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Vom Phönix aus der Asche
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Liro




Alter: 27
Anmeldungsdatum: 01.08.2010
Beiträge: 346
Wohnort: OWL
BeitragVerfasst am: Do Mai 19, 2011 19:43    Titel: Vom Phönix aus der Asche Antworten mit Zitat

Hallo zusammen,

schon seit längerer Zeit bin ich nicht mehr dazu gekommen, meinen Kurzgeschichten-Thread mit neuen Einträgen zu füllen. Der Grund dafür ist der Umstand, dass ich vor etwa einem Monat damit begonnen habe, eine umfangreichere Geschichte zu schreiben. Heute - nach einigen Wochen intensiven Schreibens - bin ich damit endlich fertig geworden und freue mich, sie nun hier in diesem Thread veröffentlichen zu können.

Die Geschichte besteht aus drei Teilen, wobei jeder Teil wiederum in eine gewisse Anzahl von Kurzkapiteln gegliedert ist. Der Umfang eines Kurzkapitels ist - wie der Name schon sagt - eher knapp gehalten, sodass man als Leser nicht befürchten braucht, von einer massigen Textflut erschlagen zu werden. Aus dem selben Grund werde ich die Geschichte auch sukzessive hier einstellen und folglich jede Woche ein neues Kapitel hinzufgen. Da ich heute damit beginnen werde, stelle ich also planmäßig jeden Donnerstag ein weiterführendes Kapitel ein.

Da ich weder ein Deutschlehrer, noch ein Germanistik-Student bin, kann es sein, dass ihr hin und wieder kleinere Fehler findet. Ich bitte euch, da nicht zu kleinlich zu sein. Perfekt ist schließlich niemand. So. Damit aber auch genug geredet. Ich wünsche euch viel Spaß beim lesen. Und wenn ihr mal ein Kapitel kommentieren wollt, dann schreibt es ruhig in diesen Thread. Ich freue mich über jedes Feedback.


Vom Phönix aus der Asche


Teil I

Kapitel 1: Geburt


Es ist dunkel. Um mich herum fühlt es sich kalt an. Ich versuche, der Kälte zu entkommen. Versuche, mich aus ihr heraus zu bewegen. Aber es ist so schwer. Ich fühle mich wie ein Stein. Ich liege einfach da. Ich versuche es immer wieder. Vergeblich. Es fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Wie lange bin ich schon hier? Ich friere. Ich bin müde. Ich verschließe meine Gedanken wieder.



Ich glaube, ich bin wieder wach. Ja. Ich glaube, ich habe geträumt. Ich hörte ein gleichmäßiges Klopfen. Es war irgendwo über mir. Nein. Moment. Ich kann es immer noch hören. Wenn ich mir vorstelle, hochzusehen, dann glaube ich fast, dass ich es sehen kann. Das Klopfen. Es erzeugt Schwingungen. Was ist das? Da ist doch irgendwas.



Ja. Es hört nicht mehr auf. Es ist bestimmt schon seit Stunden da. Es muss aufgetaucht sein, als ich geschlafen habe. Ich bin aufgeregt. Irgendwas ist da. Mein Herz klopft jetzt schnell. Aber welches Herz? Es fühlt sich so an. Aber in Wirklichkeit ist es nicht da. In Wirklichkeit gibt es so etwas nicht. Nicht hier unten. Bei mir.



Die Schwingungen sind stärker geworden. Ich bin jetzt ganz sicher. Da passiert etwas. Das Klopfen klingt wie Wasser. Wie, als wenn ein Tropfen in eine Pfütze fällt. Was ist jetzt? Ich bewege mich. Aber ich kann es nicht steuern. Ich bewege mich mit den Schwingungen mit. Es ist wie ein Tanz. Es treibt mich an. Ja. Es zieht mich hoch. Es will, dass ich komme. Ich kann die Schwingungen jetzt wirklich sehen.



Es ist irgendwo in einem Wald. Es ist vernebelt und die Bäume wirken grau und verwest. Die Muster in ihrer Rinde sehen aus wie hervorstehende Adern, durch die seit mehreren hundert Jahren kein Blut mehr geflossen ist. Und ihre Kronen sind kahl, ohne jedes Blattwerk. Es wirkt, als sei die Zeit hier gefroren. Die ganze Gegend vollkommen verwahrlost. Mit einer dicken Nebelschicht bedeckt.

Lediglich an einem Baum scheint sich etwas zu bewegen. Von einem vertrockneten Blatt, das lose an einem Ast hängt, fallen, in gleichmäßigem Takte, kleine Wassertropfen in den Nebel hinein. Und unten angekommen erzeugen sie das einzige Geräusch weit und breit. Das Tropfen scheint durch den ganzen Wald zu hallen. Eigentlich sehr leise. Doch wird es durch kein anderes Geräusch gestört.

Unter dem Nebel fängt etwas an zu rascheln. Man kann erahnen, dass dort jede Menge Laub liegt. Der Waldboden hat es all die Jahre nicht zersetzt. Das Rascheln hält nur kurz an – nur wenige Augenblicke – und verschwindet wieder. Dann kommt es kurz wieder, um auch wieder zu verschwinden. So geht es weiter. Zusammen mit dem Tropfen des Wassers wirkt es rhythmisch.

Das Rascheln stoppt nun länger und wird schließlich von einem schwachen Atmen abgelöst. Jeder Atemzug klingt mühsam und von Wasser ertränkt. Aber es bleibt bestehen. Die Atmung ist langsamer als das Tropfen. Dafür lauter. Es scheint den Tropflaut verdrängen zu wollen. Unter der Nebeldecke zeichnet sich Bewegung ab. Alles passiert genau unter dem Baum, von dem das kühle Nass herunterfällt.

Die Tropfen werden langsamer und bleiben nun länger an dem vertrockneten Laubblatt hängen. Es wirkt, als versuchten die Tropfen das Blatt mit sich in die Tiefe zu reißen. Es dauert länger. Tropfen für Tropfen, bis sie fallen. Und ihr Ton wird nun gänzlich von dem schweren, zittrigen Atem absorbiert. Noch ein letzter Tropfen. Er hängt nun dort. Scheint eine Ewigkeit dort zu verharren. Erst nach einigen Minuten verliert er schließlich den Halt und stürzt herab. Und dann passiert es schließlich. Das Blatt zerreißt an der Stelle, wo sein kleiner Stil an dem Ast geheftet war. Langsam, sehr langsam deutet es eine fallende Bewegung an und kommt dem Nebel immer näher. Und den Atemzügen.

Einatmen. Ausatmen. Pause. Einatmen. Ausatmen. Es dauert eine ganze Weile und schließlich verschwindet das letzte Laubblatt im Nebel und versinkt dort, wo vermutlich eine Pfütze zu finden ist. Weg. Es ist weg.

Ein lautes Aufatmen! Es erschüttert den ganzen Wald! Ein dunkler Schatten verfärbt den Nebel dort, wo die besagte Pfütze zu finden ist. Der Nebel wirkt hier nun dreckig und grau. Das Atmen ist jetzt leiser, aber schneller. Menschlicher. Der Nebel wird gleichzeitig dünner. So dünn, dass sich jetzt die Silhouette eines menschlichen Körpers abzeichnet. Ja, tatsächlich. Es bewegt sich leicht. Es macht eine, sich aufrichtende Bewegung.



Ich bewege mich. Ich kann mich rühren. Und ich sehe etwas. Es ist noch alles blass. Aber die Sicht wird klarer. Meine Brust hebt sich an und wieder ab. Ich atme. Und ich höre etwas. Ich hebe meine Beine und unter mir tropft etwas. Und es raschelt. Ich trete auf den Boden auf. Ich fühle, dass er weich und nass ist. Und darüber liegen viele kleine Blätter. Jetzt sehe ich besser. Klarer. Ich sehe Bäume. Graue Bäume um mich. Die Sicht ist jetzt glasklar. Ich existiere. Ich lebe.



Der Nebel hat sich vollständig gelichtet und zum Vorschein kommt eine schwarze Schattengestalt, die den Körper eines Menschen zeigt. Ungefähr einen ganzen und einen halben Meter groß. Kein Gesicht, keine Finger oder Füße. Ein sehr simpler Körperbau, aber fähig, sich koordiniert zu bewegen. So steht er also da. Der schwarze Mensch. Inkognito, wie ich ihn lieber nennen will.
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Ellen22288




Alter: 25
Anmeldungsdatum: 15.12.2010
Beiträge: 52
Wohnort: Stuttgart
BeitragVerfasst am: Do Mai 19, 2011 21:45    Titel: Antworten mit Zitat

Bin echt gespannt wie es weiter geht !!!
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Liro




Alter: 27
Anmeldungsdatum: 01.08.2010
Beiträge: 346
Wohnort: OWL
BeitragVerfasst am: Sa Mai 21, 2011 11:15    Titel: Antworten mit Zitat

Danke schön^^
Donnerstag kommt dann das nächste Kapitel =)
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indikator




Alter: 26
Anmeldungsdatum: 21.06.2010
Beiträge: 36
Wohnort: Ludwigshafen
BeitragVerfasst am: So Mai 22, 2011 22:17    Titel: Antworten mit Zitat

das ist ja noch sooooo langee..... Confused
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Nimm das Leben nicht zu ernst, du kommst sowieso nicht lebend raus!
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Carmilla DeWinter




Alter: 31
Anmeldungsdatum: 02.02.2011
Beiträge: 246
Wohnort: Pforzheim
BeitragVerfasst am: So Mai 22, 2011 23:29    Titel: Antworten mit Zitat

Interessant, möchte ich mal sagen, auch wenn ich noch keine Ahnung habe, was der Plot sein könnte.

Fehler habe ich übrigens keine gefunden.
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Insider sind im Kreis, Außenseiter wollen in den Kreis. Nur der Exzentriker kümmert sich nicht um den Kreis. - Robert Menasse
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Liro




Alter: 27
Anmeldungsdatum: 01.08.2010
Beiträge: 346
Wohnort: OWL
BeitragVerfasst am: Mo Mai 23, 2011 12:05    Titel: Antworten mit Zitat

indikator hat folgendes geschrieben:
das ist ja noch sooooo langee..... Confused


ne halbe Woche noch - das ist schon bald ^^

Carmilla DeWinter hat folgendes geschrieben:
Interessant, möchte ich mal sagen, auch wenn ich noch keine Ahnung habe, was der Plot sein könnte.

Fehler habe ich übrigens keine gefunden.


Danke; das mit dem Plot ergibt sich nach und nach. Schön, dass keine Fehler reingerutscht sind =)
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Liro




Alter: 27
Anmeldungsdatum: 01.08.2010
Beiträge: 346
Wohnort: OWL
BeitragVerfasst am: Do Mai 26, 2011 0:30    Titel: Antworten mit Zitat

Teil I

Kapitel 2: Bewegung


Es ist grau. Die Sonne scheint diesen Ort nicht zu besuchen. Trotzdem ist die Umgebung gut zu sehen. Aus einem unbekannten Grund ist der Wald gut beleuchtet. Warum? Ich weiß es nicht.



Es ist wieder ruhig geworden. Inkognito steht immer noch auf der Stelle, an der er aus dem Grund des Waldes auferstanden ist. Er steht da. Den Kopf leicht nach unten gerichtet. Als schaue er an sich herab. Ohne Gesicht. Und doch. Man ahnt, dass er sich sehen kann. Dass er alles um sich herum sehen kann. Er neigt den Kopf tiefer. Bewegt nun einen seiner Arme. Winkelt ihn so an, dass sein Gesicht genau darauf schaut. Wenn er ein Gesicht hätte. Er bewegt sich vollkommen lautlos. Nur seine Atemzüge sind vernehmbar. Er atmet jetzt ruhig. Er richtet den Kopf langsam wieder aufwärts. Man könnte meinen, er schließt die Augen, öffnet sie dann wieder und sieht nach oben.

Er atmet ein. Pause. Atmet aus. Pause. Atmet ein. Pause. Atmet aus. Er wirkt wie das einzige Leben im Reich der Toten. Um ihn herum alles wie erfroren und stumm. Er ist wie ein unauffälliger Schatten, den die Bäume in den Wald werfen. Und doch bietet er einen überaus deutlichen Kontrast zu seiner Umwelt. Zaghaft hebt er jetzt eins seiner formlosen Beine. Er macht einen Schritt vorwärts und als er dann auf dem Laubteppich unter sich auftritt, ertönt ein kurzes Rascheln. Es verhallt im Wald. Dann ist es wieder weg. Langsam macht er noch einen Schritt. Und wieder einen. Er schlägt eine Richtung ein. Eine Richtung, die zu allen anderen Seiten genauso aussehen würde. Der ganze Wald könnte durchaus eine Aneinanderreihung von Kopien dieser kleinen Szenerie sein. Wie eine abstruses Bühnenbild eines psychotischen Theaterstücks. Immer und immer nur Wiederholungen.

Inkognitos Schritte werden flüssiger. Und seine Atemzüge gehen im Takt mit den Schritten. Diese Konstellationen von Tönen wirken wie primitive Musik. Wieder etwas Triviales, was dem Wald ein neues Leben einhaucht. Er hat begonnen, richtig zu gehen. Nicht mehr zaghaft, sondern sicher. Zu seiner Linken, zu seiner Rechten lässt er vertrocknete Baumgestalten hinter sich. Das Rascheln auf dem Waldboden ist nun ein durchgehender Lärm geworden. Vergleichsweise laut. Inkognitos Sicht erweitert sich mit jedem Schritt. Jeder halbe Meter offenbart neue Teile des Waldes. Man meint fast, die Bäume stehen hier in anderen Abständen zueinander als da drüben. Variation. Es fasziniert, obwohl es nur kleine Details sind.

Er ist schneller geworden. Er rennt jetzt. Ein-aus-ein-aus-ein-aus. Der Atem ist schneller. Der Blick ist starr nach vorne gerichtet. Der Körper wirkt in der Bewegung fließend. Als ziehe er ein schwarzen Schweif hinter sich her. Er rennt vorwärts. Muss hin und wieder nach links oder rechts ausweichen, um nicht gegen einen der Bäume zu prallen. Es wirkt inzwischen so, als hebe er die Beine gar nicht mehr an. Es ist ein bisschen wie eine fremde Kraft, ein permanenter Windhauch, der ihn antreibt.



Ich kann laufen. Ich kann rennen. Ich kann mich koordiniert bewegen. Ich kann meinen Atem regulieren. Endlich. Das ist ein großartiges Gefühl. Ich will rennen, bis ich keine Kraft mehr habe. Ich will fühlen, erschöpft zu sein. Ich will erleben, wie ich vor Erschöpfung zu Boden falle. Alles so neu. Weiter, einfach weiter.



Wenn ich mich so umschaue. Irgendwie wirkt es leer hier. Was bedeutet das? Ich habe es im Gefühl, dass hier etwas fehlt. Ob ich jemals irgendwo ankommen werde? Gibt es hier ein Ziel oder bleibt es auf Ewigkeit wie es ist? Was ist, wenn ich mich daran gewöhnt habe, dass ich mich bewegen kann. Dass ich mich selbst lenken und steuern kann? Was ist, wenn ich das endlich kenne? Und dann nicht mehr sehe, als diese triste Umgebung? Ist es nur ein weiterer Schritt in die ewige Eintönigkeit?



Inkognito hat das Tempo angezogen. Rennt jetzt richtig schnell. Droht hin und wieder gegen einen der Bäume zu rennen und weicht teilweise im letzten Augenblick etwas unbeholfen aus. Streift sie dabei leicht. Seine schwarze Haut scheint einen kurzen Augenblick an der toten Rinde der Bäume haften zu bleiben und hinterlässt dort graue Flecken. Die Oberfläche der Bäume scheint sich an diesen Stellen zu verändern. Es wirkt wie Asche, wenn man mit der Hand drüber gehen würde. Aber Inkognito sieht das nicht. Er rennt weiter.

Etwas verändert sich. Die Sicht wird wieder blasser, je weiter er rennt. Nebel. Er hängt wie Tücher zwischen den Baumstämmen. Und je weiter er kommt, desto mehr Nebeltücher hängen übereinander. Er rennt einfach durch sie hindurch. Der Nebel gewinnt schnell an Kraft und die Sicht wird schlechter. Inkognitos Schritte werden schließlich langsamer, vorsichtiger, umsichtiger, bis er schließlich wieder normale Schrittgeschwindigkeit erreicht hat. Er streckt nun seine Arme vor sich aus. Tastet sich durch den Nebel. Die Bäume sind jetzt nur noch als blasse Stangen zu erkennen. Er berührt sie jetzt öfter. Tastet sich von einem Baum zum Nächsten. Und überall hinterlässt er diese grauen Flecken. Die Oberflächenveränderung der Rinde geht jetzt mit einem kratzenden, aber sehr kurzen Ton einher. Inkognito muss es hören, geht aber unbekümmert weiter.

Die Stangen sind weniger geworden. Ein Bruch im einheitlichen Landschaftsbild. Stattdessen kann man jetzt erahnen, dass dort hinten etwas ist. Die Stangen - die Bäume - scheinen mit jedem Schritt nach links und rechts auszuweichen. Und geradewegs in der Mitte steht ein, noch vollkommen verschwommen wirkendes Objekt. Etwas Großes. Etwas Anderes. Die schwarze Gestalt ist stehengeblieben. Atmet kräftiger ein und wieder aus. Ein Ziel. Er hat ein Ziel erreicht - so kurz nach seinem Aufleben. Wie viele Meter musste er rennen? Weniger als er erwartet hatte. Der Wald ist scheinbar doch keine einzige Monotonie. Gut so.



Nein. Es geht weiter. Es ist kein verlorener Ort. Es ist eine Umgebung, in der ich mein Leben auch leben kann. Ein Ort, der mich braucht. Ich fühle es. Ich will den Tod aus dieser Landschaft vertreiben. Ich will etwas tun. Will mein Leben nutzen. Und dort vorne ist die Sinngebung dafür. Ein Anhaltspunkt, wie ich es nutze. Ich bin aufgeregt und gleichzeitig erleichtert. Wie lange musste ich wohl ruhen? Viel zu lange. Jetzt bin ich da.




Es wirkt jetzt, als seien die meisten Nebeltücher in der Mitte zerrissen, da die Bäume nun zu weit auseinander stehen. Es wirkt, als habe Inkognito einen zentralen Platz in diesem Wald erreicht, aus dessen Zentrum eine Kraft ausgeht, die Klarheit aussendet. Eine Klarheit, die den Nebel nicht duldet. Die Szenerie wirkt wie ein sakraler Ort. Etwas Heiliges. Inkognito kommt näher. Erkennt jetzt, dass es ein Gebäude sein muss, das hier steht. Ein hohes Gebäude – aber auch ein breites Bauwerk. Der Boden fühlt sich jetzt anders an. Kein weicher, feuchter Waldboden mehr. Kein Laub mehr. Nein. Es fühlt sich an wie Beton. Der Boden ist hart und widerstandsfähig. Trocken und warm. Seine Schritte hinterlassen jetzt einen hallenden Ton. Es scheint ihn zu irritieren und er bleibt stehen. Sieht nach vorne auf den verschwommenen Bau. Kommt näher, sieht ihn nun etwas besser. Kommt noch näher. Erkennt immer mehr. Und steht schließlich genau davor. Vom Nebel keine Spur mehr. Nein. Er kann jetzt ganz genau sagen, was er vor sich hat.



Eine Schule. Das ist ein Ort, an dem man etwas lernt. Ich habe schon lange keine Gedanken mehr an so etwas gehabt. Mitten in diesem toten Wald steht also eine Schule.



Der Anblick erzeugt eine akustische Fata-Morgana. Plötzlich ertönt das Lachen von Kindern. Das Geräusch einer Fahrradklingel. Schimpfende Lehrer. Das Schmatzen vom Pausenbrot. Das Klopfen auf einen Tisch. Das Klimpern von Münzen. Weinende Kinder. Und schließlich wirres Durcheinandergerede. Wie mit einem Tuch sind all diese Töne plötzlich wieder weggewischt. Es ist wieder still. Inkognitos Atmung ist ebenfalls ruhiger geworden. Sehr ruhig.

Wie auch der Rest der Umgebung ist das Schulgebäude grau in grau gefärbt. Keine farbliche Variation. Es hat mehrere Stockwerke. Nicht allzu viele. Vielleicht vier oder fünf. Die Fassade wirkt sehr einheitlich. In präzisen Abständen steht in jedem Stockwerk ein quadratisches Fenster neben dem nächsten. Die Fensterreihen ziehen sich komplett durch die ganze Außenwand der Schule. Vier Reihen übereinander gestapelt. Und zwischen dem Gebäude und Inkognito ist ein Hof. Schätzungsweise so weitläufig, wie das Gebäude selbst. Der Boden auch dort überall mit Beton belegt. Und ab und an steht einer dieser toten Bäume auf dem Hofgelände. Das Tor zum Hof - das Tor, vor dem Inkognito nun steht - ist offen. Die Schule gewährt ihm also Einlass. 
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-Henri Matisse

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Liro




Alter: 27
Anmeldungsdatum: 01.08.2010
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BeitragVerfasst am: Mi Jun 01, 2011 23:36    Titel: Antworten mit Zitat

Teil I

Kapitel 3: Schule


Ruhigen Schrittes tritt er durch das Tor auf den Hof. Für einen kleinen Moment fühlt es sich an, als wechsle er die Welten. Von dort draußen nach hier drinnen. Er schaut sich um. Ein Blick nach links, ein Blick nach rechts. Er sieht Bäume. Sie sehen genauso aus, wie die Bäume, die den ganzen Wald da draußen ausfüllen. Dann sieht er Kreidezeichnungen auf dem Boden. Meist Anordnungen von Kästchen, die für ein Kinderspiel gedacht sind. Und drüben ist ein Fahrradschuppen, der aus der Ferne leer wirkt. Er beherbergt ein Fahrrad, das an die Rückwand gelehnt ist. Es wirkt alt. Wie alles hier. Inkognito geht weiter. Schleift seine schwarze Gestalt hinter sich her. Immer wieder den Blick wechselnd. Es ist still. Seine Atmung ist sein einziger musikalischer Begleiter. Er überquert den gesamten Hof in seiner Breite. Hebt ein Bein nach dem Anderen. Schreitet Meter für Meter über den Beton. Lässt dabei einige Bäume zu seiner Linken und einige Zeichnungen zu seiner Rechten hinter sich. Als er schließlich am anderen Ende des Hofes ankommt, steht er vor einer zweiflügligen Tür, an die ein längliches Platinschild geheftet ist. Ohne Aufschrift. Vermutlich soll es „drücken“ oder „ziehen“ heißen. Er dreht sich nochmal herum. Hält Ausschau nach irgendwas Auffälligem auf dem Hof. Doch da ist nichts.

Inkognito zieht an der Tür. Sie öffnet sich und hinter ihr kommt ein Flur zum Vorschein. Es scheint sich nicht um den Haupteingang zu handeln. Keine Eingangshalle. Keine Rezeption. Nur ein Flur, der zu beiden Seiten hin zu einigen Räumen führt. An den Außenwänden scheinen die Fenster zu fehlen. Inkognito bleibt stehen. Sieht sich wieder um. Atmet tief durch. Er wirkt nachdenklich. Dann macht er einen Schritt nach vorn. Erblickt nun ein Tableau. Genauer gesagt ist es ein Stundenplan. Er hängt auf den Zentimeter genau mittig gegenüber der Eingangstür. Montag. Erste, zweite Stunde Sport. Dann Pause. Dritte, vierte Stunde Religion. Wieder Pause. Danach Latein. Wieder eine Doppelstunde. Beim weiteren Überfliegen entdeckt er weitere Schulfächer auf dem Plan. Mathe, Physik, Kunst, Musik und Schwimmunterricht.



Eine komische Konstellation. Wo sind Deutsch und Englisch? Für welche Klasse ist dieser Plan? Ist es eine Art zentraler Plan für alle? Oder warum hängt er hier? Wahrscheinlich für eine der Klassen nebenan. Ich werde mal nachsehen.



Langsam bewegt sich die schwarze Gestalt wieder von dem Stundenplan weg. Er macht einige Schritte nach links. Dort bleibt er vor einer Tür stehen. Es ist eine Holztür, die mit einem glatten grauen Belag beschichtet ist. Erst auf dem zweiten Blick erkennt er, dass die Tür keine Klinke oder etwas Ähnliches besitzt. Kein Türknauf. Nichts. Ganz offensichtlich lässt sie sich nicht öffnen. Ein kurzer Blick neben die Tür bringt auch keine Klarheit. Kein Schild, keine andere Information. Es bleibt unklar, was hinter dieser Tür ist. Ob dahinter überhaupt ein Raum ist. Und falls ja, wofür er gedacht ist. Inkognito bleibt noch eine Weile stehen. Scheint in Gedanken versunken und geht dann schließlich an dem Plan vorbei in die andere Richtung. Auch hier findet er nach wenigen Schritten wieder eine Tür vor. Sie ist identisch zur vorigen Tür. Wieder keine Klinke. Wieder keine Informationen. Verzweiflung kommt auf.



Ich verstehe das nicht. Aber muss ich das? Diese Schule steht inmitten eines toten Waldes. Wer sagt mir, dass dies eine normale Schule ist. Mit normalen Regeln und normaler Innenarchitektur. Vielleicht sollen diese Türen gar keine Türen sein, sondern etwas anderes. Etwas, das ich mit meinem vorhandenen Wissen nicht begreifen kann.



Plötzlich erklingt der Ton einer Triangel. Sie ist sehr deutlich zu hören. Klingt durch den ganzen Flur, scheint von der rechten Seite zu kommen und wandert weiter zur Linken. Inkognito hatte schon den Arm in Position gebracht, um an der Tür zu klopfen. Bricht die Bewegung nun aber ab, senkt den Arm wieder und schaut nach rechts. Er hält wieder inne, atmet einmal durch und dann ertönt die Triangel ein weiteres Mal. Er macht einen Schritt nach rechts. Und nochmal der Ton. Und schon wieder. Die Tonabfolge wirkt jetzt wie die Melodie eines Liedes, das zeitlich sehr präzise abgestimmt ist. Es erzeugt auf irgendeine Wiese das Gefühl von Bedrückung. Doch Inkognito unterdrückt diese emotionale Regung und macht einen weiteren Schritt in den Flur hinein. Bewegt sich jetzt zielstrebig in Richtung Musik. Er passiert mehrere Türen, die den vorigen Türen hundertprozentig ähneln. Doch er beachtet sie nicht. Er geht einfach dran vorbei. Wie hypnotisiert von der Musik.

Er wird schneller und erblickt nun das Ende des Gangs. Plötzlich fällt ihm auf, dass es eigentlich keine Lichtquelle gibt. Keine Lampen, keine Fenster. Und doch kann er seine Umgebung sehen. Er verwirft den Gedanken wieder, als er an der Wand, die sich am Ende des Gangs befindet, eine Bewegung wahrnimmt. Etwas ist um die Ecke gehuscht. Er ist sich sicher. Man merkt es seinen selbstbewussten Bewegungen an. Er rennt jetzt. Die Triangel ertönt wieder. Diesmal abgehackter. Verzerrt. Die schwarze Gestalt rennt schneller, erreicht schließlich das Ende des Gangs und dreht sich dann zur Seite. Er erkennt ein Treppenhaus. Schaut nach oben und erkennt wieder die flüchtige Bewegung. Da ist jemand. Nein, da ist „etwas“. Schwer zu sagen, was es eigentlich ist. Aber es ist ein Anhaltspunkt. Etwas, das sinngebend sein kann.

Ohne zu zögern hebt Inkognito das rechte Bein und tritt auf die erste Treppenstufe auf. Sie beginnt zu knarren. Das Geräusch ertönt das erste Mal. Also ist das verfolgte Etwas hier hochgeflogen. Oder aus welchem Grund macht es keinen Lärm? Der Schwarze weiß es nicht. Er hebt das andere Bein und betritt die nächste Stufe. Zieht sich an dem Treppengeländer hoch und besteigt die Treppe nun zügig. Er erreicht ein Zwischenpodest, von wo aus die Treppe sich zur anderen Richtung hochbewegt. Er rennt weiter und kommt oben in einem weiteren Gang an. Von dem Verfolgten keine Spur mehr. Und auch die Triangel ist jetzt verstummt.



Verdammt. Ich hab es verloren. Was war das? Und wieso sieht hier alles gleich aus? Nein. Nicht alles. Hier sind Fenster an der Wand. Aber trotzdem. Wer baut ein so eintöniges Gebäude?



Er bewegt sich nun weiter in den Gang hinein. Blickt zur Linken aus einem der quadratischen Fenster und schaut auf den Hof. Nichts. Unberührt wie vorher. Am Horizont ist wieder eine Nebelwand zu sehen, in der vereinzelte Bäume auszumachen sind. Es wirkt ausladend. Grau und tot. Es wirkt beinahe so, als sei die Schule eine Insel des Lebens inmitten einer leblosen Wüste. Nein. Die Schule selbst wirkt schließlich auch wie etwas Totes. Es ist unheimlich.

Zur rechten wieder Türen. Inkognito schreitet langsam vorwärts. Passiert einige Türen, die wieder keine Klinke haben und kommt in der Mitte des Gangs an einer Gabelung an, die einerseits weiter geradeaus, andererseits zur Seite in das Gebäude hineinführt. Gerade will er einen weiteren Schritt nach vorne machen, da ertönt wieder Musik. Es kommt aus der Abzweigung. Diesmal aber ein anderes Instrument. Es ist der sanfte und warme Ton einer Geige. Sie spielt erst leise, dann aber deutlicher. Zu Beginn einige zusammenhangslose Töne, dann eine durchgehende Melodie. Sie klingt wohltuend. Ganz anders als das Spiel der Triangel. Inkognito fühlt sich zu ihr hingezogen. Langsam biegt er in die Abzweigung hinein. Er blickt in den Flur und erkennt weiter hinten eine offen stehende Tür. Sie ist auf der rechten Seite des Gangs. Er geht weiter. Nähert sich dem geöffneten Raum und erkennt auf dem Weg dorthin einen Lichtschein, der aus dem Raum in den Gang hinein fällt.
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Liro




Alter: 27
Anmeldungsdatum: 01.08.2010
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Wohnort: OWL
BeitragVerfasst am: Do Jun 09, 2011 0:34    Titel: Antworten mit Zitat

Teil I

Kapitel 4: Grün


Vorsichtig nähert sich Inkognito dem offenen Raum und steht schließlich genau vor der Türschwelle. Das Licht fällt auf seinen Körper. Es fühlt sich warm an. Voller Leben. Und die Musik der Geige dazu. Es fühlt sich irgendwie gut an. Schließlich geht er weiter und schreitet in den Raum hinein. Es wirkt wie ein Klassenzimmer. Drei Tischreihen, dahinter jeweils zwei Stühle. Zu den Seiten hin stehen Bücherregale und an den Wänden hängen Bilder - von Schülern gemalt. Auf einem der Bilder ist ein Mann mit einer Steintafel zu sehen, der auf einer Klippe steht. Er trägt einen langen weißen Bart und sein freier Arm ist zum Himmel gerichtet. Inkognito erkennt Moses in ihm. Auf einem anderen Bild ist die Szene eines großen gemeinsamen Mahls abgebildet. Das letzte Abendmahl. Als er den Raum dann weiter begutachtet, erkennt er noch viele weitere religiöse Motive.

Schließlich erblickt Inkognito eine Gestalt, die auf dem Lehrerpult sitzt. Ein simpler Körperbau, wie er selbst - nur nicht schwarz gefärbt, sondern grün. In ihren nicht vorhandenen Händen hält die Gestalt ihre Geige und spielt weiterhin eine frohe Melodie auf ihr. Der Kopf ist leicht herabgesenkt. Im großen Ganzen wirkt die grüne Gestalt wie ein konzentrierter Musiker. Sie spielt noch einige Momente weiter, wartet auf einen passenden Augenblick und bricht die Musik schließlich ab. Neugierig richtet sie den Kopf auf ihren Besucher. Sie scheint inne zu halten. Legt die Geige nun zur Seite und bleibt weiterhin auf dem Pult sitzen. Die Blicke der beiden Gestalten treffen sich. Beide bleiben ruhig und verharren in ihrer Position. Stille.

Langsam hebt die grüne Gestalt nun ihre Arme und erzeugt dadurch eine einladende Geste. Inkognito hebt eins seiner Beine an, um auf die grüne Gestalt zuzugehen, doch stoppt wieder, als plötzlich von der Seite Sonnenstrahlen auf ihn einfallen. Er dreht den Kopf, blickt aus dem Fenster. Licht. Und Leben. Fast die grüne Gestalt vergessen, tritt der Schwarze an eines der drei Fenster in diesem Raum heran und blickt geradewegs in einen blühenden Garten. Er sieht Vögel umherfliegen. Grüne saftige Sträucher und lebendige Bäume an deren Rinde Efeu und Moos hinaufklettert. Unwillkürlich verspürt er den Drang, die Fenster aufzumachen. Doch es klappt nicht. Es gibt wieder keine Klinke zum Öffnen. Ein seufzendes Geräusch entweicht der schwarzen Gestalt.



Es ist wunderschön. Ich möchte dorthin. Ich habe mein Ziel gefunden. Ich möchte dort raus und einfach nur das Leben genießen. Dort auf der Wiese liegen und den Vögeln zusehen. Ja, das will ich.



Ein grausam lautes Poltern reißt Inkognito plötzlich aus seinen Tagtraum. Der Raum erzittert. Die Tische vibrieren. Rasch wendet er seinen Blick wieder zur grünen Gestalt, die mittlerweile vom Pult aufgestanden ist und nach unten sieht. Kein Seufzer, kein anderes Geräusch, welches auf ein unangenehmes Gefühl hindeutet. Der Grüne scheint sorglos. Dann ein lautes Klirren. Es kommt von unten. Verängstigt sieht der Schwarze hin und her. Zu Boden, zu den Wänden, auf den Grünen und wieder zum Fenster, wo noch immer der grüne Garten, behütet vom blauen Himmel zu sehen ist.

Dann hört der Lärm wieder auf. Die erzitterten Möbelstücke klingen aus und kurz bevor sich alles wieder beruhigt hat, fällt die Geige des Grünen zu Boden. Sie fällt auf ihre Saiten und erzeugt einen schiefen Ton. Vorsichtig bückt sich der Grüne und hebt das Instrument wieder auf. Dann blickt er wieder auf seinen Besucher und zieht seinen Kopf leicht in die Länge.

Grüner: …der Braune. Er tobt wieder. Aber mach dir nichts draus. Es passiert nichts.

Mit dem Versuch zu antworten, stellt Inkognito fest, dass er nicht sprechen kann. Er formuliert verschiedene Gedanken, aber sie verlassen seinen Körper nicht.

Grüner: …was bist du für einer? Schwarz. Einen Schwarzen habe ich noch nie gesehen.

Hilflos gestikuliert der Schwarze mit den Armen und lässt sie schließlich verzweifelt hängen. Dann zuckt er mit den Schultern und blickt, wie davon angezogen, wieder zum Fenster.

Grüner: …du möchtest mich etwas fragen? Etwas über die Gärten erfahren? Komm mal mit.

Langsam tritt der Grüne auf Inkognito zu, der jetzt wieder etwas hoffnungsvoller wirkt. Er breitet seinen Arm aus, legt ihn um den Schwarzen und führt ihn nun vorsichtig zu einem der Fenster.

Grüner: …schau nur. Dort drüben. Die beiden Vögel, die zusammen auf den Ast fliegen. Vor ihnen liegt ein schönes Leben. Das Weibchen wird bald Eier legen und dann bekommen die beiden Junges. Ich freue mich schon darauf.
Weißt du, dieser Ort hier ist nur aus diesen drei Fenstern zu sehen. All die anderen Räume zeigen dieses tote, graue Land. Ich glaube aber, dass dieser Garten wächst. Ich denke, dass man ihn bald aus allen Fenstern sehen kann. Ich weiß es.


Inkognitos Kopf zieht sich nun auch in die Länge und seltsame Laute entweichen ihm. Es geht wieder nicht. Das Sprechen. Ein Seufzer. Dann legt er die handartigen Enden seiner Arme gegen das Fenster und schaut weiter dem Treiben zu. Als wolle er sich nicht mehr davon lösen.

Grüner: …ich verstehe. Du kannst nicht sprechen. Schau mal hier.

Vorsichtig packt der Grüne den rechten Oberarm des Schwarzen und geht auf die Knie. Dann zieht er sein Kopf soweit in die Länge, dass sich an dessen unterem Ende eine Öffnung auftut. Wie ein Mund. Inkognito wendet den Blick jetzt vom Fenster ab und blickt in den Körper des Grünen hinein. Irgendetwas funkelt dort bläulich. Inkognitos Gedanken beginnen zu arbeiten. Er hält den Blick, obwohl der Grüne sich jetzt wieder aufrichtet.

Grüner: …ich konnte es auch nicht. Aber dann bin ich umhergezogen und habe mir fest vorgenommen, es zu lernen. Ich traf dann den Blauen. Der konnte mir helfen. Er ist ein guter Freund. Wenn du auch sprechen lernen willst, dann suche ihn. Er ist irgendwo in dieser Schule. Ich bin fest davon überzeugt, dass du ihn findest.

Inkognitos Antwort ist ein kräftiges Nicken. Ein Zeichen, dass er es versuchen wird.



Sprechen. Ja, das würde vermutlich vieles leichter machen. Wenn ich das endlich beherrsche, dann werde ich mich ausgiebig mit dem Grünen über diesen Garten unterhalten. Und wie ich dorthin kommen kann.



Noch einmal nickt der Schwarze dem Grünen zu. Diesmal aus Dank. Dann dreht er sich weg und verlässt den Raum. Betritt wieder den dunklen grauen Gang und im Hintergrund ertönt wieder die ruhige und sanfte Melodie der Geige.
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BeitragVerfasst am: Mi Jun 15, 2011 23:54    Titel: Antworten mit Zitat

Teil I

Kapitel 5: Wasser


Blau. Wo findet man in einer Schule eine blaue Gestalt? Es muss etwas mit Wasser zu tun haben. Es gibt hier doch Schwimmunterricht. Möglicherweise befindet sich ein kleines Schwimmbecken an dieser Schule. Wäre doch denkbar.



Die Geige ist mittlerweile verstummt. Seither sind aus der Ferne einzelne Töne einer Harfe zu hören. Mal erklingt ein Ton. Dann lange nichts. Wieder ein Ton. Dann wieder eine lange Pause. Es ist unauffällig geworden. Aber ein ständiger Begleiter. Inkognito hat inzwischen das nächste Stockwerk erreicht und ist nun vor einem weiteren Plan zum Stillstand gekommen. Die Umgebung? Wie vorher. Graue Gänge. Türattrappen. Fenster, die in den grauen Tod zeigen. Sein Blick ist schon eine Weile an dem Plan geheftet. Es ist eine Übersicht der Räume dieser Schule.



Ich befinde mich jetzt im zweiten Stock. Hier sind die naturwissenschaftlichen Räume. Biologie. Physik. Chemie. Psychologie. Mathematik. Doch wo könnte sich hier ein Schwimmbecken befinden? So etwas sollte im Erdgeschoss zu finden sein. Mal sehen. Hier. Eine Raumauflistung vom Erdgeschoss. Hm, hier steht nichts von einem Schwimmbad. Und da ist auch nichts. Hm, nein. Anscheinend gibt es hier doch kein Schwimmbecken. Moment. Was ist das? Es gibt noch ein Kellergeschoss. Dort gibt es eine Sporthalle. Und hier? Ah. Tatsächlich. Ja. Ein Schwimmbecken.



Seine Bewegung erstarrt kurzzeitig. Inkognito wirkt überrascht. Scheinbar hat er nicht wirklich damit gerechnet, dass diese Schule ein eigenes Becken besitzt. Es ist eine erste fixe Idee gewesen und sie hat sich direkt als unerwartet gut bewiesen. Es ist nun sein Ziel. Das Becken im Keller. Dort muss der Blaue sein. Das selbstbestimmte Nicken des Schwarzen sagt es aus. Mit zügigen Schritten entfernt er sich von dem Plan und bewegt sich durch den Gang hindurch, an der Monotonie vorbei, bis er das Treppenhaus erreicht. Er steigt hinunter zum ersten Stock. Dann weiter ins Erdgeschoss. Stoppt dort kurz, als er wieder den Klang einer Triangel vernimmt und dazu eine rasche Bewegung am Ende des Ganges sieht. Schüttelt dann aber den Kopf und steigt die Treppe weiter hinab. Als er sie hinaufgestiegen war, ist es ihm vermutlich nicht aufgefallen, dass es noch tiefer geht. Man übersieht es leicht, da es hier etwas dunkler wird. Die natürliche Beleuchtung ist abgeschwächt. Inkognito geht weiter in die Tiefe. Die Bewegung ist flüssig und die Gedanken lange nicht mehr dabei, sich selbst kennenzulernen. Nein. Die Gedanken sind einen Schritt weiter gegangen und kreisen jetzt zwischen grünen Gärten und dem Sprechen.

Er kommt unten an. Legt die Hand an die Tür, die in den Kellerbereich führt und spürt eine Vibration an ihr. Wieder dieser Lärm. Jetzt ist er näher als im Raum der grünen Gestalt. Für einen kurzen Augenblick fährt der Schwarze erschrocken zusammen. Dann verstummt der Krach wieder. Wartet „der Braune“ hier unten? Ungewissheit. Man sieht Inkognito die Unsicherheit an, die nun in ihm hochkommt. Ist es wirklich das Schwimmbad? Und stimmt der Plan von oben?

Er drückt die Türklinke herunter und als die Tür sich öffnet, wird das Treppenhaus postwendend mit einem chlorhaltigen Geruch erfüllt. Er schiebt die Tür weiter nach außen und als eins seiner Beine hinter der Türschwelle aufkommt, schaudert er kurz. Keine Angst diesmal, sondern die Kälte, die von den Fliesen ausgeht, die auf dem Kellerboden liegen. Eine gewisse Feuchtigkeit liegt in der Luft. Und wieder Musik. Und wieder ein anderer Klang. Töne eines Klaviers. Durchgehend Töne von schwarzen Tasten. Es klingt schief. Keine wirkliche Musik, sondern eine willkürliche Abfolge von einzelnen Tönen. Es ist unangenehm. Langsam tastet sich der Schwarze weiter vor. Kommt an Duschkabinen vorbei, an Toiletten. Er überprüft sie nicht weiter, sondern ist auf das Becken fixiert, das er hier irgendwo erwartet. Vor ihm eine zweiflüglige Tür aus gläsernem Material. Darüber ein Muster, sodass man nicht sehen kann, was sich dahinter verbirgt. Dort angekommen legt Inkognito die Hand wieder an die Tür und wartet ab. Diesmal keine Vibration. Es scheint sicher. Er lauscht wieder dem Klavier. Es muss von der anderen Seite kommen. Dann öffnet er die Tür, indem er sie von sich wegdrückt. Noch stärkerer Chlorgeruch kommt ihm entgegen. Und noch etwas anderes.

Angewidert weicht Inkognito zurück und fällt fast rückwärts durch die Tür, durch die er gerade gekommen ist. Dann fängt er sich wieder. Er fährt herunter auf eins seiner Knie und stützt sich mit einem Arm ab. Vor ihm ein riesiges Schwimmbecken. Insgesamt sind sieben Startblöcke an der, ihm zugeneigten Seite des Beckens angebracht. Durchnummeriert. Irgendwo ragt eine Leiter aus dem Becken. Und mitten drin eine graue Gestalt mit ausgebreiteten Gliedmaßen. Unter ihr schwimmt ein schwarzer flüssiger Film. Er scheint sich nicht mit dem Wasser zu vermischen. Und er stinkt ekelerregend. Nach Fäulnis. Dazu die schiefen, unschönen Klaviertöne. Unklar, woher sie kommen.

Mühevoll bewegt sich der Schwarze vorwärts. Er will nach der blauen Gestalt rufen, stößt aber nur dumpfe zusammenhangslose Laute von sich. Er kommt jetzt näher und erreicht den Beckenrand. Im Konflikt mit sich selbst, entschließt er den Kopf hervorzustrecken und genauer auf den Grauen zu sehen. Er zittert. Das ist jetzt zu erkennen. Und der schwarze Film scheint an ihm zu kleben. Sehr vorsichtig hebt Inkognito einen Arm und bewegt ihn hinunter ins Becken, bis er schließlich mit der Spitze seines Armes in das kühle Nass eintaucht. Das Klavier setzt aus. Es verklingt noch im gleichen Augenblick, in dem das Wasser den Arm der schwarzen Gestalt benetzt hat.

Plötzlich ein leises Schluchzen. Es wird schnell lauter und intensiver. Der Graue scheint zu weinen. Immer lauter. Es ist sehr schwer mit anzuhören. Inkognito zieht den Arm wieder aus dem Wasser, aber es hört nicht auf. Das Klavier beginnt wieder schiefe Töne zu spielen. Kraftvoller, gewaltsamer. Es klingt gar nicht gut. Der Graue heult inzwischen wie verrückt. Die Szene ist verstörend und als der Schwarze den Blick zur Seite abwendet, bemerkt er, dass die Wände hier kaum zu erkennen sind, weil sie in völlige Dunkelheit gehüllt sind. Das Licht. Das wenige, das sich bis hier unten durchgeschlagen hat, scheint dünner zu werden. Immer mehr zerfrisst die Dunkelheit die Helligkeit.

Der Schwarze macht einen Schritt zurück. Noch einen. Und dann einen sehr Langen. Der Raum verdunkelt sich immer mehr. Fast vollständig. Die Arme zurückrudernd, tastet sich Inkognito zurück zur zweiflügligen Glastür. Die Dunkelheit erinnert ihn an die Zeit vor einigen Stunden im Wald. Gedanklich zurückgeworfen. Nein. Alles, nur nicht das wieder. Endlich stolpert er rückwärts wieder in den Vorraum. Als er die kalten Fliesen an seinem Körper spürt, fährt er erschrocken hoch und knallt dann hektisch die Tür zu. Sein Atem geht schnell und unregelmäßig. Einige kurze Momente bleibt er gegen die Tür gelehnt stehen, um sich zu vergewissern, dass der Lichtschein hier konstant bleibt. Und ja. Hier schwindet er nicht mehr. Er bleibt so stark, wie zuvor. Für eine kurze Zeit glaubt der Schwarze, es sei still geworden. Dann hört er wieder den dumpfen Klang des Klaviers auf der anderen Seite. Rasch schüttelt er den Kopf und bewegt sich zügig zurück zum Treppenhaus. Verschließt die Tür und sperrt die chlorhaltige Luft wieder ein. Das erhöhte Tempo seines Atems hält noch eine Weile an bis er schließlich irgendwann wieder zur Ruhe kommt.
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BeitragVerfasst am: So Jun 19, 2011 22:21    Titel: Antworten mit Zitat

Okay... ich komme mir ein bisschen wie im Blair Witch Project vor.

Mal schauen, wo es hingeht, und wer da blaue/graue Humanoiden quält.

Kleiner Tipp am Rande: hier 'wirkt' und 'scheint' sehr viel und nimmt dem Text Tempo (das erinnert mich an mein älteres Zeux). Da du aus Inkognitos Perspektive schreibst, dürfte sich auf einen Großteil davon verzichten lassen.
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BeitragVerfasst am: Mo Jun 20, 2011 14:19    Titel: Antworten mit Zitat

Carmilla DeWinter hat folgendes geschrieben:
Okay... ich komme mir ein bisschen wie im Blair Witch Project vor.


wundert es dich, wenn ich dir sage, dass ich Blair Witch nicht kenne? *g*

Carmilla DeWinter hat folgendes geschrieben:
Kleiner Tipp am Rande: hier 'wirkt' und 'scheint' sehr viel und nimmt dem Text Tempo (das erinnert mich an mein älteres Zeux). Da du aus Inkognitos Perspektive schreibst, dürfte sich auf einen Großteil davon verzichten lassen.


ok, danke für die Info. Werd mal schauen, inwieweit ich das in den folgenden Kapiteln beherzigen kann Smile
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BeitragVerfasst am: Mi Jun 22, 2011 21:00    Titel: Antworten mit Zitat

Teil I

Kapitel 6: Live-Musik


Was war das? War es tot? Hat es auf einer getrockneten Blutlache gelegen? Mir geht das Bild nicht mehr aus dem Kopf. Es ist verstörend. Ich will es niemals wiedersehen. Nein. Ich will zu den grünen lebendigen Gärten. Das will ich. Weg von sowas wie vorhin.



Wenn ich so darüber nachdenke. Vielleicht gibt es hier an dieser Schule so etwas wie Himmel und Hölle. Paradies und Verdammnis. Ist es das? Und ich muss das Paradies finden? Vielleicht. Es könnte doch sein, dass ich dazu eine Aufgabe zu erfüllen habe. Hier an dieser Schule. Ja. Das wird es sein. Das macht Sinn. Darum bin ich hier. Sobald ich sprechen kann, werde ich den Grünen danach fragen. Er wird es wissen.




In der Zwischenzeit hat sich Inkognito weiter durch den Flur im Erdgeschoss bewegt. Mit langsamen und zaghaften Schritten. Der zuvor herabgesenkte Kopf hebt sich nun allmählich wieder. Für einen kurzen Moment bleibt er stehen, verfällt kurz wieder in Gedanken und geht schließlich entschlossen weiter. Es dauert nicht lange, bis er am anderen Ende des Ganges ankommt. Er blickt um die Ecke. Keine Treppe. Nein. Ein weiterer Gang. Inkognito überlegt kurz, ob er wieder umkehrt und die Treppe hinaufsteigt, um die höheren Geschosse zu erkunden, verwirft den Gedanken dann aber wieder und entscheidet sich dafür, den vor ihm liegenden Gang zu untersuchen. Es ist sicherer. Hier ist er weiter entfernt vom Schwimmbecken.

Seine Atmung ist jetzt wieder vollkommen ruhig. Die Schrittgeschwindigkeit normal. Er sieht sich um. Hofft immer wieder, dass etwas die Monotonie durchbricht. Überall nur schmale Gänge mit Türen, die keine sind. Langsam droht er wieder in Gedanken zu versinken. Er ist abwesend. Mit sich selbst beschäftigt. Seine Beine tragen ihn weiter fort. Das geht einige Minuten so weiter. Biegt einen weiteren Gang ab. Wieder das gleiche Bild. So hätte es wohl ewig weiter gehen können. Doch irgendwann stößt er plötzlich gegen einen Gegenstand. Erschrocken bleibt er stehen. Ein leichter Schmerz durchfährt seine Beine. Dann hört ein das Geräusch eines zu Boden fallenden Holzbretts. Es klappert noch zwei-, dreimal, bevor es schließlich flach auf dem Betonboden liegenbleibt. Inkognito bückt sich und sieht auf das Brett, das auf seine Frontseite gefallen ist. Dann greift er danach und hebt es auf. Dreht die Vorderseite zu sich. Darauf zu sehen ist eine Person mit einer Trompete in den Händen. Sie ist zum Mund geführt. Die Person scheint sie zu spielen. Darunter ein auffälliger und großer Schriftzug. „Live-Musik. Immer nach Schulschluss. In der Cafeteria.“ Daneben ist ein Pfeil nach rechts abgebildet. Im Kopf des Schwarzen arbeitet es, während er beiläufig das Schild wieder auf den Boden ablegt.



Live-Musik. Bisher standen all diese Gestalten mit Instrumenten und Musik in Verbindung. Der Grüne und die Geige. Der Graue und die Klaviermusik. Das könnte bedeuten, dass ich immer dort, wo Musik ist, auch diese seltsamen Gestalten vorfinde. Moment. Da war doch noch mehr. Eine Triangel und dieser flüchtige Schatten und vorhin die Harfe. Wenn meine Theorie stimmt, dann muss es mindestens vier von diesen Gestalten geben. Und dann erzählte der Grüne noch von einem Braunen…


Wieder in Gedanken versunken geht der Schwarze einige Schritte weiter den Gang entlang und erreicht schließlich ein weiteres Mal eine Gabelung. Wieder geht ein Weg weiter geradeaus, der andere führt weiter in das Schulgebäude hinein. An der Ecke ist ein Zettel mit einem Pfeil angebracht und daneben das Bild einer Kaffeetasse. Es ist eine Wegbeschreibung zur Cafeteria. Nickend biegt Inkognito ab und folgt dem ausgeschilderten Weg. Der Gang ist wieder sehr schmal, so wie all die anderen auch. Doch er hat eine Besonderheit. Das Ende zeigt ihm keine weitere Wand, sondern ein Durchgang, der in einen größeren Raum zu führen scheint. Inkognito beschleunigt. Erwartet dort eine Bühne und viel zu essen. Dann steht er schließlich da. Lässt die Schultern hängen und sieht sich um. Nichts. Gar nichts. Eine vollkommen leere Halle. Dann fährt sein Blick nach oben. Die Halle scheint keine Decke zu haben. Es geht ewig weiter nach oben, bis die Wände der Halle irgendwie dort oben von einer nebligen Dunkelheit geschluckt werden. Inkognito senkt den Kopf wieder und seufzt. Dann schaut er sich noch einmal um. Sucht verzweifelt nach einem Anhaltspunkt für die Cafeteria. Dreht dann eine Runde durch die Halle. Aber er findet nichts.

Er beschließt, die offene Halle wieder zu verlassen und kehrt zurück in den Gang, aus dem er gekommen ist. Er geht langsam, blickt unauffällig hierher, dorther. Plötzlich bleibt er überrascht stehen. Über einer der vermeintlichen Türattrappen im Gang ist ein verblichenes Schild angebracht. „Cafeteria.“ Es ist unerwartet. Beinahe wäre er einfach daran vorbei gegangen und enttäuscht in dem Glauben gelassen worden, dass es gar keinen Ort gibt, an dem er sich die geheimnisvolle Live-Musik anhören kann. Es ist wieder eine dieser Türen ohne Klinke. Langsam hebt Inkognito den Arm, wartet ein- zwei Sekunden ab und klopft dann gegen die Tür. Er wartet. Nichts passiert. Er klopft ein weiteres Mal. Wieder nichts. Enttäuscht fährt Inkognito in die Hocke und lehnt sich dabei gegen die Tür.



Immer nach Schulschluss. Vielleicht muss ich einfach warten. Aber wann ist Schulschluss? Ohne Schüler braucht man sowas nicht. Oder habe ich die Schüler nur noch nicht gefunden. Einen Schulgong habe ich auch noch nicht gehört.



Der Krach von zwei zusammengeschlagenen Beckenscheiben ertönt. Er ist laut. Hallt durch den ganzen Flur. Erschrocken dreht Inkognito sich um und erblickt am Ende des Gangs den verdunkelten Umriss einer, dieser seltsamen Gestalten. An jedem Arm jeweils eine Beckenscheibe. Sie erklingen ein weiteres Mal. Es ist geradezu ohrenbetäubend. Dann tritt die Gestalt aus der Dunkelheit heraus und offenbart ihre blaue Farbe. Inkognito fährt augenblicklich in die Höhe. Bleibt kurz stehen und will losrennen. Hält dann aber inne, als er bemerkt, dass der Blaue von selbst zu ihm kommt. Seine Schritte sind lang und die Schultern angespannt in die Höhe gerichtet. Sein Gang ist aufrecht und der Kopf gerade. Er wirkt stark und selbstbewusst. Strotzt geradezu vor Kraft und Elan.

Ungefähr drei Meter vor dem Schwarzen kommt er zum Stillstand. Er legt eine der Beckenscheiben auf den Boden und hebt dann den Arm. Bietet ihm die nicht vorhandene Hand an. Inkognito hebt zögerlich auch seinen Arm. Dann schüttelt der Blaue das handartige Armende des Schwarzen kraftvoll und lässt wieder los. Der Blaue hebt die Scheibe wieder auf und sieht dann wieder sein Gegenüber an. Sein Kopf zieht sich in die Länge.

Blauer: …wie es scheint, habe ich heute Gesellschaft. Das ist ja mal eine Überraschung. Wie lang ist es wohl her, seit jemand mit hierhergekommen ist, um etwas zu trinken und Gelb beim Spielen zuzuhören? Wer bist du überhaupt?

Plötzlich ertönt das vertraute Geräusch eines Schulgongs. Drei langgezogene Töne, im gleichmäßigen zeitlichen Intervall. Noch ehe der letzte Ton verklungen ist, folgt das Geräusch eines Schlüssels, der in einem Schloss herumgedreht wird. Der Schwarze und der Blaue drehen sich zur Tür, über der das Schild „Cafeteria“ angebracht ist. Die Tür öffnet sich und Licht fällt in den Flur ein. Für einen kurzen Moment scheint Inkognito von der Situation überfordert. Dann beginnt eine Trompete zu spielen. Laut, kraftvoll, fröhlich. Während der Schwarze noch reglos da steht, schwingt der Blaue seine Beckenscheiben ein weiteres Mal, erzeugt einen lauten Krach mit ihnen und bewegt sich zur Tür.
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BeitragVerfasst am: Mi Jun 29, 2011 20:04    Titel: Antworten mit Zitat

Teil 1

Kapitel 7: Blau und Gelb


Immer noch etwas überwältigt von allem, sieht Inkognito zu, wie der Blaue schließlich hinter der Tür verschwindet. Der Klang der Becken ist noch immer in seinen Ohren. Dazu das Trompetenspiel. Schließlich nickt der Schwarze und geht los. Als er vor die Türschwelle tritt, kommt er ein weiteres Mal zum Stillstand. Wieder ist er erstaunt und blickt ungläubig nach vorne. Alles was er sieht, ist in eine bunte Farbenpracht getaucht. Kein Grau mehr. Wieder ein Gefühl des Lebens. Zaghaft macht er einen Schritt in den Raum hinein. Blickt auf hohe weiße Café-Tische. Auf rot gepolsterte Stühle. Auf eine Theke, auf der grüne und braune Glasflaschen stehen. Auf eine Snackbar. Und schließlich auf eine kleine Bühne - direkt neben der Theke. Sie ist mit Scheinwerfern beleuchtet. Mit gelbem Licht.

Mitten auf der Bühne erblickt Inkognito schließlich eine gelbe Gestalt. Gelb - ja, davon hatte der Blaue gesprochen. Sie bläst munter in eine Trompete und führt dabei einen lebhaften Tanz auf. Sie wirkt fröhlich. Ganz im Gegenteil zu all den anderen Erfahrungen, die der Schwarze bisher gemacht hat. Dann der flüchtige Blick zu den Fenstern. Der Ausblick ist wieder grau. Zeigt den toten Hof. Es ist, wie es der Grüne gesagt hat. Nur die Fenster im seinem Raum zeigen eine lebensfrohe Aussicht. Inkognitos Blick verharrt allerdings nicht lange an den Fenstern, sondern findet rasch wieder zur Bühne. Er ist beinahe bewegt, mitzutanzen. Doch dann nimmt er eine Bewegung aus seinem Blickwinkel wahr. Es ist der Blaue. Er sitzt bereits auf einem Barhocker an der Theke und winkt mit seinem Arm. Mit dem Ende seines anderen Armes hält er eine der Glasflaschen.

Blauer: …was stehst du so da? Komm her und nimm einen Drink.

Für einen Moment scheint es, als habe Inkognito vergessen, dass er sich gerade wegen eines Treffens mit dem Blauen auf den Weg gemacht hat. Die Musik des Gelben klingt einfach sehr erfrischend. Schließlich nickt der Schwarze und wendet sich wieder von dem Trompetenklang ab. Er bewegt sich zur Theke und setzt sich auf den Hocker, der neben dem Blauen freisteht. Das floppende Geräusch eines geöffneten Korkens ertönt. Schaum entweichet dem Hals der Flasche, die der Blaue in seinem handlosen Armende hält. Dann nimmt er zwei Gläser mit der anderen nicht vorhandenen Hand, stellt sie zwischen sich um dem schwarzen Besucher und füllt sie zu etwa zwei Drittel mit der unbekannten Flüssigkeit. Sie schäumt. Der Blaue nimmt sein Glas, schwenkt es kurz und hält es dem Schwarzen hin. Unsicher nimmt Inkognito das für ihn gedachte Glas und stößt an. Der Blaue wirkt amüsiert, hält sein Glas an sein nicht vorhandenes Gesicht und kippt es. Die Flüssigkeit befeuchtet den unteren Bereich seines Kopfes und weicht darin ein. Dann stellt er das Glas wieder ab und sieht zum Schwarzen.

Blauer: …zu schade, dass zu dieser Tageszeit noch keine alkoholischen Getränke ausgegeben werden. Müssen da noch ne ganze Weile warten.

Sein Blick fährt zur Bühne und verharrt dort.

Blauer: …hey, Gelb. Du hast schon wieder nen falschen Ton gespielt! Gib dir doch endlich mal Mühe. Das hält man ja nicht aus!

Inkognito zieht den Kopf in die Länge und versucht etwas zu sagen. Doch wieder nur diese abstrakten dumpfen Laute. Der Blaue dreht sich nun wieder zu ihm und nimmt einen weiteren Schluck.

Blauer: …lass gut sein. Außer mir kann hier keiner richtig sprechen. (Kurze Pause) Naja, der Grüne vielleicht noch. Ich hätte es ihm allerdings nicht ermöglichen sollen. Der redet nur unsinniges Zeug. Hat keine Ahnung.

Wieder eine Pause. Der Blaue stellt das Glas wieder ab und sieht erneut zum Gelben rüber.

Blauer: …bei ihm hatte ich es auch mal versucht. Ist aber irgendwie schief gegangen. Wenn er mal den Mund aufmacht, kommen immer nur zusammenhangslose Wörter heraus. Nicht wirklich der Rede wert…

Noch einmal zieht der Schwarze den Kopf in die Länge. Zeigt diesmal mit einem Arm auf die Stelle, wo sich normalerweise der Mund befindet und nickt kräftig. Als der Blaue nicht darauf reagiert, legt er schließlich die Ellenbogen auf die Theke ab und lehnt die Armenden gegeneinander, als falte er die Hände. Er wirkt flehend und richtet den Kopf so auf den Blauen, als versuche er tief in seine Augen zu sehen - die nicht da sind. Der Blaue seufzt.

Blauer:
…was soll das werden? Willst du was von mir?

Der Schwarze nickt energisch. Etwas gelangweilt schaut der Blaue ihm zu. Als Inkognito merkt, dass seine Bemühungen zu scheitern drohen, packt er den Blauen schließlich mit beiden Armenden an den Schultern und schüttelt ihn. Im Hintergrund weiterhin fröhliche Trompetenmusik.

Blauer: …hey, lass das! Du verschüttest noch meinen Drink!

Vorsichtig lässt der Schwarze ihn wieder los. Sein Blick ist starr auf sein Gegenüber gerichtet. Die Trompete setzt kurz aus und wird von einem herzhaften Lachen ersetzt. Dann geht die Musik wieder weiter. Der Blaue richtet den Blick zur Bühne.

Blauer: …findest du das lustig? (der Blaue wendet sich wieder von der Bühne ab) Ach, was frag ich noch. Der lacht ja über alles. Gelber Idiot.

Der Blaue bleibt einen Moment still, sieht dann wieder zum Schwarzen, der wieder flehentlich die Armenden zusammengesteckt hält.

Blauer: ...schon gut, schon gut. Ich bin ja hilfsbereit. Also was willst du? Nein, ich weiß schon, du willst sprechen können, ja? Aber dann versprich mir, keinen Blödsinn zu erzählen. Okay?

Inkognito nickt und nimmt die Arme wieder auseinander. Legt sie jetzt auf die Knie, mit denen er vor Aufregung leicht zappelt. Der Blaue streckt seinen Arm und nimmt ein neues Glas von der Theke. Er stellt es vor sich ab. Streckt nun den Kopf in die Höhe und erzeugt einen schluckenden Ton, der fast im Trompetenspiel untergeht. Dann senkt er den Kopf wieder und in der Abwärtsbewegung löst sich ein dicker blauer Tropfen von seinem Kopf, der direkt in das bereit gehaltene Glas fällt. Wieder ein schluckender Ton. Der Blaue nimmt wieder eine lockere Haltung ein und schiebt das Glas zum Schwarzen.

Blauer:
…hier. Trink das. Dann kannst du sprechen. Zwar nicht so toll und flüssig wie ich. Aber immerhin. Für dich wird’s reichen.

Inkognito zögert einen kurzen Moment. Greift dann aber nach dem Glas und setzt es an das untere Kopfende an, wo er es leicht kippt. Der blaue Tropfen stößt gegen die Stelle, wo sich sonst der Mund befindet und weicht sie ein. Färbt sie bläulich. Plötzlich spürt er eine warme Flüssigkeit, die seine Kehle erfüllt. Sie bleibt dort haften. Breitet sich aus. Dann ein kurzes Übelkeitsgefühl. Doch sofort ist es wieder weg. Beide warten einen Augenblick. Als der Schwarze dann sein Glas wieder abgestellt hat, zieht er ein weiteres Mal den Kopf in die Länge.

Inkognito: … … …ich… … … es klappt. Ich… kann… ich kann sagen… ich kann sagen, was ich denke. Ich spreche. Ich kann wirklich sprechen! Das ist toll! Das ist wunderbar!

Mäßig beeindruckt ergreift der Blaue wieder seine Flasche und setzt an, sein Glas bis zum Rand zu füllen.

Blauer: …klar ist es wunderbar. Das Sprechen ist etwas, das mir gehört. Und wenn ich einen guten Tag habe, dann gebe ich anderen davon ab. So ist das. Verstanden?

Inkognito: …ja. Verstanden. Vielen Dank dafür. Das ist wirklich nett von dir. (seine Stimme wirkt jetzt deutlich fröhlicher) Lass uns darauf anstoßen, ja?

Man merkt, wie der Blaue diese Worte genießt. Seine Haltung ist wieder gerade und selbstbewusst. Nickend nimmt er nun das Glas und hebt es in die Höhe. Auch der Schwarze greift nun zu dem Glas, welches ihm der Blaue zuerst hingestellt hatte. Gerade wollen die beiden anstoßen, da taucht wieder eine dieser Erschütterungen auf. Diesmal kraftvoller als sonst. Die Gläser fallen den beiden aus den Armenden und zersplittern auf der Theke. Unter den Scherben breitet sich die Flüssigkeit in Sekundenschnelle aus. Sie erreicht den Thekenrand und fließt geschwind an ihrer Frontseite in die Tiefe hinunter. Erschrocken sehen die beiden in unterschiedliche Richtungen. Mit beiden Armen klammert sich Inkognito an der Theke fest, um nicht vom Hocker zu stürzen. Der Blaue springt derweil von seinem Stuhl herunter und steht mit beiden Beinen auf dem Boden. Die Erschütterung scheint ihm keine größeren Schwierigkeiten zu machen. Noch ein Knall. Noch lauter, noch hallender. Er übertönt das Trompetenspiel des Gelben, der unbeirrt weiterspielt.

Blauer: …Gelb! Lass den Quatsch! Bei dem Lärm hört dir doch keiner mehr zu!

Obwohl der Krach weiter anhält und weitere Erschütterungen die Cafeteria heimsuchen, macht der Gelbe nur eine kurze Pause um fröhlich zu lachen und spielt dann wieder weiter.

Erste Tische stürzen um. Die Scheinwerfer auf der Bühne schwanken. Mehrere Flaschen liegen inzwischen auf dem Boden. Einige zersplittert und in ihrem Saft schwimmend, andere noch unbeschädigt. Das Beben hält noch ein, zwei Minuten an, bis es schließlich wieder nachlässt und aufhört.



Der Blaue steht noch immer aufrecht und hält sich mit einem Armende an der Theke fest. Inkognito hingegen ist in der Zwischenzeit zu Boden gestürzt und hockt seitdem auf dem türkisfarbenen Parkett, die Arme schützend über sich haltend. Die Musik hat pausiert. Auch Gelb sitzt jetzt erschöpft auf der vorderen Kante der Bühne und sieht auf das Chaos, das in der Cafeteria entstanden ist. Eine Weile bleiben die Drei so. Dann beginnt Gelb wieder zu lachen. Inkognito nimmt die Arme wieder runter und blickt auf einen der umgefallenen Tische.

Inkognito: …das …war bestimmt wieder „der Braune“. Die grüne Gestalt hat mir erzählt, dass der hier so einen Lärm veranstaltet. Man sollte mal zu ihm gehen und ihm die Leviten lesen.

Blauer: …Unsinn. Das ist nicht Braun. Wie soll der denn solche Erdbeben verursachen? Der hat nicht mal so viel Kraft wie ich. Der macht nur ein paar Turnübungen in seiner Sporthalle. Diese Beben sind ne simple Naturgewalt. Die kommen und gehen.

Der Schwarze hält inne. Wirkt nachdenklich. Und während er so da sitzt, erheben sich der Gelbe und der Blaue, um die Cafeteria wieder herzurichten. Eine knappe Minute später richtet sich nun auch Inkognito auf, um mitzuhelfen.
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BeitragVerfasst am: Fr Jul 08, 2011 0:47    Titel: Antworten mit Zitat

Teil 1

Kapitel 8: Sinngebung


Eine halbe Stunde später. Der Raum sieht wieder ordentlich aus. Die Tische stehen wieder. Die Stühle sind an ihrem Platz. Die Scherben beseitigt, die verschüttete Flüssigkeit aufgewischt. Gelb hat eine Pause eingelegt. Schaut Blau dabei zu, wie er Nüsse aus einer Schale nimmt und eine nach der anderen in sich hineinwirft. Der Schwarze denkt noch immer über das Beben nach. Es hat ihm Angst gemacht. Die Angst hält noch an. Dann nimmt er wieder einen Schluck von dem Getränk, das Gelb ihm nach der Aufräumaktion eingeschenkt hat. Er stellt es ab, schaut jetzt auch zu Blau und zieht seinen Kopf in die Länge.

Inkognito: …warum seid ihr eigentlich hier? Und was ist das hier für ein Ort?

Blauer: …warum sollen wir nicht hier sein? Bitte erspar mir jetzt diese sinnfreien Diskussionen über den Sinn des Lebens ja? Damit nervt Grün schon zu Genüge.

Inkognito seufzt und nimmt wieder ein Schluck von seinem Getränk. Sieht dann raus zu einem der Fenster und bestaunt erneut den Kontrast zwischen dem bunten Cafeteria-Raum und der grauen Landschaft da draußen. Er fühlt sich an den Garten erinnert, den er beim Grünen gesehen hat.

Blauer: …wo ist eigentlich dein Instrument? Hab es noch nicht gesehen seit ich dich im Flur getroffen habe.

Inkognito dreht sich wieder zu Blau und zuckt mit den Schultern.

Inkognito: …ich habe keins. Ich kann auch gar kein Instrument spielen. Sollte ich denn eins haben?

Der gelbe beginnt zu lachen, klettert wieder auf die Bühne und scheint zu proben. Er spielt kurze Melodien. Bricht dann ab und versucht die gleiche Melodie noch einmal. Er wiederholt es immer wieder und lacht dabei glücklich.

Blauer: …jeder hat eins. Also hast du auch eins. Du hast es verloren, oder? Hast nicht gut auf dein Instrument aufgepasst. Naja, irgendwie handeln hier alle verantwortungslos. Ich bin wohl der einzige, der noch auch sich aufpasst.

Inkognito zuckt abermals mit den Schultern und schüttelt den Kopf.

Inkognito:
…ich bin erst vor kurzer Zeit in dieser Welt aufgetaucht. Das erste, was ich gesehen habe, ist ein vernebelter Wald. Dann bin ich zu dieser Schule und…

Blauer:
…Verschon mich mit deiner Lebensgeschichte. Wenn du dein Instrument verloren hast, dann geh in den vierten Stock zum Musikraum und hol es dir wieder. Verlorene Instrumente landen nach einer Weile immer wieder dort. Frag mich jetzt nicht wieso. Ist halt so.

Inkognito versinkt wieder kurz in Gedanken. Erinnert sich dann aber daran, dass er sie nun auch aussprechen kann und zieht daraufhin seinen Kopf wieder in die Länge.

Inkognito:
…Vielleicht hast du ja recht und ich brauche auch ein Instrument. Und dann muss ich es vielleicht benutzen, um meine Aufgabe hier zu erfüllen. Und dann. Dann kann ich endlich zu den Gärten.

Der Blaue macht eine verwunderte Geste und winkt dann ab.

Blauer: …Was redest du da für einen Unsinn? Ich bereue es jetzt schon, dass ich dir die Sprache gegeben habe. (Blau steht auf) Hör zu. Hier hat niemand irgendeine Aufgabe. Wenn du unbedingt ne Beschäftigung brauchst, dann spiel auf deinem Instrument und mach Musik.

Langsam bewegt sich Blau Richtung Ausgang, nimmt seine Beckenscheiben in die Höhe und schlägt sie kraftvoll gegeneinander, sodass ein lauter Ton erklingt. Es bringt Gelb zum Lachen. Zum Applaudieren. Freudig klatscht er in seine Hände. Einige Schritte weiter. Blau hat die Hälfte des Raumes hinter sich gelassen und schlägt ein zweites Mal die Beckenscheiben zusammen. Inkognito bleibt sitzen, schaut Blau hinterher.

Blauer: …und deine Gärten. Wenn du die Fenster bei Grün meinst. Da kannst du nicht hin. Weil die in deiner Welt nicht existieren. Das gehört zu Grün. Genauso wie die Farbe Gelb gehört. Verstehst du wahrscheinlich eh nicht. Egal. Schlag dir das aus deinem Kopf und lass mich damit in Frieden. Ich hab besseres zu tun.

Inkognito hatte geplant aufzustehen und ihm zu folgen. Lässt es aber nun bleiben, nachdem ihn die Worte des Blauen scheinbar mitten ins Herz getroffen haben. Seine Körperbewegung drückt Erschütterung aus. Er hatte sich eine Sinngebung überlegt, doch Blau hat sie so eben zerschmettert. Wieder der laute Klang der Beckenscheiben. Wieder das Lachen von Gelb. Dann wieder das Spiel der Trompete. Alles wiederholt sich nochmal. Dann hat Blau den Raum verlassen. Das Becken klingt noch zwei, dreimal, verliert sich dann im Flur. Der Schwarze sitzt noch immer auf seinem Hocker. Muss die Unterhaltung mit dem Blauen verarbeiten. Er hat ihm die Sprache geschenkt, trotzdem fühlt er sich unwohl, wenn er an Blau denkt. Irgendwas stört ihn.

Inkognito: …vielleicht stimmt es ja gar nicht, was er sagt. Vielleicht gibt es doch eine Aufgabe und einen Zugang zu den Gärten. Der Grüne hat schließlich gesagt, dass die Gärten irgendwann überall hier blühen werden.

Der Gelbe hat inzwischen wieder begonnen auf der Bühne zu tanzen und spielt nun wieder ein freudiges kräftiges Lied. Inkognito schaut zu ihm rüber, hört ihn lachen und sieht eine Weile zu. Irgendwie tut es gut.

Weitere zehn Minuten vergehen. Immer noch das gleiche Bild. Auch wenn der bunte Raum eine gewisse Anziehungskraft auf den Schwarzen ausübt, beschließt er, die Cafeteria wieder zu verlassen. Er beschließt weiterzukommen. Irgendwie. Irgendwohin. Zum Grünen? Zum Musikraum? Mal sehen.

Als Inkognito den Raum schließlich verlässt, drückt er die Tür hinter sich in den Rahmen. Augenblicklich ist es wieder still. Nun steht er wieder im dunkeln Gang. Von Blau natürlich keine Spur mehr. Wo auch immer er nun sein mag. Inkognito kehrt zurück in den Gang, aus dem er vor einer Weile gekommen war. Wieder vorbei an den vielen falschen Türen. Wieder um die Ecke gebogen. Und irgendwann wieder vor dem Stundenplan, der genau gegenüber der Eingangstür der Schule hängt. Er überlegt, wieder hinauszugehen. Entschließt sich dann aber weiterzugehen, bis er wieder am Treppenhaus ankommt. Die Gedanken an den Grauen kehren wieder und scheinen seine Beine in Bewegung zu setzen. Und zwar die Treppe hoch. Bloß weg hier. Nochmal auf das Zwischenpodest und dann hoch in den ersten Stock. Hier hat er Grün getroffen. Ob er noch da ist.



Gehe ich wieder zum Grünen und führe ein Gespräch mit ihm? Sicher ist er ein besserer Gesprächspartner als der Blaue. Vielleicht ist er sogar der einzige, der mir wirklich weiterhelfen kann. Andererseits sollte ich vielleicht erst mal im Musikraum nachsehen. Wenn ich für meine Aufgabe ein Instrument brauche, ist es besser mit Grün darüber zu sprechen, wenn ich mehr darüber weiß. Ja. So mache ich es. Erst der Musikraum und dann wieder zum Grünen. Hm. Wenn ich mich richtig entsinne, sagte Blau, dass ich dazu in den vierten Stock gehen muss…



Entschlossen steigt Inkognito die Treppe weiter hoch. Als er das nächste Zwischenpodest erreicht, erklingt aus der Ferne plötzlich ein warmer und angenehmer Gesang. Geradezu betörend. Der Schwarze hält inne und fühlt, wie sich augenblicklich sein Herz erwärmt. Sehr langsam nimmt er die nächste Treppenstufe. Er hält inne, lauscht dem Gesang und nimmt wieder eine Stufe. Lauscht wieder. Nimmt noch eine Stufe. So geht es eine ganze Weile, ohne dass der Gesang auch nur einmal kurz unterbricht. Es dauert mehrere Minuten, bis Inkognito endlich das Ende der Treppe erreicht und im zweiten Stock ankommt.
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"Es gibt überall Blumen für den, der sie sehen will."
-Henri Matisse

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