerissen, wie ein Zettel von einem Notizblock. Er hält den Stab nachwievor fest in seinem Armende.



Trommelwirbel. Dort hinten wirkt es, als hätte jemand mehrere Eimer grüner Farbe gegen die Wände geklatscht. Braun brüllt wütend. Schlägt immer wieder in den Boden ein. Die Wände wackeln. Blau rührt sich nicht.



Ich bin der Dirigent. Ich bin derjenige, der den Ton angibt. Ich bin der Dirigent. Ich bin derjenige, der den Ton angibt. Ja. Ich steuere dieses Schiff.



Inkognito schafft es jetzt, seinen Oberkörper anzuheben. Die linke und die rechte Brusthälfte schmelzen langsam wieder zusammen. Er richtet sich auf. Seine Kraft scheint wiederzukommen. Er schwingt den Stab ruhig und mit kurzen Bewegungen. Langsam hebt er den Arm. Schwingt weiter. Sieht jetzt zu Braun. Zieht dann den Kopf in die Länge.

Inkognito: …Aufhören!

Der Braune reagiert nicht. Prügelt weiter. Inkognito steht jetzt aufrecht und schwingt den Stab nun mit kräftigem Schwung in die Höhe. Wiederholt seine Forderung. Der Braune unterbricht seinen Wutausbruch. Dreht sich jetzt um. Trommelwirbel. Er brüllt auf. Mit einem plötzlichen Ruck reißt der Schwarze seinen Arm nach rechts. Schwingt den Stab mit.

Inkognito: …Pause! (der Braune bleibt ruhig) Jetzt! Trommelwirbel!

Streng reißt der Schwarze den Stab wieder in die Höhe. Die Trommel erklingt. Kräftig. Schnell. Braun bleibt ruhig. Kein Brüllen mehr. Steht nur da und trommelt. Blau lockert seinen Körper wieder. Schaut jetzt zum Schwarzen und nickt. Er scheint nicht sehr verwundert.

Inkognito wendet sich jetzt dem Blauen zu. Reißt den Stab in die Tiefe. Starrt ihn an. Blau bleibt ruhig. Für einen Augenblick verharren die Drei in ihrer Haltung. Dann ein beunruhigendes Stöhnen. Es kommt vom Braunen. Er geht in die Hocke, unterbricht das Trommeln. Stützt sich mit seinen rechten Arm auf dem Boden ab. Krümmt sich. Sein Körper scheint für einen Augenblick zu schwimmen. Verfestigt sich wieder. Dann ein Schlucken. Ein Gurgeln.

Mit einem Mal zieht sich der Kopf des Braunen in die Länge. Immer weiter. Immer länger. Dann kippt er schließlich nach hinten weg und klatscht mit dem Rücken auf den Boden. Unter seinen Schultern bildet sich Feuchtigkeit. Aus dem unteren Kopfende fließt eine grüne Flüssigkeit heraus. Auch seine Schultern nehmen jetzt eine grünliche Farbe an. Die Farbe sondert sich ab. Fließt über die Brust herunter bis auf die Oberschenkel. Die Knie einer zweiten Gestalt ragen jetzt aus den Schenkeln des Braunen heraus. Dann bricht eine grüne Brust aus seinem Oberkörper heraus. Wieder dieser Anblick von verschmolzenen Körpern. Inkognito versucht die Fassung zu behalten. Zittert dabei. Dann erklingt plötzlich das harmonische Spiel der Geige.

Zwei Grüne Arme erwachsen aus dem Braunen. Sie halten die Geige und spielen sie. Der Braune biegt langsam nach hinten. Scheint für den Moment nur noch eine matschige Schale zu sein, aus der ein neues Leben schlüpft. Dann verfestigen sich dessen Arme wieder. Stützen sich nach hinten ab, während der Grüne aus ihm heraussteigt. Er kippt auf die Knie. Das Geigenspiel bricht ab. Dann fällt er nach vorne zu Boden. Braun materialisiert sich wieder. Hat jetzt wieder den Körperbau eines Menschen angenommen und kippt schließlich ebenfalls um.

Inkognitos Armende lockert sich. Doch bevor sein Stab zu Boden zu fallen droht, drückt er das Ende wieder zusammen und hält ihn fest. Sichtlich angestrengt blickt auf die drei Gestalten vor sich und nickt ihnen schließlich zu.

Inkognito: …ich habe eine Aufgabe zu erfüllen. Und ihr werden mir dabei helfen.
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BeitragVerfasst am: Sa Okt 29, 2011 12:29    Titel: Antworten mit Zitat

Teil 2

Kapitel 8: Tempo


Inkognito steht wieder aufrecht. Er lauscht. Irgendwo rieselt schon seit mehreren Minuten feiner Sand in die Tiefe. Größerer Lärm bleibt aus. Seine Arme hängen kraftlos herunter. In einem von ihnen der Dirigentenstab. Es scheint, als habe er endlich begriffen, welche Kraft tatsächlich in ihm steckt. Sein Blick fährt rüber zur braunen Gestalt, die neben dem Blauen an der Fensterseite der hockt. Er verhält sich ruhig. Auch Grün und Blau schweigen. Der Schwarze überlegt kurz, wendet sich den beiden zu und zieht den Kopf in die Länge.

Inkognito: …also. Wo halten sich die anderen in der Regel so auf? Rot, Gelb, Violett, Grau und Orange.

Blauer: …Gelb ist meistens unten in seiner Cafeteria. Weißt du ja. Die Anderen? Keine Ahnung. Hab nicht viel mit denen zu tun.

Grüner: …ab und zu ist Gelb mal bei mir im Religionsraum vorbeigekommen und hat mit mir musiziert. Vielleicht hilft das ja weiter.

Inkognito: …ich brauche keine Eventualitäten, sondern Sicherheiten. Die Zeit rennt. Egal was ihr dazu sagt. Sie tut es und das nächste Beben wird sicher bald eintreten.

Der Grüne nickt und zupft beiläufig an seiner Geige.

Grüner: …ganz sicher weiß ich, dass Rot im Versuchsraum der Physiker wohnt. Sie singt so schön. Manchmal bin ich zu ihr hoch gegangen und habe ihr zugehört.

Inkognito: …sie wohnt dort?

Inkognito hält inne. Plötzlich überkommt ihn ein herzerwärmendes Gefühl. Rot. Ihre Stimme dringt in sein Ohr ein. Für einen Augenblick wirkt er abwesend. Dann schwingt er seinen Stab ruckartig nach oben. Die Gedanken an Rot sind wieder weg. Tief durchatmend schaut der Schwarze jetzt auf die Geröllwand hinter dem Blauen und den Braunen.

Inkognito: …dann haben wir wohl ein Problem. Dort kommen wir nicht durch.

Grüner: …vielleicht, wenn wir von oben kommen. Wir können doch ins dritte Stockwerk und dann durch eins der Löcher springen. Hinter der Blockade sind zumindest Teile der Decke eingestürzt.

Inkognito: …Ja, du hast recht. Dann werden wir das mal überprüfen.

Langsam dreht er sich zum Treppenhaus und winkt die anderen zu sich. Dann geht er los. Die anderen Drei folgen ihm. Noch ehe er die erste Stufe der Treppe erreicht hat, erzittert der Flur wieder. Die Gruppe stoppt. Das Geräusch von zerbröselndem Stein. Dann ein lautes Zischen. Ein unangenehmes Knarren folgt. Es hält an, wird dann lauter. Staub fällt von der Decke. Rieselt in Richtung Geröllhaufen und kommt davor zum Stillstand. Irgendwie scheint plötzlich der ganze Flur leicht zu kippen. Das Knarren hört wieder auf. Dann der vertraute Klang einer Triangel. Es kommt von oben. Es ist ganz nah. Inkognitos Gedanken gehen etwas zeitversetzt. Sein Bild von dem kippenden Schulgebäude wird von dem Bild einer violetten Gestalt abgelöst.

Inkognito: …Hinterher!

Dann rennt er los.

Gemeinsam schnellt die Gruppe die Stufen hoch. Ein lautes Durcheinander von Schritten. Musikfetzten ertönen, als Blau gegen die Geige stößt und Braun eines der Beckenscheiben streift. Sie kommen oben an. Der Gang ist ramponiert. Weitgehend verdunkelt. Hier und dort fehlen Bodenstücke und von der Decke hängen aufgerissene Kabel. Im Großen und Ganzen ist der Flur allerdings noch begehbar.

Dort hinten. Eine Bewegung. Dann erneut der Klang der Triangel. Ein Schatten huscht bis ganz nach hinten durch den Flur. Klettert an den Wänden. Hüpft an die Decke, dann wieder auf den Boden. Schließlich um die Ecke. Der Schwarze rennt weiter. Schaut zu Boden. Springt über die Löcher hinweg und hastet weiter nach vorne. Unter ihm der unscheinbare Ton von brechendem Stein. Dann ein leichtes Knarren. Der Grüne fällt leicht zurück. Blau und Braun halten das Tempo von Schwarz.

Noch drei Meter. Zwei. Dann kommt er an der Ecke an. Passiert sie und rennt weiter. Wieder die Triangel. Es scheint fast so, als habe er aufgeholt. Blau und Braun erreichen jetzt ebenfalls die Ecke. Grün ein paar Meter hinter ihnen. Schwarz hat inzwischen fast die Hälfte des weiteren Gangs zurückgelegt. Dann bleibt er stehen. Schwingt den Arm und reißt seinen Stab in die Höhe.

Inkognito: …Stehenbleiben!

An der Decke scheint die Bewegung einzufrieren. Es bleibt still. Dann zwei, drei melodische Klänge der Triangel. Wieder Stille. Dann ein Rascheln. Inkognito erinnert sich an dieses Geräusch und wird nervös. Er macht einen langen Schritt zurück. Die anderen Drei sind jetzt hinter ihm angekommen und sehen hoch. Ein violetter Schimmer blinkt auf. Ein letzter Klang seines Instruments, dann beginnt er sich zu schütteln. Augenblicklich regnet es schwarzes Ungeziefer von der Decke. Sie sind am Boden, an den Wänden, an der Decke. Überall. In großen Kolonien springen sie auf den Schwarzen zu und klammern sich an seinem Körper fest. Inkognito verliert die Beherrschung und fällt zu Boden. Trommelschläge. Wild und chaotisch. Braun beginnt wie ein Wilder um sich zu schlagen. Hämmert seine Arme in die Wände hinein. Sie beginnen zu erzittern. Irgendwo unter ihnen kracht wieder eine Steinplatte zu Boden. Kleine Steinchen rieseln von der Decke. Der Schwarze will sich aufrichten, will den Stab schwingen, wird aber von den Insekten daran gehindert. Für den Augenblick wirkt er wie am Boden gefesselt. Wenige Meter über ihm der Violette. Sieht herunter. Hebt dann den Arm und führt seinen kleinen Eisenstab ein weiteres Mal gegen sein eisernes Dreieck. Wieder erklingt ein Ton. Noch während er verklingt, krabbelt der Violette rückwärts an der Decke weiter, springt an die Fensterwand und bewegt sich durch eines der Fenster hindurch nach draußen. Mit Mühe erkennt der Schwarze, dass die Gestalt am oberen Fensterrand verschwindet und vermutlich draußen weiter nach oben klettert.

Blau kommt zur Hilfe. Reißt Inkognito ein Insekt nach dem anderen vom Leib. Braun scheint derweil außer Kontrolle. Schlägt inzwischen wieder auf Grün ein. Grün versucht auszuweichen, schafft es aber nicht immer. Endlich kann sich der Schwarze wieder bewegen. Er steht auf und rennt los. Zertritt jede Menge Insekten. Einige von ihnen wurden bereits zuvor zerquetscht, andere versuchen, dem Schwarzen auszuweichen. Wieder andere fallen noch immer von der Decke und versuchen sich an dem Schwarzen festzubeißen. Doch die meisten von ihnen kann er nun abschütteln. Aufgebracht rennt er auf den Brauen zu und schwingt seinen Stab. Seine Stimme ist zornig.

Inkognito: …Braun! Verdammt noch mal, lass das sein!!

Braun fährt herum, holt aus und rammt seinen Arm in den Schwarzen hinein. Er fliegt nach hinten. Blau fängt ihn auf. Glück gehabt. Schwarz stöhnt schmerzverzerrt und steht jetzt wieder auf den Beinen. Erneut schwingt er den Stab, während die schwarzen Viecher an seinen Beinen hochklettern. Er wirkt etwas beherrschter. Etwas besonnener als bei seinem ersten Versuch.

Braun atmet schnell. Senkt die Arme langsam herab und dreht sich wieder herum. Er blickt auf den Schwarzen. Scheint zu knurren. Doch dann entspannt er seinen Körper schließlich. Erleichterung. Inkognito schüttelt seine Beine und die meisten der Viecher fallen wieder zu Boden. Der Großteil von ihnen hat inzwischen die Flucht ergriffen. Allmählich beruhigt sich die Situation wieder. Violett. Inkognitos Gedanken an die Flucht des Violetten kehren zurück. Die Flucht durch das Fenster, mit aufwärts gerichteter Bewegung. Inkognito rennt wieder los. An Braun und dann an Grün vorbei.

Inkognito:
…er ist zum vierten Stockwerk hoch. Los. Wir müssen ihn erwischen!

Blau rennt hinterher. Etwas zögerlich dann auch Braun. Grün versucht aufzustehen, ist aber noch mitgenommen von Brauns Schlägen. Fast aufgerichtet, sackt er wieder zusammen. Er versucht es nochmal. Jetzt geht es einigermaßen. Mit gedrosseltem Tempo und etwas steifen Bewegungen kommt er nach. Schwarz hat inzwischen wieder das Treppenhaus erreicht.
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BeitragVerfasst am: Fr Nov 11, 2011 23:36    Titel: Antworten mit Zitat

Teil 2

Kapitel 9: Kunst


Geschwind rennt der Schwarze die Stufen hoch, stößt sich dabei mit dem Arm an der Wand ab und holt Schwung. Mit einem Satz springt er auf das Zwischenpodest. Dann weiter. Zwei, drei lange Schritte und er ist oben. Ein schneller Blick in den Gang. Er scheint okay zu sein. Weitaus weniger beschädigt als erwartet. Ein paar Risse hier, Staubansammlungen dort und im Boden vereinzelte kleine Löcher. Blau und Braun kommen jetzt auch oben an. Sie atmen schnell.

Inkognito setzt an, weiter zu rennen, hält dann aber still. Er lauscht. Erneut beginnen die Wände zu zittern. Ein schwaches Beben diesmal. Irgendwo rieselt Staub von der Decke. Dann der Klang der Triangel. Ganz in der Nähe. Der Schwarze schärft seine Sinne. Nichts passiert. Doch. Jetzt. Über ihn an der Decke. Eine hastige Bewegung. Der Schwarze rennt los. Ignoriert das anhaltende Zittern der Wände. Dann ein Krabbeln und Rascheln am Boden. Wieder diese Insekten. Die Bewegung springt auf herunter. Es ist der Umriss einer Gestalt. Ein violetter Schimmer. Er hastet weiter nach hinten. Inkognito folgt ihm. Rennt schnell. Zertritt die Insekten. Diesmal sind es wenige. Zu wenige, um ihn zu stoppen.

Der Violette verschwindet am Ende des Gangs hinter der Abbiegung. Inkognito hinterher. Er droht zu stürzen, fängt sich aber rechtzeitig wieder. Es geht weiter. Auch der Schwarze erreicht nun die Abbiegung. Violett ist in Blickweite. Inkognito holt auf. Vielleicht noch fünf Meter. Ein weiter Sprung, dann schwingt er den Arm und greift nach vorne. Versucht den Verfolgten zu packen. Daneben. Er stolpert nach vorne. Geht kurz in die Hocke. Federt sich vom Boden ab und springt abermals. Noch vier Meter. Drei. Violett hüpft an die Fensterwand. Blickt jetzt permanent hinter sich. Vor ihm noch vier weitere Fenster zur Seite hin. Weiter geradeaus eine Wand – scheinbar eine Sackgasse. Inkognito ist nun direkt hinter ihm. Er holt nochmal aus. Schwingt den Arm ein zweites Mal, trifft jetzt das rechte Bein des Violetten und bringt ihn zu Fall. Rasch rollt sich der Gejagte zur Seite ab. Inkognito springt mit ganzem Körpereinsatz hinterher. Will ihn am Boden festnageln. Doch im letzten Moment erwischt der Violette eine Türklinke, zieht sich daran hoch und landet einen Augenblick später an der Decke.

Inkognito klatscht mit der Brust zu Boden. Verpasst den Violetten schon wieder. Dieser schaut jetzt von der Decke herunter. Nimmt seine Triangel, spielt einen Ton. Er hallt durch den Gang. Hinten tauchen Blau und Braun auf. Auch Grün ist wieder dabei. Noch ein rascher Blick nach unten, dann springt der Violette an das letzte Fenster im Gang und schlüpft hastig durch die Scheibe auf die andere Seite. Dort verharrt er einen kurzen Augenblick, sieht nochmal auf den Schwarzen. Dann ist er weg.

Inkognitos Anspannung ist verschwunden. Erschöpft liegt er am Boden und sieht aus dem Fenster, hinter dem der Verfolgte entwischt ist. Er bleibt liegen, atmet schwer, ballt die Armenden und lockert sie dann wieder. Ein verzweifelter Seufzer. Das Zittern der Wände ist inzwischen wieder abgeklungen. Die anderen Gestalten haben ihn jetzt fast erreicht. Als sie vor ihm zum Stillstand kommen, tritt der Grüne nach vorne und streckt seinen Arm aus. Er will Inkognito hochhelfen, doch der Schwarze reagiert nicht. Er wirkt niedergeschlagen. Plötzlich erklingt ein schwermütiges Harfenspiel. Es ist glasklar und deutlich zu hören. Inkognito dreht den Kopf zur Seite und erkennt jetzt, dass die Tür neben ihm einen Spalt offensteht. Langsam richtet er sich wieder auf.

Während die Musik in sein Gehör eindringt, hat er wieder die Szene vor Augen, in der sich der Violette von einer Türklinke hoch an die Decke katapultiert. In seiner Bewegung hatte er die Klinke vermutlich heruntergedrückt und dadurch die Tür geöffnet. Ein leichtes Knarren ertönt. Es reißt den Schwarzen wieder aus seinen Gedanken raus und er sieht jetzt, dass der Grüne den Türflügel gepackt hat und ihn langsam weiter öffnet. Der Schwarze schaut nun geradeaus in den Raum hinein. Vor ihm sitzt die orangene Gestalt auf einem alten Holztisch. In seinen Armen eine Harfe. Obwohl sein Blick jetzt auf die Gruppe hinter der Türschwelle gerichtet ist, zupft er weiter an ihren Saiten. Er wirkt dabei zusammengefallen, mit einer leicht nach unten abgeknickten Kopfhaltung.

Langsam betritt der Schwarze nun den Raum. Der Rest der Gruppe folgt ihm. Inkognitos Blick macht eine große Runde. Vor ihm offenbart sich ihm der Kunstraum dieser Schule. In der Mitte stehen die üblichen Tischreihen und die entsprechenden Stühle dahinter. Auf den meisten Tischen sind Flecken getrockneter Farbe. Aus manchen von ihnen schauen Köpfe von Nägeln heraus. Woanders kleben alte Tonklumpen. Der Geruch ist synthetisch. Inkognito schaut zu den Wänden. An der Wand gegenüber sind wenige große Fenster mit dem gewohnten grauen Ausblick zu sehen. Links und rechts von ihm zeigen die Wände weitläufige Muster. Vermutlich von Schülern gezeichnet. Vor den Wänden sind Staffeleien aufgestellt. Zu allen vier Seiten hin. Auf ihnen sind Gemälde angebracht. Gemalt in den unterschiedlichsten Stilen. Impressionismus, Expressionismus, Surrealismus. Dann mal ein Stillleben und dort drüben eine Radierung. Das Spiel der Harfe scheint allmählich in den Hintergrund des Bewusstseins zu rücken und untermalt schließlich die Betrachtung der Motive.

Inkognito macht ein paar zögerliche Schritte durch den Raum. Tritt näher an die Bilder heran. Irgendetwas lösen sie in ihm aus. Irgendwie berühren sie ihn. Auf dem ersten Bild sind ein Junge und ein Mädchen abgebildet. Ihre Gesichter wirken verwaschen. Sie stehen gerade nebeneinander und halten sich an den Händen. Er verharrt einen Augenblick vor dem Bild, geht dann weiter zum Nächsten. Der Rumpf eines Bootes. Der Blick geht vom Wasser aus. Zur Seite steht ein Paddel ab und ragt in den Himmel. Das Wasser ist grau und kantig. Noch ein Bild. Das grinsende Gesicht eines Mädchens. Es ist das Gleiche, wie auf dem Bild mit dem Jungen. Es hat die Augen zugekniffen und zeigt ihre Zähne. Es wirkt hier etwas jünger. Inkognito geht weiter. Das Mädchen steht hier an einem Brückengeländer und schaut nachdenklich herunter. Der Himmel über ihr ist verworren. Inkognito hält inne. Dreht sich weg und geht weiter entlang der nächsten Wand. Ein Bild im Comicstil. Es zeigt den Jungen, wie er eine Straße entlang geht. Der Körper ist mit vielen Schwingungen versehen. Er wirkt kräftig, selbstbewusst. Daneben ein Portrait dieses Jungen. Sehr detailreich. Inkognito will weitergehen. Von hinten plötzlich die Stimme des Blauen.

Blauer: …was machst du denn solange da?

Inkognito holt tief Luft, bricht seine Besichtigung jetzt ab und nickt. Dann wendet er sich zum Orangenen und macht ein paar Schritte auf ihn zu.

Inkognito: …hast du all diese Bilder gemalt?

Der Orangene lässt seine Harfe verklingen. Dann sieht er den Schwarzen an. Hält den Blick eine Weile und lässt den Kopf dann herabsinken. Inkognito sieht zu ihm. Sieht für einen kurzen Augenblick das niedergeschlagene Gesicht des Mädchens in ihm. Dann ist es wieder weg.

Blauer: …jetzt nimm den Kerl mit und dann raus hier!

Inkognito scheint ihn zunächst nicht zu hören. Reagiert nicht auf ihn. Dann nickt er aber schließlich. Entschlossen hebt er den Arm und richtet seinen Dirigentenstab auf den Orangenen. Sein Gegenüber blickt wieder auf. Der Schwarze schwingt den Stab nun langsam und taktvoll nach rechts. Eine kurze Pause. Dann schwingt er ihn weiter nach links. Orange legt sein Armende jetzt an die Harfe. Inkognito schwingt den Stab elegant nach oben. Orange beginnt zu spielen. Eine Weile stehen sie sich gegenüber und musizieren. Inkognito gibt den Takt vor - Orange spielt die Musik dazu. Es klingt melancholisch. Auf eine gewisse Art und Weise faszinierend. Als das Lied sich dann auf ein Stimmungstief zu bewegt, beginnt der Grüne auf seiner Geige zu spielen und hebt die Stimmung des Liedes langsam wieder an. Allmählich kommt er näher und steht schließlich neben Schwarz und Orange. Blau und Braun sehen dabei zu…
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BeitragVerfasst am: Sa Nov 19, 2011 21:54    Titel: Antworten mit Zitat

Teil 2

Kapitel 10: Widerstand


Langsam senkt Inkognito den Stab wieder und leitet Grün und Orange dazu an, die Musik zum Abschluss zu bringen. Für ein paar Sekunden verhallen noch zwei, drei Töne der Harfe im Raum. Dann ist es wieder still. Wie auf ein Zeichen wendet sich der Blaue nun dem Ausgang des Raumes zu und schreitet über die Türschwelle nach draußen. Inkognito bleibt stehen. Bleibt ruhig. Er spürt etwas. Der Raum beginnt leicht zu zittern. Grün und Braun drehen sich zu ihm. Sehen ihn an. Orange bliebt auf dem Schultisch sitzen, den Kopf zu Boden geneigt.

Schwarz atmet schwer. Dann blickt er zur hinteren Wand des Kunstraumes. Sieht geradeaus auf eins der Fenster. Sein Blick ist geschärft und fällt auf den Violetten. Halb vor dem Fenster, halb hinter dem Fenster, steht er in der Scheibe. Er scheint konzentriert zu sein. In seinem linken Armende hängt seine Triangel, in dem rechten Armende der kleine Eisenstab. Ihre Blicke treffen sich. Violett und Schwarz. Der Raum zittert stärker. Gibt ein langsam lauter werdendes Rumoren von sich. Staub rieselt von der Decke. Weiter hinten im Raum fällt ein Bild von der Staffelei und landet mit der Frontseite auf dem Fußboden. Es ist das Bild mit dem selbstbewussten Jungen.

Ein lautes und kratziges Quietschen. Irgendwo in der Nähe. Der Staub auf dem Boden wandert langsam gegen die linke Wand und türmt sich dort auf. Violett hebt seine Arme. Führt sie zusammen. Führt beide Teile seines Instruments zusammen und lässt es schließlich wieder erklingen. Braun und Grün sehen zu. Geben keinen Ton von sich. Inkognitos Arme sind angespannt. Rechts hält er seinen Stab bereit. Auf dem ersten Blick scheint sich das Instrument nicht zu bewegen, schwingt aber mit minimalen Bewegungen hin und her. Bei jedem Aufschwingen scheint der Violette mit seiner Triangel zu antworten. Bei jedem Abschwingen verklingt sie wieder.

Ein kräftiger Schlag trifft den Raum. Erschütterndes Getöse folgt. Fast alle weiteren Gemälde krachen jetzt zu Boden. Regale fallen hinterher. Begraben die Kunstwerke. Farbe läuft aus. Graue Farbe. Überall bilden sich graue Pfützen auf dem Boden. Grün und Braun weichen zurück. Orange hält sich an seinem Tisch fest und hat seinen freien Arm fest um seine Harfe gelegt. Der hintere Teil von Violetts Körpers taucht jetzt durch die Scheibe hindurch, in den Raum hinein. Es wirkt so, als läge er senkrecht auf dem Fenster. Dann sinkt er leicht herunter und steht schließlich aufrecht auf der Fensterbank. Wieder der Klang der Triangel. Neben ihm krabbeln jetzt dünne Ströme von schwarzen Insekten durch das Fenster in den Raum hinein.

Instinktiv reißt der Schwarze den Stab in Richtung des ersten Stroms und hält ihn stramm auf den Insektenschwarm gerichtet. Der Schwarm stoppt und zerschmilzt auf dem Boden augenblicklich zu einer schwarzen Brühe. Dann schwingt er ihn in die andere Richtung. Auch dort unterbricht er die Insektenkolonie und lässt sie regelrecht verkochen. Noch ein Schwarm. Noch ein Schwung. Derselbe Ablauf wiederholt sich einige Male. Langsam wird die Erschütterung wieder schwächer. Die Insektenströme scheinen wieder nachzulassen. Violett hält den Blick auf Inkognito gerichtet. Führt seine Arme erneut zusammen und lässt sein Instrument ein weiteres Mal erklingen. Es verhallt. Und mit ihm scheint sich auch das Beben zu verflüchtigen.

Stille. Der Schwarze senkt seinen Stab herab. Hebt sein Bein an und will einen Schritt auf den Violetten zugehen. Doch er unterbricht die Bewegung. Er lauscht. Sein Herz geht plötzlich schneller. Ein dumpfes Rumoren. Augenblicklich wuchtet etwas von draußen gegen das Fenster. Die ganze Hinterwand scheint für einen kurzen Moment zu schwingen. Wieder Stille. Noch ein wuchtiger Schlag. Grün macht einige Schritte zurück. Steht jetzt mit dem Rücken direkt vor dem Ausgang. Seine Geige fällt zu Boden. Inkognitos Griff um seinen Stab wird fester.

Mit einem gewaltigen Krach zersplittert die Fensterscheibe hinter Violett und eine ganze Flutwelle von Insekten strömt in den Raum hinein. Panisch rennen Grün und Braun zur Ausgangstür. Orange will ihnen folgen, wird bei seinem Fluchtversuch aber von den schwarzen Käfern überschüttet. Er scheint in einem Meer aus dunklem Gekrabbel zu verschwinden. Inkognito bleibt weiterhin stehen. Sieht zu, wie das Ungeziefer auf ihn herabstürzt und wird ebenfalls von ihnen überflutet. Sie beginnen, sich unbarmherzig in seinen Körper hineinzufressen. Doch ein plötzlicher Windstoß hindert sie daran. Auf einen Schlag wird ein großer Teil der Viecher von ihm heruntergerissen. Sein Oberkörper ist wieder sichtbar und schaut jetzt aus dem Rest der krabbelnden Masse heraus - vorneweg sein Dirigentenstab. Inkognito schwingt ihn nach links. Unmengen von Käfern klatschen zu seiner Linken gegen die Wand und verpuffen dort. Hinterlassen einen großen schwarzen Fleck. Dann ein Schwung nach rechts. Und wieder nach links. Langsam aber sicher bildet sich vor der schwarzen Gestalt eine Käferfreier Pfad, der geradewegs zum violetten Triangel-Spieler führt.

Violett beginnt sich unruhig zu verhalten und tastet hinter sich die Scheibe ab. Inkognito hingegen tritt näher auf den Violetten zu. Noch immer strömen weitere Insekten in den Raum. Machen jetzt aber zu beiden Seiten einen Bogen um den Schwarzen. Inkognito und die Insektenkolonien wirken für den Augenblick wie Magneten deren Pole sich voneinander abstoßen. Hinter dem Schwarzen krabbeln die schwarzen Viecher wieder aus dem Raum heraus und scheinen dort in alle Richtungen zu verschwinden. Inkognito kommt einen weiteren Schritt näher. Hat den Arm angehoben und hält den Stab auf den Kopf des Violetten gerichtet. Sein Gegenüber zittert. Seine Triangel baumelt unruhig von seinem Armende. Wie ein Pendel schwingt sie hin und her. Dann fällt sie schließlich zu Boden und hinterlässt ein Klirren beim Aufprall.

Inkognito senkt den Stab und deutet jetzt auf das heruntergefallene Instrument. Der Violette bleibt noch einen Moment aufrecht stehen, bückt sich dann schließlich und hebt seine Triangel wieder auf. Das Ungeziefer wird weniger - kaum mehr der Rede wert. Inzwischen ist auch der Orangene wieder zum Vorschein gekommen. Zusammengekauert sitzt er hinter einem umgestürzten Schultisch und hat seine Arme schützend um seine Harfe geschlungen. Sein Kopf ist nach unten gerichtet und gegen die Oberarme gedrückt. Er scheint Inkognito auf diese Weise nicht sehen zu können. Und auch Inkognito scheint sich dessen Präsenz in diesem Augenblick nicht bewusst. Seine Gedanken sind woanders. Sie sind beim Violetten. Bei dem festen Entschluss, endlich Herr über ihn zu werden.

Der Violette steht wieder. Zittert immer noch nervös. Zwischen ihm und dem Schwarzen sind noch ungefähr zwei Schritte Platz. Inkognito atmet jetzt ruhig. Schwingt den Stab bedächtig nach links und in einer flüssigen Bewegung dann diagonal nach oben. Dann wieder herunter und nochmal nach links. Er ist konzentriert. Legt all seine Kraft und Beherrschung in das Dirigieren. Der Violette zögert erst, folgt ihm dann aber mit seinem Instrument und spielt die angegebenen Töne. Wenngleich die Triangel ein simples Instrument zu sein scheint, dem man keine große Tonvariation zutraut, so schaffen es Violett und Schwarz scheinbar doch, eine Melodie damit zu erzeugen. Die Musik scheint die Nervosität des Violetten langsam wieder abzubauen.

Während die beiden mit dem Musizieren beschäftigt sind, kehren Braun und Grün allmählich wieder in den Raum zurück. Orange lockert jetzt den Griff um sein Instrument, steht dabei langsam auf und horcht. Zögerlich rücken die drei Zuhörer zusammen und versammeln sich um Schwarz und Violett. Für den Augenblick erscheint die Szene seltsam harmonisch und wirkt vollkommen konträr zum leblos grauen Kunstraum, der durch das Beben und die Käfer ziemlich in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Es wirkt wie das Lebendige, das vom Toten ummantelt ist.

Plötzlich ertönt die Stimme des Blauen und unterbricht die Musik der Triangel. Es kommt von draußen, vom Flur.

Blauer: …Hey! Kommt mal alle her und hört euch diesen Gesang an!

Inkognitos Herz macht einen kräftigen Schlag. Es ist Rot. Es ist ihr Gesang, den Blau vernimmt. In Gedanken dreht er sich ruckartig zum Ausgang und rennt in den Flur. Aber nur in Gedanken. Tatsächlich bleibt er beherrscht. Dreht sich nicht um, sondern wirft dem Violetten einen strengen Blick zu und wartet auf eine Reaktion. Sein Gegenüber verhält sich ruhig. Dann steigt er schließlich von der Fensterbank herunter und bleibt vor dem Schwarzen stehen. Es dauert einen kleinen Moment, dann nickt er und führt seinen Eisenstab wieder zur Triangel. Er spielt einen Ton. Einen Ton, der jetzt vertrauenserweckend wirkt.

Für einen Augenblick sehen sich beide einander an. Erst als Inkognito schließlich vollkommene Sicherheit verspürt, Violett unter Kontrolle zu haben, senkt er seinen Dirigentenstab wieder herab und dreht sich dann endlich zum Ausgang des Raumes. Ohne weiter zu zögern, geht er los. Geht an Grün, Braun und Orange vorbei und tritt in den Flur. Blau steht etwa zehn bis fünfzehn Schritte vor ihm, genau dort, wo der Gang einen Knick um die Ecke macht. Der Blick der blauen Gestalt ist ohne Zweifel auf das Treppenhaus gerichtet.

Inkognitos Schritte sind gleichmäßig. Seine Bewegungen wirken mechanisch. Auf eine gewisse Art und Weise merkt man ihm eine große innere Anspannung an. Er kann sie zurückhalten. Doch nur mit großer Mühe. Er passiert jetzt den Blauen. Sieht nun auch zum anderen Ende des Ganges, wo die Treppenstufen sowohl nach unten als auch nach oben führen. Zum dritten Stock und zum Dach. Er atmet leise. Horcht. Und dann kann er es schließlich auch hören. Ein vertrauter Gesang. Ein wunderschöner Gesang. Er droht sein Herz zum Schmelzen zu bringen. Doch er wehrt sich dagegen. Es ist seine Aufgabe. Er ist derjenige, nach dessen Pfeife getanzt wird. Immer wieder kehren die Worte der weißen Gestalt in sein Gedächtnis zurück. Stehen im inneren Kampf mit der erlebten Zärtlichkeit mit Rot. Er darf nicht nachgeben. Nicht nochmal.

Hinter ihm sind nun auch die Anderen zusammengekommen. Grün, Braun und Orange. Und auch Violett. Wie eine Gruppe von treuen Gefährten stehen sie hinter ihm. Schwarz hat sie bemerkt, dreht sich aber nicht zu ihnen um. Der Blick ist starr nach vorne gerichtet.

Inkognito: …es kommt von unten. Aus ihrem Raum. Aus dem Versuchsraum der Physiker…

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BeitragVerfasst am: So Dez 04, 2011 21:10    Titel: Antworten mit Zitat

Teil 2

Kapitel 11: Beherrschung


♪ …Komm zu mir. Komm zu mir. Komm in meine Arme. ~Ich halte dich. Ich liebe dich. Komm in meine Arme… ♪

♪ …Ich komm zu dir. Komm zu dir. Schenke dir ein Lächeln. ~Ich küsse dich. Ich liebe dich. Schenke dir ein Lächeln… ♪



Immer wieder dringen diese Texte in Inkognitos Verstand ein. Es ist der Gesang der Roten. Eigentlich ein abstraktes, liebliches Summen. Doch irgendwie scheint es in seinem Kopf diese liebeserfüllten Botschaften zu formen. Während er den Gang entlang schreitet, hält er das linke Armende an seinen Kopf. Er scheint an Kopfschmerzen zu leiden. Migräne vom harten Kampf gegen seine eigenen Bedürfnisse. Gegen seine inneren Zweifel. Die Jagd nach dem Violetten hatte diese Gedanken irgendwie zurückgehalten. Doch jetzt, da er es geschafft hat, Violett in seine Gewalt zu bringen, scheinen sie sich wie eine Seuche in ihm ausbreiten zu wollen. Diese unendliche Sehnsucht nach der roten Schönheit. Diese innere Unsicherheit, Herr über sie zu werden.

Als die Gruppe endlich vor dem Treppenhaus angekommen ist, beginnt der Orangene auf seiner Harfe zu spielen. Für den Moment übertönt er den Gesang der Roten. Doch sein Spiel währt nicht lange. Mit einer nahezu warnenden Gestik reißt Inkognito seinen Dirigentenstab in die Höhe und schaut eindringlich zum Harfenspieler. Augenblicklich bricht Orange die Musik wieder ab, sodass der Gesang allmählich wieder in den Vordergrund rückt.



♪ …Ich liebe dich, und du liebst mich. Wir werden uns gleich küssen. ~Ich liebe dich und du liebst mich. Zusammen sind wir glücklich… ♪




Inkognitos Gedanken verdunkeln sich. Dann das Geräusch eines umgelegten Schalters. Licht. Ein Scheinwerfer geht an. Wirft einen Lichtkegel auf den Boden. Dort steht der Blaue. Hält die rote Gestalt in den Armen. Jetzt küsst er sie. Sie umarmt ihn. Irgendwo aus dem Hintergrund heraus beginnt der Gelbe, fürchterlich zu lachen. Das Bild wird verzerrt. Plötzlich sind die Gedanken wieder an Ort und Stelle. Die Gruppe ist inzwischen die Treppe hinabgestiegen und im dritten Stock angekommen. Der Gesang ist hier deutlicher. Der Schwarze drückt seinen linken Arm nun stärker gegen den Kopf. Atmet laut ein. Dann wieder aus. Holt tief Luft. Hält sie einen Moment. Und bläst sie wieder heraus. Schließlich senkt er den Arm wieder herab und dreht seinen Kopf nach hinten zu den Anderen. Grün ist wieder etwas hinten dran. Braun steht dicht hinter dem Blauen. Sehr dicht.

Inkognito:
…wir machen es, wie Grün es vorgeschlagen hat und springen durch eine freigelegte Stelle im Boden. So erreichen wir den zweiten Stock und sollten wenig später bei Rot ankommen. (Pause) Wenn wir bei ihr sind, will ich absolute Ruhe. Keine Musik, keine Zwischenfälle. Habt ihr das verstanden?

Braun, Orange und Violett scheinen nicht zu reagieren und bleiben ruhig. Grün nickt. Blau zuckt mit den Schultern.

Blauer: …mach nicht immer so einen Stress. Das ist ja fürchterlich.

Inkognito überlegt. Will ihm etwas entgegenbringen. Schweigt dann aber und geht weiter. Das Licht ist schwach. Die meisten Neonröhren im bevor liegenden Flur sind ausgefallen oder aufgesplittert. Die Sicht aus den Fenstern ist schlecht. Die Luft da draußen wirkt milchig. Immer wieder senkt der Schwarze den Kopf herab und betrachtet den Boden. Versucht, die schmalen Löcher zu umgehen und nicht auf die Risse zu treten. Bei dem Gedanken, dass die Gruppengröße inzwischen auf sechs Personen angewachsen ist, kommen ihm Zweifel, ob der Boden das Gewicht überhaupt noch lange tragen kann.

Hin und wieder ertönen ein Knarren und ein Bröckeln. Bei dem warmen Gesang der Roten scheinen diese Geräusche allerdings zur Nebensache zu werden. Die Gruppe passiert die Abzweigung in der Mitte des Flurs und geht weiter geradeaus. Vorne klafft der Boden nun auseinander. Von der linken bis zur rechten Wand und zwei Meter in die Länge gezogen. Inkognito erinnert sich an das Beben im zweiten Stock. Daran, als eine Betonplatte auf Grün niederfiel und Violett entwischte. Hier war es passiert. Hier war die Decke herabgestürzt. Als der Schwarze schließlich vor dem Abgrund zum Stillstand kommt, kniet er nieder und sieht durch das Loch hindurch in das darunter liegende Stockwerk. Unten liegt jede Menge Schutt und Geröll. Es ist aufgetürmt. Beinahe wie eine abstrakte Treppe, die den Abstieg nach unten erleichtern soll. Nun beugt er sich vor. Schätzt die Tiefe ab. Bis zur Spitze des Schutthaufens sind es vielleicht knapp anderthalb Meter. Er nickt und springt schließlich.

Als er unten aufkommt, bröckeln die Steine unter ihm zur Seite auseinander. Bis zur Hüfte sinkt er im zerbröselten Beton ein. Dann finden seine Füße schließlich festen Halt. Es wirkt alles sehr instabil. Ein Gefühl sagt ihm, dass er nicht länger als nötig in diesem Flur verweilen sollte. Dann erreicht ihn plötzlich wieder der Gesang. Er ist ganz in der Nähe. Kommt von dort vorne. Inkognito schluckt. Atmet wieder tief und langsam durch. Plötzlich ruft der Grüne von oben etwas herunter. Er hat sich vorgebeugt und sieht auf den Schwarzen herab.

Grüner: …der Boden ist stabil, nicht wahr? Dann kommen wir jetzt nach.

Inkognito blickt nach oben. Wartet einen Augenblick und zuckt dann mit den Schultern.

Inkognito: …Schätze schon.

Langsam greift der Schwarze nach ein paar größeren Betonplatten und zieht sich daran wieder aus dem Schutthaufen heraus. Als sein Körper dann wieder freigelegt ist, klettert er auf einen breiteren Gesteinsbrocken und bewegt sich von dort aus auf Boden des Gangs. Er blickt sich um. Realisiert, dass die Zerstörung hier immensen Schaden angerichtet hat. Dicke Risse durchziehen die Wände. Hinter ihm sind weitere große Löcher im Boden. Vor ihm jede Menge herabgestürzte Betonstücke. Die Fenster sind beschlagen und die Beleuchtung nahezu komplett ausgefallen. Und doch fällt die Verwüstung kaum auf, wenn man der roten Gestalt beim Singen zuhört. Es ist wie eine Droge, die einen vergessen lässt, dass die Welt um einen herum am auseinanderbrechen ist.

Grün kommt nun auch unten an. Stürzt etwas tiefer, da der Schwarze den Schutthaufen bei seinem Sprung bereits auseinandergedrückt hat. Während der Blaue ansetzt, hinterher zu springen, krabbelt Violett über den Boden in das Loch hinein, findet darunter Halt an der Decke und bewegt sich von dort an der Wand entlang in das darunterliegende Stockwerk. Nach und nach kommt die Gruppe nun unten an und verhält sich dabei weitgehend ruhig. Keine Musik, kein Ärger. Inkognito geht weiter. Lauscht dem Gesang und passiert die Abzweigung am Ende des Ganges. Vorne steht eine Tür offen. Licht scheint von dort in den Gang hinein. Schwach und flackernd. In seinem Schein fliegen unzählige kleine Staubkörnchen. Er sieht geradeaus, steigt instinktiv über die Gesteinsbrocken auf dem Boden und macht weite Schritte über die schmalen Abgründe, ohne dorthin zusehen. Als spüre er, wie er sich zu bewegen hat. Er kommt näher. Der Gesang ist jetzt unmittelbar vor ihm. Sein Herz hämmert wie verrückt und ein angenehmes Kribbeln versucht all seine Vernunft aufzusaugen. Noch zwei Türen. Noch eine. Da vorne ist sie. Nur noch ein langer Schritt nach vorne und er steht genau im Lichtschein. Doch er hält inne. Wartet noch. Bereitet sich vor.



♪ …Du bist jetzt hier. Du bist jetzt hier. Bereit mich zu liebkosen. ~Ich sing für dich. Ich tanz für dich. Gehör dir ganz allein... ♪

♪ …Ich bin jetzt hier. Ich bin jetzt hier. Bereit dich zu umschlingen. ~Vergiss die Pflicht. Komm her zu mir. Dann werden wir uns lieben… ♪
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BeitragVerfasst am: Sa Dez 17, 2011 20:42    Titel: Antworten mit Zitat

Teil 2

Kapitel 12: Erscheinungen


Inkognito macht einen Schritt nach vorne und steht jetzt genau vor dem Versuchsraum der Physiker. Sein Blick ist in den Raum hinein gerichtet. Er sieht Rot. Sieht, wie sie mittig auf einem großen Sofa sitzt und friedlich weitersingt. Er tritt jetzt ein. Sein Atem ist brüchig und sein Körper von einer Mischung aus Zittern und Hitze erfüllt. Den Dirigentenstab hält er unruhig in seinem rechten Armende. Da er den Blick ununterbrochen auf die rote Gestalt gerichtet hält, scheint ihm nicht aufzufallen, dass sich der Raum seit seinem letzten Besuch verändert hat. Er wirkt jetzt leerer und größer. Sämtliche Möbel scheinen ausgeräumt zu sein. Keine Tische, keine Stühle mehr. Und hinten an der gegenüberliegenden Wand ist nur noch ein kleines unauffälliges Fenster zu sehen. Von der Decke hängen jetzt ungefähr ein Dutzend Lampen herunter. Alte Glühbirnen, die von einem Lampenschirm aus altem dünnen Stoff umgeben sind. Sie spenden nur wenig Licht. Zudem scheint es aus einem unersichtlichen Grund zunehmend dunkler zu werden. So wie Inkognito es im Schwimmbad erlebt hatte. Doch nirgendwo scheint es eine Kraft zu geben, die das Licht aufsaugt. Der Schwarze macht noch einen Schritt hinein. Die Anderen folgen. Übertreten die Türschwelle und bleiben dicht hinter ihm. Die ganze Gruppe. Blau, Grün, Braun, Orange und Violett. Der Gesang von Rot dringt unmittelbar in Inkognitos Kopf ein.



♪ …Ich freue mich. ~Freust du dich auch? Wir sind jetzt zusammen. ~Wir können jetzt, wir werden jetzt gemeinsam Liebe haben... ♪



Inkognito atmet tief. Dann verlässt ihn ein Seufzer. Gefolgt von einem langen Stöhnen. Seinen Stab hält er mit Mühe fest. Sein Körper fühlt sich leicht an. Droht abzuheben. Und doch hält er mit aller Kraft dagegen, seinen Gefühlen nachzugeben. Neben ihm platscht etwas zu Boden. Erschrocken dreht er sich dorthin, während woanders im Raum weitere Geräusche von aufklatschender Flüssigkeit ertönen. Als er auf den Boden sieht, erkennt er eine große gelbe Pfütze. In dem gedämpften Licht und der grauen Raumumgebung wirkt die Farbe überaus grell. Wieder platscht es. Und er dreht sich abermals in die entsprechende Richtung. Erkennt jetzt mehrere gelbe Farbflecken auf dem Boden. Schließlich wandert sein Blick an die Decke. Alles voller gelber Farbe, die sich im Zentrum der Decke zu einem dicken Farbtropfen bündelt, um dann in die Tiefe tropfen. Ein verzerrtes Trompetenspiel. Es wird umlacht. Irgendwo. Und doch wieder nirgendwo.



♪ …Mein Schoß ist frei. ~Komme und setze dich. Ich singe dir was vor. ~Vergesse was dir Sorgen macht, jetzt gibt es nur noch uns… ♪



Die rote Gestalt bewegt ihre Beine ein wenig auseinander und bedeutet Inkognito mit dem rechten Arm, sich auf ihre Oberschenkel zu setzen. Mit dem anderen Arm fährt sie durch ihre Strähnen und legt ihren Kopf dabei leicht nach hinten. Es wirkt einladend. Erneut löst sich gelbe Farbe von der Decke. Diesmal klatscht sie direkt auf die rote Gestalt nieder. Bedeckt große Teile ihres roten Körpers, ohne sich dabei zu einem Orange zu verbinden. Sie bleibt ruhig. Bleibt verführerisch. Die anderen Gestalten hinter Inkognito machen einen Schritt zurück. Stehen jetzt quasi an der Rückwand. Ihre Körper haben inzwischen ebenfalls gelbe Farbe abbekommen. Die Trompete und auch das seltsame Gelächter scheinen sich immer gewaltsamer in Inkognitos Bewusstsein drängen zu wollen.

Er schließt jetzt die nicht vorhandenen Augen. Konzentriert sich. Gewährt dem Gesang von Rot keinen Einlass mehr. Langsam wird es schwarz in ihm. Dunkel und leer. Die Trompete verliert sich wieder. Auch das Lachen verstummt. Nur noch seine Atmung verbleibt. Ein. Aus. Pause. Nichts. Ein. Aus. Pause. Nichts. Wieder nichts. Pause. Dann wieder ein. Aus. Ein. Aus.

Vor ihm baut sich ein Labyrinth auf. Er sieht es von oben. Es hat dicke Mauern. Genauso dick, wie die Gänge darin. Es scheint zu den Seiten hin kein Ende zu nehmen. Jetzt sieht er sich selbst darin. Nein. Es ist nicht er. Es ist die schwarze Silhouette eines Mädchens. Eine junge Frau. Sie rennt los. Er rennt los. Er denkt ihre Bewegungen. Steuert sie. Lenkt sie. Rennt nach vorne. Dort ist eine Wand. Sie biegt ab. Rennt weiter. Vorne ist eine Sackgasse. Sie rennt. Stoppt. Biegt wieder ab. Rennt. Eine Gabelung. Rechts oder links? Links. Sie rennt nach links. Einen langen Pfad entlang. Sehr lang. Lässt zu den Seiten einige Abzweigungen aus. Vorne wieder eine Sackgasse. Sie dreht sich um. Hinter ihr ist jetzt kein Weg mehr. Nein. Eine Mauer. Dort, wo sie her kam. Sie dreht sich umher. Scheint gefangen. In den Mauern.

Inkognito spürt die Schwingungen seines Stabes. Denkt daran. Denkt daran, ihn noch einmal zu schwingen. Schwingt ihn dann nach rechts. Kräftiger. Nochmal. Dann zerbricht die Wand neben dem schwarzen Mädchen. Bröckelt auseinander. Der Weg ist wieder frei. Sie rennt weiter. Er rennt weiter. Beide gemeinsam. Er denkt sie. Sie folgt. Rennt. Rennt weiter. Immer weiter. Dann verblasst sie. Und dann auch das Labyrinth. Es wird wieder dunkel. Dann feucht. Nass. Irgendwas schlägt auf ihn ein. Es riecht süß. Künstlich. Aber frisch. Langsam sieht Inkognito wieder seine reale Umgebung. Merkt jetzt, wie die gelbe Farbe von seinem Kopf auf seine Schultern tropft. Rot schaut ihn an. Erwartungsvoll. Sie singt. Aus ganzem Herzen. Doch ihre Botschaft kommt nicht mehr an. Nur noch das abstrakte Gesumme.

Der Schwarze geht wieder weiter. Auf sie zu. Hebt den Stab. Richtet ihn auf sie. Die rote Gestalt sieht hin. Verändert die Tonlage. Es wirkt jetzt etwas mitleidig. Nach einem schwachen Flehen. Inkognito geht nicht darauf ein. Er verhält sich kühl. Erwidert ihre Gefühle nicht. Er steht jetzt genau vor ihr. Sieht sie an. Über ihm ertönt ein kratziges Knarren. Der Raum beginnt kurz zu zittern. Dann ein lautes Poltern. Das Zittern verwandelt sich in ein kraftvolles Rütteln. Der Raum scheint jetzt langsam zu kippen. Inkognito droht zu stolpern. Doch rasch setzt er die Beine weiter auseinander und steht dann wieder sicher aufrecht. Das Knarren wird lauter. Sehr viel lauter. Die gelben Tropfen scheinen auszubleiben. Der Schwarze sieht jetzt wieder hoch. Sieht, wie sich die ganze Farbe an einem kleinen Punkt miteinander vereint. Weiter hinten fällt jetzt eine Lampe zu Boden. Die Birne zerbricht mit einem hellen Klirren. Der Ton einer Triangel. Violett hat ein Lied angestimmt. Er steht ruhig zwischen den Anderen und spielt auf seinem Instrument. Inkognitos Blick bleibt an die Decke gerichtet. Und der Blick von Rot bleibt beim Schwarzen. Ihr Gesang weiterhin flehend.

In der Mitte der Farbkonzentration oben an der Decke bildet sich ein Riss. Schnell schlängelt er sich durch die ganze Decke hindurch. Wächst immer weiter. Wieder ein unerträglich lautes Knarren. Rechts und links vom Riss scheinen die Deckenplatten mühsam auseinandergezogen zu werden. Es bröckelt. Es rumpelt. Es kracht. Aus der Öffnung fließt jetzt ein dicker Schwall gelber Farbe. Überschüttet Rot und Schwarz. Ein lautes, grölendes Lachen folgt. Dann ein dumpfes Rumoren. Die Decke geht weiter auseinander. Es wirkt jetzt so, als fließen zwei gelbe Wasserfälle von den beiden Deckenplatten in den Versuchsraum hinein. Langsam aber sicher scheint sich der ganze Boden des Raumes zu verfärben. Die Farbe füllt ihn. Trotz offen stehender Tür entweicht sie nicht. Schon innerhalb weniger Sekunden stehen alle Gestalten in diesem Raum bis zu den Knöcheln in der Farbe. Inkognito verschließt seine Sicht wieder. Schwingt währenddessen seinen Stab. Seine Bewegungen sind präzise. Gezielt und bedacht.

Es wird wieder still. Die Triangel verstummt. Das Singen ist weg. Nur noch seine Atmung. Nein. Seine Atmung und das Knarren und Krachen des Raumes. Als gehöre es dazu.

Vor ihm baut sich das Bild zweier Menschen auf. Es ist das Mädchen aus dem Labyrinth. Diesmal in ihren natürlichen Farben. Klar und deutlich zu erkennen. Daneben ein Junge. Jetzt sieht er es. Es sind die beiden Personen von den Bildern. Die Bilder, die er im Kunstraum gesehen hat. Sie sehen einander an. Der Junge lächelt. Inkognito lächelt. Steuert wieder das Mädchen. Jetzt lächelt sie auch. Der Junge hebt seinen Arm. Legt ihn um sie. Inkognitos Luft bleibt weg. Er beginnt zu husten. Verliert die Kontrolle über das Mädchen. Doch er sieht weiter zu. Sieht nun, wie sie leblos da sitzt. Unwissend, was sie machen soll. Der Junge schaut besorgt. Schaut ihr in die Augen. Sie wirken leer. Seelenlos. Inkognitos Husten wird stärker. Sein Körper bebt. Augenblicklich presst er sein linkes Armende gegen seine Brust. Er röchelt. Das Mädchen droht zu kippen. Es gibt es einen Windstoß. Der Junge und das Mädchen verbinden sich mit dem Wind. Ihre Gestalten zergehen und werden vom Wind davon getragen. Der Husten lässt nach. Es wird wieder dunkel. Dunkel und leer.

Der Schwarze findet sich wieder im Versuchsraum der Physiker wieder. Spürt jetzt zwei leichte Gewichte auf seinen Schultern. Es ist Rot. Sie ist aufgestanden und hat ihre Arme um ihn gelegt. Sein Herz setzt kurz aus. Schlägt dann mit erhöhter Geschwindigkeit weiter. Ein Lachen. Es kommt von oben. Inkognito ignoriert Rot so gut er kann und sieht rauf. Die Decke ist aufgespalten. Von einem Raumende bis zum Anderen. Und die Räume darüber auch. Er sieht geradewegs in den grauen vernebelten Himmel. Und auf den Riss, der nachwievor den Himmel ziert. Er sieht ihn jetzt deutlicher als vorher. Sieht jetzt, dass er keineswegs gerade verläuft, sondern verästelt ist. Inkognito steht nachwievor bis zu den Knien in gelber Farbe und bemerkt jetzt, dass von oben nichts mehr nachfließt. Seine Gefühle und Gedanken überschlagen sich. Er beginnt stark zu zittern. Wirkt überfordert.



Die ganze Schule ist am auseinander reißen. Ist das jetzt der Anfang vom Ende? Bin ich zu spät? Was waren das für Erscheinungen? Dieses Mädchen. Und dieser Junge. Wer sind sie? Sind es Erinnerungen? Habe ich im Kunstraum meine Erinnerungen gesehen? Ich weiß es nicht. Ich weiß nichts mehr. Was hatte ich für ein Leben? Habe ich überhaupt je gelebt? Lebe ich jetzt?



Ich muss meine Aufgabe erfüllen. Bevor hier alles ins Chaos stürzt. Ja. Meine Aufgabe. Das einzige, an das ich mich klar halten kann. Meine Aufgabe, dieses Konzert zu spielen. Ich muss weiter machen. Ja.



Das Lachen über ihm ertönt erneut. Es ist kraftvoll und bringt ihn wieder an den Ort des Geschehens zurück. Er sieht noch einmal rauf. Blendet Rot für den Moment wieder aus. Sieht durch den Spalt hindurch eine dieser farbigen Gestalten auf einer der beiden Dachplatten stehen. Sie steht leicht gebeugt über dem Spalt und lacht unentwegt weiter. Es ist der Gelbe. Es ist die gelbe Gestalt, die nun ihre Trompete wieder zum nicht vorhandenen Gesicht führt und erneut anfängt, darauf zu spielen.
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